Über den Dächern von Rom…

…sieht es so aus:

Eine unterschätzte Landschaft. Die Dächer sind zum größten Teil flache, man kann dort alles mögliche unterbringen: Handyantennen, Wasservorratsbehälter, Container und vor allem Dachterassen. All das, was man mit der deutschen Neurose zum Satteldach nicht machen kann.

093 (2)In den 1920ern war dieses Thema noch offen politisch aufgeladen und wurde auch so kommuniziert: Das Steildach stand für Nazis, das Flachdach für Kommunismus. Es gab um darum politische und publizistische Auseinandersetzungen in einer Schärfe, die heute kaum mehr denkbar ist. Bruno Taut, der im großbürgerlichen Berliner Stadtteil Zehlendorf bei der Planung einer Flachdachsiedlung auf erbitterten, wie man sagt, Widerstand der Deutschnationalen und schlimmerer Gruppen stieß, meinte im Nachhinein, dass diese Auseinandersetzung

„ein Vorläufer dessen [war], was sich 1933 in ganz Deutschland abspielte.“

Flachdach versus Steildach: Diese Setzungen sind heute offiziell verpönt, aber im Prinzip immer noch richtig. Bauen ist Weltanschauung, vom Dach bis zur Badezimmerkachel. Das Satteldach hat sich in großem Stil weiter durchgesetzt, auch nachdem es technisch nicht mehr nötig, also das Dichtungsproblem gelöst war. In den 1960ern gab es, analog zu gesellschaftlichen Entwicklungen, kleine Renaissancen des Flachdachs, vor allem im avancierten Bungalowformat, gerne formal im Sinn eines technokratisch-pragmatischen Strukturalismus eingebettet. Candilis, Josic und Woods oder auch Herman Hertzberger im kleinen. Allerdings erfolgte auch hier eine Entschärfung des Gedankens, analog zur Verharmlosung des Bauhauses in eine rein formale Attitüde.

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Doch selbst das formale, des politisch-ideologischen Inhalts komplett entschärfte Bauhaus wird heute nicht mehr toleriert. Stattdessen ist es in deutschen Neubaugebieten usus, auf zwei Stockwerke noch zwei Dachgeschoße zu setzen. Man sieht auch das Verhältnis EG zu zwei Dachgeschoßen. Leben in der Schräge. Das Steilach dominiert dann auch optisch. Solange dabei eine Doppelhaushälfte noch alleine steht, hat das immerhin den Reiz des ungewollt Skurrilen. Wir ziehen uns in einer neoliberalen Umgebung unters allbeschützende Dach zurück, das zu allem Überfluss mit Solarzellen geschmückt wird. Da kann man immerhin behaupten, man sei auf der Höhe der Zeit. Analog zum Auto unterm Carport, das zeitgemäße Technik beherbert. Jeffrey Herf und sein reactionary modernism lassen grüßen. Es ist Ausdruck der Regression, die als Heimat daherkommt. Aber das ist ja bekannt.

(Fotos: genova 2014, 2016)

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