Tarnac – Flucht aufs Land oder Widerstand

Der Architekturkritiker Niklas Maak beschreibt in der FAZ Aktivisten, wie man sagt, die in der französischen Provinz soziale Architektur und soziales Leben testen. So eine Art x-te Auflage von Stadtflucht, Kommune und der Präparierung des Landes als schöne reale Utopie.

Nichts gegen das Ländliche, aber das ist der falsche Weg. Es ist eine Flucht aus den Zentren, in denen sich das Leben abspielt und weiter abspielen wird. Es ist im Wesentlichen eine Flucht vor den kapitalistischen Zumuten. Maak selbst schreibt:

„Dass die Großstadt für immer mehr Leute immer weniger attraktiv wird, liegt ja vor allem an Mietpreisen und Lebenshaltungskosten.“

So ist es. Die abnehmende Attraktivität ist menschengemacht. Weder die Kosten für Baumaterialien noch die die Löhne für die Bauarbeiter sind explodiert. Im Gegenteil: Bauen wird real immer billiger, wenn man es an der potenziellen Kaufkraft misst. Explodiert ist nur das Interesse des Kapitals an Verwertung via Immobilien. Wobei das in Paris schon lange so ist und in Berlin ein neues Phänomen.

Die Leute in der französischen Provinz, die Maak erwähnt, konstruieren gerade ein Modellhaus, das aus Fertigteilen zusammengesetzt und schnell errichtbar ist. Damit soll der ländliche Raum überzogen werden:

In ein paar Wochen will man mit Freiwilligen anfangen, diese Häuser zu bauen, die nach dem Willen ihrer Erfinder überall in Frankreich nachgebaut werden sollen, um das Land mit neuen gallischen Dörfern zu überziehen, Dörfern, in denen anders gewohnt und gearbeitet und weniger fürs Wohnen ausgegeben werden und mehr Zeit für politische Bildung und die Planung landesweiter Protestaktionen sein soll – Aufstandsdörfer, sozusagen.

Es ist das anarchistischste Architekturprojekt, das sich von der Stadt abwendet und das Land neu besiedeln will, aber nicht das einzige.

Welchen Sinn hat das? Auf dem Land stehen sowieso viele Häuser leer und es ist nichts weiter als eine Flucht vor den realen Verhältnissen. Denen aber kann man nicht dauerhaft entfliehen. Man kann sich eine Weile in die Provinz hocken und den Gemüseanbau neu entdecken und diskutieren. Das wird nach einer Weile langweilig. Die vielen strukturellen Nachteile bleiben, von der kaum möglichen ökologisch vertretbaren Fortbewegung bis zum Arzt. Im schlimmsten Fall entdeckt das Kapital später die aufgewerteten Schollen auf dem Land und der aus der Stadt bekannte Mechanismus kommt in Gang.

Es ist einfach die x-te Fluchtbewegung in der Geschichte.

Unvergessen die deutsche Aussteigerkommune im portugiesischen Hinterland inden 1980er Jahren, die einen auf Selbstversorger machten. Es war brutal viel Arbeit, durchs Dach regnete es rein und nach einer Weile ging man sich ob der permanenten Nähe auf den Keks. Die Kommune scheiterte grandios.

Mir scheint das ein wenig ähnlich der Bewegung, Stadt zu retroisieren. Es wird ein Schloss gebaut und kein Haus ohne Fries – gute alte Welt. Die reale ökonomische Entwicklung wird einfach ausgeblendet. Reale Zumutungen werden es auch.

Allerdings kann es nicht darum gehen, Architektur und Stadt in die vorindustrielle Zeit zurückzukatapultieren, wie es die konservative Wende mit Retroarchitektur und Stadtrekonstruktion derzeit versucht. Diese Tendenzen sind nicht mehr als ein hilfloser Versuch, ausschließlich Imagebildung auf eine veränderte Gesellschaft zu reagieren. Die Retro-Fraktion begeht den kapitalen Fehler, Bild und Programm zu verwechseln.

