Weiße Korruption in Berlin

In den bekannten Korruptionsindices kommt Deutschland gut weg. Wobei es die Frage zu beantworten gilt, was man alles unter den Begriff fasst. Die übliche Korrpution in Form von Geldkoffern und zugesteckten Banknoten und einem sicheren Job für den Verwandten ist hierzulande bestimmt geringer ausgeprägt als bei den üblichen Verdächtigen. Man ist geschickter.

Vielleicht könnte man sagen, dass der kapitalistischen Verwertungslogik die Korruption inhärent ist. Ohne das massive Bedienen von Verwertungsinteressen ist der aktuelle Kapitalismus kaum vorstellbar und streng genommen ist eine Politik, die dieses Bedienen mitmacht, immer korrupt. Dabei kann man naturgemäß nicht auf sowas wie das Allgemeinwohl Rücksicht nehmen.

Der Berliner Wohnungsmarkt ist in dieser Definition ein großer Spielplatz für Korruption. Man könnte das in Anlehnung an den Begriff für moderne Foltermethoden „weiße Korruption“ nennen.

Jüngstes Beispiel: Am Alexanderplatz baut ab Juni ein russischer Investor mit dem bezeichnenden Namen „Monarch“ das höchste Wohnhaus Berlins. 150 Meter, 39 Geschosse, 350 Wohnungen, jede Menge Luxus. Das könnte eine erfreuliche Nachricht sein. Die Quadratmeterpreise stehen offiziell noch nicht fest, aber der Investor stellt schon mal klar:

„Dass dies nicht für 5000 oder 10 000 Euro pro Quadratmeter zu haben ist, dürfte verständlich sein.“

Er spricht auch von einem „völlig neuen Kundensegment“, das es in Berlin noch nicht gebe.

Es ist absehbar, dass dort niemand „wohnen“ wird. Der Alex ist keine gute Gegend, es ist sogar einer der laut Senat gefährlichen Orte in Berlin. Haufenweise Discos und Proll-Läden mit viel Krach am Tag und in der Nacht. Es wird im wesentlichen Betongold sein, das die meiste Zeit des Jahres leersteht, und zum Teil auch „möbliertes Wohnen“ auf Zeit, also so eine Art Ferienwohnungen. Dort kapitalverwertend zu bauen heißt einfach: Man geht davon aus, dass in Berlin-Mitte die Wohnungspreise langfristig weiter steigen werden – weil weltweit neoliberale Poltik mit entsprechenden Überschüssen praktiziert wird.

So soll es in dem neuen Haus zugehen:

„Als ein Rundum-Sorglos-Service wie in einem Luxushotel.“ 24-Stunden-Empfang, Paketannahme, Wäscherei-, Reinigungs- und Parkservice nennt er [Zukunftsforscher Andreas Steinle] als Beispiele.

So ähnlich soll es auch im Alexander-Tower werden. Angebote wie Fitnessstudio, Spa, Wellness und Pool mit 25-Meter-Bahn, Sky Lounge, Kino, Residence Lounge, Concierge Service und Privat-Restaurant sollen Gemeinschaftsleben in den Turm bringen. Es wird Elektroautos sowie E-Bikes für die Bewohner geben – und einen hauseigenen Chauffeurservice.

Die „Gemeinschaft“ ist vermutlich eine sehr exklusive.

In den Etagen vier und fünf wird ein „Spaßbereich“ eingerichtet – was auch immer das heißt.

Architektonisch ist das Hochhaus vor allem Investorenarchitektur. Bedenkt man die Investitionssumme von sage und schreibe 250 Millionen Euro, könnte man mehr erwarten. Es gibt mittlerweile eine Menge guter Ideen, was Fassadenbegrünung, Gärten in höheren Etagen, Vor- und Rücksprünge, terrassierte Fassaden und mehr angeht. So gesehen, ist der geplante Kasten billig. Die versetzten Stockwerke erinnern an einen müden Abklatsch von Kohlhaasens De Rotterdam.

Interessant an dem Projekt ist das Zusammenspiel der relevanten Akteure. Der Investor investiert, Politiker lernen Phrasen aus dem Verkaufskatalog auswendig und tragen sie artig vor und der Tagesspiegel schreibt einen völlig unkritischen und affirmativen PR-Artikel dazu. Weiße Korruption.

In dieser Deutlichkeit ist das allerdings auch wieder entlarvend. So meint der Vertreter des Vermarkters des Hochhauses, der Firma Bewocon:

„Der Alexanderplatz ist zu schade, wenn er nur zum Shoppen oder zum Umsteigen genutzt wird“

Und meint, dass „das Thema Wohnen“ zum Alex gehöre.

