Wer darf wählen? Das falsche Bewusstsein des Journalistenapparats

fragt Spiegel-online in einem Artikel über die amerikanischen Präsidentschaftsvorwahlen heute, und zwar völlig zurecht. Nur: viel zu spät.

Alleine der Spiegel hat seit Monaten drei Journalisten nach Amerika abbstellt, die über jeden Pups berichten, den die Involvierten dort absondern. Man erfährt beispielsweise an prominenter Stelle, dass Trumps Kinder nicht wählen, weil sie sich nicht registriert haben. Aha. Nur: Wer eigentlich wählen darf und um welche Wahlen es sich bei diesen Vorwahlen eigentlich handelt, ist den tausenden von Artikeln, die in deutschen Medien zum Thema erschienen sind, praktisch nie erörtert worden. Meine privaten Umfragen zu Thema haben ergeben, dass kaum jemand Bescheid weiß.

Das wirft ein bezeichnendes Licht auf Teile der deutschen Medien: Man hampelt an der Oberfläche herum – bei Wirtschaftsthemen ist das seit Jahr und Tag so – und ignoriert Zusammenhänge, Fundamentales.

Im Spiegel erfährt man jetzt, kurz vor Schluss des Vorwahlenprocedere, dass man in manchen US-Bundesstaaten nur wählen darf, wenn man sich als Wähler einer bestimmten Partei registrieren lässt. Teilweise muss man  mehrere Wochen vor der Wahl schon registriert sein, man muss sich also angemeldet haben, um wählen zu dürfen. Teilweise auch nicht.

Es sind also, für unser Verständnis, ziemlich merkwürdige Wahlen.

All das wird in deutschen Medien praktisch nicht erläutert. Wichtiger ist das Toupet von Trump.

Man kann vor diesem Hintergrund ahnen, wie die deutsche Journalistenkompetenz in Sachen Ökonomie und Börse aussieht. Kürzlich gab es auf Spiegel-TV einen Bericht über steigende Preise für Miet- und Eigentumswohnungen in deutschen Großstädten. Die Zahlen waren lustigerweise noch übertrieben und der einzige genannte Grund für die Preisexplosionen war: die hohe Nachfrage. Einmal wurde flott das Wörtchen „Betongold“ erwähnt. Zusammenhänge mit der sozialen Schere, mit dem kapitalistischen Zwang zur Verwertung, mit der neuen Schamlosigkeit von Reichtum, mit absurder Wirtschaftspolitik, mit Privatisierungen, mit privater Rente, mit einem willentlich machtlosen Staat, mit einem Hinweis auf eine vorbildliche Baupolitik beispielsweise in Wien oder mit dem Berlin der 20er Jahre: alles Fehlanzeige. Der Beitrag enthielt keinen einzigen aufklärerischen Aspekt. Der Spiegel hatte früher einmal sowas wie einen selbstverordneten Bildungsauftrag.

Und dieser Spiegel-TV-Beitrag ist kein Einzelfall, sondern die Regel.

Man kann schon sagen, dass ein ordentlicher Teil deutscher journalistischer Arbeit eher zur Verwirrung im Thema und zur Verblödung der Leser beiträgt. Artikel über Karnickelzuchtvereine außen vorgelassen. Ökonomische Zusammenhänge werden als Naturzustände dargestellt, deren Auswirkungen man gerne und laut beklagt, gegen die man aber nichts unternehmen kann.

Sicher müssen Redaktionen sparen, das erklärt aber nicht diese Berichterstattung. Es hat wohl mehr mit 20 oder 30 Jahren neoliberaler Hirnwäsche zu tun, die exakt solche Zustände will: Vermeintlich kritische Medien als Ventil für Unmut, aber bitte keinerlei konstruktiver Hinweis auf Täter, Tatumstände und Möglichkeiten der Emanzipation darüber. In Journalistenschulen interessiert auch nicht Fachexpertise, sondern vor allem, wie man sprachlich kaschiert, darüber nicht zu verfügen. Es funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass gerade junge und erfolgreiche Journalisten exzellente formale Arbeit machen: Sie können sich ausdrücken, sie schreiben mit gutem  Flow, sind sind jederzeit in der Lage, eine komplizierte Geschichte herunterzubrechen und aufzuladen. Gepaart mit fehlendem Faktenwissen und überhaupt mit falschem Bewusstsein wird es allerdings gefährlich. Das Bewusstsein übers falsche Bewusstsein kommt diesen Leuten vielleicht hin und wieder noch ins Bewusstsein, aber dann begänne ja die Mühe qualitativer inhaltlicher Recherche und Darstellung. Dann doch lieber beim flotten Geplapper bleiben.

