Frau Klatten und Alzheimer der anderen Art

Susanne Klatten will in den kommenden fünf Jahren soziale Projekte mit 100 Millionen Euro unterstützen. So liest man das diese Tage in deutschen Qualitätsmedien. Der Tagesspiegel betont gar, dass das auch Neukölln zugute komme.

So wird es sein. Frau Klatten als die Mutter Theresa des Kapitals. Auch ein Alzheimerprojekt wird unterstützt. Vielleicht sollte man das Geld erstmal in Projekte zur Bekämpfung des gesellschaftlichen Alzheimers stecken.

Frau Klatten – vor ein paar Jahren schon einmal Gegenstand dieses Blogs – ist von Beruf Tochter und Erbin und besitzt laut Forbes 16,2 Milliarden Euro. Ihr Opa mehrte sein Vermögen ab 1933 unter anderem mit der Enteignung von Juden und war einer der größten Rüstungsproduzenten unter den Nazis. Seine Frau heiratete später Joseph Goebbels. Man kannte sich. Quandt wäre als Hauptkriegsverbrecher angeklagt worden, doch heute zugängliche Dokumente lagen damals nicht vor. Welch ein Glück für Susanne.

Susanne macht keine so fiesen Sachen. Sie ist zusammen mit ihrem Bruder Aktionärin bei BMW, die beiden kassieren dafür runde 700 Millionen Euro Dividende, Jahr für Jahr. Und das ist nur eine Einnahmequelle der netten Susanne. Sie spendet auch gerne an deutsche Parteien, vorzugsweise an CDU und FDP. Man muss schon Vorsorge leisten, wenn man so viel Geld hat.

Klatten ist ein schönes Beispiel dafür, was das Kapital unter einem Sozialstaat versteht. Wer unter anderem mithilfe der Nazis ein Vermögen gemacht hat, darf es weiter munter mehren. Den Vermögenszuwachs von Frau Klatten würde man in einer aufgeklärten Gesellschaft als Diebstahl bezeichnen. Die Frau klaut das Geld, Tag für Tag, ganz legal. Man braucht nur Gesetze, die Klauen legitimieren. Klattens Verhalten kann man als parasitär und schmarotzerisch bezeichnen. Ohne jede eigene Leistung Milliarden scheffeln, deren Kaufkraft andere erarbeiten.

Die bürgerlichen Medien sind voll des Lobes, wenn eine Frau mit diesen Einkünften pro Jahr 20 Millionen denen zurückgibt, denen sie es vorher auf Umwegen geklaut hat. Gutes Image und Steuerersparnis inklusive.

Klatten spricht bei der Vorstellung ihrer Initiative in Berlin ernsthaft von „gesellschaftlicher Rendite“ ihres Wirkens und der Tagesspiegel sekundiert:

Pragmatisch und effizient helfen, das wird wichtiger auch in Berlin, der Stadt, die lange als buntes Experimentierfeld für soziale Projekte aller Art galt.

So ist es. Pragmatisch und effizient die Leser verblöden, das wird wichtiger in einem Land, das sich dem neoliberalen Dogma unterworfen hat. Die Redakteurin heißt Elisabeth Binder und ist zuständig für „besondere Aufgaben“. Sie schreibt laut Eigenaussage darüber, „was geht und was nicht“. Geilomat. Vielleicht sollte man das Frau Binder einmal mitteilen.

Es braucht übrigens einen Leser zur Aufklärung. Der macht im ersten Kommentar unter dem Online-Artikel die richtigen Bemerkungen – Vermögen, Dividende, Steuern. Das Volk (mir tut schon das Schreiben dieses Wortes weh) ist vielleicht doch nicht so blöd, wie der Tagesspiegel annimmt.

Dieser Staat könnte sich sozial nennen, wenn er der werten  Frau Klatten 16,1 Milliarden Euro abnehmen und mit dem Geld Sinnvolles unternehmen würde. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Stattdessen hofiert die bürgerliche Presse solche Zustände und schaut zu diesen Leuten auf wie früher zu denen mit blauem Blut. Die sind halt etwas Besonderes, von Haus aus. Das Problem ist vielleicht, dass die Klattens dieser Welt dazugelernt haben. Wo Marie-Antoinette dem Volk noch empfahl, Kuchen zu essen, wenn sie kein Brot haben, finanziert ihre Nachfolgerin Klatten soziale Projekte in Neukölln. Die PR-Industrie ist nicht auf den Kopf gefallen, sie ist smarter geworden, wie man sagt.

Die Antwort einer neoliberalen Gesellschaft auf solche Verhältnisse heißt AfD u.ä. Die werden natürlich bekämpft. Sicher auch vom Tagesspiegel.

(Foto: genova 2015)

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5 Antworten zu Frau Klatten und Alzheimer der anderen Art

  1. Ex-CDU-Wähler schreibt:

    Schlägst Du vor, die Klatten quasi zu enteignen, weil sie das Glück hatte reich zu erben? Oder willst Du nur den Steuersatz deutlich erhöhen?

    (Das 700 Millionen Euro jährliche Dividende unverschämt sind, da stimme ich zu.)

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Es muss auch sehr reiche Leute geben. Viele von den armen Leuten, wenn man denen das Geld gibt, dann verplempern die es nur und dann haben es wieder die reichen Leute. Außerdem fährt Susanne Klatten – so ein uraltes Märchen – mit dem Golf zur Bank und Helg Sgarbi hat ihr übel mitgespielt, warum also muss man dann noch auf sie schimpfen. Es ist jetzt Samstag, 15:30h, und ich habe den Tag bisher damit verbracht zu fressen, im Bett herumzuliegen, die 2. Staffel von Better call Saul zu gucken und dämliche Kommentare in Web abzuladen. Wäre ich superreich, dann könnte ich das ohne schlechtes Gewissen doch gar nicht tun. Ich möchte nicht tauschen und bin froh, dass einige Familien sich dazu bereiterklären, als Sammelbecken für das ganze überschüssige Kapital zu dienen. Betonung auf dienen.

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  3. genova68 schreibt:

    Das ist eine Menge an guten Argumenten. Ich sehe mich folglich gezwungen, meinen Artikel zurückzuziehen.

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Ein weiteres gutes Argument ist der faire Umgang der Quandts mit der Erbschaftssteuer, die schließlich dazu führen könnte, dass ein bedeutender Anteil der Geldbürde dem Staat zufällt:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nachlass-von-johanna-quandt-die-stille-erbschaft-13737584.html

    Lustig, wie das Handelsblatt darüber schreibt. Das Wort „Steuer“ kommt gar nicht vor:

    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/susanne-klatten-und-stefan-quandt-quandt-kinder-erben-bmw-anteile-gemeinsam/12174022.html

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  5. genova68 schreibt:

    Man muss darüber hinaus betonen, dass sich Johanna Quandt zeit ihres Lebens für soziale Belange eingesetzt hat. Ihre Stiftung „setzt sich dafür ein, das Verständnis für die marktwirtschaftliche Ordnung und für die Bedeutung des privaten Unternehmertums als Träger der wirtschaftlichen Entwicklung in der Öffentlichkeit und den Medien zu fördern.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna-Quandt-Stiftung

    Lustigerweise ist Stephan-Andreas Casdorff nicht nur Tagesspiegel-Chefredakteur, sondern auch Mitglied des Kuratoriums der Quandt-Stiftung. Und seine Angestellte Binder berichtet so fröhlich über Susanne Klatten.

    Interessant ist dann wiederum, dass Casdorff sich für Transparency International engagiert, höhö.

    Was man in drei Minuten googlen so alles erfährt.

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