Beampeln und strafen

Im Detail erkennt man das Ganze. So auch, wenn in Berlin-Kreuzberg eine neue Ampel gebaut wird. Und zwar an einer Kreuzung, wo es bislang, ohne Ampel, „oft zu chaotischen Situationen kommt“. Das sagt laut Berliner Zeitung eine „Ampelexpertin“ namens Regina Riemschneider.

Diese Kreuzung (für Insider: Blücherstraße und Brachvogelstraße) ist verkehrstechnisch und soziologisch interessant: Die Vorfahrtstraße ist vierspurig plus zwei Parkreihen plus Radwege, in der Mittel ein im Kreuzungsbereich ausgelassener Grünstreifen, Wohngebiet mit Einzelhandel. Der Verkehr hat in der Tat zugenommen, das Verkehrsgeschehen an dieser Kreuzung könnte man ganz positiv als unorthodox bezeichnen: Man tastet sich auf den Mittelstreifen vor, befindet sich manchmal spontan im Gegenverkehr, ist umsichtig, weil es sonst kracht; mit anderen Worten: man reagiert individuell auf eine Situation.

Das ist in Deutschland naturgemäß nicht erwünscht, das nennt man „chaotisch“. Das ist vermutlich auch die logische Konsequenz in einem Land, das Ampelexperten braucht.

In jeder vernünftigen Stadt würde man das einfach laufen lassen. Vielleicht ein paar Schweller auf der Straße anbringen, das wars. Rom ist voll von solchen Kreuzungen, und zwar mit viel mehr Verkehrsaufkommen. Es läuft dort, man fährt einfach in den Verkehr rein, auch wenn man keine Vorfahrt hat, die anderen bremsen und keinen stört´s. Man verhält sich umsichtig, sozial.

Unmöglich im führeraffinen Deutschland. Wenn gerade kein echter da ist, tut´s auch eine Ampel. Der Fahrer mit der Vorfahrt baut lieber einen Unfall als zu bremsen. Er ist ja im recht. Wobei das meines Erachtens an der besagten Kreuzung nicht so ist. Aber es wird von Ampelexperten  angenommen.

 

Unvergessen auch das Vorgehen in Berlin am Großen Stern, einem Kreisverkehr: Bis vor ein paar Jahren standen dort rund 50 Ampelmasten. Wohlgemerkt in einem Kreisverkehr, der eigentlich dazu da ist, Ampeln zu vermeiden. Das reichte den gemeinen Deutschen nicht, nun stehen dort 100 Masten. Man muss halt unbedingt irgendwas regeln.

Solche Vorgänge sind interessant, weil man daraus auf den zwanghaften Charakter dieser Gesellschaft schließen kann. Es ist nach wie vor nicht ernsthaft beantwortet, warum die faschistische Ideologie ausgerechnet bei den Deutschen so nachhaltig, wie man das heute nennt, fruchtete.

Eine Antwort kann auch ein Blick auf eine Kreuzung geben: Wenn etwas von der angenommenen perfekten Ordnung abweicht, dann ruft das nervöse Verspannungen hervor, den Ruf nach der Obrigkeit, das Verlangen nach Ruhe und Ordnung. Das ist ein generell nachvollziehbares Verhalten, aber in Deutschland kommt der Ruf auf einem extrem niedrigen Niveau. Da müssten sich nur zwei Autos ohne Ampel begegnen, und das deutsche Kollektiv ruft nach der Obrigkeit in Form einer Ampel. Dieses Kollektiv hat abwechselnde Namen: besorgte Bürger, Heimatfreunde, Verkehrsexperten, Nazis, besorgte Mütter, Fahrradhelmfetischisten, Pegida, ADAC, Flügelgrüne, AfD undsoweiterundsofort. Vielleicht zusammenfassend: typische Deutsche.

 

Dazu passt auch, dass man in Berlin seit Jahren eine Jagd auf Radfahrer veranstaltet, die bei einer roten Ampel weiterfahren. Es werden ganze Polizeifahrradstaffeln zusammengestellt, die die Straßen unsicher machen. Gleichzeitig behauptet die Polizei ernsthaft, es gebe zuwenig von ihrer Sorte.

Die rote Ampel und das dynamische Rad: Was in einer alltagskultivierten Gesellschaft ein natürliches Verhalten ist, da man dort abwägt, wie und wann und wo ein allgemeingültiges Gesetz zur Anwendung kommt und wo nicht, wird in diesem Land mit seiner bezeichenden Obrigkeitsgeschichte als ein unbedingt zu sanktionierendes Verhalten angesehen. Es wird ernsthaft so argumentiert, dass dieser Radler auch mit seinem Auto über rot fahren würde, man ihm deshalb auch den Führerschein abnehmen darf. Diese Abweichler müssen mit Zwang zur Räson gebracht werden. Die Mittel sind scheinbar human: Man kümmere sich doch nur um deren Sicherheit, wer kann da schon nein sagen. In Wirklichkeit geht es um das genehmigte Ausleben von Regression. Was ich mir nicht erlaube, darf auch kein anderer tun. Wollte man in Berlin etwas für die Sicherheit von Radfahrern machen, lohnte ein Blick nach Kopenhagen, Amsterdam, Ferrara und Bologna. Aber das wäre zu progressiv, wir wollen doch bitte regressive Zwanghaftler bleiben. Beampeln und strafen.

