Für alle Leisten-/Latten-/Bretter- bzw. Platteninteressenten

Falls ich einmal eine Leiste, eine Latte, ein Brett oder eine Platte brauche, gehe ich in dieses Leistenwerk, das vermutlich auch Latten-, Bretter- oder Plattenwerk heißen könnte:

Hier kann man tatsächlich noch von „Verbraucherinformation“ reden. Sonst nichts. Mich würde interessieren, ob in unserer propagandaverseuchten Alltagswelt so ein Hinweis nicht seriöser und verkaufsfördernder ist als das, was wir gewöhnlich geboten bekommen. Es könnte eine Werbung für Baumärkte sein, einer Branche, die ihre Produkte seit langem werbetechnisch massiv aufbläst. Der Deutsche als Bastler, als Heimwerker, der so wahnsinnig pfiffig und kreativ ist, der in Wahrheit vermutlich aber nur nicht stillhalten kann, der mit sich nichts anzufangen weiß, der nicht einmal auf einem Stuhl vor seinem Haus hocken kann und der deshalb am Freitagnachmittag in den Baumarkt rennen muss. Dort kauft er hässlichen Plunder, Fernostplastikscheiße, mit der er sein Haus und seinen Garten ästhetisch und oft auch funktional verhunzt. Aber immerhin hat er dann am Wochenende etwas zu tun. Wobei der Trend auch im Baumarkt, analog zur Küche, zum Fertigprodukt geht: Grill, Gartenhaus, Deckenleuchte, Ventilator, Infrarotkabine, alles ist schon fertig.

Es müsste Fertighaus heißen, nicht Bauhaus.

Alles, wirklich alles ist hässlich. Der mit sich selbst nichts anfangen könnnende Deutsche ist nach dem Wochenende vermutlich frustriert, weil er mit den Fertigprodukten wenig basteln kann und muss nächsten Freitagnachmittag schon wieder in den Baumarkt fahren, um Nachschub zu besorgen.

Könnte man solche Zeitgenossen mit obiger Stellwand zum Kauf animieren? Nur dann, wenn sie mit einer Leiste an sich etwas anzufangen wüssten. Die Latte, das Brett und die Platte als Standards mit unendlich vielen Variationen, die in ernstzunehmender Kreativität selbst entwickelt werden müssen. Im Baumarkt ist nur die Werbeabteilung kreativ.

Eine einzelne Platte oder ein Brett zu kaufen, ist für mich der einzige Grund, in einen Baumarkt zu gehen. Aus der Platte kann man eine Pinwand machen, aus der Teppichfliese ein Bild für die Wand.

Die vielgerühmte Dienstleistungsgesellschaft, deren Kommen in den 1990 noch so sehr gepriesen wurde, hat sich in zwei Richtungen entwickelt: Einerseits baut sie den Dienst ab: Das Ikea-Regal schraube ich selbst zusammen und das Bier hole ich mir an der Theke. Der Dienst, den sie mir bietet, findet auf der Bewusstseinsebene statt. Mir das Regal, die Gardena-Dusche, den Kärcher, die Infrarotkabine und das Gartenhaus als must have anzupreisen, ist ihre eigentliche Aufgabe. Der umfassende Dienst in der Dienstleistungsgesellschaft ist der der Propaganda.

Insofern kann man das Plakat da oben gar nicht genug loben. Eine Insel in der Wüste, gesehen in einem Ort namens Groß Schönebeck nördlich von Berlin. Ein Leistenwerk mit gleichlautender Internetadresse, kein kleiner Laden. Direkt an einer Bundesstraße gelegen, könnte der Plakatstellplatz zu massiver Propaganda verleiten. Tut er aber offensichtlich nicht. Nicht einmal eine Mailadresse oder Telefonnummer sind fuer den Reisenden notierbar. Es wäre ein Ort für vorbeirauschende Anthropologen, für Soziologen und natürlich auch für Germanisten. Könnten sie lesen.

(Foto: genova 2016)

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3 Antworten zu Für alle Leisten-/Latten-/Bretter- bzw. Platteninteressenten

  1. Jakobiner schreibt:

    Naja, so originär deutsch ist der Heimwerkertypus nicht, in den USA ist er noch verbreiteter–siehe die TV-Serie „Hör mal wer da hämmert!“. In Deutschland gibt es nicht mal eine Heimwerkersendung.

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  2. genova68 schreibt:

    „In Deutschland gibt es nicht mal eine Heimwerkersendung.“

    http://www.selbst.de/aktuelles-news-artikel/die-10-besten-heimwerker-sendungen-im-tv-151738.html

    Google hat schon was von Gott: dieses Allwissen, das jederzeit abrufbar ist.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Interessantes Phänomen: Ich schaue ja viel TV, aber diese Heimwerkersendungen sind völlig an mir vorbeigegangen. Dabei scheinen sie wirklich so zahlreich wie Kochsendungen. Dennoch: Ob das typisch deutsch sein soll? Rastlose Heimwerker und Heimwerkersendungen im TV dürfte es wohl so in zielmlich allen Ländern geben.

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