Kurze Nennung des eigentlichen Problems

In Istanbul leben derzeit rund 300.000 Flüchtlinge aus Syrien. In Sachsen leben derzeit rund 20.000 Flüchtlinge aus Syrien. Wären die Istanbuler genauso scheiße wie die Sachsen, gäbe es dort auch fünfzehnmal so viele Anschläge auf ihre Wohnungen. Gibt es aber nicht.

Die Journalistin Luise Sammann:

„Die Tatsache, dass es in der Türkei trotz weit mehr als zwei Millionen syrischer Flüchtlinge kaum Konflikte gibt, beeindruckt mich jeden Tag. Erst recht in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen selbst alles andere als reich ist.“

Fernab jeder Sozialromantik interessieren hier die Ursachen. Es fiel mir auch bei meinen Italienbesuchen in den letzten 20 Jahren auf, dass dort illegale Schwarze ihre Waren auf den Straßen feilbieten und es wird weitgehend toleriert. In Deutschland undenkbar. Wie überhaupt illegale Einwanderung.

Der deutsche Rassismus hat viel mit deutschem Ordnungsdenken zu tun, vermute ich. Wer querparkt, wo er längsparken soll, ist Volksverräter. Man zahlt in diesem Land ja auch ernsthaft 100 Euro, weil man bei rot über die Ampel radelt. Neu im Vergleich zu früheren Zeiten ist nur die neoliberale Verpackung: Herr genova, bitte denken Sie an Ihre Sicherheit. Danke für den Hinweis. Es wird an solchen Details deutlich, wie nazianfällig dieses Land nach wie vor ist. Da braucht man nicht mal eine AfD.

Vielleicht könnte man auch sagen: Je mehr sich das öffentliche Leben draußen abspielt, desto mehr hat man eine genuin funktionierende soziale Kontrollfunktion und desto mehr ist man fähig, Fremdes in Augenschein zu nehmen. Der Deutsche sitzt bekanntlich nicht vor dem Haus, sondern hinter dem Haus, wo ihn keiner sieht. Straßen sind in der Regel menschenleer (nur Autobahnen sind voll), es sei denn, ein Shopping-Center oder ein Volksfest ist in der Nähe, also etwas Organisiertes. Dann gerne Gedränge.

Das Problem heißt nach wie vor Deutschland. Man sollte – auch angesichts der aktuellen Lobhudelei auf das helle Deutschland – hin und wieder darauf hinweisen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Mahlzeit.

IMG_3064(Foto: genova 2015)

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11 Antworten zu Kurze Nennung des eigentlichen Problems

  1. El_Mocho schreibt:

    “Die Tatsache, dass es in der Türkei trotz weit mehr als zwei Millionen syrischer Flüchtlinge kaum Konflikte gibt, beeindruckt mich jeden Tag. Erst recht in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen selbst alles andere als reich ist.”

    Genau das ist die Erklärung; das ökonomisch/soziale Niveau von Türken und Syrern ist wesentlich ähnlicher als das von Deutschen und Syrern, logisch das es da weniger Konflikte gibt. Hinzu kommen noch die religiösen und kulturellen Gemeinsamkeiten. Sehe keine Notwenidigkeit den Deutschen Rassismus zu unterstellen.

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  2. genova68 schreibt:

    „Genau das ist die Erklärung; das ökonomisch/soziale Niveau von Türken und Syrern ist wesentlich ähnlicher als das von Deutschen und Syrern, logisch das es da weniger Konflikte gibt.“

    Eine etwas einseitige Erklärung. Demnach müssten die ostedeutschen Hartz-IV-Empfänger alle „refugees welcome“ rufen.

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  3. El_Mocho schreibt:

    Nein eben nicht. Ein Sozialsystem wie in Deutschland, um dessen Leistungen Migranten und einheimische Unterklasse konkurrieren, gibt es in der Türkei nicht. Hinzu kommt die kulturelle Differenz.

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  4. genova68 schreibt:

    Ach Gottchen, niemand konkurriert um die sozialen Leistungen. Hartz IV ist am Jahresanfang erhöht worden und du behauptest wohl nicht im Ernst, dass die sozialen Leistungen ohne die Flüchtlinge für Deutsche höher wären. Und wenn die sozialen Leistungen in der Türkei geringer sind: Müsste die Konkurrenz darum nicht erbarmungsloser sein? Nö, bei dir ist zuerst das Vorurteil da, das dann irgendwie gefüttert werden muss.