Es gibt ja mittlerweile Verkehrswissenschaftler, die das Naheliegende politisch fordern: Ampeln als eine Verpflichtung für den motorisierten Verkehr (und nur seinetwegen gibt es die ja) und als eine Empfehlung für alle anderen zu betrachen. Was, wie gesagt, in weniger regressiven Gesellschaften sich von selbst einspielt, wird in Deutschland ohne die Aussicht auf Realisierung verworfen. Die deutsche Antwort auf solches Denken: Polizeifahrradstaffeln. Aber bitte mit Helm.

Shared space ist auch so eine interessante Sache: Der Verkehrsraum wird entteilt, alle bewegen sich dort gleichberechtigt, man nimmt Rücksicht. Shared space wäre so eine Art Versuch, die Fehlentwicklungen im Verkehr der Moderne zu korrigieren. Es ist ein ziemlich gesellschaftspolitischer Ansatz. Es gibt diesbezüglich ein EU-Pilotprojekt, das in Deutschland vermutlich keine Chance auf Realisierung hat. Ein Ansatz für etwas emanzipatorisches, soziales, gemeinsames: no way.

Verkehrswissenschaftler nennen Ansätze wie shared space und die Relativierung von Ampeln ambivalenz-tolerant. Man anerkennt Unterschiede und geht mit ihnen verantwortungsvoll um.

 

Was dazu noch passt: Die Berliner S-Bahn will nun schärfer gegen Raucher auf ihren Bahnsteigen vorgehen, wohlgemerkt auf überirdischen. Ich sehe eine Frau am Ende eines S-Bahnsteigs rauchen. Mutterseelenalleine steht sie da. In der Tat: Das ist eine Gefahr, das ist unerhört, dagegen muss vorgegangen werden. Mit allen Mitteln.

Sowas nennt man im Neoliberalismus vermutlich eine verantwortungsbewusste Gesellschaft. Ablenken davon, dass man realpolitisch nichts mehr im Griff hat und das Kapital macht, was es will. Also etabliert man Ablenkungsmanöver. Wer vom Chef gedemütigt wird, verprügelt einen Flüchtling oder sein Kind. So hat er doch noch etwas im Griff. Der zusammenhang zwischen diesen Polizeistaffeln, der Blücherstraßenkreuzung und der AfD liegt auf der Hand.

fade out
(Fotos: genova 2015)

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4 Antworten zu Beampeln und strafen

  1. dame.von.welt schreibt:

    Es gibt diesbezüglich ein EU-Pilotprojekt, das in Deutschland vermutlich keine Chance auf Realisierung hat. Ein Ansatz für etwas emanzipatorisches, soziales, gemeinsames: no way.

    Dit stümmt nich, die bekannteste deutsche EU-Pilotprojekt-Gemeinde heißt Bohmte, klappt seit 2008 bestens. Im Grunde ist aber jede Spielstraße (trotz des dusseligen Namens) shared space.

    Vor Jahren gab es in der Zeit mal einen Artikel über einen spanischen Autofahrer, der jeden Tag aus irgendeiner Vorstadt in die Innenstadt von Madrid zum Arbeiten fuhr und zwar Jahrzehnte unfallfrei. Der Mann war auf einem Auge blind und hatte auf dem anderen noch soviel Restsicht, daß er hell und dunkel unterscheiden konnte. Im Artikel gab es wunderschöne Formulierungen, z.B. daß die schnellste Strecke von a nach b meistens die Arabeske ist und daß die Deutschen wie die Staatsanwälte fahren…;-)…

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, das Pilotprojekt gibt es in Bohmte, ich meinte aber, dass es bei einem Pilotprojekt darum geht, ob es sich bewährt und dann in der Fläche umgesetzt wird. Das Projekt läuft jetzt offenbar seit acht Jahren: https://de.wikipedia.org/wiki/Shared_Space_in_Bohmte

    Interessant, was wikipedia berichtet:

    Zusätzlich zu den quantifizierbaren sind auch subjektive Veränderungen festzustellen. So berichtet eine Bewohnerin von ihrem Eindruck, die sozialen Bindungen im Ort hätten sich durch das neue Verkehrskonzept verfestigt.

    Durch die Demontage von Schildern und Ampeln besteht zudem eine finanzielle Entlastung der Gemeinde.

    Ich frage mich aber, ob das Schule macht.

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  3. dame.von.welt schreibt:

    Meines Wissens will Bohmte den shared space ausweiten, es fehlt aber derzeit das Geld.

    Schule würde das so oder ähnlich erst dann machen, wenn fließender Verkehr als Gemeinschaftsaufgabe aller daran Beteiligten verstanden würde und nicht als Spielwiese für Egozentriker und Psychopathen.

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  4. genova68 schreibt:

    Schön gesagt.

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