Kunst oder Architektur

Der Architekt Arno Brandlhuber im Gespräch mit dem Tagesspiegel:

Ist gute Architektur mitunter Kunst?

Nie. Weil die Produktionsbedingungen andere sind. Weil es einen Auftraggeber gibt, weil der Nutzwert viel stärker zählt als der Erkenntniswert. Im besten Fall ist Kunst dem Erkenntniswert geschuldet.

That´s it. So wie O. M. Ungers aus einem vor kurzem hier erschienenen Blogartikel so gerne Künstler geworden wäre – Baukünstler nennt man das dann -, so gibt es zuviele, die ihren Beruf vermutlich hassen und gerne in vermeintlich hochwertigere Sphären entgleiten wollen. Man sollte den Kunstbegriff ernstnehmen und anderen überlassen. Mal abgesehen von solch skurrilen Begriffen wie Unterhaltungs-, Arzt- oder Verwandlungskünstler.

Was durchaus bedeutet, dass Architektur einen künstlerischen Aspekt hat, vielleicht so gemeint, wie das Brandlhuber mit Erkenntniswert ausdrückt. Was auch immer Kunst ist, Definitionen gibt es viele: Eine Bedingung von Kunst sollte ihre unmittelbare Zweckfreiheit sein. Das kann Architektur nicht bedienen, weil ein Gebäude notwendigerweise funktionieren muss, sei es in der Existenz von Türen, durch die man tatsächlich ins Gebäude reinkommt, sei es durch eine Statik, die real dafür sorgt, dass einem nicht die Decke auf den Kopf fällt. Gute architektonische Kunst kann nur funktional sein, muss in Beziehung zur Aufgabe des Gebäudes stehen, alles andere ist drangepapptes Ornament, damit´s irgendwie schön aussieht.

Und wenn schon Kunst als ein Aspekt architektonischen Tuns: Der künstlerische Aspekt muss sich von innen heraus entwickeln, sei es via Material, via Raumgefüge, via Atmosphäre, via Lichteinfall, vielleicht noch via Kontext als imaginierter. Zumthor ist so einer, Brandlhuber würde ich materialmäßig fast schon als aktualisierten Zumthor betrachten, wenn ich mir sein Haus in der Berliner Brunnenstraße oder die Antivilla bei Potsdam anschaue.

Kunst ist dem Erkenntniswert geschuldet. Wenn man das geschuldet sein mit Aufgabe übersetzt, könnte Architektur doch mal Kunst sein.

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12 Antworten zu Kunst oder Architektur

  1. hANNES wURST schreibt:

    Was hat Erkenntniswert mit Kunst zu tun? Er meint wohl allgemein Vermittlung, na ja. Aber dass Nutzen ein Antiaspekt für Kunst sein soll ist totaler Humbug – das würde ja zum Beispiel Sakralbauten – auch Zumthors fantastischer Kapelle in der Eifel – den Kunstcharakter absprechen, dabei sind gerade diese Kunstschätze obwohl sie im Auftrag und für einen Zweck erbaut wurden. Du relativierst es etwas, aber Brandelhubers Aussage ist schlicht nonsense – oder sagen wir mal: eine sehr eingeengte Sichtweise.

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  2. genova68 schreibt:

    Alles hat einen Erkenntniswert, so auch Kunst. Wie auch immer man das definiert, aber in Kunst sollte sowas wie Erkenntnis, wie Wahrheit, aufschimmern. Die Frage ist, wie der Wert entsteht und worin er besteht. Sakralbauten sind ein Zwitter, weil ihre Funktion eine eingeschränkte ist. Das Raumgefühl alter Kirchen musste nicht auf Energieverordnungen, Fluchtwege oder Finanzen Rücksicht nehmen. Zumthors Kapelle ist radikale Architektur, weil dort fast überhauptkeine Nutzungsbedingungen vorgegeben sind. Das ist ein Zwitter aus Architektur und reinem Kunstgegenstand. Insofern geht die schon Richtung Kunst als zweckfreie, aber das ist eben in Sachen Architektur eine Ausnahme. Architektur ist zu 99 Prozent eine massiv zweckbestimmte. Soll etwas einen praktischen Nutzen haben, wird es schwierig mit der Kunst.