    Kulturelle Differenz: Da müsste man schon genau argumentieren, denn in der aktuellen Situation geht es darum überhaupt nicht. Die Rechte sucht Differenzen, weil sie Feindbilder braucht. Die Ossi-Wessi-Diskussion war in den 90ern die gleiche, da waren dann die Ossis die kulturell anderen, die gebasht wurden, und umgekehrt. Und wenn statt der aktuellen Flüchtlinge eine Million Polen da wären: Glaubst du ernsthaft, es gäbe keine Diskussionen? Das ist eine der vielen Lügenschienen der AfD: Wenn es Christen wären, wäre alles ok, aber die Moslems.

    Das Problem kannst du runterbrechen bis auf die Ebene Dorf A gegen Nachbardorf B. Wer Feinde sucht, bildet sich welche.

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  5. El_Mocho schreibt:

    „du behauptest wohl nicht im Ernst, dass die sozialen Leistungen ohne die Flüchtlinge für Deutsche höher wären.“

    Nein, aber da sie nicht erhöht werden, werden immer mehr Menschen um den gleichen Topf konkurrieren, was natürlich zu Konflikten führt.

    Man kann halt das Verhalten von Menschen nicht verstehen, solange man an linke, moralische Schablonen wie „Rassismus“ glaubt. Verständlich wird es eigentlich erst, wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen ihre Interessen vertreten und versuchen, sie gegen die Interessen von anderen durchzusetzen. Genau das läuft auch in der Flüchtlingskrise, und wenn man sagt, dass alle Konflikte nur auf den Rassismus und die Böswilligkeit der Deutschen zurückzuführen sind, spricht hlt nur einer Seite die Legitimität ihrer Interessen ab.Was zu den bekannten Reaktionen führt.

    Auf Seiten der Flüchtlinge ist jedenfalls nur kühlste Zweckrationalität zu beobachten; sie gehen aus Polen weg nach Deutschland, weil sie da mehr Geld bekommen.

    Das ganze ist ein klassischer Fall des Gefangenendilemmas. Weil jeder die für ihn persönlich optimale Lösung anstrebt, kommt die für alle optimale Lösung nicht zu stande.

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  6. genova68 schreibt:

    Hartz IV wurde, wie gesagt, erhöht. Und wenn es mehr Sozialhilfeempfänger gibt, wird ja nicht das vorhandene Geld durch die größere Zahl geteilt, sondern es wird insgesamt mehr ausgegeben. Der Topf wird also größer. Du weißt das doch selbst, El Mocho, warum erzählst du sowas?

    „Verständlich wird es eigentlich erst, wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen ihre Interessen vertreten und versuchen, sie gegen die Interessen von anderen durchzusetzen.“

    Das ist ja mal ein lustiges Menschenbild. Erinnert an eine Maschine oder an die feuchten Träume des frühen Corbusier oder eines Hilberseimer. Oder vielleicht auch an Habermas.

    Die Wirklichkeit ist ein bisschen komplizierter. Im neoliberalen System werden Ursachen systematisch verwischt, Interessen sind dann fehlgeleitet. Wenn du einen Feind suchst, nimm die kapitalistischen Verhältnisse, nicht die Flüchtlinge. Alleine schon die Subsumierung unter diesen Begriff ist absurd. Welche Interessen vertreten die Pegida-Leute nochmal, und gegen wen?

    Bei dir frage ich mich eher, woher dein merkwürdiges Menschenbild kommt.

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  7. El_Mocho schreibt:

    „wenn es mehr Sozialhilfeempfänger gibt, wird ja nicht das vorhandene Geld durch die größere Zahl geteilt, sondern es wird insgesamt mehr ausgegeben.“

    Glaubst du das wirklich? früher gab es ja auch mal Arbeitslosengeld, das wesentlich höher war als Hartz-IV, aber das hat man halt gekürzt, als es zu teuer wurde. Das wird man wieder machen, wart´s ab. Genauso wie man den Mindestlohn für Flüchtlinge aufheben wird, um sie leichter in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und dann stellt niemand mehr einen deutschen Arbeitslosen zum Mindestlohn ein. Divide et impera.

    Ich sehe eigentlich niemanden, der einen Vorteil von der Massenzuwanderung hat, außer natürlich der kleinen Minderheit von Flüchtlingen, die es bis nach Deutschland schafft und dem Kapital. Ein Mittel zur nachhaltigen Verbesserung der Verhältnisse in der III. Welt ist das jedenfalls nicht.

