Die braven Eltern und eine Perversion im Prenzlauer Berg

Eine Kita im EG eines Altbaus im Prenzlauer Berg soll für 120 Quadratmeter statt bislang 840 Euro netto kalt nun 3025 Euro zahlen. So geht das im, ähm, Sozialstaat Deutschland. Die Eltern sind „geschockt“. Doch statt den Schock in effektive Maßnahmen umzuleiten wie

  • die Kita besetzen
  • dem Vermieter das Auto abfackeln
  • den Berliner Bürgermeister Michael Müller mit Tomaten bewerfen
  • den Berliner Sozialsenator mit Eiern bewerfen
  • und weitere und möglichst viele Repräsentanten der kapitalistischen Perversion in die bildhafte Verantwortung nehmen,

also den Schock produktiv zu machen, machen die braven Eltern was? Sie kaufen das EG für 285.000 Euro – für die Lage, wie man sagt, wenig, aber dennoch viel Geld dafür, dass man einfach nur einen Kita-Platz für sein Kind braucht. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung wohnen im Prenzlauer Berg nicht nur Millionäre und Schauspieler, deshalb mussten sich die braven Eltern ein Finanzierungskonzept überlegen. Und hier beginnt die Absurdität, die in einer neoliberal durchgestylten Gesellschaft auf die kapitalistische Perversion folgt.

Die braven Eltern fackelten also kein Auto ab, aber dennoch nicht lange und nahmen einen Kredit in Höhe von knapp über 200.000 Euro auf. Die restlichen  80.000 Euro bekamen sie zusammen, indem sie an ihr privat Gespartes gingen und Spenden erbaten: Unter dem Motto „Wir sind gekommen, um zu bleiben!“ (schön ausdrucksstark mit Ausrufezeichen) baten sie im Kiez und anderswo um Geld und alle gaben: der Biosupermarkt, das vietnamesische Restaurant, Eltern, Großeltern und Freunde. Der Journalist Martin Klesman lässt sich in der Berliner Zeitung in Bezug auf diese Finanzierung tatsächlich zu der Bemerkung:

Typisch Prenzlauer Berg, möchte man meinen. Hier investiert man in Bildung.

verleiten. Nein, Alter, man finanziert die Kapitalrendite.

Die spätbürgerliche Presse in ihrem Element.

Die Asozialität, die im Kapitalismus möglich ist, nämlich einer Kita die Miete von heute auf morgen fast zu verdreifachen, und das mit rechtsstaatlicher und demokratischer Legitimität wird nicht thematisiert, es ist eine Art Naturgesetz, eine Naturkatastrophe. Blöd, aber da kann man nichts machen. Konkret schreibt die Berliner Zeitung:

Kitas in der Innenstadt geraten immer stärker unter Druck.

Kitas „geraten“: Kitas sind in dieser skurrilen Grammatikkonstruktion nicht einmal passivisch, sondern sie geraten da aktiv rein, irgendwie zwar, nicht begründbar, aber eigentlich sind sie selbst schuld. So wie man in ein Unwetter gerät. Es blitzt halt. Oder wie jemand, der in Schwierigkeiten gerät.

Vielleicht hätten sich die Kitas vorher überlegen sollen, wo sie da hineingeraten.

In der DDR war der Sozialismus oder die Diktatur an den Verhältnissen schuld, im kapitalistischen Großdeutschland ist es niemand mehr. Der Vermieter kann sich benehmen, wie er will, die Folgen sind akzeptabel, denn Kapitalrendite ist wichtiger als eine Kita oder irgendetwas anderes.

Leistungsloses Einkommen: Das, was bei Hartz-IV-Beziehern verpönt ist, hat für das Kapital den Status eines Menschenrechtes.

Solche kleinen Beispiele zeigen immer wieder die Perversion unseres Wirtschaftssystems, das auf gesellschaftlicher Ebene Wert darauf legt, von einem Sozialstaat zu reden. Und die Effektivität dieser Perversion ist so durchschlagend, dass Eltern und Großeltern und Freunde und Supermarkt- und Restaurantbesitzer auch noch freudig einen Haufen Geld spenden und die Eltern ihre Konten leeren, um einem Arsch diesen Haufen Geld freudig zu überreichen statt ihm Feuer unter selbigem zu machen.

