„…nicht bürgerlich, künstlerisch frei“

Verwirrung im Kopf beinhaltet die Verwirrung um Begriffe. Wenn sich derzeit viele von Flüchtlingen und Brüssel ausgebeutet begreifen, statt die realen Ausbeutungsschemata zu sehen, dann ist das Ausdruck dessen. Solche Leute haben gerne auch merkwürdige Selbsteinschätzungen.

Ein nettes Beispiel sind die Organisatoren der Pegida-Light-Veranstaltung „Wir sind Deutschland“ (WsD) in Plauen. Einer von denen heißt Michael Oheim, er betreibt ein Steakhaus. Name: La Bohème.

Selbsteinschätzung:

Ein Leben auf der Überholspur ist Michael Oheims Devise. Ob im Privatleben als ehemaliger begeisterter Motorradfahrer oder im geschäftlichen Bereich als Inhaber des Restaurants La Bohéme in Plauen, was übersetzt so viel bedeutet wie „nicht bürgerlich, künstlerisch frei“. Das Leben ist für den heute 35-Jährigen eine einzige spannende Herausforderung, die er jeden Tag genießt […] Neue Ideen, neue Inspirationen und neue Vorhaben sind das Salz in der Suppe ihres Lebens. Denn Stillstand ist Rückschritt.

Der Text ist schätzungsweise von einem PR-Heini verfasst und hat mit Herrn Oheim vermutlich nicht viel zu tun. Er ist da ganz systemhörig: In der neoliberalen Gesellschaft muss man alles spannend finden und Herausforderungen toll, Genuss ist Pflicht und Stillstand ist Rückschritt, sei es im Spa oder beim Joga, auf dem Motorrad oder im Biosupermarkt. Es läuft rund auf der Überholspur. Wen überholt er eigentlich?

Real vermittelt das Vogtland wohl er das Gefühl eines Lebens auf der Standspur. Statt sich damit auseinanderzusetzen, erfindet man lieber WsD. Statt sich mit neoliberalen Zumutungen auseinanderzusetzen, die jede Körperfaser bestimmen, verinnerlicht man dieses pervertierte Denken und weicht auf Ersatzfeinde aus.

Bei WsD, deren Mitglieder von sich behaupten, „nicht ganz Pack“ (aber wohl ein bisschen Pack) zu sein, reden solch illustre Leute wie Imre Mészáro, Präsident eines ungarischen Motorrad-Clubs namens Goj:

Überregionale Medien charakterisieren Goj als „antisemitische Motorradgang“. Die ungarische Wikipedia-Seite führt Goj unter der Kategorie Nationaler Radikalismus. Laut Deutschlandfunk wurde vor dem Jüdischen Weltkongress 2013 in Budapest eine geplante Clubfahrt „zu Ehren Adolf Hitlers“ verboten.

Eine andere WsD-Initiatorin, Michaela Oheim, verteidigt den Auftritt so:

„Bei uns sollen alle sagen können, was sie denken.“

Verwirrung total. Rechtsradikalismus ist halb so wild, wir sind doch für Meinungsfreiheit. Wir sind das Volk, inspiriert und mit Salz in der Lebenssuppe.

Nicht bürgerlich und künstlerisch frei: Eigentlich ist das eher Verheißung, der Versuch eines besseren Lebens. Das neue Volk zerfleddert Begriffe. So wie sie Volksverräter an den Galgen hängen wollen und gleichzeitig mehr Demokratie fordern, so sehen sie sich als Bohéme, wenn sie auf der Harley durchs Erzgebirge brausen. Hauptsache irgendwie gegen das Establishment.

Wir sind das Volk und jeder sagt, was er denkt, alles im Namen der antibürgerlichen künstlerischen Freiheit: eine spannende Herausforderung.

(Foto: genova 2015)

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