Und so wird es unangenehm, wenn deutsche Journalisten immer wieder auf diesbezüglich unhaltbare Zustände in Russland oder der Türkei hinweisen. Sicher alles richtig, keine Frage, und natürlich sind die Zustände in Deutschland weniger schlimm. Der Teufel jedoch steckt im Detail. Man könnte auch sagen: Die deutsche Abbildung der Welt ist raffinierter. Nicht unbedingt besser.

(Foto: genova 2016)

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6 Antworten zu Wer darf wählen? Das falsche Bewusstsein des Journalistenapparats

  1. Garfield schreibt:

    Das mit der Registrierung ist interessanter Fakt … tut unterm Strich aber auch nicht mehr viel zur Sache – die USA sind de facto ne Pseudo-Demokratie.
    Durch das System mit den „Wahlmännern“, vereinfacht gesagt – es gibt keine „Zweitstimme“. Daß eine dritte Partei keine Chance hat, liegt im Sytem selbst. Noch’n bißchen „Gerrymandering“* dazu – und passt.

    *) Der Wiki-Artikel ist grad betr. USA interessant: Zitat
    Das Gerrymandering wird in den Vereinigten Staaten von Amerika inzwischen systematisch per Computer und Data-Mining durchgeführt, sodass im Repräsentantenhaus nur noch ca. 1/15 der Sitze wirklich regelmäßig umkämpft sind. Die übrigen sind inzwischen mehr oder minder zum Gewohnheitsbesitztum der beiden Parteien geworden […] urteilte 2004 der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass Gerrymandering erlaubt ist, solange es aus politischen und nicht etwa aus rassistischen Gründen praktiziert wird. (Quelle: SZ)
    … Solange nur aus politischen(!) Gründen, na dann is ja alles ok m(

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Link zum Gerrymandering. Der Begriff ist mir neu.

    Ja, eine nicht nur in diesem Punkt pervertierte Demokratie. Man müsste ja schon erklären, wie eine Nation so auf den Hund kommen kann und nicht nur einen Trump so weit nach oben kommen lässt. Bzw. überhaupt den kapitalistischen Wahnsinn immer weiter forciert. Wird da der Verbrecher Bush eigentlich irgendwie aufgearbeitet? Und wenn man einen Ted Cruz anhört… Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen.

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  3. Chinook schreibt:

    „Sicher müssen Redaktionen sparen, das erklärt aber nicht diese Berichterstattung.“