Und die Presse stellt das ganze ohne jede Ironie als einen vorbildlichen Akt kieziger Solidarität dar. Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte des Neoliberalismus: Man barbarisiert die Verhältnisse und polt die Opfer so, dass sie diese Verhältnisse gutheißen.

Früher nannte man das Gehirnwäsche, heute ist man offensichtlich gehirngewaschen und freut sich über Engagement, Eigeninitiative, Etwas selbst in die Hand nehmen, sich kümmern und so weiter.

Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen, sagte vor 30 Jahren Margaret Thatcher. Damals wurde ihr noch widersprochen. Mittlweile zeigt sich, dass ihre Haltung Realität geworden ist. Neoliberale Gesellschaft ist, wenn ich in meine Unterdrückung hineingerate und sie in vermeintlicher solidarischer Abhilfe zementiere. Und auf keinen Fall auch nur einmal politisch, systemisch denke. Denn Politik und System und Gesellschaft gibt es nur noch auf unpolitischer, unsystemischer und auf individueller Ebene.

Und das alles muss ich dann toll finden. Besser noch: Ich muss nicht, ich finde das freiwillig. Herzlichen Glückwunsch.

(Foto: genova 2015)

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14 Antworten zu Die braven Eltern und eine Perversion im Prenzlauer Berg

  1. spitzfinder schreibt:

    Auch hier fällt es wieder schwer, den „Gefällt mir“-Button zu betätigen, denn wem könnten solche Verhältnisse wohl gefallen, außer entfesselt kapitalen und skrupellosen Raubrittern? Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie unsere „Wertegemeinschaft“ heute funktioniert: Die Einen arbeiten sich den Arsch ab, um kapitalistische Werte zu erschaffen, gemeinsam mit den anderen armen Schweinen, die dasselbe tun, um sie zu erhalten, und die Anderen schauen wohlgefällig zu, diktieren die Arbeitsbedingungen und Verteilungsschlüssel, und schöpfen zu gegebener Zeit den Profit ab. So geht Wertschöpfung, und so gehen die allerletzten nichtkapitalistischen Werte in den Arsch, unter der Duldung oder gar dem beifälligen Wohlwollen von Politik, Medien und sog. „Leistungsträgern“. F.U.A.!

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  2. genova68 schreibt:

    So ist es.

    Was heißt F.U.A.? Ich kenne nur F.A.U.

    Man hätte auch noch den Bezug zu den Erziehern bringen können, fällt mir gerade ein. Die streiken für ein paar Prozent mehr, die sie nicht kriegen, der Vermieter bekommt anstandslos 280 Prozent mehr.

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  3. tikerscherk schreibt:

    Die Miete hätte sich sogar beinahe vervierfacht. Dass es überhaupt möglich ist Kitas oder Schulen (so, wie die Kreuzberger Freie Schule) aus ihren Räumen zu verdrängen ist eigentlich unfassbar.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, vervierfacht. Ich bin so schlecht im Rechnen. Und mein Solartaschenrechner funktioniert nur im Sommer.

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  5. h.z. schreibt:

    Schöne Analyse. Ich nehme mir die Freiheit, einige ergänzende Überlegungen beizusteuern.

    Die erhöhte Mietforderung von mtl. 3.025 kann mit den nun erforderlichen Einzahlungen auf den erhaltenen Kredit 1:1 in Beziehung gesetzt werden. Gerundet und ohne Ansatz eines Kreditzinssatzes sind das 6 Jahre Rückzahlungsdauer, wenn statt erhöhter Miete nun der Kredit bedient wird. Die Rückzahlungsdauer verlängert sich natürlich erheblich durch die (unbekannte) Zinsbelastung.

    Falls die Eltern eine Rückzahlungsrate in der Höhe der bisherigen Miete von 840 vereinbaren konnten, beträgt die Laufzeit, wieder gerundet und ohne Zinssatz, 20 Jahre. Bei einem Zinssatz von 3,5% würde sich die Kreditlaufzeit sogar verdoppeln.

