„…uns Eigentum in der deutschen Hauptstadt zuzulegen“

Die FAZ schreibt erfrischend, wie man sagt, deutlich über die Realitäten des Berliner Wohnungsmarktes:

Wer verstehen will, was auf dem Berliner Immobilienmarkt los ist, muss ins Ausland blicken. Zum Beispiel nach Schanghai: Es ist ein milder Herbsttag, die Familie aus Kanada ist frisch eingezogen und hat die Nachbarn zur Grillparty eingeladen – alles Ausländer wie sie selbst, von großen Unternehmen nach China entsandt. Es gibt deutsche Würstchen, neuseeländischen Wein und chinesisches Bier. „Ihr seid aus Deutschland?“, fragt die Kanadierin ihre neue Nachbarin. „Cool, wir haben gerade in Berlin eine Wohnung gekauft. Als Kapitalanlage.“ Das Paar aus Israel schließt sich an. „Haben wir auch kürzlich gemacht. Wir wollen sie allerdings auch selbst nutzen.“ Auch die Gäste aus Italien erzählen, dass sie planen, eine Wohnung in Berlin zu kaufen – für die Kinder, wenn sie dort einmal studieren wollen, und natürlich als Investment. „Wir waren die Einzigen, die noch nicht mit dem Gedanken gespielt haben, uns Eigentum in der deutschen Hauptstadt zuzulegen“, erzählt die Deutsche immer noch verwundert.

Die Kernaussage lautet:

Viele Neubauwohnungen, die in den letzten Jahren in Berlin gebaut wurden, stehen leer. Klingt leicht wahnsinnig, hat aber System. Die Wohnungen sind mit Preisen ab 4.500 Euro pro Quadratmeter in Relation zu London oder New York billig. Folge: Chinesen, Russen, Japaner, Deutsche, Araber, Amis und überhaupt alle, die kapitalistische Gewinne erzielen und verwalten wollen, kaufen in Berlin Wohnungen als Anlageform. Vielleicht wird die Tochter drin wohnen, wenn sie in Berlin studiert, vielleicht fahren die Käufer mal selbst für ein paar Tage dorthin. Das war´s dann aber.

Ein Makler sagte mir vor eine Weile in Bezug auf einen Neubau in Kreuzberg ganz offen, dass da niemand wohnt, dass da Leute zuschlagen, die das Geld auf dem Girokonto haben: „Das muss da weg!“

95 Prozent der Neubauten werden privat gebaut, liest man in der FAZ weiter. Und fast alle sind auf einer Luxuspreisebene angesiedelt. Man sieht diese Entwicklung, wenn man mit offenen Augen durch die betreffenden Viertel spaziert: Die meisten Balkone – durch schlanken, trendigen Schnitt ohnehin kaum nutzbar – sind klinisch leer, auf Bürgersteigen ist nichts los, auch hinter den Scheiben sind keine Lebenszeichen auszumachen. Es sind Geisterviertel in Nordkreuzberg und anderswo.

Es ist interessant und bezeichnend zugleich, dass solch entlarvende Fakten selbst in einer neoliberalen Postille veröffentlicht werden können, ohne dass irgendeine Reaktion folgen wird. Was in einer kritischen, intellektuell ernstznehmenden Gesellschaft zu Straßenkämpfen führen würde, hat in Deutschland und generell in einer neoliberal hirngewaschenen Gesellschaft keinerlei Folgen. Und das obwohl der Immobiliensektor die Perversion kapitalistischer Verhältnisse auf die Spitze treibt. Es fehlen in Berlin ja real in der Tat zehntausende Wohnungen. Stattdessen werden diese Luxusdinger genau dorthin gestellt, wo man tatsächlichen Wohnraum bräuchte.

Der Platz ist nun aber vergeben. Es geht hier nicht einfach um Überproduktion, um Nichtgenutztes, das im Keller verstaubt; es geht um ganz real belegten Raum. Dieser Raum kann nur einmal genutzt werden. Es ist eine subtile Form von Stadtzerstörung. Das Kapital bemächtigt sich nicht einfach irgendeines Raumes, sondern ausschließlich des begehrten. Raum, ohne den eine sinnvolle Politik der Stadt nicht möglich ist.

Es werden sozusagen fiktive Welten ganz real gebaut, die in der Folge potemkinmäßig existieren. Es wird dem Kapital ermöglicht, ganze Stadtviertel zu virtuellen Räumen umzufunktionieren, wo man das fiktive Kapital parken kann, es scheinbar zu realem macht, zu Beton.

