Foucault, Semper und die schönen Barrikaden

In Berlin fand kürzlich eine Demo mit 4.000 Leuten gegen Gentrifizierung statt, vom autonomen Spektrum bestimmt. In den Nächten davor und danach kam es in Schöneberg und Neukölln zu diversen gentrifizierungskritschen Aktionen: Autos vor teuren Neubauten wurden angezündet, Polizeiautos demoliert, Bankfenster entglast, wie man sagt, Quartiersmanagementbüroscheiben eingeworfen etc.

Mir fällt da ein Zitat von Gottfried Semper aus dem Jahr 1852 ein, Architekt und 1848-er Barrikadenkämpfer:

“Was habe ich denn 48 getan, dass man mich ewig verfolget? Eine einzige Barrikade habe ich gebaut – hat aber standgehalten, weil sie practisch war und weil sie practisch war, war sie schön.”

Praktische und deshalb schöne Barrikaden, um die Gelüste des Kapitals aufzuhalten, eine prima Vision. Nur das Schöne erfüllt seinen Zweck und nur, was seinen Zweck erfüllt, ist schön. Der Zweck kann auch die Zwecklosigkeit sein, aber auch das ist einer. Wir hätten eine Menge neuer schöner Gegenstände in der Stadt, revolutionäre Stadtmöbel sozusagen. Bedenkt man, dass diese Leute auch gut erhaltene Mercedesse aus den 1980er Jahren zerstören, dann wird es kulturelle Barbarei und darüber muss gesprochen werden. Diese Leute könnten also solche Kulturgüter ganzlassen und stattdessen schöne Barrikaden bauen.

Wie das genau funktionieren soll, weiß ich nicht. Aber man sollte daran denken, dass es im vorliegenden Fall von Immobilienverwertung nicht um frei flottierendes Kapital geht, das per Mausklick kaum registrierbar verschoben wird, sondern um Immobilien, um Häuser, um Mauern, um Mörtel, um nicht ignorierbare und ganz solide Materialitäten, von allen erkennbar. Die denen einverleibte kapitalistische Struktur erkennbar und damit angreifbar zu machen, wäre die Aufgabe. Eine Barrikade, die den Zugang zu verkapitalisiertem Wohnraum aufzeigt, gerne noch auf Grundlage von Sempers Bekleidungstheorie.

Besser als Autos anzünden. Das ist spätestens seit den Ereignissen, wie man seit Köln sagt, in der Pariser Banlieue als Dumpfbackenkrawall durch.

Vielleicht kann man auch eine Verbindung zu Foucault herstellen, der schon in den Siebzigern die RAF als überholt kritisierte, da sie den Staat als Schreckensherrscher beschrieben habe, der er nicht mehr sei. Biopolitik funktioniert anders.

Allerdings habe ich da nur Fragezeichen im Kopf. Das Thema Gentrifizierung ist in Berlin ein äußerst interessantes, weil man hier den katastrophalen Geisteszustand, die völlige und durch und durch durchwirkte Perversion dieser Gesellschaft ablesen kann. Die sich immer weiter intensivierende Verwertung des Bodens ist in der durchneoliberalisierten Gesellschaft als ein Naturzustand angekommen, sie wird nicht mehr hinterfragt. Das könnte man auch als Folge einer Biopolitik beschreiben: Die Verwertungslogik wird nicht per Rohrstock und Kerker etabliert, sondern als notwendige und nicht hintergehbare, da auf Naturrecht fußende Logik internalisiert. Es ist so wie es ist, weil es so und nicht anders sein kann. Anders gesagt: Die Thematisierung der Bodenverwertung wäre aus der neoliberalen Perspektive ein Gesellschaftsexperiment, das sich gegen den Naturzustand, i.e. die kapitalistische Verwertung, richtet. Und gegen Gesellschaftsexperimente sind wir mittlerweile immun, eben weil sie sich gegen die Natur richten und somit unnatürlich sind.

Eine pervertierte Gesellschaft sieht sich selbst dem Naturzustand nahe, den sie verteidigen muss.

Man schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen muss über den Naturzustand nicht weiter debattiert werden, man muss ihn zumindest nicht begründen. (Das macht man bei der Schwerkraft ja auch nicht.) Zum anderen ist diese Haltung, die Gesellschaft negiert, anschlussfähig: Ob man über Demografie oder Alterssicherung oder Familienpolitik oder Reproduktionsverhalten oder Intelligenzvererbung oder über sonstwas redet: Alles lässt sich als Naturgesetz darstellen und das wird von rechts mittlerweile massiv thematisiert.

Man könnte nun noch über die inhärente, strukturell notwendige Verlogenheit des rechten Sektors reden: Darüber, dass er Feindbilder braucht und es nur um deren Bedienung geht. Oder darüber, dass über jemand Häme ausgeschüttet wird, nur weil er Drogen nimmt. Rechte sind Arschlöcher. Überall. Wird mir jetzt aber zu kompliziert.

Fade out.

(Foto: genova 2015

 

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