    Wie immer das konkret ausgestaltet wurde, ist das Risiko der Nutzbarkeit der Räumlichkeiten auf die Eltern übergegangen. Den Verkäufer freut das natürlich zusätzlich, hat er doch den gewücnschten Mietertrag der nächsten sechs Jahre in der Tasche, ohne sich um Rückstellungen für zukünftige Instandsetzungsaufwände scheren zu müssen. Für die Instandhaltung/Instandsetzung sorgt nun die Kita selbst, wozu bislang vermutlich der Vermieter verpflichtet war (falls der Vergleich mit österr. Mietrecht zulässig ist). Für diese zukünftigen Kosten werden die Kita-Eltern wohl noch gesondert sammeln gehen müssen.

    Nicht uninteressant ist auch, was das Finanzamt dazu sagt. Falls bislang der anteilige Mietaufwand für den Kitaplatz steuerlich geltend gemacht wurde, könnte diese Möglichkeit zukünftig wegfallen. Dadurch stiege die Steuerlast für die Eltern.

    Aufsummiert ergibt sich ein schlechtes Geschäft für diese Leute. Ich sehe darin weniger eine „Perversion unseres Wirtschaftssystems“, als vielmehr Unverständnis. Die Wurzeln hiefür würde ich im Bildungswesen suchen. Einzig die Antwort auf die Frage nach der nächstgelegenen Kita könnte einen „Handlungsnotstand“ dieser Eltern plausibel erscheinen lassen. Wenn eine gesamte Gehzeit von mehr als, sagen wir, 15 Minuten anfallen würde. Dann könnte man auch Politikversagen berechtigt monieren, meine ich.

    Ob man die Geschichte so ohne weiteres pauschal dem Kapitalismus ans Knie nageln kann, wage ich vorsichtig bezweifeln. Wucher war schon zu Zeiten der Römer rechtlich verpönt und Dummheit gibt’s schon immer. Was aber Ihre trefflich ausgeführte Medienkritik nicht schmälern soll.

    Doch dann überlege ich noch einen Schritt weiter: Wenn die heutige Eltern-Clique das Eigentum an den Räumlichkeiten wie berichtet dem Kitaverein überträgt, kann das nur den Sinn haben, zukünftige Kitanutzer an der Kredittilgung zu beteiligen. Da ist wieder die Frage relevant, welche Kreditlaufzeit gegeben ist. Zehn Jahre halte ich für plausibler, als 40 Jahre – aber egal. Es läuft im wesentlichen darauf hinaus, dass zukünftige Generationen von Kitanutzern an den Kosten für die Räumlichkeiten beteiligt werden. Also genau das, was im Rahmen der staatlichen Daseinsfürsorge stattzufinden hätte.

    Das ist in der Tat brisant, weil auf dieser Strecke Demokratie vollständig ausgeschaltet wird und dies von den heutigen und künftigen Kitanutzern nicht bemerkt wird: die Geschichte muss also doch dem Kapitalismus ins Knie geschraubt werden.

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  6. genova68 schreibt:

    „Einzig die Antwort auf die Frage nach der nächstgelegenen Kita könnte einen “Handlungsnotstand” dieser Eltern plausibel erscheinen lassen.“

    Es gibt dort keine nächstgelegene Kita. Das sind selbstverwaltete Projekte, die sind auf Raum angewiesen. Es ist für die Eltern nicht zumutbar, etwas anderes zu suchen, sie würden es in der Nähe auch nicht finden, vermute ich. Es gibt einen Handlungsnotstand.

    Aber das ist alles völlig egal, denn es geht darum, was eigentlich wichtig ist: Das Wohl des Vermieters oder das der Kita. Aktuell ist es das des Vermieters, das ist Kapitalismus und das ist die Perversion. Ich halte es schon für absurd, dass sich die Eltern über andere Räume oder andere Kitas Gedanken machen sollen. Nein, die sollen dort für 800 Euro bleiben, jede andere Möglichkeit ist schon absurd. Das müsste die Forderung sein, inklusive massivem Ungehorsam. Es gibt nur einen Grund, den Vermieter nicht zu verpflichten, die Miete bestenfalls als Inflationsausgleich zu erhöhen: Die Notwendigkeit des Systems, Renditemöglichkeiten zu schaffen, um das überflüssige Kapital irgendwo unterzubringen. Genau das passiert bei den Wertsteigerungen der Immobilien, die sich in höheren Mieten ausdrücken. Es ist eine heilige Kuh des Kapitalismus, deshalb darf der Vermieter so handeln.

