Von Mikro-Wohnungen und Geisterstädten

Weil es „Deutschland“ ja so gut geht, wie die Propaganda uns täglich weismacht:

„Viele Deutsche können sich nur Mikro-Wohnungen leisten“

titelte die Welt vor einer Weile. 40 Quadratmeter kosten in Berlin jetzt 575 Euro. Dafür bekam man vor ein paar Jahren noch 55 bis 60 Quadratmeter. Die Kapitalrendite steigt dabei um 30 oder 50 Prozent. Das Absurde: Architekten werfen sich ins Zeug, um die 40 Quadratmeter effektiver nutzbar zu machen. Das Kapital freut sich. Die Wohnungen werden ja nicht teurer, weil die Bauarbeiter ihr Gehalt verdreifacht haben. Sondern weil das Kapital seine Renditewünsche verdreifacht hat.

In einer halbwegs kritischen Öffentlichkeit müsste so eine Überschrift zu einer Revolution führen. In Deutschland, im Neoliberalismus, führt sie zu emsigen Architekten. Die öffentlichen Reaktionen sind so, als stünde da:

„Viele Deutsche können sich keinen Porsche leisten.“

Ob Porsche oder Grundversorgung: Es ist egal. Kapitalismus ist Naturrecht.

Die andere Seite ist ein Bericht im Spiegel über den Wohnungsmarkt, wie man sagt, in Manhattan:

Die Millionärspaläste in New York werden immer teurer – und immer öfter kaufen sich ausländische Finanziers in die Luxuswolkenkratzer ein. Jedes dritte Apartment steht mindestens zehn Monate im Jahr leer.

„Manhattan wird zur Geisterstadt“ lautet die Überschrift des Artikels. Eine Stadt, Inbegriff von anwesenden Menschen, wird vom Kapital entvölkert, weil Wohnungen in Anlageobjekte umfunktioniert werden. Ähnlich läuft es in Teilen Londons und auch in Berlin. Luxuswolkenkratzer entstehen auf Wunsch des Berliner Senats.

Aber es gibt ja jetzt Mikrowohnungen. Gott sei Dank.

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4 Antworten zu Von Mikro-Wohnungen und Geisterstädten

  1. hANNES wURST schreibt:

    Wenn die Investoren die Innenstädte vergeistern lassen dann fällt der Preis der Objekte automatisch, wer zahlt schon Höchstpreise für eine Wohnung in der Geisterstadt. Momentan (knapp vor der Deflation) investieren viele in Betongold oder flüchten mit dem Geld ins Ausland, die Phase geht aber auch vorbei. Wenn wir davon ausgehen, dass die Finanzkrise 2009 vorbei war, dann hatten wir jetzt sieben fette Jahre, also folgen sieben magere (wobei ich dazu schreibe, dass ich solche Voraussagen selber für Humbug halte).

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  2. genova68 schreibt:

    „Wenn die Investoren die Innenstädte vergeistern lassen dann fällt der Preis der Objekte automatisch, wer zahlt schon Höchstpreise für eine Wohnung in der Geisterstadt. “

    Geisterstadt ist eine spiegeltypische Übertreibung. In Berlin sieht das so aus: Mitten in der Stadt, gerne auf dem Ex-Mauerstreifen, werden Luxuseigentumswohnungen gebaut, gekauft von Leuten,die die als Betongold nutzen und ein paar Wochen im Jahr dort wohnen, oder die Tochter studiert mal in Berlin. Es gibt Viertel, denen man anmerkt, dass dort kaum jemand permanent wohnt. Die Preise sind dennoch hoch, einfach, weil Anlageberater sagen, dass die Preise weiter steigen werden. Bei 4.000 oder 5.000 Euro pro qm ist das auch gut möglich. Die Viertel sind vordergründig nicht leer, weil sie mitten in der Stadt liegen, es gibt dort auch Büros. Ich habe vor einer Weile mit einem Makler eines solchen Hauses gesprochen, völlig unattraktiv geschnittene Balkons, viel zu eng alles. Auf meine Frage, wer so viel Geld für eine solche Wohnung bezahle, angtwortete er mir: „Das sind Leute, die haben das Geld auf dem Girokonto, das muss da weg.“ Leute aus der ganzen Welt. Es folgen in dieser Logik auch keine sieben mageren Jahre, weil es hier um ein paar Prozent der Weltbevölkerung geht. In Paris liegt der QM-Preis im Schnitt derzeit bei 8.000 Euro. Es ist also noch Luft nach oben.