(Arch plus 205, S. 56)

Wenn schon zurück aufs Land, dann sollte man den Begriff des kritischen Regionalismus bemühen, den der Architekturtheoretiker Kenneth Frampton in den 1970ern oder so etablierte:

Der kritische Regionalismus strebt also danach, unsere normative visuelle Erfahrung zu vervollständigen, indem er den Bereich des menschlichen Tastsinns anspricht. Er versucht, der Privilegierung des Sichtbaren gegenzusteuern, und wirkt damit der westlichen Tendenz entgegen, die Umwelt ausschließlich perspektivisch wahrzunehmen. Etymologisch bedeutet Perspektive rationalisierte oder klare Sicht, und als solche setzt Perspektive eine bewusste Unterdrückung des Geruchs-, Gehörs- und Tastsinnes voraus, die unweigerlich zur Distanzierung von einer unmittelbaren Erfahrung der Umwelt führt.

(Kenneth Frampton: Kritischer Regionalismus – Thesen zu einer Architektur des Widerstands)

Architektur nicht nur als optisches Phänomen, sondern umfassend. Materialien, die duften, eine tastbare Oberfläche haben und Häuser, die Geräusche erzeugen. Das ist schon sinvoll ein sinnvoller Ansatz, gerade in Deutschland, wo die ländliche Architektur seit einer halben Ewigkeit ohne massenkonsumistisch produziertem Kitsch, der ausschließlich von der visualisierten Oberfläche lebt, kaum noch denkbar ist. Die Verschandelung jedes Dorfes durch euphemistisch Neubaugebiete genannte Flächen aktiver Sinneszerstörung ähnelt der Pervertierung dessen, was man einmal Volksmusik nannte, durch Florian Silbereisen.

Sich mit dem Landleben auf diese Art zu befassen, wäre sinvoll, notwendig sowieso. Dafür die Stadt aufzugeben, ist Kapitulation.

Zurück aufs Land! – Wer´s mag, bitte. Mit einem kritischen Bewusstsein von kritischem Regionalismus im Gepäck ist das bestimmt ok. Im ausgedünnten Frankreich vielleicht mehr als hier. Aber das ersetzt kein politisches Handeln. Politisches Handeln nach der Flucht in fürs Kapital (derzeit) uninteressante Räume gleicht dem, der nach dem dritten Bier in Gedanken seinen Chef anbrüllt und am nächsten Morgen mit Kater und wieder ganz brav zur Arbeit dackelt.

Mietpreise und Lebenshaltungskosten: Wenn es weiter nichts ist, was das Leben in der Stadt unattraktiv macht, dann sollte man das Problem konkret angehen. Besetzungen von Bauplätzen, auf denen Luxuswohnungen geplant werden, wäre ein simples Beispiel. Alles, was für über 1500 Euro den Quadratmeter verkauft und für mehr als sieben Euro den Quadratmeter vermietet wird, wird allgemein nicht mehr akzeptiert und deshalb verhindert. Die genannten Preise sind auch nach unten diskutierbar.

Das, was noch in den 1980ern bei einer WAA in Wackersdorf selbstverständlich war – Bauplatzbesetzung und -belagerung – täte dringend Not. Es könnte so einfach sein.

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2 Antworten zu Tarnac – Flucht aufs Land oder Widerstand

  1. dame.von.welt schreibt:

    Mietpreise und Lebenshaltungskosten: Wenn es weiter nichts ist, was das Leben in der Stadt unattraktiv macht, dann sollte man das Problem konkret angehen.

    Hmnuja, für mich sind es schon noch ein paar Dinge mehr, die mich über Kapitulation vor Berlin nachdenken lassen: niemals Stille, nie Dunkelheit und zu viele Menschen auf zu wenig Raum.

    In der Stadt gibt es außerhalb der Wohnung keinen Raum, in dem man sich nicht verhalten muß. Ich würde manchmal so gerne morgens noch nicht ganz wach im Schlafanzug mit der Kaffeetasse in der Hand draussen spazierengehen. Das ginge nur mit einem privaten Raum draußen: einem Garten – zählen Sie die wuchernden Einfamilienhaus-Garten-Siedlungen zur Stadt?

