Der Tagesspiegel und die ganz unten im Maschinenraum

Der Journalist Lutz Haverkamp versucht im Tagesspiegel, besorgte Bürger inklusive AfD-Wähler zu verstehen. Dass er das nicht schafft, zeigt schon ein Detail seines Artikels. Haverkamp beschreibt die positiven Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland: Mindestlohn, Pflegeversicherungsreform, weltweit beste Gesundheitsversorgung für Arme und mehr.

Dieser Aufzählung stellt er folgenden Teilsatz voran:

Ganz unten, im Maschinenraum dieser Gesellschaft, gibt es Lichtblicke…

Nett gesagt. Die im Maschinenraum schuften jetzt für 8,50 statt für fünf oder sechs Euro. Damit sollen die bitte zufrieden sein. Oben auf dem Sonnendeck sitzen die anderen und langweilen sich beim Aperol. Da sitzt auch Haverkamp und ruft denen da unten durch die Luke zu, dass sie jetzt 8,50 verdienen. Die Luke ist sozusagen ein kleines Stück weiter geöffnet worden. Es kommt ein bisschen mehr Sonne rein. Haverkamp wundert sich, dass die ganz unten sich nicht freundlich bedanken. Stattdessen nörgeln sie herum. Dann schreibt er noch flott, dass es schon ein paar Ungerechtigkeiten gebe: Kinder und Hartz IV, kaputte Infrastruktur, „soziale Schieflagen“ und eine besonders lustige Formulierung: Einige Städte hätten „nachhaltige Probleme mit dem Wohnungsmarkt“. Ja, der launige Markt macht gerade ein paar Probleme. Aber, halb so wild, denn, so Haverkamp:

Das Leben ist ein Abenteuer.

Vor allem im Maschinenraum.

Mit besorgten Bürgern hat der Maschinenraum übrigens nur am Rande zu tun.

Man sollte dem Haverkamp für seine Bewusstlosigkeit und sein yellow-press-Niveau fast dankbar sein. Es gibt schöne Einblicke in die Gedankenwelt eines bürgerlichen Journalisten. Mir fällt schon wieder Marie Antoinette und ihr Kuchen-Ratschlag ein.

All das schreibt der Haverkamp allen Ernstes am 1. Mai. Noch ein paar mehr Haverkamps und die AfD hat die absolute Mehrheit.

(Foto: genova 2015)

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3 Antworten zu Der Tagesspiegel und die ganz unten im Maschinenraum

  1. diespringerin schreibt:

    Erstaunlich, diese ignoranz, nicht wahr? Egal wie oft ich sie wahrnehme, lese, höre, sehe … ich bin immer wieder erstaunt, wie ignorant Menschen sein können. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen … Gruß aus Wien …

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  2. krisenblogger schreibt:

    Wir sitzen doch alle in einem Boot, oder?
    Die einen eben etwas komfortabler, aber schließlich muss ja auch Irgendjemand rudern, damit es voran geht, alles andere wäre doch wirklichkeitsfremd, nicht wahr? Und so ein Platz auf dem Sonnendeck, der will nicht verdient sein, sondern den hat man sich verdient!

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  3. genova68 schreibt:

    Ja, Ignoranz trifft es wohl ganz gut. Haverkamp wählt die Metapher des Maschinenraums und scheint nicht zu merken, welche Assoziationen die hat. Noch merkwürdiger finde ich bei einer Zeitung immer wieder, dass es keine Schlussredaktion mehr zu geben scheint, die über den Artikel nochmal drüberguckt und der das auffällt. Vermutlich ist der Schlussredakteur aus demselben Holz geschnitzt.

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