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  3. dame.von.welt schreibt:

    Architektur ist vor allem eine vorschriften- und bauherrenbestimmte Gestaltungsform, in der der Architekt meist zum ausführenden Deppen degradiert wird. Schlimmer Beruf, arme Architekten!

    Den grundsätzlichen Ausschluß von Architektur und jeder anderen angewandten Kunst aus der Kunst halte ich trotzdem für Unsinn.

    Erstens wird freie Kunst auch ständig benutzt, reicht vom (Dank Kunstausübung) Nicht-Verrücktwerden von Künstlern über Kunst als Anlagevermögen, als Dekorationsfläche, abgestimmt auf das darunterstehende Sofa, Kunst in Form von Denk- und Mahnmalen bis zur religiös anmutenden persönlichen Erbauung als Anspruch an Kunstwerke. Alles absolut zweckdienlich, trotzdem werden die dazugehörigen Werke mühelos unter Kunst rubrifiziert. Oder man denke an Orchestermusiker, die ihr liebes langes Arbeitsleben nichts anderes tun, als die festgeschriebene Vorgabe eines Komponisten unter der Oberheeresleitung eines Dirigenten als 15. Geige wiederzukäuen, ohne den leisesten Hauch eines Gestaltungsspielraums. Trotzdem werden solche Reproduktionshandwerker selbstverständlich als Künstler betrachtet.

    Während es zweitens reichlich angewandte Kunst aller Art gibt, deren Erstellung nicht nur den ganz gleichen Prozess wie in der freien Kunst durchlaufen hat, sondern durchaus auch Erkenntnis, Wahrheit aufschimmern läßt, das Leben verändert (und zwar das von Künstlern wie von Kunstbenutzern) und außerdem noch Gebrauchswert hat. Nutzbarkeit in ein Kunstwerk zu integrieren oder (besser) aus Material und Nutzbarkeit ein Kunstwerk zu machen, erscheint mir als u.U. anspruchsvoller an den Künstler. Anspruchsvoller jedenfalls, als die nächste zweckfreie Kreiserei um den nächsten Künstlerbauchnabel (oder etwas tiefer) abzuliefern, die sonst null erkennbares Anliegen hat und rein gar nichts so-noch-nie-Gesehenes zeigt.

    Diese Enge im Kunstbegriff existiert exklusiv in Westdeutschland. Vor der Wende im Osten teilten freie und angewandte Künstler die gleichen Hochschulen und das gleiche Grundstudium und sie wurden gleichberechtigt und zu tw. gesalzenen Preisen in den gleichen Galerien vermarktet. Die kläglichen Reste davon kann man in Weißensee und in Halle besichtigen, schade drum.
    Im europäischen, us-amerikanischen, asiatischen Ausland fallen gute Arbeiten angewandter Künstler völlig selbstverständlich unter Kunst. Es gibt sogar lebende Denkmäler, mit einer Popularität, wie sie hier Fußballstars haben.

    Und: Kunstbegriffe ändern sich, sie unterliegen Moden. Z.B. zu Zeiten der holländischen Meister war Malerei reines Handwerk, mit Innung, Werkstatt, Meister, Gesellen, Lehrlingen. Heute machen die Leute ihre Ahs und Ohs vor der künstlerischen Aura eines Vermeer, zu dem Vermeer primär seine Signatur beigetragen hat.

    Es gibt gute und schlechte Kunst, fertig. Völlig egal, ob frei oder angewandt. Analog zu dem, was Louis Armstrong über E- und U-Musik sagte. Jede Menge Gebrauchsmusik fällt heute unter E, während sie in ihrer Entstehungszeit nur unterhalten und das Rülpsen und Furzen an einer Tafel zivilisieren sollte.

    Danke für das ansonsten tolle Brandlhuber-Interview, hab‘ ich sehr gern gelesen.

