Die Überschätzung der Augen

„Das Beste im Leben ist, Dinge berühren zu können.“

Das meinte Alberto Giacometti und das stimmt. Ob Brot, Brüste oder Brutalismusbeton: Hauptsache, man fasst das Objekt an.

Darin schwingt auch eine Kritik an der Überschätzung des Visuellen mit. Man sieht, man liest, man schließt in modernen Zeiten immer mehr via visueller Einschätzung, ob Smartphone, youtube oder TV. Das Taktile dagegen verliert an Bedeutung, ist fast schon verpönt, weil Berührungen im Norden irgendwo zwischen mangelndem Taktgefühl und Belästigung angesiedelt sind. Es gibt Leute, die es schon übergriffig finden, wenn man ihnen beim Argumentieren an die Schulter tippt.

Die Augen dagegen lassen vermeintlich sichere Schlüsse aus der Entfernung zu. Man macht sich nicht die Hände schmutzig. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entfremdung war der Live-Krieg im Irak 2003, embedded journalists. Die taktile Alternative wäre das Berühren der zerfetzten Hirne und ihrer Flüssigkeit gewesen.

Wobei, um zu Giacometti zurückzukehren, alle Museen das Berühren von Skulpturen verbieten. (Alle mir persönlich bekannten Künstler sehen das übrigens genauso. Das Werk könnte Schaden nehmen.) Eine Katastrophe und ein weiteres Argument gegen Museumsbesuche. Streicheln wir stattdessen seine Sichtbetonfront und dann die Brust des nächsten Menschen. Mit geschlossenen Augen.

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4 Antworten zu Die Überschätzung der Augen

  1. dame.von.welt schreibt:

    Wobei, um zu Giacometti zurückzukehren, alle Museen das Berühren von Skulpturen verbieten. (Alle mir persönlich bekannten Künstler sehen das übrigens genauso. Das Werk könnte Schaden nehmen.) Eine Katastrophe und ein weiteres Argument gegen Museumsbesuche.

    Stimmt nicht. Eine Empfehlung zum Besuch des Tinguely-Museums und der Fondation Beyerle in Basel hatte ich Ihnen ja schon mal ausgesprochen – im Tinguely-Museum kann man die Skulpturen nicht nur anfassen, sondern auf/in den großen herumklettern, bei Beyerle kam ich schon auf 10cm an Originale von Goya und Rembrandt heran, ohne Schnappatmung bei den Aufpassern auszulösen.

    In Berlin empfiehlt sich z.B. das Jüdische Museum, wo die Aufpasser nicht den sonst in Berlin obligaten Unfreundlichtkeitstest zu durchlaufen scheinen. Führungen für Blinde und Sehbehinderte in auch anderen Museen statten ihre Teilnehmer mit Latexhandschuhen aus, um das Begreifen von Kunst ohne Schaden am Werk zu ermöglichen. Ich kenne keinen Künstler, der dagegen etwas einzuwenden hätte. Außerdem gibt es auch noch ein paar Skulpturen im öffentlichen Raum, die nicht nur von Händen, sondern auch von Taubenkrallen (und -scheiße) berührt werden.

    Höhepunkte der Entfremdung sind nicht nur beim ‚embedded journalism‘ zu suchen, auch die seit den 1970ern immer größer gewordene räumliche Distanz der jeweiligen Regierenden zu ihrer Bevölkerung ist so ein Höhepunkt.

    Es hat schon Sinn, von *Begreifen* und *Erfassen* zu sprechen und das ist nur mit dem Augensinn ganz sicher nicht möglich.

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  2. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für den Beitrag, dame von welt. Tinguely mache ich, wenn ich das nächste Mal in Basel bin. Wann das sein wird, weiß aber momentan nur Gott. Jüdisches Museum Berlin liegt näher, keine zwei Kilometer, aber ich muss zugeben, dass ich dort nur einmal war, noch vor der Eröffnung wegen der Architektur. Das wird demnächst gemacht, man muss sich manchmal einen Ruck geben.

    Latexhandschuhe sind allerdings auch schon wieder ein Problem. Ich fände es cool, wenn der Künstler das Anfassen gestattet, auch um den Preis der langsamen Zerstörung des Werks. Wäre ja nicht tragisch, wenn das Werk vergänglich wäre, was es eigentlich ohnehin ist. Oder wenn es eine Art Patina ansetzt. Zeit anhalten wollen ist eine komische Sache.

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  3. dame.von.welt schreibt:

    Zeit anhalten wollen ist eine komische Sache.

    Hm, auch im übergeordneten Sinn…;-)… das mit dem Auratischen von Kunst und Künstler, dem zudem als Genie, entstammt ja einer Zeit, als Kirche und Krone als Auftraggeber zunehmend wegfielen. Was man in der Schweiz insofern merkt, als deren Demokratie älter und damit auch der Zugang zu Kunst schon länger bürgerlich ist.

    Das jüdische Museum wird für Sie beim ersten Ausstellungsbesuch wahrscheinlich eine Enttäuschung sein, wenigstens mir ging es so – mir war die unbespielte Architektur mehr als genug.
    Die Ausstellungen sind aber allesamt großartig!

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  4. Chris(o) schreibt:

    „Das Beste im Leben ist, die Dinge berühren zu können.“ Unbedingt, verehrter Giacometti!
    Doch wer sollte schon in Versuchung geraten, mit einer Giacometti-Skulptur zu knutschen?
    Oder mit einer Person in „Funktionskleidung“?

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