    Doch, zu einem großen Teil. Journalisten werden heute vor allem Leute, die irgendwas „mit Medien“ studiert haben. Oftmals ohne jedes intellektuelle oder gar interdisziplinäre Transferleistungspotenzial. So oder so keine Experten in besonderen Fachbereichen oder Regionen. Heute aber auch bei großen etablierten Medien nicht mehr mit der Freiheit/Zeit sich einzuarbeiten – was allerdings aufgrund des insgesamt fehlenden Allgemeinwissens und Verständnisses von Multi-Layer-Thematiken ohnehin schwieriger fiele als bspw. noch bei der politisch interessierten, diversen und engagierten Generation der „68er“. Heute wird jemand wie Julian Reichelt mal schnell zum selbsternannten Nahostexperten (v)erklärt, Michael Lüders wird zur Stimme der Vernunft und Terrorexperte ist irgendwie jeder, der nen politischen Degree an der LSE erworben hat.
    Aber natürlich hat dies damit zu tun, dass für gute Artikel – und gut heißt immer auch gut/zeitaufwendig recherchiert – seit Jahren kein Geld mehr gezahlt wird. Die Redaktionen sind klein, die Zeit knapp und viele gute Journalisten haben das sinkende Schiff längst verlassen, tummeln sich im Presse- und Öffentlichkeitsarbeitssektor, oder schreiben Bücher und verwerten ab und an altes Material für wissenschaftlich ausgerichtete Fachmagazine (ohne Reichweite).
    Die neue Journalistengeneration ist auf den „Quick-Fix“ aus, träumt von den zukünftigen Gestaltungsspielräumen des Social Web und sieht vor lauter Selbstbeweihräucherung gar nicht, wie scheiße ihre medialen Produkte oft sind, würde man inhaltlich bewerten.
    Zwei Faktoren sind ursächlich für den mittlerweile oft erbärmlichen Output etablierter Medien. Erstens, das fehlende Geld. Zweitens, eine einerseits hirnlos versuchte Heilsrettung durch junge Online-Journalisten die irgendwas mit Medien studierten und dann 2 Jahre oberflächliche Volontariatsarbeit gemacht haben, aber keine drei Gedanken hintereinander geradeheraus schlüssig formulieren können – andererseits die von Alten blockierte Redaktionskultur, die einem Geschäftsmodell anhängt, welches schon lange nicht mehr funktioniert und zukünftig zumindest nicht hochqualitativ vielfältig funktionieren wird. Die Medienlandschaft agiert heute durch die zunehmend digitalisierte Gesellschaft in einem viel volatileren Umfeld, jedoch bieten sich auch Chancen. Aber die werden nicht gesehen, weil viele Redaktionen in alten Strukturen und auch Anspruchsdenken verhaftet sind. Unternehmerisches Handeln und Dienstleistungsmentalität oft Fehlanzeige. Zielgruppengerechte Ansprache, Web 2.0, Zielgruppenbindung, Webmapping, embedded videos, epub, aktualisierbare Themendossiers in digitalen Formaten – alles Aspekte von denen viele Journalisten heute noch denken, dies sei „Kleingärtnerei“ und dem Stand nicht angemessen, auch solche jüngeren Baujahres (der Standesdünkel kommt wohl allzu oft spätestens mit dem Volontariat). Aber nur mit Medienleuten aufgeblähte Redaktionen funktionieren heute nicht mehr. Ne Zeitung hast in den 80ern schreiben können, da gabs auch die klar abgegrenzten Milieus noch, welche dann „ihre“ brav gekauft haben (für TV gilt das ähnlich).
    So ist es auch kein Zufall, dass innovatives eben nicht von den Dickschiffen geliefert wird, die eigentlich noch den finanziellen Spielraum haben sollten sich manches Experiment leisten zu können – und damit meine ich nicht jetzt.de (die tatsächlich eine gute Leistung als „Online-Printmedium“ für junge Leute liefern), ze.tt oder gar bento.
    Ne, durch innovativen Ansatz hat sich bspw. Vice innerhalb kurzer Zeit zu einem Multimilliarden-Dollar-Konzern entwickelt und ist heute in manchen Bereichen tonangebend. Z.B. die erste Doku im Gebiet des IS, „Grüne Männchen“ per Facebook in der Ukraine recherchiert, die ersten Reporter in Misrata, Kooperation mit einem der besten Reporter der BBC, Ben Anderson (z.B. investigativer Bericht bzgl. der WM in Katar, Vice Reports – ein Format, nach dem sich die Sender die Finger lecken etc., alles eingebunden in ein Konzept, welches es anscheinend schafft, eine Bindung zu jungen Menschen herzustellen und die so hedonistische, politisch desinteressierte Generation für Themen der politischen Sphäre ( nicht unbedingt direkt Politik) zu begeistern. Da ist schon fast das Gelingen eines Bildungsauftrages zu erkennen und auch noch mit nem Weitwinkelblick in verschiedene Regionen und Themen, die nicht auf bei der BPK von Merkel vorgelegt werden. Dieses Unternehmen ist nicht so groß geworden, weil man mit Onlinejournalismus kein Geld verdienen kann. Die deutschen Medien können es nicht und selbst im Rahmen von Vice, können die Deutschen es auch nicht. Insofern sollte man sich mal überlegen, ob etwas grundlegend schief läuft.
    Aber auch in Deutschland gibt es Lichtblicke, z.B. Tilo Jung, der sich tapfer in jede noch so blöde BPK setzt, seine vollkommen normalen Fragen stellt und mittlerweile dem Credo frönt, keine Antwort ist zu doof, dass man sie nicht in voller Länge zeigen sollte. Wenigstens brauchen wir uns jetzt keine Gedanken drüber machen was passiert, wenn der Wonka mal in Rente geht. Und das Schlimmste, Jung verdient ernsthaft, gegen den erbitterten passiven Widerstand sämtlicher Staatssekretäre, genug Geld, um damit weiterzumachen. Er ist der Eine, der lustige Fragen stellt und damit seine gesamte Produktion/Berichterstattung finanziert, während sich die etablierteren Redaktionen fragen, ob sich der Tagessatz für den Reporter vor Ort rechnet und warum man aus den Kosten keinen Gewinn ziehen kann. Hat vielleicht ganz leicht mit dem Output langweiliger Journalisten zu tun, für den kaum jemand, zurecht, noch bereit ist auch nur einen Cent hinzulegen. Für mich ist Jung der renitenteste Satiriker Deutschlands, noch vor Böhmermann. Er verfolgt ein ähnliches Konzept, man liefert den Stein des Anstoßes, die Satire liefern andere.