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Nur eines möchte ich ankritteln, die Aussage „Es gibt gute und schlechte Kunst, fertig.“ Man kann vielleicht sagen, dass es Kunstwerke gibt, die das transportieren, was der Künstler transportieren wollte und andere, die darin scheitern. Selbst das ist kaum objektivierbar. Aber die Pauschalen „gut“ und „schlecht“ passen hier einfach nicht.

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  5. genova68 schreibt:

    Über den Kunstbegriff kann man lange reden, es gibt bekanntlich viele Theorien und Ideen dazu. Ich halte es schon damit, dass Kunst möglichst zweckfrei sein sollte und die Vermittlung nur sekundär. Der Gebrauchswert ist etwas, das bei Kunst schlichtweg keine Rolle spielen darf. Man nenne das dann Kunsthandwerk, dann ist alles in Ordnung. Ansonsten sollte es bei Kunstbetrachtung um das konkrete Kunstwerk gehen: Was scheint da auf? Wirkt es nach vorne?

    „Soweit von Kunstwerken eine gesellschaftliche Funktion sich präzidieren lässt, ist es ihre Funktionslosigkeit“, sagt Adorno. Und er sagt, dass Kunst einen Widerspruch zur Gesellschaft eröffnen sollte, über das Gegenwärtige hinausgehen sollte und schließlich die Autonomie von Kunst, von moderner, aktuelle Kunst, wohlgemerkt. Da wird es schwierig mit dem Zweck.

    Adorno hat, nebenbei gesagt, das Problem, dass er den Aspekt der Lust oder des groove im Kunstwerk nicht bedenkt, das ist in der Tat ein großes Übel seiner Theorie, aber das ist hier nicht entscheidend.

    Aber es ist sicher in Ordnung, und das vermutlich komplett gegen Adorno, bei Design diese Zwitterfunktion auszumachen. Das Design einer Tasse kann einen künstlerischen Aspekt haben, das heißt, das ist das, was an der Tasse nichts mehr mit der Funktion zu tun hat. Wenn das gelingt: schön.

    Bei Architektur kann das, wie gesagt, durchaus der Fall sein. Mir fällt nur allzuoft auf, dass den Architekten seine eigentliche Aufgabe nicht mehr interessiert.

    Aber letztlich ist das alles eine Frage der Definition des Kunstbegriffs. Adorno ist da sehr strikt. Nur gute Kunst hat den Namen verdient, alles andere ist etwas anderes.

    Kunst als Anlagevermögen, als Dekorationsfläche, abgestimmt auf das darunterstehende Sofa, Kunst in Form von Denk- und Mahnmalen bis zur religiös anmutenden persönlichen Erbauung als Anspruch an Kunstwerke. Alles absolut zweckdienlich, trotzdem werden die dazugehörigen Werke mühelos unter Kunst rubrifiziert.

    Mir ging es gerade um die Frage, ob man Kunst rubrifizieren sollte. Und es ist für das Werk egal, ob es zum Sofa passt. Wenn die 15. Geige keinen Gesaltungsspielraum hat, dann ist sie natürlich keine Kunst. (Hat sie aber.)

    Nutzbarkeit in ein Kunstwerk zu integrieren oder (besser) aus Material und Nutzbarkeit ein Kunstwerk zu machen, erscheint mir als u.U. anspruchsvoller an den Künstler.

    Anspruchsvoll vielleicht, aber nicht künstlerisch, eher kunsthandwerklich.

    Enge im Kunstbegriff: Ist in Ordnung, das Problem ist doch heute vielmehr, dass jeder Künstler sein will. Bitte nicht. Gerade in Berlin ist die Szene riesengroß: Leute, die unbedingt eine Ausstellung kuratieren wollen, weil das gut in den CV passt, sogenannte Künstler, die unbedingt da an der Wand hängen wollen, Reflektion über das Werk bleibt aus, es ist Teil einer Gesellschaft, einer Szene, die gerne mit Intellektuellen sich verwebt. Es ist alles ein unerträgliches Gewese, das meist nur dem Besäufnis dient.

    So gesehen finde ich es ziemlich sinnvoll, den Kunstbegriff engzuführen.

