Vom interesselosen Dösen und Planschen

In Italien ist der kostenlose Zugang zum Meer gesetzlich festgeschrieben. Meeres- und Seeufer sind in öffentlicher Hand. Der fortgeschrittene Kapitalismus wäre allerdings keiner, würde er das hinnehmen. So schrieb die Berliner Zeitung vergangenen Freitag auf Seite 6, dass es immer weniger kostenlos zugängliche Strände gebe. Die heißen dann auch extra „Spiagge libere“. Findet man keinen, zahle eine vierköpfige Familie in der Hochsaison mittlerweile zwischen 20 und 80 Euro, „nur um in der Sonne zu liegen und im Meer planschen zu können“. Der Staat vergibt einfach Strandkonzessionen an private Firmen.

Und dann kommt ein Satz, der zu denken geben könnte, dächte man:

„Viele Italiener können sich nach Jahren der Krise einen Strandbad-Besuch gar nicht mehr leisten.“

Ein wahrhaft fortschrittliches System: Das, was seit Jahrhunderten selbstverständlich und kostenlos war, ist es nun nicht mehr. Aber wir leben natürlich dennoch im besten System aller Zeiten. (Ich habe solch einen Bezahlstrand einmal in Deutschland erlebt: An der westdeutschen Ostsee, irgendwo in der Nähe von Lübeck: Bei 15 Grad und Nieselregen wollte da ein Hampelmann Geld, weil man mal kurz an den Strand wollte. Ein weiterer Grund zu den zahlreich vorhandenen, niemals in Norddeutschland Urlaub zu machen. In Italien scheint wenigstens die Sonne. Bislang umsonst.)

Das beschriebene Phänomen ist nicht neu. In England hieß das vor ein paar hundert Jahren Enclosure Movement: Allgemein zugängliche, öffentliche Weideflächen wurden kurzerhand als privat betrachtet, man konnte dann die Bauern vertreiben oder von ihnen Pacht fordern. Die Bauern oder Viehzüchter hatten schlicht juristisch die schlechteren Karten. Allmende wird der kapitalistischen Logik unterworfen. Heute ist der Begriff der Gemeinwirtschaft ja wieder einigermaßen populär, immerhin.

Die Logik des Kapitals, sich nicht nur in industrielle Produktion zu investieren und damit wenigstens ein Produkt zu schaffen, wird in Zeiten weltweiter Überproduktion immer umfassender. Im Kleinen sieht man das an Italiens Stränden: Warum sollte man ein Gebiet kostenfrei lassen, wo sich Millionen von Menschen gerne aufhalten? Das ist doch Verschwendung. Nichtnutzung einer Profitmöglichkeit: Da wird das Kapital – oder vielleicht genauer: das kapitalistische Denken – fickerig.

An Italiens Stränden sieht man auch schön die Rolle des Staates im Kapitalismus: diesem die Revenue-Quellen garantieren, ist seine uralte Aufgabe. Der italienische Staat vergibt laut Berliner Zeitung „für lächerlich niedrige Beträge“ die oben erwähnten Konzessionen, die Konzessionsinhaber verpachten für teures Geld weiter. Die Berliner schreibt von einer Verzehnfachung. Und es geht voran: 2001 wurden in Italien 5.600 Strände privat betrieben, mittlerweile sind es 29.000. Die Mafia soll auch mitmischen.

Ohne Geld am Strand liegen, dösen und planschen: unmgöglich. Schließlich hat alles seinen Preis.

Das gleiche Phänomen in kleinerem Umfang – vielleicht ohne Mafia, aber wer weiß das schon – kann man an der Freien Universität in Berlin beobachten. An dieser staatlichen Uni konnte man jahrzehntelang die Wände als Ort für Aushänge nutzen. Kostenlos. Dann kam die Unileitung auf die Idee, diese Wände als privat zu markieren und eine Firma mit der Vermarktung zu beauftragen. Ergebnis: Will man dort nun einen Aushang machen, auf dem man sein Fahrrad zum Verkauf anbietet oder ähnliches, zahlt man für einen Monat weit über 100 Euro. Es gibt keinerlei Nutzwerterhöhung, es wurde einfach eine Allmendefläche unter die Verwertungslogik genommen. Pikant natürlich, dass die FU und somit die Wände aus Steuermitteln gebaut und betrieben wurden. Auf die Bilanz der FU wirkt sich das positiv aus: Die Einnahmen steigen. Die öffentliche Hand schaut zu. Wichtig dabei: Ob Strand oder Wand, es geht nicht um Produktion, sondern immer nur um die geographische Ausweitung der kapitalistischen Herrschaft.

Man kann diese Entwicklung überall sehen, schaut man hin. Auf dem typische Berliner Touristen-Pfad vom Potsdamer Platz via Brandenburger Tor und Unter den Linden zum Hackeschen Markt kommt man an keinem einzigen Kiosk vorbei. Will man ein Glas Wasser trinken, wird man in teure Etablissemts gezwungen. Das Kapital demonstriert freundlich seine totale Kontrolle über jeden Quadratzentimeter.

Die innerkapitalistische Lösung für den Verwertungszwang liegt natürlich auf der Hand: Den Bonzen das Geld wegnehmen und sinnvoll investieren. Dass das nicht geht, damit hat man sich gesamtgesellschaftlich abgefunden. Vermutlich entstehen so historisch betrachtet die Grundlagen für Revolutionen: durch die Aufgabe des Denkens im Vorfeld.

(Foto: genova 2015)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Italien, Kapitalismus, Neoliberalismus abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Vom interesselosen Dösen und Planschen

  1. altautonomer schreibt:

    In den Alpen ist das Mountainbiking auf Holzabfuhrwegen (z. B. Zugspitzumrundung- 90 km), das Wandern, das Reiten, Klettern und die Benutzung von Klettersteigen (dabei handelt es sich um aufwendig installierte techn. Anlagen, die nach jedem Winter kontrolliert werden) kostenlos. Mautstraßen und Klammwanderungen kosten dagegen, was angesichts der Unterhaltungsaufwandes verständlich ist. Es gibt aber Klammen, die frei begehbar sind und mit dem Rad kann man alle Mautstrassen kostenfrei nutzen. Das gilt auch für die meisten Seen im Alpenbereich (z. B. der Walchensee in , Bayern, ein Surf- Bade- und Tauchparadies). Die Geisterklamm bei Leutasch/Mittenwald ist frei zugänglich – von beiden Seiten: http://www.leutaschklamm.com/ – . (Baukosten 1,4 Mio. Euro).

    Die nepalesische Regierung erhebt für die Besteigung des Mt. Everest eine Gebühr von 8.080 Euro pro Person (bisher 18.000 Euro). Neben den Gipfelkreuzen stehen noch keine Kassenhäuschen oder Kioske. Trinkwasser höchster Qualität findet man in den Alpen massenhaft. Überall sprudelt es aus der Erde. Kostenlos.

    Der Logik des Kapitals wird damit natürlich nicht widersprochen, denn mit der Attraktiviät der Urlaubsregion Alpen werden derartige Investitionen bis hin zu übertriebener Disneylandisierung mancher Regionen über den Tourismus wieder in die Kassen gespült.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s