Die FAZ versucht zu denken

Ein ganz interessanter Artikel in der FAZ beschreibt das österreichische Rentensystem und fasst es so zusammen:

Der gesetzliche Beitrag ist hoch und für fast alle wirtschaftlich aktiven Personen verpflichtend. Demgegenüber spielt das kapitalgedeckte Verfahren kaum eine Rolle.

Die Österreicher gehen mit durchschnittlich 60,2 Jahren in Rente. Der Rentenbeitrag liegt bei 22,8 Prozent. In Deutschland sind es 18,7 Prozent. (Wir erinnern uns: Unter Bundeskanzler Schröder war es ausgemachte Sache, dass jedes Prozentpünktchen über 20,0 zum sofortigen Untergang Deutschlands führen werde.)

Die Österreicher verhalten sich also diesbezüglich durch die Bank fortschrittlicher als wir, wo die Altersvorsorge auf breiter Front dem Kapital zur direkten Verwertung preisgegeben wird. Nebenbei fließen hier Millionen oder Milliarden in Beratung, Provision und Bestechung. Unter anderem mit dem Ergebnis, dass die noch vor ein paar Jahren viel gepriesene Riester-Rente sich nun als Pleiteidee erweist. Aber egal, irgendwer wird bis dato schon abgesahnt haben.

Die FAZ wäre allerdings nicht die FAZ, würde sie den österreichischen Weg nicht kritisieren. Als Kronzeuge führt sie einen „Rentenfachmann“ namens Michael Christl an, der behauptet, das österreichische System sei „nicht zukunftsfest“. Man brauche mehr kapitalgedeckte Vorsorge. Nicht zukunftsfest klingt immer gut, es erinnert an ein Auto, das nicht winterfest ist. Wer will damit schon fahren, wenn es kalt wird?

Herr Christl (mir fällt gerade dieser Fritzl ein, aber das tut nichts zur Sache. Österreicher haben halt komische Namen.) arbeitet bei „Agenda Austria“. Das ist eine „Denkfabrik“, heißt es. Was die FAZ halt so unter Denken versteht. Ein Blick auf Wikipedia fördert das hier zutage:

Die „Agenda Austria“

ist eine 2013 als Verein gegründete wirtschaftsliberale österreichische Denkfabrik. Mitglieder und Finanziers sind ausschließlich Wirtschaftsunternehmen und vermögende Privatpersonen. […] Die Idee für die Gründung der Agenda Austria stammt von Christoph Kraus, dem ehemaligen Chef der Kathrein Privatbank, Generalsekretär des Verbands österreichischer Privatstiftungen und Mitglied der vom Ökonomen Friedrich August von Hayek gegründeten wirtschaftsliberalen Mont Pelerin Society. […] Die Agenda Austria wird ausschließlich von den eigenen Mitglieder finanziert. Dabei handelt es sich um Wirtschaftsunternehmen (unter anderem REWE, Raiffeisen Zentralbank, Erste Bank, Porr, Miba AG, Mondi, Mayr-Melnhof Karton und Umdasch) und Einzelpersonen.

Hayek, Mont Pelerin, Befürworter von Privatstiftungen: Da passt ja alles.

Außerdem ist die Agenda ein Gegner von Vermögens- und Erbschaftssteuern.

Die Denkfabrik macht in Sachen Rente also exakt die Vorschläge, die den Mitgliedern ihres illustren Vereins zu noch mehr Geld verhelfen.

Lustig ist die Bemerkung, die Agenda finanziere sich ausschließlich von den „eigenen Mitgliedern“. Dann wird eine Reihe von Konzernen aufgezählt. Um etwas genauer zu sein: Diese neoliberale Propagandatruppe wird von unzähligen Arbeitnehmern zwangsfinanziert, und zwar mit deren täglicher Arbeit in den betreffenden Konzernen. Die Arbeitnehmer werden mit Lohn abgespeist, der von denselben Arbeitnehmern erzeugte Mehrwert wird ihnen vorenthalten, stattdessen füttern die Bosse via „Agenda Austria“ damit eine Ideologie, die gegen jene selbst gerichtet ist. Ein perfides, wenn auch wohlvertrautes Spiel.

Diese Praxis nennt man unterm Kapital vermutlich Demokratie.

Die „Agenda Austria“, schreibt Wikipedia weiter,

orientiert sich an der Österreichischen Schule rund um Hayek und Ludwig von Mises.

Hayek ist der Sozialdarwinist, der 1981 ganz offen sagte:

Ungleichheit ist nicht bedauerlich, sondern höchst erfreulich. Sie ist einfach nötig. […] Für eine Welt, die auf egalitäre Ideen gegründet ist, ist das Problem der Überbevölkerung (…) unlösbar. Wenn wir garantieren, dass jeder am Leben erhalten wird, der erst einmal geboren ist, werden wir sehr bald nicht mehr in der Lage sein, dieses Versprechen zu erfüllen.

Wer als Kind hungers stirbt, braucht immerhin später keine Rente.

Diese Denkfabrik also behauptet einerseits, sie wolle die Renten zukunftsfest machen, will andererseits aber mehr Ungleichheit, da die ja höchst erfreulich ist. Zukunftsfestigkeit meint hier offenbar etwas anderes, als man gemeinhin darunter versteht.

Aus der Zeitung für Deutschland mit den klugen Köpfen erfährt man all das nicht, nur eben: ein Rentenfachmann hat gesprochen. Hugh. Geschrieben hat den Artikel übrigens ein Christian Geinzitz. Er nennt sich Wirtschaftskorrespondent – klingt auch gut – und er ist privat Jäger.

Der tolle deutsche Weg bei der Rente führt dazu, dass in ein paar Jahren jeder zweite oder dritte von Altersarmut betroffen sein wird -auch und gerade die Supermarktkassierin, der die neoliberale Ideologie seit Jahr und Tag eintrichtert, dass sie doch bitte monatlich 50 oder 100 Euro von ihrem Nettogehalt in die „Altersvorsorge“ stecken müsse. Das Geld flottiert dann irgendwo umher und versucht verzweifelt, sich zu vermehren. Vielleicht riestert die Kassiererin auch und hört nun im Radio, dass das gescheitert sei. Pech gehabt.

Es ist natürlich genug Geld und genug Reichtum vorhanden, um ordentliche Renten für alle zu finanzieren. Einfach den Bonzen das Geld wegnehmen. Oder man könnte die Wohnungsmieten auf Non-Profit-Niveau senken und das damit gesparte Geld in die Rentenversorgung stecken.

Darauf – und auf noch viel mehr – könnte man mit ein wenig Denken kommen. Allerdings nicht bei „Agenda Austria“. Und naturgemäß auch nicht bei der FAZ.

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Eine Antwort zu Die FAZ versucht zu denken

  1. digital/anker schreibt:

    Ich bin gespannt, wie es mit der Rentenreform weitergehen wird. Das aktuelle System hat schon lange ausgedient. Aber wie können wir ein System erstellen, von dem alle profitieren?
    https://digitalanker.com

    Gefällt mir

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