Neuanbau in München – Schein und Sein

Ein Beispiel, wie man´s machen kann: Gerstmeier inić Architekten haben in einem Münchner Innenhof ein schmales Gebäude an eine Brandwand gebaut, das auf einer Grundfläche von nur 49,5 Quadratmetern auf drei Geschossen mehr als 100 Quadratmeter Wohnfläche bietet.

hint1Ich weiß nicht, inwieweit diese Ästhetik schon wieder Stil und hip ist: billiges – oder zumindest billig anmutendes – Material bewusst einsetzen. Der Boden erinnert an PVC, die Schnittstelle Boden-Wand sieht ziemlich unsauber verarbeitet aus, der Stahlbetonträger bleibt unverputzt, daneben kommen die blanken Ziegel, also das Mauerwerk zum Vorschein. Die Decken machen den Eindruck von Altbau, man kommt scheinbar ohne Beton aus, was wohl nicht so ist. Manches sieht aus, als seien keine Architekten, sondern Privatiers am Werk gewesen, die bei Obi einkauften. Im Obergeschoß besteht die Wandverkleidung offenbar aus weiß lackiertem Funierholz. Das sah man in den 1970ern noch öfter. Vielleicht haben die Architekten hier Kindheitserinnerungen verarbeitet. Vielleicht fahren sie auch einen Youngtimer.
hint2Diese Art des Bauens in billiger Anmutung ist mittlerweile öfter zu beobachten. Allerdings kenne ich nur Beispiele, wo es dann auch wirklich preiswert war. Es ist ein schmaler Grat und es wäre natürlich Teil der lächerlichen Münchner Schickeria, wären die Baukosten hier hoch. In Deutschland redet man nicht gerne über Baukosten, genausowenig wie übers Gehalt, was Teil der Privatsphäre des marktförmig zugerichteten Individuums ist. Hauptsache, der Schein stimmt.

hint3Wie auch immer: Es ist eine weitere subtile Auflehnung gegen die Marktförmigkeit. Die DIN und der technische Fortschritt machen saubere Lösungen möglich. Man sieht ihnen meist das Billige, die wirtschaftliche Notlösung an. Sich davon zu emanzipieren und das Material roh einzusetzen, auf saubere Übergänge zu pfeifen: Da ist wohl eine postmaterialistische Haltung, die des erfahrenen Materialismus bedarf.

(Man könnte, nebenbei, an diesem Haus auch den Brutalismusbegriff diskutieren, der bis heute einer sinnvollen Definition harrt.)

Man sieht das so ähnlich in Kreuzberg: Während die Türken sich freuen, dass sie sich endlich eine E-Klasse als Jahreswagen leisten können und den dann auch nutzen, fährt der deutsche Bioakademiker mit einem sauteuren Rad umher. Wenn diese neue Ästhetik lediglich eine Form der Kindheitserinnerung ist, die man sich leisten kann, weil man sich eigentlich viel mehr leisten kann, ist die Regression des Berliner Stadtschlosses nicht weit. Aber das ist alles nur Spekulation.

Alleine die nach außen öffnenden Fenster und der lustige Vorbau am Vorbau machen dieses Gebäude sympathisch.

(Fotos: baunetz)

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