    Nebenbei: Der Altbau hat sich schon vor locker 50 oder 80 Jahren amortisiert, die Miete wäre vermutlich halb so hoch angemessen, also um die 400 Euro.

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  7. arprin schreibt:

    Ohne jetzt speziell auf den Fall in der Kita zu sprechen zu kommen, kann ich nur sagen: Zum Glück haben die Eltern nicht auf deine empfohlenen Maßnahmen zurückgegriffen. Glaubst du wirklich, es wäre positiv, wenn jetzt jeder, der seine Interessen nicht gut genug vertreten sieht, mit Autos abfackeln reagiert? Wenn jemand die Steuern zu hoch findet, soll er dann sein lokales Finanzamt besetzen und Autos von Finanzbeamten anzünden? Ist das wirklich der bessere Weg, als den zugegebenermaßen äußerst schweren Weg der Überzeugungsarbeit (aber der ist nicht für dich schwer, sondern für jeden, dem „das System“ nicht gefällt) zu gehen?

    Falls es nicht ernst gemeint war und ich einen Ironie-Detektor übersehen habe, nehme ich alles zurück und entschuldige mich.

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  8. genova68 schreibt:

    Ich finde es ja nett, dass du hier hin und wieder auftauchst, du machst einen sympathischen Eindruck. Aber bist du nicht ein Libertärer, der einen lupenreinen Kapitalismus will? Staat abschaffen? So wie Janich? Oder Baader? Oder Hülsmann? Oder eigentümlich frei? Ich meine, wenn das so ist, das müsste man jetzt viel tippen, das ist mir zu anstrengend. Ich diskutiere hier nur noch mit Leuten, die meiner Meinung sind. Es führte nicht zu Erkenntnis.

    Aber du kannst hier natürlich schreiben, was du willst.

    Grundsätzlich: Die Metapher des brennenden Autos steht für das Thema Militanz. Die kann man nicht generell ablehnen, weil Aggression im Menschen angelegt ist. Der Kapitalismus bringt sie zum Vorschein. Ob man Militanz im Einzelfall gut findet, muss man diskutieren.

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  9. h.z. schreibt:

    Nun hab‘ ich mich doch umgesehen, wie es in Berlin um die Ausstattung mit Kitas bestellt ist. Dabei habe ich entdeckt, dass gleich nebenan (eine Hausnummer höher) eine weitere Kita besteht. Im Umkreis von 100m sind’s drei. Im Umkreis von 500m gar 17 mit insgesamt 691 Plätzen ( link). Von „Handlungsnotstand“ kann unter diesen Umständen kaum die Rede sein, zumal für die in Bedrängnis geratene Kita bloß 17 Betreuungsplätze ausgewiesen sind. Es sei denn, die umliegenden Kitas, vorwiegend ebenfalls Elterninitiativen, zeigen den betroffenen Eltern die kalte Schulter. Damit bekommen meine gestern angestellten Überlegungen einen konkreten Hintergrund. Außerdem habe ich nochmals nachgelesen, dass die Gewerberäume, in welchen die Kita eingemietet war, über einen Makler zum Kauf angeboten wurden. Der Vermieter hatte also die Absicht, sich von den Räumen zu trennen. Daraus schließe ich freihändig, dass er dringend Kohle braucht, um seinerseits Kredite zu bedienen.