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  6. dame.von.welt schreibt:

    Enge im Kunstbegriff führte u.a. dazu, daß Gunter Demnigs Stolpersteine als „Hinweisschilder“ bewertet werden (und (zunächst sogar rückwirkend) versteuert werden müssen) und nicht als die größte politische Kunstinstallation unserer Zeit.

    Ich unterscheide fein zwischen denjenigen, die irgendwie wie Künstler leben wollen, worunter ein großer Teil der internationalen Hipstergemeinde in Berlin und anderswo fällt (Voraussetzung: Überweisung von Papa oder sonstwie Geld) und denjenigen, die fleißig arbeiten und Dinge so machen, daß sie von ihnen besser nicht gemacht werden können (wenigstens nicht im Moment). ‚Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit.‘

    Was Adorno zu Kunst zu sagen hatte, ist mir ehrlich gesagt ziemlich wurscht, weswegen ich das weder weiß noch unbedingt wissen will. Ich persönlich halte Lust und (Vorsicht, verbotenes Wort) Schönheit in der Kunst sowieso für unterschätzt. Der Primärreiz erleichtert es Rezipienten ungemein, sich für die Intention des Künstlers überhaupt zu interessieren. Werden Rezipienten von Kunst nicht berührt (<-wertfrei, Berührung geht auch durch Schock, Häßlichkeit usw.), handelt es sich entweder um stumpfe Rezipienten oder um schlechte Kunst.

    Kunst ist das, was ein Künstler tut, mit der Absicht, ein Kunstwerk zu erschaffen.
    Die Definition Kunst ja/nein liegt beim Künstler, bei niemandem sonst. Ob Kunst gut/schlecht, aufregend/langweilig, schön/häßlich, wichtig/unwichtig ist, darüber kann und soll man sich dann ja endlos streiten. (<-das auch @hANNES wURST) Wenn Künstler irgendetwas nur deswegen wollen, damit es ihren CV ziert oder sonstwie ihren Ruhm mehrt, handelt es sich wahrscheinlich eher um Karrieristen und um Wunst, nein?

    "Mir fällt nur allzuoft auf, dass den Architekten seine eigentliche Aufgabe nicht mehr interessiert.

    Ja, das gilt auch für Maler, Zeichner, Bildhauer, ich-mach-was-mit-Medien-Künstler etc.pp und nicht zuletzt auch für Kunsthistoriker und Journalisten, die sich zum Kunstkritiker berufen fühlen und nichts anderes tun, als Zuarbeit für den Kunstmarkt zu leisten. Kunst und Kunstmarkt werden nicht nur im Feuilleton, sondern auch in Museen gern verwechselt, nicht selten gleichgesetzt.

    Die 15. Geige in einem Symphonieorchester hat nicht mal den Gestaltungsspielraum, gut oder schlecht zu spielen, weil: bei schlecht ist sie schnellstens ihren Job los. Soundsovielte Geige ist Handwerk, auf mitunter extrem hohem Niveau, etwas besser sieht das mit dem Gestaltungsspielraum für Solisten aus. Mit einem engen Kunstbegriff fallen aber nur die Musiker unter Künstler, die eigene Kompositionen spielen und sie jedes Mal neu improvisieren.

    Jede Kunst hat in irgendeiner Weise °auch° mit Handwerk zu tun. Mir fällt jedenfalls keine ein, die ohne Können, ohne vorangegangenes Üben und ständiges Scheitern und ohne umfassende Kenntnis des gewählten Werkstoffs/Instruments auskommen würde. Insofern müßte eigentlich jede Kunst Kunsthandwerk genannt werden.

    Sie glauben: „Aber es ist sicher in Ordnung, und das vermutlich komplett gegen Adorno, bei Design diese Zwitterfunktion auszumachen. Das Design einer Tasse kann einen künstlerischen Aspekt haben, das heißt, das ist das, was an der Tasse nichts mehr mit der Funktion zu tun hat. Wenn das gelingt: schön.

