Plauen und Bibi: Idiotie als Ergebnis neoliberaler Verhältnisse

Ein weiteres kleines Beispiel für die rechte Idiotie, die sich seit ein bis zwei Jahren auf deutschen Plätzen breitmacht und sich Pegida, Montagsmahnwachen, Endgame, Bürger gegen Flüchtlingsheime oder neuerdings „Wir sind Deutschland“ nennt.

„Wir sind Deutschland“ hat den vielsagenden Slogan „Nicht ganz links, nicht ganz rechts, nicht ganz Gutmensch, nicht ganz Pack“ gewählt. Letzteres muss man wohl so interpretieren, dass ein bisschen Ausländer anzünden schon ok ist, nur nicht komplett. Vielleicht nur den kleinen Finger. Man muss sich ja wehren und das wird man noch dürfen. Die Deutschländer bekommen seit ein paar Monaten in der 60.000-Einwohner-Stadt Plauen jeden Sonntag bis zu 5.000 Leute auf den Marktplatz. Mittlerweile sind es weniger, was wohl daran liegt, dass diese Leute zu verwirrt sind, um ernstzunehmende Forderungen zu stellen oder gar strategisch zu handeln. Deshalb wird es nach einer Weile langweilig. Beziehungsweise nur dann nicht, wenn man, wie Pegida, immer dicker aufträgt. Die Haltungen sind aber nach wie vor existent.

Man muss sich den folgenden Plauener Mitschnitt vom 13. Dezember nur von Minute 2:00 bis 3:15 anschauen, ein winziges Detail, um genug zu wissen.

Ein vermutlich besorgter Bürger erwähnt eine repräsentative Umfrage („Nachricht der deutschen Medien“), derzufolge 56 Prozent (es sind in der Umfrage tatsächlich 58 Prozent) der Deutschen für den Syrien-Einsatz der Bundeswehr sind. Der Redner zweifelt die Zahl naturgemäß an und führt als Gegenbeweis eine Online-Umfrage des Compact-Heftchens von Jürgen Elsässer an. Dort seien 91 Prozent gegen den Einsatz. Dann erklärt uns der Kommunikationswissenschaftler in spe, dass repräsentative Umfragen gar nicht repräsentativ seien, weil nur 1.000 Menschen teilnähmen, die man nur tagsüber erreiche, weshalb nur Rentner erreicht würden, die sich über „Leitmedien“ informierten.

Wir haben also gelernt: Repräsentative Umfragen sind nicht repräsentativ, Online-Umfragen von Compact dagegen sind es. Compact ist Deutschland. Und dann raunt der Redner noch: „Es passiert nichts durch Zufall.“ (Später beschwert er sich unter großem Beifall darüber, dass „die Syrer in Europa herumlungern“. Und behauptet, Merkel wolle allen Flüchtlingen schnellstmöglich das Wahlrecht geben. Als einzige Quelle für diese Behauptung findet man via google eine Online-Satirezeitung.)

Peng. Die wahnsinnige Blödheit von Menschen wie dem Bürger aus dem Video oben, die ganz normal aussehen, ist mittlerweile Standard. Wenn in Ostdeutschland laut Umfragen 16 Prozent die AfD wählen würden, schätze ich den Anteil dieser Wahnsinnigen an der Bevölkerung auf gut und gerne ein Drittel. Die anderen trauen sich noch nicht. Analog läuft es in vielen Ländern, sei es Polen, Frankreich, Ungarn oder den USA, wo nach Palin nun Trump den rechtsradikalen Ton angibt. Dort ist auch die Truther-Rate besonders hoch.

Es gibt in Plauen sicher auch Leute, die eine diffuse Angst haben, die nicht bewusst hetzen, die sich nach Zusammenhalt sehnen. Ab Minute 28:30 in dem Video steht so einer sehr respektabel auf der Bühne, der nicht in dieses Umfeld gehört. Er weiß das leider nicht. Aber solche Leute sind die Ausnahme.