Es ist die aktualisierte Form einer sozialdarwinistischen Sprache. Man redet nicht mehr von Gesocks, das zu verschwinden, das Platz zu machen habe, meint aber exakt dieses. Ums „Thema Wohnen“ geht es eben nicht. Es geht um Kapitalverwertung, für die man nun den Alex braucht, und Menschen stören da nur. Vor dem Hintergrund der hier seit Jahren laufenden Debatte um preiswerten Wohnraum müssten solche Aussagen zu massivem Widerspruch führen. Der ist jedoch verstummt. Stattdessen bemüht sich der Staatssekretär Engelbert Daldrup, er arbeitet für den Stadtentwicklungssenator, um Affirmation. Das Hochhaus sei

„ein sehr interessantes Projekt. Er wird uns helfen, am Alexanderplatz einen ersten Schritt in Richtung ,mehr Urbanität‘ zu tun“

Die neuen Hochhäuser (es sind noch mehr solcher Luxusprojekte geplant)

„werden in ihrer Gemeinschaft der Stadt eine neue Bedeutung geben“. […] „Der Alexanderplatz wird noch einmal städtebaulich ganz stark akzentuiert. Er wird mehr Lebendigkeit bekommen.“

Das mit der neuen Bedeutung stimmt wohl. Der Alex ist übrigens ziemlich lebendig, und es dürfte darum gehen, dem Platz diese Lebendigkeit auszutreiben, denn sie passt nicht zu den neuen virtuellen Bewohnern.

Man spricht in diesen Kreisen auch von der „internationalen Strahlkraft des Alexanderplatzes, von einem „Leuchtturmprojekt“ und ähnlichem.

Es ist ein einziges orwellsches Umwerten von Begriffen: Urbanität, Wohnen, Städtebau, Lebendigkeit, Akzente, Gemeinschaft. Vorgenommen, wohlgemerkt, von einem sozialdemokratischen Politiker.

Gleichzeitig, und das ist das Nette an weißer Korruption, bemüht sich der Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel aktuell um „Städtebauförderung“ die irgendwie sozial daherkommt. „Stadt für alle“ ist ein Schlagwort, das solchen Leuten jederzeit über die Lippen kommt. Wichtig ist auch, erfährt man auf der Webseite des Senators, dass „die Anwohnerinnen und Anwohner in Berlin-Moabit“ „über neue Kiezleuchten mitentscheiden“.

Solange die Anwohnerinnen und Anwohner in Sachen Kapitalverwertung am Alex und anderswo die Klappe halten: gerne.

Weiße Korruption ist eine, die sich streng an die Gesetze hält und immer freundlich ist. Die keine schwarzen Aktenkoffer mit sich trägt. Bei Wohnungsnot haufenweise Luxuswohnungen zu bauen, in denen niemand wohnt, ist legal. Verkaufskataloge von Investoren auszwendig zu lernen, ist legal. Sich über ein Hochhaus zu freuen, ist legal.

Vor ein paar Tagen war in den Berliner Zeitungen übrigens zu lesen, dass die Mieten für Kitas derzeit so stark steigen, dass man das leider nur über Abstriche beim Gehalt der Erzieherinnen und Erzieher kompensieren könne. Oder die Kitas machen dicht.

Weiße Menschenverachtung, die der demokratischen Teilhabe beim Thema Kiezleuchten bedarf. Es läuft.

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3 Antworten zu Weiße Korruption in Berlin

  1. Heinrich Unger schreibt:

    Ein hässlich, grässlicher Bau. Optisch aussehend als ob man reihenweise Pappkartons aufeinander gestellt hat. Unpersönlich, erdrückend, billig aussehend. Ein Bau vergleichbar so hoch wie der Berliner Funkturm.
    Ein Blick schweifend in andere Metropolen der Welt, durchaus auch nach CN, zeigt was man architektonisch leisten kann.
    Ein weiterer Schandfleck für diese Stadt. Somit passend für Berlin.

    Gefällt 2 Personen

  2. spitzfinder schreibt:

    Der Brachial-Kapitalismus zeigt uns allerorten ungeniert seine hässliche Fratze, und wir schminken sie uns nach Kräften schön – was der Malkasten an Konsum- und Schönwetterdemokratie an schnödem Schein eben so hergibt.

    Gefällt 1 Person

  3. genova68 schreibt:

    Heinrich Unger,

    es ist Investorenarchitektur. Die muss wohl so aussehen, weil diese Art trendiger Architektur am besten geeignet scheint, den Wert zu vermehren. Experimente können schneller schiefgehen, das ist für Anleger nicht gut. Es geht bei diesen Gebäuden ja vor allem um die künftige Rendite.

    Gefällt 1 Person

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