Architektur und Dogma 7 – Ungers und Quadrate als Vision

Architekten haben ein schlechtes Image. Das liegt entweder daran, dass sie sich dem Geschäft verschreiben, der Bauwirtschaft, die, ob nun funktionalistisch, postmodern oder zeitgeistig anders geprägt, selten Gutes hervorbringt. Ein Architekt ist dann nichts anderes als ein Dienstleister, der Termine und Kostenpläne einhält, aber keinen Gestaltungswillen zeigt; von künstlerischen, architektursoziologischen oder gar gesellschaftskritischen Ambitionen ganz zu schweigen. Die Masse aller Produzenten ist so kapitalistisch genormt, ob es um Lebensmittel, Literatur oder um Freizeitgestaltung geht. Bei Architekten fällt es nur visuell stärker auf.

Oder Architekten verschreiben sich der Legendenbildung und versteigen sich ins (Pseudo-)Künstlerische. Ein solcher Fall liegt bei Oswald Matthias Ungers (1926-2007) vor. Ungers baute, vor allem in seiner Frühzeit, ein paar interessante Sachen und hob dann ab. Das Quadrat war fortan der heilige Körper, in dem alleinig noch zu bauen war. Quadratische Fenster und Rasterfassaden vor allem, aber eigentlich musste alles auch im Gebäude quadratisch sein. Wie originell. Er firmiert nun folgerichtig als deutscher Rationalist, was bei der aktuellen deutschen Geistesverfassung als Lob gemeint ist.

Wegen fehlender Copyrights verweise ich zur Anschauung auf google.

Nach seinem Tod sind gleich vier Publikationen zu ihm und seinem Denken erschienen, die von dem generell nicht uninteressanten Architekturtheoretiker Stephan Trüby in der arch+ 214 besprochen wurden. Es fällt auch dort Banalität auf, aber erst einmal die des Verfassers einer der Publikationen.

So gebe es bei Ungers „den tiefverwurzelten Glaubenssatz, dass der Architekt als Sinnstifter dazu verpflichtet ist, den Ort durch seine Vision zu ordnen.“ (Jasper Cepl: OMU. Eine intellektuelle Biographie.)

Klingt nicht schlecht, ist aber selbstverständlich. Was soll ein Architekt denn sonst machen außer etwas irgendwohin stellen? Dadurch entsteht Ordnung, und die Einfälle, die er dabei umsetzt, kann man Vision nennen, wenn es gut läuft. Es wird aber peinlich, wenn man sich Ungers Quadratbauten anguckt. Um welche Vision handelt es sich? Um banale Raster. Ging es bei ihm überhaupt jemals um Städtebau?

Für Ungers, so Cepl weiter,

„besteht die Kunst des Architekten darin, Körper und Raum im Geist zu ordnen – und diese Ordnung kommt in der Geometrie zum Ausdruck; ihr verschreibt sich Ungers mehr und mehr.“

Geometrie sind alle räumlichen Formen. Worum soll sich ein Architekt denn sonst formal kümmern? Was soll er sonst im Geist ordnen? Ein Architekt ist ein Architekt ist ein Architekt. Es geht um das Wie, nicht um das Ob. Das Problem bei Ungers ist eher der Ordnungsbegriff. Er konnte vermutlich nicht anders, als eine Ordnung anzustreben, die oberflächlich ist, die schlicht der Beruhigung der Nerven dient. Eine typisch deutsche Angelegenheit.

André Bideau (Architektur und symbolisches Kapital: Bilderzählungen und Identitätsproduktion bei Ungers.) kommt der Sache wesentlich näher. Er spricht von Ungers „folgenreichem Dogmatismus“ und hält ihn laut Trüby mitverantwortlich dafür,

„dass Deutschland nicht mehr an die thematische Innovation anzuknmüpfen vermag, die seine Architektur vor 1933 auszeichnete.“

Die „deutsche Architekturproduktion“ habe

„in ihrer Themensetzung nie wieder die Souveränität zurückerlangt, die sie vor vor 1933 geprägt hatte.“

So kann man das sagen, und damit kommen wir zur Banalität des Architekten. Der „hermetische Klassizismus“ (anderes Wort für Quadrate) Ungers´ ist eine Läppischkeit, die eigentlich nicht weiter erwähnenswert wäre. Ein Architekt, der Künster sein wollte, das aber leider nicht geworden ist. Dann hätte er so wie Donald Judd viele Jahre lang lauter glänzende Kisten an Wände kleben oder so wie Günther Ücker Nägel in Platten schlagen können. So aber behelligt er die Öffentlichkeit mit seiner selbst an die Leine gelegten Leidenschaft, immerfort Quadrate zu reproduzieren, wohl in der Annahme, dass diese Form die grundlegenste überhaupt ist. Ein falsches Verständnis von Reduktion. Er selbst meinte, er überwinde mit dem Quadrat das Triviale.

