Ein Osterspaziergang und die Inthronisierung des neuen Gottes

Es folgen ein paar Gedankenschnipsel.

Ein Tiermarkt in Athen. Dort wird jedes Tier in seine Einzelteile zerlegt und präsentiert: Köpfe, Nieren, Leber, Herzen, Fell, Kutteln, Augen, Füße, Gallen, Lungen Blut, alles.  Die Händler knoten auch gerne verschiedene Innereien zusammen und verkaufen sie günstig als Packet. Beliebt ist die Kombination Herz, Niere, Leber. Naturgemäß findet man auf dem Markt das Lamm und den Fisch. Über alles wird diskutiert und gefeilscht.

Hier geht es um einen konkreten Umgang miteinander. Es hat jenseits allen Blutes und der ungewohnten Rohheit etwas Angenehmes, denn es geht hier um Handel mit Authentischem, mit Greifbarem. Man sieht, was man bekommt.

Das ist etwas, was im entwickelten Kapitalismus seltener wird. Man ist, gerade ab der gehobenen Mittelklasse, einem propagandistischen Dauerfeuer ausgesetzt, das zwar nicht als Propaganda aufgefasst wird, aber umso nachhaltiger, wie man sagt, wirkt. Das morgendliche Joghurt im Luxushotel erzeugt dann etwas entweltlicht Übersinnliches, was dem ganzen Tag eine besondere Bedeutung gibt. Abends Spa, immer Quellwasser, die neue Einfachheit. Nichts ist ein unter Rentabilitätsdruck erzeugtes Industrieprodukt, sondern alles ist bio und eso freundlich Lächeln. So soll das sein. Man lebt in einer exklusiven Welt, die als die natürlichste überhaupt präsentiert wird. Faszinierend.

Vor ein paar Tagen ließ sich Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums in Davos und ein Vertreter der Stakeholdertheorie, in der Neuen Zürcher Zeitung (22.3., S.16 und online hier) in einem Gastbeitrag darüber aus, dass der Kapitalismus immer geringere Wachstumsraten erzeuge, folglich  „Legitimationsprobleme“ habe und es deshalb den „sozialen Unternehmer“ brauche: Schwab will den vielen Kapitalismuskritikern „ein innovatives privatwirtschaftliches Konzept entgegenhalten“, das „dem Wohlergehen der Stakeholder und damit indirekt der ganzen Gesellschaft dient“. Der Unternehmer habe eine soziale Verantwortung, ja, eine „verstärkte moralische Ausrichtung“ gehöre zum „unternehmerischen Führungskonzept unabdingbar hinzu“.

An einer Stelle lässt Schwab die Katze aus dem Sack. Es gebe zwar unter den Stakeholdern unterschiedliche Interessen, aber

„langfristig vereint alle ein gemeinsames Interesse: die Stärkung des Unternehmens dank Wachstum und gesteigerter Rentabilität. Wenn die Unternehmensführung sich auf dieses Ziel konzentriert, wird jeder Beteiligte letzten Endes seine Wünsche wenn nicht maximal, so doch optimal erfüllt sehen.“

Moral als Pflicht, um die Rentabilität zu steigern. Das Kapital ist in der Tat innovativ.

Schwabs Beitrag ist starker Tobak für den, der lesen kann. Im Klartext schreibt er: Es gibt keinen Staat, es gibt keine Demokratie, es gibt keine Kontrolle, es gibt keine unabhängigen Menschen, es gibt nur noch Unternehmer, genauer: nur noch große Konzerne (die kleineren nimmt Schwab ausdrücklich aus), und noch genauer: Es gibt nur noch Vorstandsmitglieder. Es gibt zwar auch Stakeholder. (Unter diesen Begriff fasst man alle Gruppen, die ein Interesse am Wohlergehen des Konzerns haben. Also nach Schwab schlicht alle Menschen.) Aber die haben nur die Aufgabe, den Vorstandsentscheidungen zuzustimmen. Denn der Vorstand will, dass es dem Konzern gut geht und wenn das der Fall ist, dann geht es allen gut.

Der Vorstand ist Gott.

Es erinnert an das aktuelle „Wir sind das Volk“. Diejenigen, die sich diesem Volk oder diesen Stakeholders nicht zugehörig fühlen, sind bei den rustikalen Pegidas Volksverräter, bei Schwab kommen sie nicht vor. Denn eigentlich profitieren ja alle vom Konzern bzw. von der Volksbewegung, es gibt nur welche, die das nicht erkennen oder erkennen wollen. Während Pegida Feindbilder erzeugt, verhindert Schwab deren Entstehung um den Preis der kompletten Vereinnahmung und Fremdbestimmung.

Schwab dreht die Perspektive einfach um: Alles geht vom Konzern aus. Was gut für den Konzern ist, ist gut für alle. Was schlecht für ihn ist, ist schlecht für alle. Der Konzern nicht nur als Rentabilitätsmaschine, sondern als pseudo-paternalistischer, quasi-religiöser Komplex. Der Konzern ist der Mittelpunkt der Welt, er ist der Allmächtige. Und er hat immer Recht, weil er die Wünsche aller optimal erfüllt.