    Was an einer Tasse nichts mit der Funktion (heiße Flüssigkeit beinhalten und sie mit Anstand daraus trinken können) zu tun hat, nennt man gemeinhin Dekoration. Manche nennen das auch Verbrechen. Der Beruf des Designers zielt auf möglichst häufige Reproduktion seines einen Tassenentwurfs ab. Während ein guter Töpfer jedes Mal die Form neu erfindet – tut er das nicht und dreht stumpf Serien, fälscht er sich selbst. Der Unterschied zwischen einem sehr guten und einem nicht so guten Gefäß ist nicht mit dem Zollstock zu messen. Und wer mißt, dem soll man mißtrauen.

    Bevor mir jetzt aber gleich das goldene Allgemeinplätzchen am Bande verliehen wird, schleiche ich mich lieber…;-)…

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  7. genova68 schreibt:

    Politik und Kunst, das ist ja eh so eine Sache. Der Hinweis auf die Stopersteine ist interessant, aber muss das denn unbedingt Kunst sein? Sind die Stolpersteine denn nicht auf ihre Art wertvoll, ohne Kunst zu sein? Kann denn ein gutes Sachbuch nicht ungemein wertvoll und gut geschrieben sein, das einem neue Ausblicke und Einblicke ermöglicht, ohne dass das Kunst ist?

    Oder ist das doch Kunst? Ich weiß es nicht.

    Lust halte ich in der Kunst auch für unterschätzt, Schönheit ist doch egal, oder? Was ist schön? Sie sagen ja selbst, dass auch Hässlichkeit einen Reiz auslösen kann. Es geht wohl mehr um Affirmation. Kunst sollte zur Beschäftigung anregen, in welcher Weise auch immer. Es sollte darin etwas aufscheinen, was das Reale transzendiert.

    Wenn ich mir meine Bilder hier anschaue, dann ist es mir zumindest egal, ob da ein Betrachter etwas empfindet. Ich tue das, das muss als Maßstab reichen. Wenn ich mir überlege, wie das ankommen könnte, habe ich schon verloren. Schön ist es natürlich, wenn etwas rüberkommt.

    Primärreiz ist aber im künstlerischen Zusammenhang ein wirklich unangenehmes Wort. Dann können wir auch über alle künstlerische Darbietung reden, die nach einem Blick oder zwei Takten gut reinläuft. Das ist dann auf Atombusenlevel.

    15. Geige ist vielleicht wirklich nur Handwerk, kann sein.

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  8. hANNES wURST schreibt:

    Um diese Diskussion abzuschließen, empfehle ich aus meinem Wörterbuch: https://hanneswurst.wordpress.com/2012/01/19/wursts-philosophisches-worterbuch-kunst/

    Adorno zum Thema Ästhetik bitte vergessen. Am besten Adorno ganz vergessen.

    „das goldene Allgemeinplätzchen am Bande“ – gar nicht mal schlecht.

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  9. dame.von.welt schreibt:

    Ein Gespräch mit Arno Brandlhuber im dradio: Das Wohnzimmer war gestern

    Das Wohnzimmer ist auch nicht mehr, was es einmal war: In immer mehr Wohnungen verfließt es mit der Küche, oder das Arbeitszimmer löst sich darin auf, wenn es auch noch Schreibtisch und Aktenordner integrieren muss. Der Architekt Arno Brandlhuber geht aber noch einen Schritt weiter: In seinem eigenen Haus, hat er sich eine Sauna in den Wohnraum gestellt. Das Wohnzimmer, wie wir es kennen, gehört damit der Vergangenheit an.

    Ob und warum das Ende des Wohnzimmer gekommen ist, darüber haben wir mit Arno Brandlhuber gesprochen.

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  10. genova68 schreibt:

    Danke dafür. Ich habe mir das Interview nicht angehört, aber den Vorspann gelesen. Das Wohnzimmer war früher die gute Stube, die man nur an Festtagen betrat, das hatte vermutlich der Adel vorgelebt, vom Bürgertum nachgemacht, später auch vom Kleinbürgertum. Dann kam das Wohnzimmer als täglicher Aufenthaltsort, aber vorzugsweise abends, mit dem TV, und sonntags mit gutem Geschirr. Mittlerweile ist das Wohnzimmer Teil der Alltagskultur, verschmolzen mit Küche, auch Essraum.

