Mehrzweckhallen als „wahrhaft revolutionärer Akt“

„Eine anonyme monotone Architektur drückt die Billigung der materiellen Neutralisierung einer sozial wirksamen Individualität aus und erschöpft sich nicht in der Demonstration äußerlicher Differenzierung als Ausdruck der Illusion von individueller Autonomie.“ (Appelt/Kneissl/Prohazka: Beautiful Monotony, 1973)

Weniger geschwollen ausgedrückt: Architektur passt sich den Nutzern an und nimmt sie dadurch ernst.

Wenn Architekten versuchen, intellektuell zu klingen, geht das meist in die Hose, aber davon abgesehen haben Appelt, Kneissl und Prochazka (hinter letzterem Namen verbirgt sich eine Frau) mit den meines Wissens drei sogenannten Kirchlichen Mehrzweckhallen in Wien, Ende der 1970er Jahre entstanden, sehr Bemerkenswertes geschaffen. Sie gehören in jede Architekturgeschichte. Mehrzweckhallen bedeutet in diesem Fall: Es sind kirchliche Räume, die nicht ausschließlich kirchlich genutzt werden.

Alle drei haben einen zentralen Raum in der Mittel, außen liegen Serviceräume. Die Anordnung erinnert an ein Atriumhaus. Es war in Wien nicht nur praktisch, diese Grundrisse zu wählen.

Das Bemerkenswerte ist aber nicht nur der Grundriss, sondern auch die Materialität. Die drei verwenden bewusst industriell hergestellte Elemente, die billig sind und im herkömmlichen Empfinden auch billig wirken. Diese Ästhetik wird aber akzeptiert, das Billige nicht kaschiert. Sie wird ernstgenommen und dadurch aufgewertet. Es ist die Ästhetik der geographischen Randgebiete, der Vororte, der Banlieus, wie auch immer man das nennt. In Wien liegen die Hallen allesamt in Gegenden, die nicht einladend wirken, wie man sagt: Wohnsiedlungen der 1960er Jahre, viel unattraktiv gestalteter Freiraum, ein wenig Verwahrlosung.

Diese Ästhetik und die dazugehörigen Materialien umgeben die Bewohner im Alltag, die Architekten greifen sie auf und verarbeiten sie. Beispielsweise verwendeten sie Trapezbleche, industriegenormte Fenster,  Rau- und Feinputz, Glasbausteine, Regenrinnen, die an der Fassade nach unten verlaufen, und im Inneren Resopal und Linoleum. Materialien und Elemente, die aus der Alltags- oder Eigenbauästhetik vertraut sind.

Dennoch kommt es zu Transformationen, denn die bekannten Elemente werden in unbekannte Kontexte verortet. Dazu gehören der angesprochene Atriumgrund und -aufriss, die Rundbögen auf der Fassade mit stilisierten Sockeln, ein Rundbogeneingang mit angedeutetem abgeflachten Steildach, kannelierte Eckpfeiler und mehr. All das erzeugt neue Sehgewohnheiten. Sie werden erzwungen, denn die vertraute Materialität trifft auf eine nicht vertraute Umgebung. Es findet also auf materieller Ebene keine intellektuelle Herangehensweise statt. Der Kontext, das Klassische und somit das in dieser Umgebung Fremde ist die Typologie.

„Es geht darum, den Bewohnern entgegenzukommen und sie nicht als studierte Couturiers zu belehren, was schön und hässlich sei. Ein wahrhaft revolutionärer Akt“

schreibt dazu Margit Ulama in ihrem lesenswerten Buch „Reflexion in Architektur“ (Wien 1995).

Es ist eine erfrischende Herangehensweise an eine Bauaufgabe, die unter Architekten sonst selten ist. Die meisten wollen das Gebäude aus einem, aus ihrem Guss erstellen. Zugeständnisse ans Material werden höchstens gemacht, wenn der Bauherr oder die Kostenkalkulation es verlangen, aber nicht als Ergebnis einer Überzeugung, einer zugrundeliegenden Idee. Die Wiener Mehrzweckhallen zeigen eine Möglichkeit, einen Versuch, den vielbeschworenen Kontext, das kontextimmanente Bauen inhaltlich ernst zu nehmen, was dann eben bedeutet, Menschen ernst zu nehmen.

Kontextbezogenes Bauen heißt meist nur, die Höhe der Nachbargebäude und ihr Verhältnis von Wand zu Öffnungen halbwegs zu übernehmen, sich daran zu orientieren. In vielen Fällen wäre eine radikale Kontextlosigkeit die bessere Lösung: Ein Bau, der aus sich selbst heraus überzeugt und keine formalen Zugeständnisse macht. Bei den Mehrzweckhallen ist der Kontext menschenbezogen und deshalb nachvollziehbar. Nicht die Höhe der umgebenden Zwölfgeschosser wurde aufgegriffen, sondern die Materialität und somit auch die Haptik, die dort vorherrscht. Damit wird die Alltagsästhetik nicht ab-, sondern aufgewertet. Glasbausteine, Rauputz, genormte Fenster und Regenrinnenblech werden geadelt, nicht verachtet. Diese Materialien sind ja nicht a priori unwertig, schlechter, sondern immer nur durch ihre Bezüge.

