Das rötliche Wien

Wohnen in Wien in den 1920er Jahren:

„Beinahe jede Wohnung hatte einen Balkon, eine Loggia oder zumindest einen Erker. An Gemeinschaftseinrichtungen fanden sich in den Anlagen Badehäuser, Waschküchen, Kindergärten, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, Büchereien und Geschäfte. Dennoch waren die Mieten für alle erschwinglich: Für eine durchschnittliche Gemeindewohnung betrug der Mietzins 1926 nicht mehr als vier bis acht Prozent eines Arbeitermonatslohns, zumal die Stadt nicht die Grund- und Baukosten, sondern lediglich die Betriebs- und Erhaltungskosten in Rechnung stellte.

(Wer baut Wien? Reinhard Seiß, S. 71)

Für heutige Zeitgenossen kaum zu glauben. Gute Wohnungen für vier bis acht Prozent des Einkommens, und das vor einhundert Jahren mit entsprechend niedrigerem Stand der Produktivkräfte. Nun überlege man sich, dass diese soziale Form des Wohnens heute existiere, inklusive dem fortgeschritteneren Stand der Produktivkräfte. Diesen Produktivitätsfortschritt könnte man in die Größe der Wohnung investieren und in bessere Ausstattung.

In Wien wird der Kapitalismus im Wohnungsbau seit den 1920er Jahren in weiten Teilen schlicht nicht zugelassen. So einfach geht das. Voraussetzungen damals waren eine sozialdemokratische Partei, die noch nicht vom Kapital korrumpiert war, also, auf Deutschland übertragen ohne Schrödergabrielmüntefehringclementoppermann-fahimischwesigwowereitscholzxxx (weitere Namen nach spontanem Einfall bitte dazudenken). Die führte in Wien eine Wohnsteuer ein – je luxuriöser die Wohnung, desto höher die Steuer. Das rote Wien wurde durch fallende Grundstückspreise begünstigt, was man in heutigen Zeiten mit gegenläufiger Tendenz mit ein wenig Phantasie grundgesetzgestützt – Eigentum verpflichtet – bewerkstelligen könnte. Und schwupps – baut man heute für fünf Euro warm den Quadratmeter. Es wäre nicht nur angesichts der Neubürger aus Syrien, Afghanisten etc. eine schlicht notwendige Maßnahme.

Es wäre heute ökonomisch ein leichtes, solche Verhältnisse einzuführen. Gutes Wohnen für eine Miete von acht Prozent des Einkommens. Dass das nicht passiert, liegt einzig und alleine daran, dass alle, auch die Sozialdemokratie, es als ihre vornehmste Aufgabe betrachten, den Bonzen möglichst viel Geld in den Allerwertesten zu schieben.

Solche kleinen Gedankenspiele zeigen ganz flott, in welchem durch und durch perversen, menschenverachtenden und menschenvernichtenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wir leben.

Man kann ja an den aktuellen Wiener Verhältnissen – 30 Prozent FPÖ – viel herummäkeln. In Sachen Wohnungsbaupolitik verhält sich Wien zu Berlin jedenfalls wie die Caritas zur Mafia.

Deutsche Verhältnisse, einmal mehr.

Bewegt man sich in Wien, fallen einem auf Schritt und Tritt, wie man sagt, an Häusern rote Lettern auf. Sie berichten stolz von dieser kommunalen Wohnungsbautätigkeit. Sie dokumentieren gut sichtbar die sozialistische Weise ihre Entstehens. Wurden für den Bau Mittel der Wohnsteuer verwendet, schrieb man das stolz an die Fassade. Übersetzt: Errichtet mit dem Geld, das den Bonzen wegenommen wurde, das sie vorher anderen weggenommen hatten.

So geht Politik.

 

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