Die Überflüssigen in den Vororten von Rom

Läuft man mit offenen Augen durch Rom, fallen einem an den vielen Rollläden, die abendlich vor den Schaufenstern des Einzelhandels und der Werkstätten heruntergelassen werden, unzählige Aufkleber auf:

SERRANDE steht auf diesen Aufklebern, das heißt Rollladen. Eine große Zahl von Dienstleistern bietet offenbar Dienste rund um den Rolladen an: Installation, Reparatur, Motorisierung, Auswechslung, passende Sicherheitsschlösser, gerne im 24-Stunden-Service. Dazu kommen Angebote von Umzugshelfern.

Die Stadt, zumindest die jenseits der Open-Air-Museen centro storico und forum romanum, ist übersät davon.

Es ist eine eindrucksvolle Anschauung der Überflüssigen. Während hierzulande alle vom Fachkräftemangel schwadronieren, ist es weltweit und natürlich auch hierzulande so, dass immer mehr Menschen für den Produktionsprozess nicht mehr gebraucht werden. Dass die im Dienstleistungssektor eingesetzt werden, ist nicht mehr als ein frommer Wunsch. Theoretisch vielleicht, in Altenheimen, in der individuellen Verpflegung von Menschen. Doch die werden nur verpflegt, wenn sie Geld haben. Sie werden es in großen Teilen nicht mehr haben, also bleiben sie ungepflegt, während das Heer von Arbeitslosen, wie man sagt, wächst.

Oder man schaue sich schon heute Berliner Cafés und Kneipen an: Selbstbedienung ist Realität, überforderte Kellner auch. Der Kuchen kommt eine halbe Stunde nach dem Cappuccino.

Übrigens im Gegensatz zu Rom, wo man komplett und gleich von mehreren Menschen bedient wird. Die grunddeutsche Dummheit ist auch an solchen Kleinigkeiten spürbar. Der schauspielerisch geniale Josef Hader sagte kürzlich dazu:

„Statt uns im Café bedienen zu lassen, stellen wir uns an der Theke an, machen die Arbeit des Kellners mit und zahlen genau so viel. Als Dank dafür verschiebt der Unternehmer seine Gewinne dorthin, wo er keine Steuern zahlen muss.“

Hader kommt in dem Interview noch auf die Flüchtlinge zu sprechen und fordert, dass die Asi-Staaten im Osten, die keine aufnehmen, „Folgen zu spüren bekommen sollten“, was sicher richtig ist. Aber genau so wichtig wäre die Verbindung von Solidarität mit Geflüchteten mit einem massiven Vorgehen gegen neoliberale Politik. Das eine ohne das andere ist fast schon verantwortlungslos.

Der reale Kapitalismus produziert den Überfluss und die Überflüssigen. Ersteres, weil er die in ihrer Produktivität sich immer weiter steigernden Produktivkräfte nutzen muss, ohne gesellschaftliche Belange („Was wollen wir?“) berücksichtigen zu können, und zweites, weil diese Produktivkräfte deshalb nicht nötig sind. Dass die Überflüssigen als Konsumenten nötig wären und es deshalb auch aus kapitalistischer Perspektive sinnvoll wäre, die Arbeitsprozesse anders zu gestalten: Das ist das große Thema, das fasziniert. Die Selbstzerstörung des Kapitalismus, der zuvor die Welt zerstört. Die reale Ausschaltung eines jeden gesellschaftsbezogenen Denkens, die freudige Begrüßung der Barbarei.

Ich hätte nichts dagegen, könnte man Keynes langfristig umsetzen. Theoretisch funktioniert das ja, entgegen der geschichtsphilosophischen Klugscheißerei von Marx. In der Praxis jedoch scheint letzterer recht zu behalten.

(Fotos: genova 2016)

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