Akif Pirincçi und die deutsche Lächerlichkeit

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Ich gebe Jan Fleischhauer recht. Er kritisiert die Reaktion der Buchhändler auf Akif Pirincçis „KZ-Rede“, nämlich alle Bücher von ihm aus dem Programm zu nehmen. Nun kann man seine Katzenkrimis nicht mehr kaufen:

Der deutsche Buchhandel hat beschlossen, keine Bücher des Schriftstellers Akif Pirinçci mehr auszuliefern. Pirinçci hat in seinem Leben 18 Bücher veröffentlicht, aber seit er sich vor drei Wochen bei einem Auftritt in Dresden um Kopf und Kragen redete, ist es nahezu unmöglich, eines davon zu beziehen. Erst kündigte ihm die Verlagsgruppe Random House die Zusammenarbeit, dann stoppten die großen Barsortimente Libri, Umbreit und KNV die Auslieferung aller Titel.

Auch der Weg über den sogenannten stationären Handel ist faktisch verschlossen. Viele Buchhändler haben angekündigt, kein Buch mehr zu bestellen, selbst wenn die Kunden das ausdrücklich wünschen. Amazon ist gleich nach der Rede so weit gegangen, jeglichen Hinweis auf den Autor zu tilgen. Sogar der Börsenverein des deutschen Buchhandels ist aktiv geworden. Vor ein paar Tagen hat auch die von einer Börsenvereinstochter betriebene Bestellplattform buchhandel.de alle Pirinçci-Titel aus dem Katalog genommen. Damit ist der Pirinçci-Boykott gewissermaßen offiziell abgesegnet.

Ein kompletter Boykott aller Bücher eines Autoren. Seine aktuellen Bücher sind extrem dumm, rechtsradikal, vermutlich volksverhetzend. Tatsache ist allerdings auch, dass nicht nur die Katzenkrimis, sondern auch diese extrem dummen, rechtsradikalen und vermutlich volksverhetzenden Bücher der Bestseller sind. Die Deutschen lesen solch einen rechten Schrott begeistert und in Massen.

Ich fände es in Ordnung, diesen Mann gesellschaftlich zu schneiden, ihm in den Medien keinen Platz zu geben, ihn schon gar nicht von einer inkompetenten ZDF-ähm, Journalistin im Morgenmagazin interviewen zu lassen. Es wäre auch ein leichtes, ihn argumentativ in die Mangel zu nehmen: 15 Minuten Gespräch mit einem kompetenten Journalisten, und Pirincçi würde anfangen zu heulen. Aber alle 18 Bücher zu verbieten, davon 15 komplett harmlose: Das ist so eine billige Gutmensch-Reaktion, um dieses böse Wort zu verwenden: Dem haben wir´s aber gezeigt und uns haben wir gezeigt, dass wir toll sind.

Dabei war der eigentliche Skandal nicht die KZ-Rede, sondern die verfälschende Berichterstattung der Qualitätsmedien. Dem Mann wurde von solch kompetenten Blättern wie dem Spiegel eine Ungeheuerlichkeit unterstellt: Nämlich, dass er sich die Wiederaufnahme des Betriebs von KZs wünsche. Stefan Niggemeier hat das besser als ich dargestellt. Man schaue sich dort die ellenlange Liste der Medien an, die – auch noch bei einem solch heiklen Thema – gelogen haben. Wir haben nun leider keine Debatte über diese in Massen verfälschenden Massenmedien.

Darüber empört sich niemand, das ist ok. Dabei müsste, wären diese Medien nur halb so moralisch, wie sie tun, eine kollektive Entschuldigung folgen. Aber im Jahr 2015 Katzenkrimis zu lesen: Das geht gar nicht, das ist böse, das ist Nazi.

Der Verlage und Buchhändler könnten ab sofort die Erlöse aus den Buchverkäufen Pirincçis Projekten gegen Rechts zu Verfügung stellen, da würde man einem Pirincçi schaden und gesellschaftlich etwas sinnvolles tun.

Es ist diese lächerliche Empörungsmaschinerie einer dummen Öffentlichkeit, es läuft in ähnlichen Strukturen wie beim totalen Rauchverbot: Mittlerweile darf man an manchen Flughäfen nicht mal mehr beim Umsteigen rauchen. Es sind totalitäre Gutmenschen, die eine regressive Öffentlichkeit im Griff haben wollen: Wir haben in einer Studie gelesen, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, also darfst du nicht mehr rauchen, also wirst du deiner Grundrechte beraubt.

