„Learning from Africa“ und ein Vorschlag zur Enteignung der Bertelsmannstiftung

Auch wenn man sich nicht als irgendwie radikal oder extrem einschätzt, lassen es einen die Verhältnisse qua rationaler Überprüfung werden. Ein Beispiel von tausenden ist ein Beitrag von Andreas Denk in dem Buch „Architektur im Kontext“. Denk, Chefredakteur von der architekt, der Verbandszeitschrift des Bundes Deutscher Architekten, erkennt dort durchaus das Problem

des Verwertungsdrucks, der auf Grundstücken in kernnahen Lagen lastet. (S. 75 ff.)

Nun könnte man meinen: Problem erkannt, Gefahr gebannt, wenigstens theoretisch, indem man zumindest fordert, die zulässigen Preise für Mieten, für Bodenverwertungen radikal zu begrenzen, zu senken oder allgemeiner: den Verwertungsdruck aufzuheben. „Eigentum verpflichtet“, sagt das Grundgesetz.

Was macht Denk? Er weist darauf hin, dass das Kapital die Verwertung „möglichst schnell“ erreichen will und fordert deshalb „Learning from Africa“. Man müsse dem Kapital ein Schnäppchen schlagen und  sich einfach mehr Zeit fürs Bauen nehmen:

Unter der Devise „Learning from Africa“ ließe sich vielleicht ein anderes Verhältnis zur Zeit entwickeln, das sich an der afrikanischen Haltung zu Tätigkeiten, Prozesssen und Ritualen orientiert. All jenen weist man beispielsweise in den Ländern Schwarzafrikas eine entsprechende Dauer zu, die jeweils etwas über die Wertigkeit des Vorhabens aussagt.

Dann wird es vollens irreal. Diese

„Entdeckung der Langsamkeit“ … hat zweierlei Auswirkungen. Zunächst kann und soll die Kommune Quartiere aussuchen, die unter einem besonders heftigen Entwicklungs- oder Veränderungsdruck stehen. Ab dem Zeitpunkt der Auswahl gilt für diese Quartiere ein anderes Zeitgebot: In ihnen herrscht African Time, eine Art Zeitlupe oder Moratorium, in dem die Veränderung des Quarties verlangsamt wird.“

Folge: Es gibt vielleicht weniger Rendite für´s Kapital. Die Wohnung ist anschließend für den Mieter allerdings immer noch genauso teuer. Er kann sie nur später beziehen.

An anderer Stelle bezieht sich ein Autor von „Architektur im Kontext“ (womit vor allem ein politischer, kein geographischer gemeint ist) auf Henri Lefebvre, der sich den Fragen, wem Stadt gehört und wie Raum in der Stadt produziert wird, marxistisch näherte. Von Marx ist nun keine Rede mehr.

Zurück zum Text: Sicher kann diese Entdeckung der Langsamkeit Vorteile für den Planungsprozess, für die demokratische Teilhabe haben. Das war´s dann aber auch. Die Preise für den Boden wird das vermutlich eher noch hochtreiben, weil das Kapital unerbittlich seine Rendite holen will. An der kapitalistischen Verwertung, an Spekulation, ändert Denk nichts. Absichtlich, vermute ich.

Das erste Gebot lautet: Du sollst das Kapital nicht stören! Damit es irgendwie kritisch aussieht, müssen wir aber drüber reden. Also thematisieren wir jetzt mal den Faktor Zeit, wir verlangsamen, das klingt so schön subversiv.

Das intellektuelle, das sozialkritische Niveau im Sektor Architektur ist im Arsch, vermutlich seit mindestens 50 Jahren. Vielleicht haben Verbandsarchitekten auch einfach kein Interesse an sinkenden Baupreisen, da sie verhältnismäßig zu den Baukosten bezahlt werden. Betongold bauen lohnt sich für sie. Fortschrittliche Architekten versuchen, Raum effektiver zu nutzen. Prinzipiell eine schöne Sache, aber die kapitalistische Logik macht daraus: Wenn man auf halb so viel Fläche wohnen kann, kann man pro Quadratmeter ja doppelt so viel zahlen! Für wessen Interessen arbeiten diese vorgeblich kritischen Architekten nun?

Insofern stellt sich bei Denk die Vermutung ein, dass er kein Interesse an ernsthaften Lösungen hat, aber – ganz im Sinne neoliberalen Geplauders – mal drüber reden will. Irgendwas muss man doch dazu sagen! „Verdrängungsmechanismen“ sollen „erschwert werden, „Segretation“ soll „vermieden werden“, schreibt er noch – bloß wie?

In der aktuellen Ausgabe von Denks der architekt bringt ein Artikel über die Wohnungsbaupolitik im Wien der 1920er Jahre den interessanten Hinweis, dass die damals erhobene Wohnbausteuer eine Steuer auf Luxusartikel war und 35 Prozent der Steuereinnahmen der Stadt erbrachte. Damit wurden zigtausend Wohnungen gebaut. Heute wären das Vermögenssteuern. Es sind diese kleinen Beispiele, die zeigen, in welch neoliberal durch und durch verseuchter Zeit wir leben und sie dennoch (bzw. genau deswegen) für die beste aller möglichen halten.

Die Wiener schrieben in den Zwanzigern die Herkunft des Geldes für den Bau ihrer Wohnungen stolz auf die Fassade:

 

Übertragen auf heute: unmöglich.

Analog dazu könnte man heute mittels massiver Steuern beispielsweise die Bertelsmannstiftung enteignen. Man könnte das einfach wieder Wohnsteuer nennen und es künftig groß auf die Häuser schreiben. Stiftungen sind dann nicht steuerbefreit, sondern zahlen 90 Prozent – weil eh klar ist, dass die nicht sozial agieren, sondern so eine Art legales Panama im eigenen Land darstellen. Davon abgesehen, dass ein halbwegs vernünftiger Staat – oder besser: eine halbwegs zivilisierte Gesellschaft – so einen neoliberalen Laden eh drangsalieren und dichtmachen müsste – Bertelsmann könnte zum ersten Mal zeigen, dass sie tatsächlich gemeinnnützig sind.

Danke im Voraus.

(Foto: genova 2015)

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