    „Im neoliberalen System werden Ursachen systematisch verwischt, Interessen sind dann fehlgeleitet.“ Sprich: du blickst durch und die doofen AfD-Wähler nicht. Alte linke Tradition, den Menschen nicht zuzutrauen, ihre eigenen Interessen zu erkennen. Die werden dir was husten.

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  8. Ex-CDU-Wähler schreibt:

    Sehr guter Kommentar, El_Mocho. Hätte von mir sein können :)

    Ich bin zukünftiger AfD-Wähler (ab 2017) und ganz genauso sieht es aus. Wer AfD wählt, tritt für deutsche Interessen ein. Die Massenzuwanderung nutzt NUR Unternehmen und den Flüchtlingen selbst, denn worin soll bitte der Nutzen für den einfachen, deutschen Arbeiter oder Angestellten liegen? Die Frage sollte man deutlich stellen: Worin?! Sicher nicht in kulturellen Konflikten, Verteilungskämpfen und steigender Kriminalitätsbelastung.

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  9. genova68 schreibt:

    El mocho,
    „“Im neoliberalen System werden Ursachen systematisch verwischt, Interessen sind dann fehlgeleitet.” Sprich: du blickst durch und die doofen AfD-Wähler nicht. Alte linke Tradition, den Menschen nicht zuzutrauen, ihre eigenen Interessen zu erkennen. Die werden dir was husten.“

    Die AfD-Wähler sind in der Tat doof, besser gesagt: dumm und hasserfüllt, sonst würden sie keine neoliberale und rechtsradikale Partei wählen. Das wirst du doch nicht ernsthaft in Abrede stellen, oder? Mich interessiert nur, warum die so sind. Da wird es interessant.

    Diese Leute könnten ihre Interessen erkennen, aber da sind einerseits die Verhältnisse vor und andererseits deren Weigerung, ihren Verstand zu gebrauchen. Die politische Frage wäre, wie man die Verhältnisse ändern kann.

    Schaun wir uns doch mal Sachsen-Anhalt an. Die allermeisten Wähler der AfD wären Leidtragende der neoliberalen Forderungen der AfD. Die Wähler wählten wegen der Flüchtlinge. Und da sieht es so aus: SA hatte Anfang der 1990er 2,8 Mio Einwohner, jetzt sind es 2,2 Mio, Prognose bis 2025: 2 Mio. Das bringt haufenweise infrastrukturelle Probleme, die für die dort noch Wohnenden pro Kopf die Kosten erhöhen. Und jetzt regen sich diese Leute über 41.000 Flüchtlinge in 2015 auf, von denen nur noch 28.000 im Land sind, die anderen sind weitergezogen.

    Deswegen haben die Leute also Angst vor sinkendem Hartz IV etc.? Erzähl keinen Scheiß, el Mocho. Das sind Rassisten, Leute, die Feindbilder brauchen. Das ist dann abwechselnd der Flüchtling, der Moslem, der Pole, der Jude. Die brauchen gute Therapeuten, dann kann man vielleicht noch etwas retten.

    Wie gesagt, man sollte über neoliberale Zumutungen reden, und zwar in Bezug auf die Psyche dieser Leute, die Nazis wählen. Die wollen einen Führer, weil sie ohne den nicht klarkommen.

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  10. heinz schreibt:

    @ El Mocho
    „“Im neoliberalen System werden Ursachen systematisch verwischt, Interessen sind dann fehlgeleitet.” Sprich: du blickst durch und die doofen AfD-Wähler nicht. Alte linke Tradition, den Menschen nicht zuzutrauen, ihre eigenen Interessen zu erkennen. Die werden dir was husten.“

    Dann lies dir mal die Forderungen der AFD durch und erzähl mir, dass die im Interesse der „kleinen Leute“ sind : http://andreaskemper.org/2016/03/12/entwurf-des-afd-grundsatzprogramms/

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  11. Ex-CDU-Wähler schreibt:

    Der offizielle Entwurf(!) ist inzwischen auf der Internetseite der AfD zu lesen. Ich sehe darin ein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft.

    Die tägliche mediale Hetze die AfD nimmt immer groteskere Züge an. Allein „BILD“ saugt sich jeden Tag etwas neues aus den Fingern. Die Angst vor dieser Partei muss Tief setzen. Oder die Schecks der etablierten Parteien sind entsprechend hoch dotiert.

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