Pirincçi hat das Wort KZ in den Mund genommen, also ist er vogelfrei. Wie lächerlich.

Der rechtsextreme Pöbel feiert sich in Dresden seit einem Jahr. Die Frontfrau Tatjana Festerling wurde bundesweit bekannt, weil sie die gewalttätigen Hools nach der rechtsradikeln Demo in Köln offensiv lobte, solche Männer brauche das Land:

„Heute Abend ziehe ich meinen Hut vor den Hools, vor Euch“

Es war ein kaum zu überhörendes Bekenntnis zu einer neuen SA. Diese Frau hat bei Kommunalwahlen in Dresden knapp zehn Prozent bekommen. Würde man ein Best of dessen zusammenstellen, was in Dresden und anderen Pegida-Orten schon erzählt wurde, nicht nur von Festerling: Pirincçis KZ-Geschichte wäre harmlos. Aber jetzt hat vermutlich irgendwer den Startschuss gegeben und alle rennen hinterher.

Rechtsradikale Hetzer wie Pirincçi und Festerling sind in der Mitte der Gesellschaft, wie man sagt, angekommen. Dieses Problem löst man nicht, indem man 80 Millionen Menschen verbietet, läppische Bücher zu lesen. Es ist vielmehr Wasser auf deren Mühlen.

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21 Antworten zu Akif Pirincçi und die deutsche Lächerlichkeit

  1. Tony Mach schreibt:

    Grad eben auf Amazon.de gesucht, und sein Katzenbuch gibt es für 0,01€ (plus 3€ Versand) auf Amazon zu kaufen. Nicht von Amazon direkt, aber auf Amazon zu finden, und zu kaufen.

    „Man darf Leuten wie Fleischhauer wirklich *nichts* glauben!“
    — Die Wahrheit über die Wahrheit

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  2. Tony Mach schreibt:

    Ach:

    „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer24. September 2014 | Ungekürzte Ausgabe
    von Akif Pirinçci und Stefan Lehnen
    Hörbuch-Download
    EUR 0,00
    im Audible-Probemonat“

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  3. genova68 schreibt:

    Du kannst die Bücher noch gebraucht von Privathändlern beziehen, aber nicht mehr neu.

    Aber du hast insofern recht, als dass Amazon nicht jeglichen Hinweis auf Pirincci getilgt hat. Ich habe das beim Schreiben selbst gegengecheckt, aber dann vergessen, zu erwähnen.

    Fleischhauer ist bekanntlich selbst ein rechter und unseriöser Journalist. Seine schlechten Recherchen sind Legion, so wie er beispielsweise Varoufakis Antisemitismus unterstellte ohne Quellenangabe. Der Vorwurf lies sich meines Erachtens nicht aufrecht erhalten.

    Fleischhauer arbeitet so unseriös wie seine Kollegen in Bezug auf Pirincci Ich möchte den keinesfalls generell verteidigen. Dennoch liegt er hier im Kern richtig.

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  4. dame.von.welt schreibt:

    In einem SZ-Artikel im letzten Jahr-> http://www.sueddeutsche.de/kultur/schriftsteller-akif-pirinci-liebe-landsleute-1.1919409 war eine griffige Erklärung zu lesen, wie aus dem Katzenkrimiautor der Lieblingspöbler der bürgerlichen Sarrazyniker werden konnte: der weint in weichen Versen der Liebe seines Lebens nach, die ihn vor eineinhalb Jahren verlassen hat.

    Mehr ist zu Pirinccis Narzissmus (maximal gekränkt) und seinen Ausfälligkeiten gegen Muslime, Homosexuelle, Flüchtlinge, Frauen, Feministinnen, Linke auch kaum noch zu sagen. Der eigentliche Skandal ist, daß die Medien das erst seit dem Buzzword KZ für nötig halten.

    War es aber Ihnen, lieber Genova, wirklich neu, daß Medien auch ihre Fehler konsequent voneinander abschreiben? Echt jetzt? Ein Wortprotokoll des Pirincci-Auftritts bei den Geburtstagspegida stand schon am 19.10. spätabends im Netz, ebenso das Video der Veranstaltung inklusive ohrenkrebsauslösender Hymne. Aber wo wären wir, wenn Journalisten gut recherchieren würden? Richtig, in den 1980ern, als Journalisten noch halbwegs solide Arbeitsbedingungen und manche unter ihnen so etwas wie einen Berufsethos hatten.