Das Quadrat kann eine sinnvoll verwendbare Form sein. Sie aber zig Jahre lang als das Ei des Kolumbus zu feiern, ist lächerlich. Es referiert nur noch als Ausdruck eines starren Ordnungssystems von jemandem, dem die Umgebung vermutlich wegen ihrer Vielfalt, ihrer Unübersichtlichkeit, ihrer mannigfaltigen Ausdrücke zuwider war. So wie Judds Kisten schnell an künstlerischem Gehalt verloren, weil die Wiederholung das künstlerische Moment außer Kraft setzt, so hätte Ungers seine Quadrate als Unikat durchgehen lassen sollen. (Die Wiederholung der Bechers ist eine Serialität – und darüber hinaus eine permanent changierende – als Prinzip der Dokumentation und deshalb nicht vergleichbar.)

Ein Architekt mit einer Quadratmanie ist allerdings schwerwiegender als ein Künstler mit einer Ordnungsmanie. Dessen Sachen stehen irgendwo, wo man sich nicht von ihnen stören lassen muss, wenn sie stören. Bei Architekten ist das anders.

Ungers legte auch Wert auf die Trennung von Architektur und Gesellschaft, wieder sowas pseudo-künstlerisches. Ich habe bis heute nicht begriffen, wo er daraus etwas Interessantes entwickelt hat – sei es künstlerisch oder architektonisch. Bei Ungers ging es viel um Morphologie, um die Form, aber ohne gesellschaftlichen Gehalt. 1994 baute er in Köln das „Haus ohne Eigenschaften“. Ungers wollte, analog zur abstrakten Kunst, zur monochromen Malerei,

„sehen, inwieweit Architektur in der Lage ist, abstrakt zu sein … Deshalb gibt es am Haus ohne Eigenschaften kein Ornament, keine Details, kein Oben und kein Unten … Alles wurde subtrahiert auf den absoluten Kern der Abstraktion. Weiter geht es nicht mehr … Aber zum Schluss haben Sie plötzlich doch wieder einen Eingang, dann haben Sie doch wieder eine Differenzierung. Und das, was die Malerei schafft, das monochrome Bild, den höchsten Grad von Abstraktion, ist offensichtlich der Architektur … versagt … aber es bleibt doch oben und unten. Ich kann das nicht überwinden. (Arch+ 179, S. 11)

Ja, Wahnsinn. Zum Schluss hat er plötzlich einen Eingang? Um zu erkennen, dass das Haus einen Eingang braucht, hat er erst eines bauen müssen? Und die Schwerkraft hat er, entgegen allen Erwartungen, auch nicht aufgehoben.

Abstraktionsbemühungen in der Architektur sind ein Merkmal moderner Architektur. Adolf Loos hat da sicher etwas geleistet, auf alle Fälle auch Corbusier. Marc-Antoine Laugiers Urhütte war auch der Versuch der architektonischen Abstraktion. Strukturalistische Sachen, Metabolismus, heute wären Überseecontainer und daraus folgend ein Containerdorf für Studenten ein Beispiel für abstrakte Architektur. Beim Container ist die Tür immerhin im selben Material ausführbar wie der Rest. Man klappt als Tür einfach eine ganze Wand auf. Abstrakte Architektur könnte auch bedeuten, dass man die Sichtbarkeit von Tragen und Stützen, von Konstruktion verschleiert, aufhebt. Damit befassen sich manche auf interessante Weise. Davon abgesehen könnte man im Jahr 1994, nach der seriellen Monotonie des Massenwohnungsbaus, das Problematische der Abstraktion ansprechen. Aber das wäre ja gesellschaftlich.

Der Versuch, via Abstraktion die komplette Architekturgeschichte und -theorie, Säule, Gebälk, Ornament, Sockel, Fries, Gesims, Farbe, überhaupt alles hinter sich zu lassen, ist grundsätzlich schon interessant. Werkform ohne oder vielmehr als Kunstform. Aber das wurde schon 80 Jahre früher angegangen. Ungers ist ziemlich hintendran, und bei ihm wirkt das immer so gezwungen, so angespannt, so egozentrisch, weil einer unbedingt Künstler sein will.

Ungers meint auch, dass die Architektur keine sozialen Probleme lösen kann. Sie alleine sicher nicht, aber sie hat sich damit zu beschäftigen. Ob ich ein Wohnhaus baue oder ein Museum auf einen Platz setze: Es ist immer eine soziale Handlung, weil Menschen damit interagieren müssen und werden. Beispielsweise krankt der aktuelle Wohnungsbau daran, dass es sich weiterhin an der Kleinfamilie orientiert, auch wenn die immer seltener wird. Das liegt vermutlich daran, dass der Kleinfamiliengrundriss als der ökonomisch sicherste erscheint. Die Leute sind es gewohnt und kaufen, auch wenn der Grundriss nicht ihren Bedürfnissen entspricht. Aber aus Gewohnheit erwarten sie nichts anderes. Aussagen wie die von Ungers befördern diese Haltung.