Exportabel wäre nicht so wertvoll, würde man hier nicht profunde über die Ursachen dieser Gemenelage aufgeklärt. Und die Ursache heißt kurz und bündig und nach wie vor: Neoliberalismus. Wenn man die Existenz von Gesellschaft und damit möglicher Solidarität leugnet, Menschen nur noch als konkurrierende Individuen betrachtet, die einen Schlag nach dem nächsten einstecken müssen, sei es real oder virtuell, wenn man die sogenannten Märkte, was real die Kräfte des Kapitals sind, wie Raubtiere aufeinander lossgehen lässt, dann sind besorgte Bürger das Ergebnis.

Dazu kommt die technische Möglichkeit, sich via youtube und facebook (und Blogs) öffentlich zu produzieren.

Der Markt, den neoliberale Ideologen als faktischen Gott, der automatisch alle Beziehungen regelt, produziert im Kapitalismus Konzentration und Unvernunft. Während das Kapital den Markt mithilfe eines kapitalistisch kontrollieren und damit kriminell durchsetzten Staates so gut es geht instrumentalisiert und Monopole schafft, die es beharrlich weiterhin Markt nennt, also totalitär herrscht, wird dem Individuum via Marktlogik die totale Konkurrenz verabreicht. Offiziell ist man sozial, locker, arbeitet in Teams und hat irgendwas mit Charity zu tun. In Wahrheit ist man komplett verseucht. Sämtliche Beziehungen werden funktionalisiert. Man muss nur nur einmal an einem Werktagmorgen durch das Berliner Radioprogramm zappen, um das Ausmaß der Katastrophe zu erahnen. Doppelmoderation ist out, Dreiermoderation ist in: Man suggeriert noch mehr Gemeinschaft.

Wer es mit dem Sozialdarwinismus übertreibt, wird kritisiert. Wenn der naziaffine Björn Höcke Afrikaner via r-Strategen zu Läusen erklärt, wird sich empört. Wenn in Afrika via sogenanntem Freihandel oder subventioniertem Gammelfleisch oder industrialisierter Fischerei ganz real Ökonomien zerstört werden, ist das lediglich für den zivilgesellschaftlichen Teil des Systems eine Chance, sich zu beweisen und damit dem Ganzen Legitimation zu geben. Wir sind kritisch. Der Sozialdarwinismus von Hitler ist out. Der Sozialdarwinismus des Kapitals ist in. Man muss nur die richtigen Worte finden.

Es ist ja nicht so, dass nicht über den Kapitalismus diskutiert würde. Kaum jemand der besorgten Plauener würde sich zum Anhänger von Selbigem erklären. Die Verseuchung der Hirne ist aber so weit vorangeschritten, dass eine ernstzunehmende Analyse nicht mehr möglich ist. Die Unzufriedenen teilen sich auf in die erwähnten Plauener/Dresdener etc., also in Affirmation nach Fußtritten, Führer, Folk und Faterland, und in andere, die angesichts des Wahnsinns resignieren. Daneben gibt es ein paar Wackere, die sich in partielle Kämpfe verwickeln.

Oder man wird als Ergebnis neoliberaler Umfassung so wie diese YouTube-Frau namens Bibi: eine 21-Jährige, die ihren Gott in Lampen, Damenbinden und Apps sieht, die sie, vermutlich ernst gemeint, anpreist und eine millionenmassige Fangemeinde anzieht, die in den seltensten Fällen volljährig ist:

Bibi sagt in ihren Videos gerne, dass der Einzelne doch so sein möge, wie er will, um gleichzeitig die konsumtive Umklammerung total zu machen. Da aber Konsum sowieso alles ist, was denkbar scheint, ist er die totale Freiheit. Jenseits dessen existiert schlichtweg nichts mehr. Wir müssen also nicht mehr die Damenbinden, die App und die Lampe zusammen kaufen, zwei dieser Phänomene reichen auch mal.