Inwieweit der Beton dauerhaft einen hohen Marktwert haben wird, wird man sehen. Da in den betroffenen Gebieten reale Nachfrage nach Wohnraum besteht, kann die Farce ziemlich lange laufen. Der Staat als ideeller Gesamtkapitalist hilft bei dieser asozialen Politik kräftig mit, siehe Europacity. Ohne der Sozialdemokratie und dem aktuellen Berliner Oberkapitalknecht Michael Müller ginge es den Verwertern schlechter.

Die neoliberal paralysisierte Politik wie auch der größte Teil der sogenannten kritischen Öffentlichkeit ignorieren das Phänomen. Rührende kleinteilige Bürgerinitiativen lassen sich auf zeitraubendes Detailerörtern mit der Bürokratie ein, selbst relativ fitte Leute wie der Soziologe Andrej Holm treten real als Verharmloser auf, die mit allerlei Theorie Widerstand entzahnen. Architekten sind zu schätzungsweise 95 Prozent Prostituierte, die jeden Schwanz in den Mund nehmen. Vielleicht bleibt ihnen aufgrund finanzieller Zwänge nichts anderes übrig. Und die kritischen Architekten verhaspeln sich ebenfalls in Detailfragen, die ohne jeden ernstzunehmenden Effekt bleiben. In Gesprächen zu dem Thema höre ich in letzter Zeit überall die als Selbstverständlichkeit ausgegebene Haltung, dass man ja Kapitalanlagen brauche, es quasi ein Naturzustand sei, dafür Wohnungen herzunehmen. Der moderne Bürger hat ein Recht darauf, dass sein Geld arbeitet, wie man sagt.

Diskussionen aus den 1920ern oder auch noch den 1950ern waren dagegen revolutionär, intellekuell anspruchsvoll, von klaren Visionen bestimmt. Die Bodenfrage, um die es im Wesentlichen geht, ist heute ausgeblendet, die Frage, ob man mit Boden und Wohnen spekulieren sollte, ebenfalls, und auf dieser Basis machen sich praktisch alle Möchtegernkritischen in dieser Diskussion zu Helfershelfern des Kapitals.

So sinnvoll Diskussionen um Wohnraumbegrenzung, um intelligente Nutzung, um platzsparende Details, um kritisches Hinterfragen der Singlewohnungen, um nötige neue Gemeinschaftskonzepte auch sind: Wenn das alles nur dazu führt, dass man für den halben Platz gleichviel zahlt, machen sich all diese kritischen Initiativen zu Bütteln des Systems.

Wie es läuft, sieht man an diesem Plakat, das der Bauminister derzeit in Berlin ausstellen lässt:

006

Man bekennt sich wohltuenderweise zu Formen des Zusammenlebens jenseits der Kleinfamilie, verbindet das aber mit der absurden Behauptung, dass der Staat Wohnungsneubau fördere. Die Realität dieser Förderung steht in dem FAZ-Artikel. „Du bist die Stadt“ ist hier noch übler als „Du bist Deutschland“. Alle, das Volk, das man nun nicht mehr so nennt, sind scheinbar geeint, man ist aktiv, man tut was, man engagiert sich. Man wird einfach zum Teil des Ganzen erklärt, wenn man nur die tatsächlichen Fortschritte in Genderfragen mitmacht. Man gehört irgendwie zu den Guten. Die Realität ist das exakte Gegenteil. Der seit Jahren sich vollziehende konkrete Ausschluss von allen, die finanziell nicht mithalten können, wird propagandistisch ins Gegenteil verkehrt. Da dieses rechte, neoliberale Einlullen jeglicher kritischer (wohnungs)ökonomischer Perspektive mit einer fortschrittlichen Haltung in weichen Bereichen verbunden ist, machen weite Teile des grünen und überhaupt liberalen, sich aufgeklärt wähnenden Bürgertums mit. Man wähnt sich auf der sicheren Seite.

Es ist eine Entpolitisierung, die in den 1980ern auf Touren gekommen ist. Sinnbildlich dafür steht die Forderung des Binnen-I: Banales Denken übernimmt im Namen von Emanzipation das Mikro und finden tatsächlich Gehör. Das Kapital freut´s, denn derart vom Denken befreite Menschen folgen umstandslos den Regeln jener, solange die Fassade Fortschrittlichkeit suggeriert.

Der engagierte Bürger, der die Stadt ist, legt sich Eigentum zu. Der uneingeschränkt kapitalaffine gesellschaftliche Diskurs sorgt dafür, dass ihm dabei die Möglichkeit des schlechten Gewissens abhanden kommt. Es läuft.

(Foto: genova 2015)

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