    Die betroffenen Eltern stellten entweder Milchmädchenrechnungen zu ihrem eigenen realen Nachteil an. Oder sie spekulieren gezielt darauf, die Kosten ihrer Entscheidung über Jahre auf viele andere Schultern zu verteilen. Letzteres macht die handelnden Personen – sage ich provokant – zu exemplarischen Kapitalisten reinsten Wassers. Anstatt, wie Sie beispielhaft so treffend ausführten, ihren Unmut in öffentlich wahrnehmbarer Weise auszudrücken, gehen die Leute den Weg des Geldes. Es muss klar sein, dass davon die meisten Eltern infolge einer perversen Einkommensverteilunng ausgeschlossen sind. Gleichzeitig heben solche Leute die Durchschnittskosten für einen Kitaplatz. Und zu allem Überdruss sind auch sie es, die den Erzieherinnen nicht mehr als einen Hungerlohn zugestehen wollen.

    Man kann den Kapitalismus als eine Mechanik auffassen, welche von der gerade vorherrschenden Wirtschaftstheorie (Neoliberalismus) bedient wird. Steuererleichterungen für Unternehmen beispielsweise werden nicht von der Mechanik benötigt, sondern von der Bedienmannschaft gefordert. Nicht die Mechanik ist dafür verantwortlich zu machen, dass kommunale Infrastruktur ausblutet und verrottet, sondern die Politik, welche sich ohne zwingende Not zum Büttel der Bedienmannschaft macht. Und die Politik wird von uns allen gewählt, ohne dass wir in unserer allgemeinen Grundausbildung das Rüstzeug für eine informierte Entscheidung vermittelt bekommen hätten.

    Bei all den zu bedenkenden Faktoren brennt mir eine spezielle Frage auf der Zunge. Wie wird der – falls ich zutreffend informiert bin – Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz eingelöst? Wenn nicht ausreichend kommunale Einrichtungen zur Verfügung stehen, wird dann gegen Geldleistung der öffentlichen Hand auf privatwirtschaftlich organisierte Einrichtungen (Elterninitiativen fallen darunter) zurückgegriffen? Falls ja, welches Interesse könnten privatwirtschaftliche Kitas am Ausbau des öffentlichen Angebots haben?

    Sie sehen schon, für mich stellt sich die Lage ziemlich komplex dar.

    (btw: bei der Besichtigung der lokalen Gegebenheiten in goolge-streetview ist mir aufgefallen, dass bei der Ausgestaltung von Fahrradabstellplätzen gerade vor Kitas noch jede Menge Luft nach oben vorhanden ist. Das geht aber auf die Kappe der Berliner Stadtverwaltung.)

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  10. arprin schreibt:

    Janich und ef sicher nicht, Baader liegt mir schon näher, Hülsmann kenne ich nicht gut genug. Ich wollte auch keine Grundsatzdiskussion über die richtige Gesellschaftsordnung, sondern nur einen Kommentar zu einem Punkt abgeben.

    Um auf diesen Punkt zurückzukommen: Ich lehne Militanz generell ab, auch wenn Aggression im Menschen angelegt ist (das ist keine Entschuldigung). Gewalt ist für mich nur als Notwehr gegen Gewalt oder angedrohte Gewalt in Ordnung, niemals aus Eigeninitiative. Zu dem Einzelfall: Findest du es gut, Autos von Kitabesitzern anzuzünden, die Kitagebühren um das 3-4-fache erhöhen?

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  11. genova68 schreibt:

    Gewalt als Notwehr: Das könnten die Kita-Leute für sich beanspruchen. Wir haben einen Staat, dem die Rendite wichtiger ist als die Kita. Der Vermieter genehmigt sich eine Lohnerhöhung von 350 Prozent, der Rechtsstaat und die Demokratie stehen hinter ihm, nicht hinter den Eltern mit Kindern. Alles eine Frage der Perspektive.

    Ich lehne Militanz auch ab, aber das ist egal, wenn Gewalt im Menschen angelegt ist. Dann kann ich die nicht einfach ablehnen, sondern ich muss versuchen, ihren Ausbruch zu verhindern, also beispielsweise eine Politik machen, die den Ausbruch von Gewalt verhindert. Die Mieterhöhung ist sicher kein Beispiel dafür. Keine Angst, ich zünde keine Autos an und bin generell völlig gewaltfrei. Es ist nicht mein Stil. Aber ich kann nicht nur von mir ausgehen. (Überhaupt gibt es schon genügend ich-bezogene Blogs.)