Die besorgten Bürger nehmen keinen Anteil an Bibi und Bibi weiß schätzungsweise nicht, wo und was Plauen ist. Auch eine Art multikulturelle Gesellschaft. Bibi und Plauen sind zwei Ergebnisse des gleichen Phänomens. Der kaum verhüllte Sozialdarwinismus neoliberaler Haltung führt zu unterschwellig verzweifelten Gegenreaktionen, sei es das Zusammenstehen von Spießern auf Marktplätzen, um gemeinsam das weder rhetorisch noch inhaltlich von diesen Leuten fassbare Böse abzuwehren; oder man begibt sich freiwillig in die Plastikwelt, dem Angebot des Systems zum Wohlfühlen.

Die Neoklassik ging noch von dem asozialen Modell eines eigennützigen Menschen aus, der sich selbst hilft, womit allen geholfen ist. Der Neoliberalismus als konsequente Fortentwicklung interessiert sich nicht mehr für Hilfe, welcher Art auch immer, sondern hängt der Maschinerie einen totalitären Umhang mit umfassendem Sozialtouch um: Auch das ist nichts weiter als eine Marketingkampagne zur oberflächlichen Angstreduktion. Es gibt kein System, es gibt keine Zusammenhänge, es gibt nur ein irres Freuen auf die nächste App, es gibt nur gute Damenbinden und vielleicht auch ein paar nicht so gute. Die nicht so guten erwähnen wir nicht, die guten sind total megacool. Wichtig ist das permanente Rotieren, denn die Halbwertszeiten der Glücksversprechen werden notwendig immer kürzer.

Im Jahr 2000 beschrieb Florian Illies die unkritische, konsumorientierte „Generation Golf“, wobei er nicht nur formal Teil dessen war, aber zumindest im Ansatz den notwendigen Abstand dazu und damit zu ihrer Kritik aufbrachte. Die Verhältnisse haben sich verschärft. 15 Jahre später ist dieser Abstand nicht mehr drin, weder bei Bibi, noch in Plauen. Inwieweit das eine Frage selbstständiger Entscheidung ist oder notwendiger Teil der Geschichte, wäre zu klären.

007 (2)(Foto: genova 2015)

P. S. (17.12.): Folgendes Statement der Deutschländer zeigt das Ausmaß der Verwirrung dieser Leute. Man könnte eine komplette Analyse dranhängen.

Die Motivation, warum sie das machen, was sie machen:

Hoffnung, etwas ändern zu können
Hoffnung, gehört und angehört zu werden
Hoffnung, dass wir stark genug werden, um mit einer Stimme reden zu können, egal wie unterschiedlich unsere politischen oder persönlichen Meinungen zu gewissen Themen sind.

Punkt eins und zwei sind banal und somit nicht erwähnenswert. Punkt drei zeigt das Autoritätsaffine dieser Leute: Hauptsache mit einer Stimme sprechen, auch wenn Rechtsradikale dabei sind, und „gewisse“ Themen werden ausgeklammert, welche auch immer das sein mögen, es ist egal. Ein Volk, ein Reich und vermutlich auch ein Führer. Im Moment ist das noch Putin.

Diese Leute wirken so harmlos, so politisch ungebildet, dass man ihnen keinen ernsthaften Vorwurf macht. Es ist leider ihrem politischen Konzept der einen Stimme inhärent, dass man Kritik nicht verarbeitet. Die Aufteilung in deutsches Volk und Volksverräter steckt da notwendig drin.

Das Veranstalterpärchen namens Oheim scheint ganz gut situiert zu sein. Es ist das reaktionäre, offenbar zu Geld gekommene ostdeutsche Spießbürgertum, das sich da organsiert. In einem Umfeld, in dem linksliberales zivilgesellschaftliches bürgerliches Engagement nicht existiert, vielleicht in den 1920ern einmal existierte.

Soziologisch alles interessant.