    In Wien wohnt man in einem kommunalen Altbau im Schnitt für drei bis vier Euro warm pro QM. Einfach, weil mehr nicht nötig ist, um die Kosten zu decken. Alles andere ist kapitalistische Barbarei.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    „Einfach, weil mehr nicht nötig ist, um die Kosten zu decken.“ Bleibt die Frage, wann Kostendeckung erreicht ist. Wenn die Summe der Mieteinnahmen zumindest die Instandhaltung (inkl. nötiger Investitionen zur Erhaltung des Wertes) plus Inflationsrate abwirft? Das wäre natürlich für die Mieter immer noch ein extrem guter Deal. Aber wer bekommt dann eine solche Wohnung und wer nicht? Wenn es möglich wäre, das Objekt teurer zu vermieten, dann entgeht der Stadt außerdem Gewinn der für alle da wäre.

    Ich bin skeptisch, was solche vordergründig soziale Vermietungen angeht. Lieber ist mir eine Gesetzgebung, die die Kapitalinteressen eindämmt – ohne Investitionsanreize zu ersticken. Das Immobiliengeschäft an sich ist mir zu kompliziert, um es dem Staat zu überlassen. Der hat schon mehr als genug mit Verkehrswegen, Funktionsbauten usw. zu tun.

    Unter anderem in Berlin gibt es ja jetzt Bestrebungen, Wohnraum nicht weiter an Airbnb zu verlieren, indem solche Touristenvermietungen genehmigungspflichtig gemacht werden. Mit ähnlichen Verordnungen könnten auch systematisch Leerstände vermieden werden. In Amsterdam geht das so: ein angezeigter Leerstand wird nach drei Monaten von der Gemeinde angemahnt. Passiert nichts, erfolgt eine Beratung des Vermieters durch die Gemeinde und wenn das nicht fruchtet, wird die Wohnung de jure zugewiesen.

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  4. genova68 schreibt:

    Ich empfehle, wie schon so oft hier, einen Blick auf den kommunalen Wohnungsbau in Wien und auch in Salzburg. Dort wird neu gebaut, was das Zeug hält, schicke neue Wohnungen, hochwertig, für sechs, sieben, maximal acht Euro warm pro qm. Ich schreibe dazu demnächst noch mal was. Die Stadt Wien stellt öffentlichen Boden günstig zur Verfügung und gibt Aufträge nur an Baugesellschaften, die diese Bedingungen umsetzen. Günstige Massenfertigung, keine Ideenverschwendung an Kapitalmaximierung. In Wien wird auf Sozialniveau anspruchsvoller gebaut als in Berlin die Luxuswohnungen, in Wien inklusive Schwimmbad auf dem Dach.

    Altbauten, gerade in dem anderen Thread geschrieben: In den Wiener kommunalen Altbauen wohnt man für drei bis vier Euro pro qm warm. Einfach, weil das reicht. Es ist einfach nicht nötig, mehr Miete zu zahlen, wenn man die Renditejäger außen vor lässt.

    In Wien wird auch mehr gebaut als hier. Ich habe das ja schon öfter geschrieben: Alte Bahngelände werden in Düsseldorf und Berlin meistbietend verhökert, in Wien werden dort preisgünstige neue Stadtviertel gebaut. Alles machbar. Wer Wohnungen bekommt, läuft über Wartelisten. Aber wenn man baut, sind die Listen kurz.

    Generell ist es so, dass heute günstiges und anspruchsvolles Bauen für alle ein Kinderspiel sein könnte. Diese angebliche Wohnungsfrage (Wohnungen sind knapp und teuer) ist ein Effekt kapitalistischer Menschenverachtung, denn es geht beim Bauen im Kapitalismus nicht ums Wohnen, sondern ums Ausbeuten. Die Wohnungsfrage gibt es nur, WEIL es Kapitalismus gibt. Die Geschichte hier im Blog über Mikrowohnungen zeigt das deutlich.

    Berlin ist noch ein müder Abklatsch von London, Paris oder New York. Ich habe kürzlich mit einem Pariser geredet, der seine Eigentumswohnung verkaufen möchte. Er beklagte sich darüber, dass er derzeit nur 8000 Euro den qm bekommt, vor ein paar Jahren seien es 10.000 gewesen. Alles eine Frage der Perspektive.

    Aber das ist ja alles bekannt.

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