    Es ist zweischneidig: Das Wohnzimmer muss nun auch den Arbeitsraum integrieren. Schön für die wenigen Freiberufler, die ihren Job als Berufung sehen, für Brandlhuber vielleicht, schlecht für die Masse an prekären Tagelöhnern. Die Nichttrennung von Arbeit und Freizeit ist nur für die ein Fortschritt, die von der Arbeit keine Pause brauchen. (Wobei mir persönlich die Trennung von Arbeitsraum und Wohnraum auch gegen den Strich geht. Nichts ist künstlicher als ein Arbeitszimmer, bei dessen Betreten man offenbar in Arbeitsstimmung gebracht werden soll.)

    Und das andere ist die Fläzerei, die sich längst von jener eines Jean Prouvé entfernt hat und mehr mit Lieferpizza auf dem Sofa vorm TV zu tun hat. Bürgerliche Haltung kann auch von Vorteil sein. Aber ich finde ja auch Kapuzenpullis scheiße. Wie kann man sich nur so kleiden?

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  11. dame.von.welt schreibt:

    Das Wohnzimmer war früher die gute Stube, die man nur an Festtagen betrat, das hatte vermutlich der Adel vorgelebt, vom Bürgertum nachgemacht, später auch vom Kleinbürgertum. Dann kam das Wohnzimmer als täglicher Aufenthaltsort, aber vorzugsweise abends, mit dem TV, und sonntags mit gutem Geschirr. Mittlerweile ist das Wohnzimmer Teil der Alltagskultur, verschmolzen mit Küche, auch Essraum.

    Dem Adel nachgemacht war die gute Stube zur Repräsentation. In guten Stuben wurde ja nicht selbst gewohnt, sondern sie wurden an hohen Sonn- und Feiertagen mit Besuch betreten und mit Mobiliar, Porzellan, Tischwäsche usw. nach Kräften angegeben.

    Interessant, die Wirkung des Fernsehers auf gute Stuben und Kommunikationen zu betrachten: aus der Runde am Eß- oder Couchtisch wurde der Halbkreis vor dem Fernseher (anders übrigens in allen mir bekannten englischen Haushalten, da scheint es den Halbkreis traditionell zu geben, nämlich vor dem Kamin, abgelöst/ergänzt durch die Glotze).

    Dann gab’s mehr Glotzen in mehr Zimmern (und überhaupt mehr Bildschirme überall), mehr Vereinzelungen und weniger gemeinsame Mahlzeiten in Familien, kleinere Familien, mehr Singlehaushalte und zunehmend mehr „prekäre Tagelöhner„, die keinen Arbeitsplatz mehr zum Hingehen, sondern einen Teil ihrer Wohnung dafür zur Verfügung zu stellen haben.

    Repräsentation in den eigenen vier Wänden findet inzwischen wieder nur bei Reichen statt.

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  12. genova68 schreibt:

    Bei den Reichen, ja, möglich. Wobei die Repräsentation mittlerweile vermehrt über Küchen läuft: 20.000-Euroküchen, in denen man nie kocht, sind en vogue. Die Werbebilder dafür faszinieren mich seit Jahren: harmonische, extrem gutaussehende Paar in frisch gebügelten Hemden und mit Sixpack stehen umringt von frischen Zutaten vor ihrer Kochinsel und sind völlig entspannte Experten, gerade beim Kochen, aber vermutlich bei allem, natürlich immer mit Neugier im Blick. Er hat schon etwas faschistisches, der postmoderne Übermensch.

    Der ist natürlich abgehoben, real nicht erreichbar, mit frischen Lebensmitteln, macht irgendwas selbst, ist scheinbar von kapitalistischen Verwertungszusammenhängen befreit, tut sich bewusst etwas Gutes, hat natürlich Stil, eine Topfigur und offenbar einen Job mit fünstelligem Monatsnetto. Mich würde mal interessieren, ob dieser Werbetypus wirklich zu höheren Verkaufszahlen führt. Übertreibt man es, wirkt es kontraproduktiv: Was der Rezipient erreichen kann, beginnt er irgendwann zu bekämpfen.

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