Wohnkomplex: Niklas Maak über Berlin

Niklas Maak in seinem ziemlich lesenswerten Buch „Wohnkomplex“ über Berlin in den 1920ern:

„Überfülle war ihr Reichtum. Diese Massen, die ins Zentrum strömten, brachten ein Durch- und Übereinander der sozialen schichten und kulturellen rituale mit, eine chaotische Verdichtung, die das Gegenteil der Bebauung innerstädtischer Leerflächen mit gepflegt-hochpreisigen Zombifikations-Urbanismus war.“

Und über die Friedrichstraße heute:

„Man baut formale Hüllen nach, um zu einem verlorengegangen , lebendigen Stadtgefühl, einer verlorenen Atmosphäre zurückzufinden, aber man begreift nicht, dass man die strukturellen Bedingungen dieser Atmosphäre untersuchen und, um zu einer ähnlichen Stadtatmosphäre zu kommen, eventuell ganz andere Formen bauen muss.“

 

Maak fordert

„neben den Büroflächen eine extrem verdichtete, populäre Wohnbebauung. So aber ist die Friedrichstraße eine Berliner Version von La défense im Maßanzug der alten europäischen Stadt: ein Büroviertel in nostalgischer Gussform… Die Stadt ist das Abbild der Renditebestrebungen der Bauwirtschaft.“

Es ist eine

„feudal-lauwarme, kleinstädtisch-vormoderne Stadt, die mit der alten Kutsche im Werbefilm der auch nicht zufällig so genannten ´Kronprinzengärten` beschworen wird.“

Wobei das nicht nur „die Renditebestrebungen der Bauwirtschaft“ sind, sondern die Renditebestrebungen des Kapitals allgemein. Man könnte sogar von seligen Zeiten sprechen, denn in den 1990ern gelangten diese Renditebestrebungen nicht über die Hot Spots wie Friedrichsstraße hinaus. Es war gewissermaßen der Kapitalismus des alten China, des europäischen Mittelalters oder des Zeitalters der Entdeckungen, wie man sagt: Einzelne, isolierte Wirtschaftsaktionen wurden kapitalistisch organisiert, weil man einen mächtigen Vorschuss brauchte und viel Zeit. Mit der Zeit brach sich dieses Wirtschaftsverhältnis Bahn und bestimmt nun alles. Analog dazu hat sich die Friedrichstraße ins benachbarte Kreuzberg ausgeweitet und wird totalitär.

Fortsetzung folgt.

 

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2 Antworten zu Wohnkomplex: Niklas Maak über Berlin

  1. Chris schreibt:

    Naja, wenn Du die obere Friedrichstrasse mit dem Mehringplatz (einst Belle Alliance Platz) vergleichst, ist es doch recht lebendig.

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  2. genova68 schreibt:

    Der Mehringplatz selbst ist seit Jahren wegen Bauarbeiten gesperrt, in dem kompletten Rondell aber ist es ziemlich lebendig, und zwar durch Leute, die dort wohnen. Das gleiche gilt für den südlichen Teil der Friedrichstraße bis Rudi-Dutschke-Strake. Im nördlichen Teil der Friedrichstraße ist es tagsüber lebendig via shopping, abends ist es dort tot, da laufen nur Touristen rum und fragen sich, wo das Berliner Leben tobt.

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