Feudalherrschaft in Pankow, aber immerhin warm

„Zahl der Tropennächte könnte sich verfünffachen“

lese ich gerade in der Berliner Zeitung. Na, hoffentlich.

Jenseits des Wetterberichts wird die Berichterstattung bürgerlicher Zeitungen in neoliberalen Zeiten immer peinlicher, scheint es. Jüngstes Beispiel ist ebensolche über ein neues Stadtviertel im Norden Berlins namens Pankower Tor. Das war früher ein Güterbahnhofsgelände, 40 Hektar groß (man sieht das hier schön auf dem Bild), gehörte also dem Staat, uns allen. Dann kaufte es ein Investor, wie man sagt, der Möbelhändler Kurt Krieger. Jetzt entstehen dort 1.000 Wohnungen, davon 250 für 5,50 Euro Nettokaltmiete. Es ensteht dort auch ein 30.000-qm-Shoppingcenter mit zwei großen Möbelmärkten, höhö.

Der Krieger sieht ganz locker aus. Obwohl schon 67, trägt er Kapuzenpulli und eine unkonventionelle Frisur. So eine Art Alt-Achtundsechziger, scheint es. Ihm gehören 60 Möbelhäuser, er verfügt über ein Privatvermögen von 700 Millionen Euro.

Man findet keine Berichte über die ökonomischen Grundlagen des Projekts. Wobei man naiv sein müsste, anzunehmen, dass Krieger seine 700 Millionen mit dem Pankower Tor nicht vermehrt. Es ist das gleiche wie im neuen Stadtviertel Europacity rund um den Berliner Hauptbahnhof und anderswo: Ehemals staatliches Eigentum wird verscherbelt, damit ein paar Bonzen Kasse machen können. Anders ausgedrückt: damit das Kapital eine weitere Renditemöglichkeit hat. 700 Millionen wollen ja arbeiten. Diese vielen Güterbahnhofsflächen in deutschen Städten wären eine ideale Möglichkeit, Wohnraum jenseits des kapitalistischen Verwertungszwangs zu schaffen. Der Sozialstaat Deutschland setzt seit ungefähr 20 Jahren alles daran, das zu verunmöglichen.

Eine Zeitung wie die Berliner stellt das dann als Wohltat eines Patriarchen vor. Es ist Ausdruck der völligen Bewusstlosigkeit der Masse deutscher Journalisten unterm Kapital. Der Journalist des Pankow-Artikels in der Berliner Zeitung heißt Stefan Strauß. Er schreibt

über das politische Geschehen in der Hauptstadt und das kulturelle Leben. Er mag ungewöhnliche Menschen mit verrückten Ideen, kreative Projekte und Kunstaktionen im öffentlichen Raum abseits des kulturellen Hochbetriebes.

Wahrscheinlich mag er den Krieger, weil er so ungewöhnlich ist und die verrückte Idee hat, Rendite zu machen. Und kreativ ist er ja auch irgendwie.

Interessant diesbezüglich das hier. Strauß berichtet über eine Anwohnerversammlung:

Nach den Wohnungen wird schon gefragt, noch bevor sie überhaupt gebaut worden sind. Wo er sich bewerben könne, fragt ein Mann aus Pankow den Möbel-Unternehmer Kurt Krieger. „Bei mir“, sagt der 67-Jährige und hat die Lacher im Saal auf seiner Seite.

Der Krieger sollte sich König nennen und eine Krone aufsetzen. Das Volk huldigt. Bei einem solchen Satz die Lacher auf seiner Seite zu haben, spricht Bände.

Andererseits konsequent: Eine Stadt, die ein Schloss zu ihrer wichtigsten aktuellen Bauaufgabe erklärt hat, braucht einen feudalen Krieger, der sich huldigen lässt. Alles in Ordnung.

(Foto: genova 2016)

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