Der Schwabsche Ansatz ist zwar postnational, aber genauso ausgrenzend: Die einen definieren auf völkischer Grundlage, die anderen auf kapitalistischer. Die einen grenzen aus, was den falschen Teint hat, die anderen, was den natürlichen Absolutismus des apriorisch Guten in Form der Rentabilitätsmaschine namens Konzern in Frage stellt. Der Konzern ist alles, also kann es nichts anderes geben. Der Stakeholderansatz, der immerhin noch anerkennt, dass man den Begriff Gesellschaft buchstabieren kann, kommt da fast schon human daher.

Es ist die komplette Refeudalisierung der Gesellschaft mit rein ökonomischer, bilanztechnischer Ausrichtung, die Kameraden wie Schwab fordern. Dazu moralische Schminke, die man dick aufträgt, wenn die Zeiten härter werden.

Voraussetzung für das Wohlergehen des Konzerns ist „gesteigerte Rentabilität“. Die ist, wie Schwab anmerkt, im „kaltlaufenden Kapitalismus“, wie er das nennt, zwar nicht mehr zu erreichen, er will sie aber trotzdem. Und das mit langfristigen Renditeversprechen und mit Moral. Wie genau das moralische Handeln des Konzernvorstands sich gestaltet, bleibt bewusst unklar. Es funktioniert ja auch nicht.

Schwabs Ziel kann deshalb nichts anderes sein als die totale Kapitalisierung der Welt.

Es ist, so kann man auch sagen, ein dummes Geplapper. Es steckt voller Widersprüche, es ist nicht zu verwirklichen. Was Schwab wirklich will, ist der Vorrang des Profits vor allem anderen, vor allem Sozialen und vor allen Umweltinteressen. Es soll nur anders aussehen. Denn wenn das, was der Konzern macht, im Sinne aller ist, dann kann es auch für das Soziale und die Umwelt nicht negativ sein. Es ist eine Frage der Perspektive.

Steigende Rentabilität und moralisches, soziales Verhalten: man müsste nur ein wenig bei Marx nachlesen. NZZ-Leser tun das naturgemäß nicht.

Der Konzern als das Zentrum, als die totalitäre Gewalt der Gesellschaft, die eigene Ansprüche nur noch vortragen kann, aber der Konzern – genauer wohl: der Vorstand – ist der neue Monarch, der entscheidet. Und der entscheidet natürlich immer für Wachstum und Rentabilität, denn die kommen allen zugute.

Vor diesem Hintergrund ist es fadenscheinig, wenn bürgerliche Medien vor der AfD warnen. Sie sollten zumindest genauso energisch vor den Schwabs dieser Welt warnen, statt ihnen Platz für perverse Meinungsartikel, wie man sagt, freizuräumen. Wer gefährlicher ist, weiß ich nicht. Schwab immerhin lädt Jahr für Jahr die neoliberale Elite dieser Welt nach Davos ein und sie kommt. Schön auch ein Zitat von Schwab über sich selbst:

„Ich sehe mich fast als Künstler.“

Leute, die ökonomisch und machttechnisch alles erreicht haben, wollen Künstler werden. Sie meinen Weltbeherrscher. Das sind vermutlich die gefährlichsten. Schwab bekommt in Deutschland das Bundesverdienstkreuz. So geht das.

Interessant, dass die NZZ, die sich sicher als eine intellektuell anspruchsvolle Zeitung versteht, den Leuten so ein dummes Zeug wie den Schwabschen Artikel vorsetzt. Es ist tiefergehend Menschenverachtung, aber erst einmal eine Beleidigung des Verstandes. Doch das ist in der Mittelklasse der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft der Standard, weil diese Leute nur noch über partiellen Verstand verfügen, analog zum betriebswirtschaftlichen Denken. Das Ganze, die Totalität existiert nicht mehr bzw. nur noch in Form des totalen Konzerns, der als weltliche Totalität sich begreift und begriffen wird. Da hat ein Schwab, der sich vorgeblich übers Ganze Gedanken macht, leichtes Spiel. Es ist Hütchenspielerniveau, nur mit übleren Folgen.

Man könnte jetzt noch auf den Literaturtheoretiker Hans Ulrich Gumbrecht zu sprechen kommen, der in derselben Zeitung zwei Tage später ähnlich krudes Zeug von sich gab, nur offen arroganter. Tenor: „Uns“ geht es so gut wie noch nie, es gibt objektiv keine Probleme mehr, aber wir sind verzagt und kapitalismuskritisch und werden deshalb demnächst von den Flüchtlingsströmen hinweggefegt. Das „Uns“ definiert er als obere Mittelklasse und drüber. Demnächst schreibt vermutlich Sloterdijk einen Gastartikel in der NZZ, wo der AfD huldigen kann.

Man kann den Eindruck bekommen, dass die rechten Intellektuellen ihre Asozialität mittlerweile mehr oder weniger offen präsentieren. Der Pöbel wird entweder verachtet oder nicht wahrgenommen oder als Teil eines gigantischen  Paternalismusprogramms verarscht. Man lebt abgeschottet in gated communities und teuren Hotels.

Aber auch das sind natürlich Realitäten.

(Fotos: genova 2015)

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Eine Antwort zu Ein Osterspaziergang und die Inthronisierung des neuen Gottes

  1. MT schreibt:

    Wunderbar analysiert und zusammengefasst. So sieht’s aus.

    Gefällt 1 Person

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