    Leben in einem Dorf ist mir wegen der unerbittlichen sozialen Kontrolle unmöglich, ich hätte mich dort noch viel mehr zu verhalten als im innerstädtischen Berlin. Ich will, was fast alle Häuslebauer wollen: ein alleinstehendes Haus in unberührter Natur, selbstverständlich mit bester Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten und kulturellem Leben, ganz nach Tuchos Berlinideal.

    Eigentlich wäre aber in Berlin der Weg schon halb gemacht und er wird durch die „Investoren“ zunehmend zerstört: niemand wohnt in ganz Großberlin, sondern fast jede/r hackt sich die Stadt in dörfliche Stücke und wohnt im Kiez – in dem man minütlich zwischen großstädtischer Anonymität und dörflicher Nähe hin- und herwechseln kann.

    Besetzungen von Bauplätzen, auf denen Luxuswohnungen geplant werden, wäre ein simples Beispiel. Alles, was für über 1500 Euro den Quadratmeter verkauft und für mehr als sieben Euro den Quadratmeter vermietet wird, wird allgemein nicht mehr akzeptiert und deshalb verhindert. Die genannten Preise sind auch nach unten diskutierbar.

    Das, was noch in den 1980ern bei einer WAA in Wackersdorf selbstverständlich war – Bauplatzbesetzung und -belagerung – täte dringend Not. Es könnte so einfach sein.

    Wo sehen Sie erwähnenswert großen Bürger-Willen zum Widerstand gegen die Zerstörung der Kieze oder zur Luxusbauplatzbesetzung? Das ist so 20. Jahrhundert… Vor der Explosion des Kapital-Interesses an Verwertung via Immobilien wurde doch längst kapituliert, jeder durch Mieterhöhung aus der unverletzlichen Wohnung Vertriebene hält sich für ein Einzelschicksal, das sich selbst am mangelnden wirtschaftlichen Erfolg schuldig fühlt <- angewandte protestantische Arbeitsethik.

    Politisch wird der Berlinzerstörung allenfalls mit Quartiersmanagement begegnet, immer erst dann, wenn's längst schon zu spät ist. Sozialer Wohnungsbau im Wortsinn (der mit Dorf, mit 'dem Ländlichen' mitten in der Stadt eine Menge zu tun hat) ist in Deutschland weitgehend und in Berlin komplett Geschichte. Weswegen mir auch Ihre Blogs über Wien so gut gefallen, Grüße!

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  2. genova68 schreibt:

    Guten Morgen, liebe dame,
    Stille, Dunkelheit und so weiter: Ok, dann musst du aufs Land, ist ja nichts Schlimmes :-) Im Schlafanzug draußen: Da brauchst du entweder eine Unmenge privaten Raum, also einen uneinsehbaren Garten, oder du legst dir Shorts zu, bei denen man nicht genau weiß, ob das ein Pyjama ist oder nicht. Sowas gibt´s doch zuhauf. Als Mann kannst du hierzulande in Boxershorts rumlaufen, die anderswo eindeutig eine Unterhose sind. Es ist ja immer die Frage der Balance zwischen Individualität und respektvollem Verhalten vor anderen. Aber in Berlin ist da doch schon ziemlich viel möglich, oder?

    Es gibt architektonisch ja die halböffentlichen Bereiche, Innenhöfe beispielsweise, in denen man mit dem Schlafanzug rumrennen kann, wenn es einen nicht stört. Vielleicht kann man sich da als Mann generell mehr rausnehmen. Ich wüsste nicht, was ich hier in Kreuzberg auf der Straße nicht anziehen könnnte.

    ————

    Ja, ich sehe keinen Willen zum Widerstand. Ich meine halt, dass das frappierend ist, weil es so naheliegt. Es ist alles physisch vorhanden: der Bauplatz, die Nähe zum Bauplatz, das Baugeschehen. Dass die Europacity ohne Widerstand wächst, zeigt die komplette Hypnotisierung der Gesellschaft durch das neoliberale Pendel. Es ist immer lustig, wenn man sich hierzulande über das böse Nordkorea echauffiert und das Geschehen um die Ecke nicht mitkriegt.

    Der Unterschied zu Nordkorea: Wir stellen uns nicht so dämlich an.

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