    Heute recherchieren Blogger, für lau, weswegen deren Meinungen oft auch plausibler ausfallen als die in den großen Medien, z.B. die von Antje Schrupp ‚Der kleine Akif oder warum man Rassismus und Faschismus nicht an Buzzwörtern erkennt‘-> https://www.fischundfleisch.com/blogs/politik/der-kleine-akif-oder-warum-man-rassismus-und-faschismus-nicht-an-buzzwoertern-erkennt.html‚ Und Bundesrichter schreiben die klugen Artikel: ‚Warum Volksverhetzung strafbar ist‘-> http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-10/volksverhetzung-strafrecht-fischer-im-recht/komplettansicht (btw.: gegen die charmante Frau Festerling wird inzwischen auch ermittelt-> http://www.mdr.de/sachsen/vorwuerfe-festerling100.html )

    Achachach und die Mitte der Gesellschaft soll nun nicht imstande sein, Pirinccis Werke direkt beim Manuscriptum-Verlag zu bestellen? Schließlich: Es gibt sie noch, die guten Dinge!
    Buchhändler und Verlage sind – anders, als der Herr Fleischhauer glaubt – nicht verpflichtet, jedes Buch im Sortiment zu haben, die dürfen privatwirtschaftlich und frei agieren und reine Tendenzbetriebe sein.

    Die Rechtsradikalen in der Mitte feiern sich nicht erst seit Pegida, sondern spätestens seit Sarrazins Lettre-Interview. Ein weiterer eigentlicher Skandal ist, daß rechtsradikale Einstellungen in der Mitte zwar seit 15 Jahren von Wilhelm Heitmeyer und seit 13 Jahren im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung bestens untersucht sind (20-25% der Bevölkerung vertritt einen oder mehrere faschistische Programmpunkte), man aber immer noch beim dummen Stiefelnazi als Hauptskandal stehengeblieben ist. Das beunruhigt mich weit mehr, als daß der kleine Akif sich verkalkuliert hat: Buchpromotion failed.

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  5. genova68 schreibt:

    Buchhändler und Verlage sind – anders, als der Herr Fleischhauer glaubt – nicht verpflichtet, jedes Buch im Sortiment zu haben, die dürfen privatwirtschaftlich und frei agieren und reine Tendenzbetriebe sein.

    Ich würde hier nicht juristisch argumentieren, das lenkt ab. Ich möchte jedenfalls keinen Buchhändler, der für mich eine Vorauswahl trifft und das Buch nicht bestellt, auch wenn ich es haben möchte. Davor graut es mich – und wenn es ein Katzenkrimi ist, erst recht. Der soll alles bestellen, was ich lesen möchte, solange es nicht auf einem Index steht und verboten ist. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich hoffe jedenfalls, dass ich als Buchhändler jedem Interessenten jedes Pirincci-Buch besorgen würde. Man muss es nicht bewerben, nicht offen auslegen, aber bitte besorgen.

    Die drei neuen Bücher von P. sind vermutlich beim manufactum-Verlag zu haben, die alten harmlosen nirgendwo, nur antiquarisch.

    War es aber Ihnen, lieber Genova, wirklich neu, daß Medien auch ihre Fehler konsequent voneinander abschreiben? Echt jetzt?

    Nein. Aber in Bezug auf KZs halte ich die massenhafte Verdrehung des Gesagten für einen Skandal, einen für mich neuen, und das habe ich hier geschrieben. Mal ganz deutlich: Jemandem zu unterschieben, er habe gesagt, es schade zu finden, dass es keine KZs mehr gebe, bedeutet, dass jemand nicht nur die Nazis als solche wiederhaben will, sondern DAS Kennzeichen des Völkermords an den Juden und anderen.

    Pirincci ist massiv zu kritisieren angesichts dessen, was er real gesagt hat. Man könnte daran auch das typische Element der Neurechten aufzeigen, sich als Opfer von Nazis zu sehen. DA könnte es journalistisch interessant werden.

    Akif hat sich verkalkuliert: Das ist nicht mein Thema und mir egal. Wenn Millionen das Zeug lesen wollen, sollen sie es tun. Die Gründe dafür interessieren, Unterdrückung ist billig. Ich halte es für wichtig, auch den Dreck von ihm kaufen zu können. Solange kein Gericht das wohlbegründet untersagt oder Buchpassagen schwärzen lässt.

    25 Prozent Faschos: Gut möglich, dann sollte man nach Ursachen fragen, nicht Katzenkrimis verbieten. So schafft man Märtyrer.

