„Leider nicht abreißen“

Ein etwa zwölfjähriges Mädchen schaut schaut aus dem S-Bahnfenster, sieht das Gebäude auf dem Foto links und sagt ohne weiteren Anlass zu ihrer Mutter:

„Ich hasse dieses Hochhaus. Und man kann es leider nicht abreißen, weil es mitten in der Stadt steht.“

Die Mutter erklärt ihrer Tochter dann gestenreich, dass man es doch abreißen könne – mit Sprengstoff und so, dass es geplant in sich zusammenfällt.

Es handelt sich um ein knapp 120 Meter hohes Hochhaus in Berlin-Steglitz, ein skandalumwittertes, wie man sagt, wie in der Stadt unbeliebtes Areal. Oben bis 2007 Büros, im Sockelgeschoss Läden und ein Busbahnhof. Der Kreisel ist ein typisches Kind der 1960er und 1970 er Jahre, als man noch in großem Maßstab plante und in Zusammenhängen dachte. Der Turm ist ein markanter Eye-Catcher, ähnlich dem Tour de Montparnasse in Paris (lustigerweise an ganz ähnlicher Stelle in der Stadt angesiedelt).

Der Bau des Kreisels zog sich ewig hin, die Baukosten stiegen, der Bauunternehmer ging pleite, das volle Berliner Programm. Allerdings betrugen die Baukosten laut wikipedia nach heutigen Maßstäben, also inflationsbereinigt, gerade mal 356 Millionen Euro. Das war zwar eine Verdopplung der geplanten Kosten, relativiert sich aber doch arg, wenn sich beispielsweise anschaut, dass die aktuelle Renovierung (!) der Staatsoper unter den Linden mittlerweile bei einer knappen halben Milliarde Euro angekommen ist.

Der Steglitzer Kreisel ist schon lange das Hassobjekt des piefigen Berliner Klein- und Groß- und sonstwas Bürgertums. Wer etwas auf sich hält, sucht sich möglichst markige Worte gegen den Turm, über den ich mich jedesmal freue, wenn ich an ihm vorbeifahre. Man könnte daraus einiges machen: preiswerten Wohnraum mit Experimentiercharakter, zum Beispiel. Dummerweise ist das Teil asbestverseucht, aber das muss sowieso irgendwann geregelt werden. Sanierungskosten: 31 Millionen Euro. Leerstandskosten für das Land Berlin: 700.000 Euro jährlich.

Wir haben hier 30 ungenutzte Stockwerke in einem Gebäude, das Mies von der Rohe ganz gut kopiert, wegen der möglichen durch die Ecken der Vorhangfassade transparent und leicht wirkt, sich angenehm von der überschätzten Vorkriegsarchitektur drumherum abhebt, als Ensemble einen Ankerpunkt im Stadtbild darstellt, an eine Zeit erinnert, in der man nach vorne dachte in einer Stadt, in der Wohnraum fehlt. Eigentümer des Turms ist das Land Berlin.

Die positive Einschätzung des Kreisels begründet sich also schon damit, dass er heute negativ konnotiert ist. Eine konstruktive Auseinandersetzung um eine künftige Nutzung könnten auch an den Vorurteilen über diese Architektur rütteln. Vielleicht sogar bei einer Zwölfjährigen.

(Foto: Berliner Filz)

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