Die Mehrzweckhallen sind ein positives Beispiel postmoderner Architektur: keine oberflächlichen Applikationen, die man mittels eines flotten Blicks in eine Baustilkunde zusammenbastelt, sondern Recherche vor Ort. Es ist ein Bauen im modernen Sinn, es wird von innen, von den Bedürfnissen her, nach außen entwickelt. Es wird nicht kaschiert, sondern es werden die angeblichen Mängel in einen positiven Bezug gesetzt, aufgewertet, indem sie als inhärent betrachtet werden.

Es hat auch etwas Mutiges: Billige Materialien zu verwenden, wo polierter Granit vermutlich leichter Zustimmung erheischt hätte. Es ist gewissermaßen eine ungemein qualitätsvolle Architektur. Appelt et al. können mittlerweile als Vorbilder für ein paar Architekten gelten, die derzeit in Berlin und anderswo für Aufsehen sorgen. Leute wie Arno Brandlhuber und Jesko Fezer seien als Beispiele genannt, die obendrein kostenmäßig deutlich unter ihren konventionellen Kollegen bleiben. Es gibt, wenn man sich umsieht, einige Beispiele für eine solche qualitätsvolle Architektur, die Alltagsmaterial transzendiert und dadurch aufwertet. Die Stadtteilbibliothek am Kottbuser Tor in Berlin ist so ein Beispiel: Leitungen liegen auf Putz, ihre 90-Grad-Winkel werden nicht verkleidet, Elektrokabel finden von alleine ihren Weg, preiswerte semitransparente Glasfassaden, keine Gesimse, keine anderen kostenintensiven Pseudoaufwertungen. Dazu kommt ein Raumkonzept, das auf Offenheit setzt und Großzügigkeit erreicht und der Einsatz des wunderbaren und leider immer weniger genutzten Gestaltungsmittels der Farbe. Es wurde viel improvisiert. Und siehe da: Es funktoniert ganz hervorragend. Die Materialität vermittelt auch gut zu der harten und turbulenten Realität draußen vor dem Gebäude. Ähnlich wie bei den Mehrzweckhallen in Wien.

Berlin-Touristen sollten sich die Unter-den-Linden-Scheiße erstmal sparen und sich sowas angucken.

Wie es in der aktuellen Architektur real aussieht, zeigte jüngst ein Artikel im Tagesspiegel:

Es wird massenhaft retrosierend gebaut, die Bezüge sind allesamt vormodern, auf eine heile Welt pochend. Es werden italienische Viertel ausgerufen, weil man damit Toskana und Dorfleben verbindet. Das verwirklicht sich naturgemäß nicht, es ist reine Fassade, unpraktisch und teuer dazu.

Warum?

Gatermann sieht das gesellschaftliche Klima als Ursache für die Retro-Ästhetik. „Je größer die Unsicherheit, desto mehr wird zurückgeblickt.“ Die Kölner Architektin glaubt, dass die historisierende Formensprache bald auch auf den Mietwohnungsbau übergreifen wird.

So sieht es aus. Die gebaute Architektur ist Abbild der Gesellschaft, und im aktuellen Fall Ausdruck von Ressentiment, AfD und Kapitulation vor den Verhältnissen. Gute, nach vorne denkende Architekten haben es schwer, weil es nach vorne denkende Menschen schwer haben derzeit.

Besonders perfide ist das, weil die Vorhut dieser reaktionären Auffassung von Ästhetik und Verhältnissen ausgerechnet die Leute sind, die kapitalistisch ausbeuten, die von den Verhältnissen profitieren: Leute, die sich in Berlin die Zweit- und Drittwohnung kaufen, weil sie mit ihrem Geld irgendwohin müssen. Betongold in Berlin gilt derzeit als sicherer Anker. Emanzipation wäre, sich von diesen Verhältnissen abzuwenden. Stattdessen rennt die Masse der Finanzelite ästhetisch hinterher (oft gerade die, die sich besonders kritisch wähnen!), ohne jemals die erträumte Stellung erreichen zu können.

„Man muss mit Wohngebäuden die Seele der Menschen treffen“, sagt Henrik Thomsen, Geschäftsführer bei der Groth Gruppe, einem der großen Projektentwickler Berlins.

Ja, oberflächlich betrachtet schaffen sie das, die Architekten. Insofern kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Die Mehrzweckhallen in Wien zeigen allerdings, wie man das Thema ernsthaft angehen kann.

Und immer wieder: Es muss endlich die Bodenfrage neu gestellt werden, so wie das in den 1920ern und auch nach dem Krieg noch gemacht wurde. Vieles von dem, was damals als bürgerlich geltende Architekten forderten, nämlich die massenhafte Vergesellschaftung von Boden, gilt heute als linksextrem. Wenn man sich auf die marktkonforme Verteuerung der Bodenpreise einlässt, hat man schon verloren.

Bonzen verjagen, um das etwas verständlicher auszudrücken.

(Fotos: genova 2015 und wikipedia)

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Eine Antwort zu Mehrzweckhallen als „wahrhaft revolutionärer Akt“

  1. dame.von.welt schreibt:

    Berlin-Touristen sollten sich die Unter-den-Linden-Scheiße erstmal sparen … Es wird massenhaft retrosierend gebaut, die Bezüge sind allesamt vormodern, auf eine heile Welt pochend. Es werden italienische Viertel ausgerufen, weil man damit Toskana und Dorfleben verbindet. Das verwirklicht sich naturgemäß nicht, es ist reine Fassade, unpraktisch und teuer dazu.

    Dazu passt Thomas Pigor

    Gefällt 1 Person

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