Ungers wollte Abstand zwischen Architektur und Gesellschaft, was man als Unabhängigkeit, als Selbstständigkeit mit Bezug auffassen könnte. Ich sehe aber nirgendwo den Bezug. Wenn Ungers vom „Beweglich-Werden“ des architektonischen Denkens sprach, dann sollte daraus früher oder später Konkretes resultieren. Ich wüsste nicht, wo oder wer das aufgegriffen haben könnte. arch+ meint, mit der Publikation seiner Berliner Vorlesungen von 1964/65 (in der Ausgabe 179 im Jahr 2006) in diese Richtung zu gehen. Leider behandelt Ungers dort nur Museumsarchitektur. Keine günstige Voraussetzung. Falls ich mich einmal durch diese 100 Seiten quäle, gebe ich Bescheid.

Ungers ist in guter Gesellschaft. Es gibt in Deutschland und anderswo nach wie vor – neben den reinen Baufunktionalismusepigonen – eine Menge von Architekten, die einen Ordnungsfetischismus pflegen. Überhaupt fällt auf, dass sich viele Diktatoren und andere Ordnungsfanatiker für Architektur interessierten. Es geht hier um Beherrschung, nicht um gute Architektur.

Trüby nennt Ungers allen Ernstes „Deutschlands wichtigsten, weil komplexesten … Architekten“. Er verwechselt die Komplexität eines Mies van der Rohe oder Corbusier, die ebenfalls massive Reduktion betrieben, aber dabei innovativ waren, materiell wie stilistisch, mit Ungers´Plattheit.  Er beschwert sich dann noch darüber, dass nur die „wertkonservative Seite von Ungers betont wird“, sagt aber nicht, was man sonst betonen soll. Sein kleiner, nicht realisierter Beitrag zu einem grünen Archipel in Berlin aus dem Jahr 1977 etwa? Dass Leute wie Eisenman, Kohlhaas und Hadid ihn angeblich loben, führt Trüby nicht weiter aus und ändert auch nichts an der Banalität seines Werkes.

Es gab und gibt zuviele Ungers, die sich in biederer Materialität und starrem Ordnungssinn der Realität unterordnen und ihre eigentlich zu überwindende Tradition verstärken. Abstrus und fast schon gefährlich wird es, wenn er, wie im Deutschen Architekturzentrum in Frankfurt, auch die Sitzmöbel entwirft, natürlich alles quadratisch, auf denen selbst der Museums-Chef, ein bekennender Ungers-Freund, nicht sitzen wollte.

Blöd, dass der Arsch kein Quadrat ist.

Das, was von Ungers bleibt, ist neben seiner angeblich beeindruckenden Büchersammlung die Erkenntnis, dass ein offenbar starr denkender Mensch mit einem starr-formalen Vermächtnis in Deutschland als Supermann gefeiert werden kann. Ein Architekt, der den Schatten der Nazis verlängerte. Nicht, indem er faschistische Architektur produzierte, sondern indem er die Fixiertheit des Denkens und damit des Bauens auf rechte Winkel, auf gleiche Maße, auf Stein, auf Unveränderlichkeit, auf künstliche (nicht künstlerische) Erhabenheit fixierte, wo Überwindung angesagt gewesen wäre.

Lang lebe das banale Deutschland.

 

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2 Antworten zu Architektur und Dogma 7 – Ungers und Quadrate als Vision

  1. Beat Company schreibt:

    Frage #1: Ein Schildbürger ?
    Frage #2: «Inquadratur» – wäre das das Antonym zur berühmten «Quadratur des Kreises» ?

    Stimmige Verwendungen der Form finde ich in meinem Bad – bei «Excel» und bei Alfred Hitchcock (siehe unten) – über «Instagramm» kann man streiten. Als ich heuer meine quadratischen Weihnachtsgrüße versandte, verlangte die Deutsche Post «Überporto» – also auch dort ist der «hermetische Klassizismus» noch nicht angekommen.

    Prost Neujahr !

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  2. genova68 schreibt:

    Frage 1: Schildbürger war der wohl nicht, der war nicht dumm, sondern ordnungshysterisch. Vielleicht einfach ein typischer banalrationaler Deutscher.

    Frage 2 überfordert mich. Ich würde bei Ungers von Quadratur als Teil seiner Proportionslehre reden. Der löst seine Aufgaben zu seiner vollen Zufriedenheit, weil er sich jene selbst so banal stellt.

    Danke für die Hitchcockszene. Die ist unter dem Aspekt der Geometrie interessant, so habe ich das noch nicht gesehen. Zum einen die Quadrate, die rechten Winkel zu Beginn der Szene, das Bad als hermetischer, rationaler Raum, dann der Mord, nach dem der Kreis dominiert: der Wasserstrudel, die Augen, überhaupt der Körper.

    Man stelle sich vor, Ungers wäre Regisseur gewesen. Vermutlich eine einzige Katastrophe.

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