    P.S.: Ob Pirincci, ob Höcke, ob Jebsen, ob Elsässer, ob Strache, LePen etc.: Das sind politische Verführer, Vereinfacher, Verschwörer, Demagogen, und wenn eine nennenswerte Zahl von Menschen diesen Typen hinterherrennt, dann muss man sich fragen, warum. Die Ursachen liegen woanders, nicht bei den genannten. Und darum müsste es gehen.

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  6. dame.von.welt schreibt:

    Mal ganz deutlich: Jemandem zu unterschieben, er habe gesagt, es schade zu finden, dass es keine KZs mehr gebe, bedeutet, dass jemand nicht nur die Nazis als solche wiederhaben will, sondern DAS Kennzeichen des Völkermords an den Juden und anderen.

    Ja, in der Tat. Prinicci hingegen hat ein typisch rechtsradikales Meme bedient, nämlich die beliebte Täter-Opfer-Umkehr und die verfolgte Unschuld. Er hat unterstellt, man würde ihn und andere ins KZ stecken wollen, wenn sie nicht derzeit außer Betrieb wären. Sprich: die Nazis regieren, nur die KZs sind – noch – nicht in Betrieb. Das ist der gleiche Müll wie von Herrn Strache, der die Ansicht äußerte, er, Burschenschaftler, FPÖ seien die „neuen Juden“.

    Pirincci ist massiv zu kritisieren angesichts dessen, was er real gesagt hat.

    Ja und das unterblieb mehr als 2 Jahre. Nur die Blogosphäre und da besonders die feministische Blogosphäre hat seine Ausfälligkeiten thematisiert. Auch Sie interessieren sich erst jetzt, n’est ce pas?

    Akif hat sich verkalkuliert: Das ist nicht mein Thema und mir egal.

    Ich bekenne: mich erfüllt das mit einiger Schadenfreude.

    Ich würde hier nicht juristisch argumentieren, das lenkt ab.

    Ja, unter anderem von Ihrem Vorschlag, Der Verlage und Buchhändler könnten ab sofort die Erlöse aus den Buchverkäufen Pirincçis Projekten gegen Rechts zu Verfügung stellen, da würde man einem Pirincçi schaden und gesellschaftlich etwas sinnvolles tun.
    Mir ging es allerdings weniger um’s Juristische, das bei Ihrem Vorschlag mächtig zu tun bekäme, sondern hauptsächlich um die Freiheit, Tendenzbetrieb zu sein. Mich hat über gut 30 Jahre Selbstständigkeit gerettet, Kunden, die mir nicht gefallen, rauswerfen zu können. Wäre ich Buchhändler, hätte ich keine Nazis als Kunden und auch nicht die, die es erst noch werden wollen.

    Damit zu den interessanten Fragen: warum sind zwischen 20 und 25% der Deutschen Latenzfaschisten und was kann man dagegen tun?

    Mir geht ja im Moment die mediale Mär von den ungebildeten und unterprivilegierten Faschisten am meisten auf die Nerven – als träfe das auf Sarrazin, Gauland, Petry, Kubitschek usw.usw. zu! Was für ein Unsinn, die sind gebildet und sogar ziemlich privilegiert. Daß Faschisten immer noch hauptsächlich als Stiefelnazis portraitiert werden und nicht als hochanständige Bürger von nebenan, hat mit journalistischer Denkfaulheit zu tun und mit redaktionellem/verlegerischem Unwillen zur Thematisierung des Elefanten im Zimmer – das könnte die Auflagen senken. Denkfaulheit ist ebenso der Grund, warum sich Bürger Demagogen und Faschisten halten und ihnen hinterherlaufen.

    Nur: gegen Denkfaulheit gibt es kein Rezept, außer: Denken.

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  7. Sven-Oliver Ratzow schreibt:

    „Aber alle 18 Bücher zu verbieten, davon 15 komplett harmlose: Das ist so eine billige Gutmensch-Reaktion, um dieses böse Wort zu verwenden: Dem haben wir´s aber gezeigt und uns haben wir gezeigt, dass wir toll sind.“

    Mit Verlaub, aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen ‚Verbot‘ und ‚Boykott‘. Und wie schon angemerkt wurde, ist kein Buchhandel – oder überhaupt irgendein Handel – verpflichtet, alles vorzuhalten und anzubieten oder auch nur zu bestellen, was irgendwer im legalen Rahmen haben wollen könnte. Klar, das ist juristisch argumentiert, aber das ist das vorgeschobene Konzept des ‚Verbots‘ genauso. Die Haltung, Buchhändler müssten mir gefälligst besorgen, was ich lesen will, ist dabei auch nicht minder bevormundend und offenbart ein merkwürdiges Anspruchsdenken. Aber dazu ist hier ja schon einiges gesagt worden.

