Die misslungenste Hand der Kunstgeschichte und ein Alternativangebot

Wahrscheinlich handelt es sich im Folgenden um eine Hand der guten alten Maria, des meistabgebildeten Models aller Zeiten:

Sie sitzt in einer römischen Kirche, die Santa Maria Maggiore heißt, also nach dem meistabgebildeten Model aller Zeiten benannt ist. Ihr Kleid, ihre Haare, ihr Gesicht, alles scheint ganz gut gearbeitet zu sein, nur ihre rechte Hand nicht. Die linke sieht man ein wenig, auch die sieht nicht gut aus. Die Finger der rechten Hand sind entstellt, erinnern an Vogelfüße. Neben ihrer kaputten Hand zeigt Maria eine ihrer formschönen Brüste, man kann sie also auch als Nacktmodel oder exakter: als Toplessmodel, wie man sagt, bezeichnen.

Die ungemein schöne Brust neben der ungemein hässlichen Hand: Man fragt sich, warum Maria ihre Hand nicht unter dem Gewand versteckt. Sollte hier die Vorzeigbarkeit jener körperlichen Attribute demonstriert werden, die vom Makel befallen sind? Sind wir Zeuge eines fast revolutionären Vorgangs, bei dem Kirchengeschichte auf Kunstgeschichte trifft? Muss der Körper nicht mehr bedeckt werden, darf also auf seine Schönheit wie auf seine Gebrechlichkeit optisch hingewiesen werden?

Und handelt es sich hier um Rheuma, um Arthritis, Rachitis oder um eine andere Krankheit? Ich tippe auf Arthritis im fortgeschrittenen Stadium. Steht über die Mariasche Arthritis etwas in der Bibel? Sind wir darüber informiert?

Zwischen der hässlichen Hand und der schönen Brust: das Kreuz. Mehr Symbolik geht nimmer. Verbindung zwischen Extremen, aber eben Verbindung, keine Abdeckung, kein Verbergen, Verhindern. Christus versöhnt das Schöne mit dem Hässlichen.

Die Kirche, in der diese Maria sitzt, gehört dem Papst und die Skulptur ist eine barocke, das heißt, es war ein vermutlich sehr guter Künstler in einer sehr formbetonten Epoche. Die Verkrüppelung ist demnach kein Zufall, nicht der Unfähigkeit des Künstlers entsprungen.

Bei den Füßen hat sich der Künstler eher an einem Schönheitsideal orientiert, das antik beeinflusst ist:

Wobei man generell mal die Frage stellen sollte, ob Jesus und Mohammed Fußfetischisten waren: das Haar bedecken müssen und barfuß herumlaufen dürfen. Das ist verdächtig.

Ich schlage eine Entrümpelung vor. Ein paar hundert Meter neben der kaputten Maria findet man eine Hand, die keiner beachtet, aber in ihrer Abstraktion gelungen ist. Die Finger haben etwas schlangenartiges und man kann sich, konzentriert man sich beim Betrachten ein wenig, ganz gut sinnvolle, gummihafte, vielleicht ein wenig slimeartige Fingerbewegungen vorstellen.

Die Preisschilder sollten uns nicht irritieren. Eine im Spätkapitalismus ausgestellte Hand ohne Preisschild wäre die Sensation.

(Fotos: genova 2016)

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Eine Antwort zu Die misslungenste Hand der Kunstgeschichte und ein Alternativangebot

  1. altautonomer schreibt:

    „Bei den Füßen hat sich der Künstler eher an einem Schönheitsideal orientiert,“ Na ja. Während der große Zeh noch eine normale entspannte Streckung aufweist, handelt es sich bei den drei mittleren offensichtlich um Hammerzehen als Ergebnis eines Hohlfußes, der aus der Verkürzung der Strecksehnen resultiert.

    Gefällt 1 Person

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