    Der Vermieter ist halt Sinnbild für ein perverses Wirtschaftssystem, und wenn jedes Auto eines Asi-Vermieters brennen würde, gäbe es sicher eine Diskussion zum Thema. Du solltest wegen eines brennenden Autos nicht so sehr den Moralischen raushängen.

    Ich gebe dir ein anderes Beispiel: Der ÖPNV in Berlin, BVG, ist seit Monaten überfüllt, es kommen immer mehr Menschen in die Stadt. Die BVG (und die DB) spart aber so sehr, dass die U-Bahnen nicht im Takt fahren, S-Bahnen massenhaft ausfallen, die letzten S-Bahn-Wagen in den 80er Jahren angeschafft wurden etc. Man steht oft wie die Ölsardinen in der Dose. Die BVG interessiert sich nur für die schwarze Zahl unterm Strich. Die verdienen mehr Geld, je weniger Wagen sie im Umlauf haben. Das erzeugt Zorn bei den Fahrgästen, aber der drückt sich nicht negativ in der Bilanz aus, weil es keine Alternative gibt.

    Würden die Fahrgäste gemeinsam einen U-Bahnhof zerlegen oder einfach diese Ticketautomaten zerstören, meinetwegen via Sekundenkleber, und das kommunikativ vermitteln, würde sich das Angebot sicher verbessern, denn der kaputte Bahnhof und der kaputte Automat wäre schlecht in der Bilanz. Man bekommt die Aufmerksamkeit der BVG,wenn man sie dort tritt, wo sie überhaupt nur eine Relevanz sieht, nämlich im Ökonomischen.

    Das Problem ist eher, dass die Gesellschaft zu wenig militant ist, zu brav. Militant nicht mal im Sinne von gewalttätig, sondern von Sabotage.

    Die Diskussion ist auch uralt: strukturelle Gewalt erzeugt reale. Wenn ich als Eltern die Mieterhöhung hinnehmen muss, sehe ich das schon als eine Form von Gewalt an.

    Gut, dass du dich von ef distanzierst, Hülsmann ist ein Autor dort. Die stehen für die Verquickung von Libertarismus mit Rechtsradikalismus, inklusive Pirincci und junge freiheit.

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  12. genova68 schreibt:

    h.z.,
    danke für den Beitrag. Soweit ich weiß, ist es nicht einfach,einen Kita-Platz in der Nähe des Wohnorts zu bekommen, zumal es wohl Qualitätsunterschiede gibt. Die beschriebene Kita ist eine private mit Elternengagement.

    Ob Handlungsnotstand oder nicht: Es geht eher um eine grundsätzlciche Haltung: Selbst wenn ich Kapitalismus befürworte, muss ich das Problem der Immobilie sehen, in der der Markt nur sehr bedingt funktioniert, weil es hier um Räume geht um immobilen Boden, den der Markt nicht einmal im Ansatz vernünftig organisieren kann. Insofern halte ich es für eine vernünftige Option, Immobilien aus der kapitalistischen Logik weitgehend herauszunehmen und die Vernunft regieren zu lassen. Ein Altbau-EG von 120 qm kann man für maximal 600 Euro vermieten, inklusive massiver Rücklagen. Jeder höhere Preis ist nicht diskutabel bzw. wäre es nur, wenn ein effektiver Markt herrschte.

    Der Kapitalismus braucht immer weitere Verwertungsmöglichkeiten, deshalb gibt es Privatisierungen bei Rente, Betrieben, Bahn etc. Das ist der einzige Grund.

    Sie dröseln das Problem etwas anders auf, es müsste aber auf den gleichen Schluss hinauslaufen: Wenn es eine falsche Einkommensentwicklung gibt, dann auch deswegen, weil der Vermieter eine Lohnerhöhung von 350 Prozent bekommt. Die muss ihm irgendwer bezahlen, es muss zulasten von jemand gehen.

    Steuererleichterungen für Unternehmen beispielsweise werden nicht von der Mechanik benötigt, sondern von der Bedienmannschaft gefordert. Nicht die Mechanik ist dafür verantwortlich zu machen, dass kommunale Infrastruktur ausblutet und verrottet, sondern die Politik, welche sich ohne zwingende Not zum Büttel der Bedienmannschaft macht. Und die Politik wird von uns allen gewählt, ohne dass wir in unserer allgemeinen Grundausbildung das Rüstzeug für eine informierte Entscheidung vermittelt bekommen hätten.

