Zumthor, Qualität und Berlin

Der Architekt Peter Zumthor auf die Frage, wieso die reiche Schweiz in der Masse so deprimierende Architektur hervorbringe, obwohl es viele gute Architekten gebe:

„Es gibt das Immobiliengeschäft, dann gibt es das Geschäft mit dem Bauen, und dann gibt es noch Leute, die gestalten. Aber die kommen viel später und die sind auf einen Auftrag angewiesen. Das heißt, die Schweiz wird nicht von Architekten verbaut, das meint der Volksmund zwar, weil die dort die Pläne unterschreiben, die Baugenehmigungen einholen, aber was da geschieht, das geschieht in der Bauwirtschaft und in der Immobilienwirtschaft … und auf den Bauämtern müsste das Bewusstsein da sein, dass man gestaltet und nicht nur Bauen ermöglicht.“

So kann man das wohl sagen, wobei man als Deutscher in der Schweiz relativ wenig deprimierende Architektur sieht,  ganz im Gegenteil. Aber es ging bei der Frage an Zumthor um aktuelle Schweizer Zersiedelungstendenzen mit Neubaugebieten, die vermutlich nicht weniger frustrierend sind als in Deutschland. Wobei die immerhin ehrlich sind: Man kann die gesellschaftliche Degression schön ablesen.

Jedenfalls ist es angenehm, Zumthor zuzuhören. Besser noch: seine Häuser angucken. Es ist ein außerordentlich sensibles Reagieren auf den Ort, eine Achtsamkeit beim Material, eine wahnsinnige Qualität bei der Ausführung, egal, wohin man schaut. Zumthor ist gelernter Schreiner. Ob Holz, Beton, Ziegel, Stein, alles hat seinen spürbaren Sinn und Kontext. Empfehlenswert ist das Kolumba-Museum in Köln, ein Erlebnis. (Leider finde ich die seinerzeit geknipsten Bilder nicht mehr.) Natürlich auch das Kunsthaus in Bregenz. Seine Felsentherme in Vals halten mittlerweile reiche Russen besetzt. Als unglaublich angenehm habe ich eine spontane Rede Zumthors vor dem Kölner Opernhaus in Erinnerung, ein 1950er Jahre-Bau, dem der Abriss drohte. Er sprach ganz selbstverständlich und nachvollziehbar über die Schönheit dieser Architektur und forderte leise ihren Erhalt.

Zumthor hatte bekanntlich in Berlin um das Jahr 2000 herum den Auftrag, der Topographie des Terrors ein Gebäude hinzustellen. Es war technisch nicht unkompliziert, wurde teurer als geplant – man begann unrealistischerweise bei 18 Millionen Euro, ein paar Jahre später waren es 35 Millionen. Zum Vergleich: Derzeit wird die Staatsoper unter den Linden renoviert, nicht neu errichtet. Die Kosten stiegen seit 2010 von 235 Millionen Euro auf mittlerweile über 400 Millionen Euro. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die halbe Milliarde für die Renovierung eines einzigen Gebäudes wird man auch noch vollmachen.

Zumthor, mittlerweile Pritzker-Preisträger (so eine Art Nobelpreis der Architektur) braucht Zeit, er hat Qualitätsanforderungen. Damit ist er in Berlin naturgemäß an der falschen Stelle. Außerdem ging es um Inhaltliches. Zumthor wollte den Ort sprechen lassen, den Raum, das Übriggebliebene. Historiker wollten mehr Narration und vertrauten nicht der Möglichkeit des räumlichen Erlebnisses, der Aussagekraft des Tatorts.

Der Auftrag wurde ihm schließlich entzogen, der Rohbau der Topographie des Terrors abgerissen. Das Berliner Desinteresse an Qualitätsarchitektur hatte sich durchgesetzt. Zumthor bezeichnete diese Erlebnisse später als „die fürchterlichste Erfahrung meiner Berufsjahre“. Die Berliner tadelten Zumthors „künstlerische Selbstverliebtheit“. Was nicht nach Lochraster und 19. Jahrhundert aussieht, hatte und hat bei diesen Kameraden kaum keine Chance. Wobei gerade bei dieser Architektur Sorgfalt bei der handwerklichen Ausführung nötig wäre. Doch die gibt es nicht, stattdessen Stümperei ohne Ende, wie man derzeit beim Bau der Europacity rund um den Hauptbahnhof und bei jedem zweiten repräsentativen Neubau in der Stadt sehen kann.

Es ist frappierend: Das neue preußische Berlin soll ja gerade den Anschein von Solidität, von gutem Handwerk erwecken. Gute alte Zeit eben. Stattdessen bauwirtschafts-funktionalistischer Schrott. Und den ernsthaft sorgfältigen Handwerker, der sich nicht in den Dienst billiger Geschichtsklitterung stellt, sondern Neues sucht und findet, watscht man ab.