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11 Antworten zu Plauen und Bibi: Idiotie als Ergebnis neoliberaler Verhältnisse

  1. krisenblogger schreibt:

    Gib den Sklaven genug zu essen, und sie werden Dir folgen. Zeige ihnen ihre Ketten, und Sie werden Dich hassen. Heute haben wir die Sklaven so weit, dass sie jene hassen, die ihnen ihre Ketten zeigen, und jene verfolgen, die noch schwächer und verzweifelter sind als sie selbst. Mit dem Resultat, dass sich die herrschende, besitzende Klasse nicht einmal mehr selbst die Finger dreckig machen muss, um den bestens geschmierten Apparat von Verdrängung, Unterdrückung, Versklavung, Ausbeutung und Verleugnung am Laufen zu halten. Das besorgen wir Alle fein selbst und obendrein freiwillig. Und wehe dem, der den Finger auf die so offensichtlich klaffende Wunde legt, denn es ist ihnen gelungen, den Geist der Massen in Ketten zu legen (siehe einmal mehr das altbekannte Höhlengleichnis von Platon).

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Halt’s Maul Du Schwein, sonst hau ich Dein Blog kaputt.

    Ein Bibi Fan

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  3. genova68 schreibt:

    Entschuldigung.

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  4. besucher schreibt:

    Wie es besser geht zeigen zwei Spieler vom 1.fc köln: https://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=13MzBXuINrE

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  5. genova68 schreibt:

    Ich steige da nicht ganz durch. Die beiden bewerben real etwas, werden aber via Synronisation ins Absurde gesteigert? Und die visuellen Teaser auf dem Bildschirm sind gefaked, nehme ich an?

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  6. besucher schreibt:

    unter dem Video stehen schon alle Kommentare dazu… Ja klar, man kann dieses Homeshopping ja auch nicht ernst nehmen. Die FC-Zielgruppe tut das auch hoffentlich…

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  7. altautonomer schreibt:

    Zu den Deutschländern passt auch das hier:
    http://narrenschiffsbruecke.blogspot.de/2015/12/advent-advent-ein-lichtlein-brennt.html

    Lichterkette von München nach Berlin am 19.12.2016 „Wir sind Deutschland!“.

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  8. genova68 schreibt:

    Völkische Allianz, naja. Kann man sicher so sehen, wenn man sehr streng sein will. Ich kann aber auch neben meinem Chef einfach gegen Rassismus etc. einstehen. Ich würde da nicht mitmachen, weil es keinen Sinn hat, es ist in der Tat nur Selbstberuhigung. Und das ganze ist so unpolitisch gehalten, das klar war, dass die Querfrontler einsteigen, und das machen die gerade massiv. Der Fallenbeck ist vermutlich naiv, aber er hat sich nun klar positioniert: „Fuck the Querfront“.

    Ich habe gestern dazu einen Kommentar von Ditfurth gelesen, wonach man, wenn Deutsche eine Kerze in die Hand nehmen, weglaufen soll. Klingt alles lustig, ist auf die Dauer aber ermüdend, weil ähnlich egozentrisch wie Jebsen und Co. Ditfurth wäre vermutlich die letzte, die eine konkrete und begrenzte Allianz mit Gewerkschaftlern etc eingehen würde. Lieber nur mit ihren linksextremen Freundchen. Das ist vor allem Selbstbeweihräucherung, sonst nix.

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  9. Chinook schreibt:

    „Exportabel wäre nicht so wertvoll, würde man hier nicht profunde über die Ursachen dieser Gemenelage aufgeklärt. Und die Ursache heißt kurz und bündig und nach wie vor: Neoliberalismus.“

    So einfach werden sich die aktuellen gesellschaftlichen Problematiken wohl nicht beschreiben lassen.

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  10. genova68 schreibt:

    Leute, die von Problematiken und Thematiken statt von Problemen und Themen sprechen, sind in aller Regel dubios, um das vorsichtig auszudrücken.

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