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  4. Chinook schreibt:

    „Das Bewusstsein übers falsche Bewusstsein kommt diesen Leuten vielleicht hin und wieder noch ins Bewusstsein, aber dann begänne ja die Mühe qualitativer inhaltlicher Recherche und Darstellung. Dann doch lieber beim flotten Geplapper bleiben.“

    Aber dieses Geplapper ist ja explizit gewollt, was im Onlinebereich zu einem journalistisch evolutionären Vorteil für Überschriften-HansDampf-Pressemitteilungsverwerter führt. Die Redaktionen wissen nicht wie man Online gestaltet, also wird es als plakative Möglichkeit interpretiert, für das Print/TV-Format Werbung zu machen/Aufmerksamkeit zu generieren. Allerdings darf es den alteingesessenen Redaktionen im eigenen Haus keine Konkurrenz machen. Pfeiffen und das Mehl im Mund behalten sozusagen. Mit Neoliberalismus hat das nichts zu tun, wie gesagt, Geld kann man mit einer mehr plattformübergreifenden Präsenz schon machen. Die Zielgruppen sind nicht verschwunden, aber was will man ihnen eigentlich anbieten?

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  5. dame.von.welt schreibt:

    Mit Neoliberalismus hat das nichts zu tun, wie gesagt, Geld kann man mit einer mehr plattformübergreifenden Präsenz schon machen.

    Hmnuja, mit Neoliberalismus hat die gewinnorientierte Bündelung vieler Medien zu Konzernen wie Springer, Holtzbrinck und Co zu tun. Auch der Umstand, daß Onlinejournalisten in Deutschland wesentlich schlechter bezahlt werden als ihre Holzkollegen – auch gute Onliner bekommen weniger Geld als lausige Printjournalisten.

    Die Online-Auftritte der allermeisten deutschen Medien fällt dementsprechend unter Armenspeisung. Was allein schon deswegen auch wirtschaftlich gaga ist, weil es in absehbarer Zeit keine Holzmedien mehr geben wird und man aber die eigene Zielgruppe an aufgebrezelte Agenturmeldungen gewöhnt.

    Es ist ja nicht so, daß es keine Erfolgsmodelle gäbe: man nehme z.B. den Guardian oder auch die taz – deren Spruch: „wir haben keinen Online-Journalismus, sondern Journalismus online“ trifft den Punkt (unabhängig davon, ob die taz das immer einhält).

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  6. genova68 schreibt:

    Ja, sicher, Chinook, die Medien sparen, die alten Finanzierungsmodelle funktionieren nicht mehr in dem Maß. Aber das erklärt nur zu einem Teil die miese Berichterstattung. Es gibt eine Menge Online-Medien, die ohne viel Geld besser berichten. Es gibt eine analyse und kritik, es gibt eine konkret, es gibt alle möglichen Zeitungen, die einzelne gute Journalisten haben. Ein Harald Schumann beim tagesspiegel berichtet nicht deshalb mit Qualität, weil der Tagesspiegel mehr Geld hat, sondern weil die sich den Mann ideologisch leisten. Der ist übrigens vorher beim Spiegel weggemobbt worden. Das hat wenig mit Geld zu tun. Und das Thema des Artikels, also monatelang nicht zu erwähnen, wer in den USA wählen darf, hat nun überhaupt nichts mit Geld zu tun.

    Es kann aber auch sein, dass der Rezipient kritischer geworden ist. Er hat Infos aus dem Internet und glaubt nicht mehr alles. Vor dem Internet war die Tageszeitung plus Tagesschau die Autorität, man hatte ja auch keine Möglichkeit, das Geschriebene zu überprüfen. Ein Gutteil der schlechten Berichterstattung hat meines Erachtens schon mit neoliberaler Gehirnwäsche zu tun. VWL ist out, man nimmt permanent die Perspektive des Kapitals und des einzelnen Unternehmens ein.

    Oder siehe den aktuellen Artikel hier über die Berichterstattung der FAZ über das österreichische Rentensystem. Diese Journalisten sind ideologisch verseucht.

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