Vielleicht war es ganz ok so: Zumthor und Berlin – das passt nicht zusammen.

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2 Antworten zu Zumthor, Qualität und Berlin

  1. dame.von.welt schreibt:

    Hach, der Zumthor – VIELEN Dank! Das Gespräch ist ein Genuß.

    Reiche Russen halten Vals besetzt? Mist, in die Therme wollte ich immer, zwei Mal schon zerschlug sich das ganz knapp davor, ersatzhalber ein (mutmaßlich russenloser) Film:

    Die (eigentlich kaum mögliche) Steigerung des Kunsthaus‘ in Bregenz war Wolfgang Laib darin, eine der schönsten Ausstellungen, die ich je gesehen habe. Zu der gibt’s ein Anekdötchen, nach der das Kunsthaus das einzige Museum war, für das sich Laib jemals um eine Ausstellung beworben hat und zwar per Postkarte – die sich mit der offiziellen Einladung kreuzte.
    Außer einigen der Bauten auf der Insel Hombroich kenne ich kein Museum, das der Kunst eine derartige Galarolle einräumt. Ich bin hin und weg bei Details wie der nach außen gerichteten Mattierung der Glaushaut, damit der häufige Bodenseenebel mehr Licht in die Räume befördert. Mir ist auch so, daß Zumthor das Haus eigentlich ohne künstliche Beleuchtung geplant hatte, oder?

    Bei dem haut mich immer wieder um, daß und wie sehr er das Rad jedes Mal neu erfindet, um etwas ganz Einfaches zu machen, das Kunsthaus besteht aus Glas, bißchen Metall, Beton und Notausgangsschildern, fertig. Ich mochte auch den ausdrücklich temporären Pavillon auf der Expo, dessen Holz anschließend verbaut wurde. Zumthor ist ein gutes Beispiel, warum die besseren Architekten solide handwerkliche Erfahrungen haben. Ich glaube, es lehrt Demut und besseres Scheitern, wenn man wenigstens ein Material intimer kennt.

    Und fördert wahrscheinlich phänomenologische Herangehensweisen, kennen Sie eigentlich von Vilém Flusser, ‚Dinge und Undinge‘? Der erste Satz daraus: Manche Dinge in meiner Umgebung sind mir nicht ganz geheuer., der eine ganz gute Überleitung ist: die Topographie des Terrors ist eine der peinlichsten Berliner Provinzpossen überhaupt, von den Minigolf- und Parkplatzplänen an, die nur durch Ausgrabungen der Folterkeller durch Anwohner verhindert werden konnten. Der ganze große schäbige Rest, inklusive des schändlichen Umgangs mit Zumthor, war dann eigentlich nur noch folgerichtig.

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  2. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für das Vals-Video, das sind schöne Architekturbetrachtungen, ernsthaft, genau hinschauend, kompetent, und dazu die Kommentare von Zumthor. Dazu schöne, genaue, sorgfältige Bilder. Besonders beeindruckend der Abschnitt über die Steinplatten ab 13.55, wo der Aufbau der Steinwände erläutert wird. Das erinnert fast an den Parthenon. Eine steinerne Partitur, deren Maßstab der Mensch ist, heißt es völlig richtig.

    Zumthor wird hier wohl auch deshalb so sympathisch, weil er ganz eindeutig als Baukünstler arbeitet, ohne den funktionalen Kontext zu vergessen. Ein Baukünstler, der es niemals nötig hat, sich so zu nennen. Er macht halt seine Arbeit. Das nur, um den Gegensatz zu Leuten wie Ungers zu verbalisieren, um den es hier kürzlich ging.

    Der Schweiz-Pavillion der Expo erinnert ein wenig an sein Topographie-Vorhaben, was die Stäbe angeht.

    Materialdemut, ja. Wobei ich die andere Seite auch reizvoll finde: Nur mit Vorgefertigtem bauen, bewusst schlendrianisch, beispielsweise bei der Bibliothek am Kottbuser Tor. Dort wird aber ebenfalls nicht kaschiert, sondern sich genauso einer Bauaufgabe gestellt, die nur mit anderer Philosophie angegangen wird, trotzdem komplett ehrlich. Zumthor ist halt auch sauteuer und eignet sich nicht für alles.

    Phänomenologische Herangehensweisen, ja, das ist wohl der Punkt. Das war wohl auch die Auseinandersetzung bei der Topographie zwischen ihm und Schlögel einerseits und den anderen Historikern andererseits. Wobei Architektur ohne einen phänomenologischen Aspekt keine ist. Auch wenn man das nicht dazusagt.

    Das Buch von Flusser kenne ich nicht, wie so vieles, aber auch hier danke für den Hinweis.

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