    Tja, da könnte man ansetzen. Der Kapitalismus lebt davon, dass die eigene Rendite höher ist als die des anderen. Denn nur dann verschaffe ich mir einen Vorteil und kann den anderen überholen oder ihn schlucken, ihm in jedem Fall die Rendite streitig machen. Das bedeutet, ich setze alle Hebel in Bewegung, um meine Rendite zu steigern. Ein gangbarer Weg ist die Beeinflussung der Politik, auf dass die beispielsweise meine Steuern senkt. Der Staat als ideeller Gesamtkapitalist. Der Staat sorgt für Privatisierung, das ist die größte neue Mehrwertquelle überhaupt. Ob Not oder nicht: Es läuft ganz real so, wir sehen das seit Thatcher und Reagan und seit rot-grün in Deutschland. Wir wählen, Politik wird gemacht, wir sind unzufrieden, wählene andere, sind wieder unzufrieden, es machen schließlich alle neoliberale Politik. Es scheint systemisch zu sein: Die Demokratie wird vom Kapital dahingehend genutzt, sie auszuschalten, aber als Hülle bestehen zu lassen. Das Individuum wird immer weiter deformiert und erkennt deshalb keine Zusammenhänge mehr, siehe Kita-Eltern, siehe den Journalisten.

    Zu Ihrer Kita-Frage: Soweit ich das mitbekomme, gibt es nicht genügend staatliche Kitas, aber es gibt auch eine große Bereitschaft (in den akademischen Kreisen hier in Kreuzberg etc.), sich privat zu organisieren, man hat dann besseres Essen, bessere Erzieherinnen, kann mehr Einfluss nehmen auf Erziehungsmethoden etc. Man zahlt dann mehr und arbeitet mehr mit, aber das macht man halt für die lieben Kleinen. Private Kitas habern vermutlich kein Interesse am Ausbau staatlicher Kitas, aber es gibt keine Interessen privater Kitas, die treten nicht gebündelt auf. Die entstehen via Eltern-Initivative.

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  13. Motherhead schreibt:

    Genau das ist das Problem: Die Leute können die Tatsache, dass die wahren Asozialen unserer Gesellschaft Konzernlenker wie Frank Appel, Banker und Immobilienhaie sind, nicht mehr reflektieren. In Frankreich errichten die LKW-Fahrer brennende Barrikaden, in Deutschland stellen sich die Leute brav vor der Post in die Schlange und lassen sich zudem noch irgendein „Produkt“ aufschwatzen von einer Angestellten, die dazu gezwungen wird, obwohl es gar nicht ihrem Jobprofil entspricht.

    Diejenigen Deutschen, die sich gerade aus der Mittelschicht in den Keller verabschieden, sind zu feig‘, und von denen, die die Asozialisierung unserer Gesellschaft am härtesten trifft, haben viele naturgemäß nicht das Selbstbewusstsein, selbst auf die Straße zu gehen.

    Was tun?

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  14. epikur schreibt:

    Ja, die fehlende „Militanz“ ist durchaus bemerkenswert. Da wird den Bürgern seit Jahren mehr und mehr strukturelle Gewalt angetan (ALG 2- Enteignung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Steigende Kosten bei Miete, Strom, Gas, Kultur, Mobilität, Lebensmittel etc., ausufernde Bewachungsmaßnahmen, GEZ Zwangsgebühren usw.) und das deutsche Schaf blöckt nur doof seinen Nachbarn oder seinen Mitfahrer im Autoverkehr an. Und jetzt gibt es das Flüchtlings-Sündenbock.

    Aber Gewalt gegen die Gewaltherrscher ist natürlich absolut ieeh und bääh. Die dürfen mit mir alles machen, was sie wollen, ich darf höchstens bei einer Demo mitlatschen und eine Fahne schwenken. Es wird wirklich Zeit, die Wut wieder zu zu lassen.

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