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  8. genova68 schreibt:

    Wenn der Verlag die Auslieferung der Bücher stoppt, ist das faktisch ein Verbot. Man bekommt das Buch nicht mehr. Ein Boykott müsste eher von Leserseite ausgehen: Ich kaufe es nicht. Und bitte im Auge behalten: Es geht um Katzenkrimis. Der Buchhändler soll mir in der Tat gefälligst besorgen, was ich lesen will. Anspruchsdenken? Ja, ok, so viel Anspruch sollte sein. Wie der Buchhändler seinen Laden ausstaffiert, was er in die Auslage legt, welche Schwerpunkte er setzt, ist sein Ding. Bestellen möchte ich bei dem alles, was möglich ist, ohne Gesinnungsprüfung. Das ist keine Bevormundung, das ist der Job des Buchhändlers. Wenn er Gesinnungsprüfer sein möchte, kann er von mir aus ruhig pleite gehen.

    Es ist eine merkwürdige Form von populistischer Gesinnung, dem Buchhändler oder dem Verlag die Entscheidung zu überlassen, ob ich einen Katzenkrimi lesen darf. So eine Art verballhorntes deutsches Obrigkeitsdenken.

    dame von welt,

    P. ist massiv zu kritisieren, ich habe das schon gemacht, als ich das erste Mal von ihm hörte, siehe link oben (April 2014), aber selbst wenn nicht: Ich habe mit diesem Blog keinerlei politische Verpflichtungen.

    Bei Ihren Ansichten zu Buchladenkunden kommen wir nicht zusammen. Die Anmaßung, bestimmen zu wollen, was andere lesen, halte ich für unmöglich. Solange das Buch erlaubt ist, sollte es bestellt werden, egal, was der Buchhändler denkt. Diese typisch deutsche oberlehrerhafte Verbieterei ist grauenhaft. Weltretten an der Buchladenkasse. Demnach hätte man auch den Sarrazin verbieten müssen.

    Das ist alles nur Wasser auf die Mühlen der Rechten, die können sich bestätigt fühlen: Lügenpresse, siehe die absurde Berichterstattung über die KZ-Rede, und linke Dominanz, siehe das faktische Verbot der Katzenkrimis.

    Ihr beruhigt mit eurer Sichtweise euer Gewissen, das war´s. Im Zeitalter des Internet eh egal, dann wird sich halt dort weiter radikalisiert.

    dame,

    zu Ihren letzten beiden Absätzen Zustimmung.

    P.S.: Das hier ist Rufmord:

    Am frühen Dienstagnachmittag distanzierte sich die Verlagsgruppe Random House via Twitter von den Aussagen Akif Pirinçcis in Dresden. Bei der Pegida-Kundgebung hatte Pirinçci unter anderem gesagt: „Die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Zudem kündigte die Buchverlagstochter von Bertelsmann die Verträge mit dem Autor…Bei den Random-House-Verlagen Heyne, Goldmann und Diana erschienen unter anderem die Katzenkrimis „Felidae“ und „Francis“, mit denen der Schriftsteller Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre einem größeren Publikum bekannt wurde. Wie die Verlagsgruppe mitteilt, werden diese „bereits vor Jahren veröffentlichten, ausschließlich belletristischen Bücher“ nun „umgehend gesperrt und nicht mehr angeboten.“ Die Auslieferung wurde gestoppt.

    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/akif-pirin-ci-bertelsmann-verlag-random-house-kuendigen-vertraege-a-1058711.html

    Katzenkrimis werden umgehend gesperrt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht das typisch deutsche Gesinnungsdenken zum Ausdruck bringen würde. Die Amis sind uns da Lichtjahre voraus.

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  9. dame.von.welt schreibt:

    Bei Ihren Ansichten zu Buchladenkunden kommen wir nicht zusammen. Die Anmaßung, bestimmen zu wollen, was andere lesen, halte ich für unmöglich. Solange das Buch erlaubt ist, sollte es bestellt werden, egal, was der Buchhändler denkt. Diese typisch deutsche oberlehrerhafte Verbieterei ist grauenhaft. Weltretten an der Buchladenkasse. Demnach hätte man auch den Sarrazin verbieten müssen.

    Das liegt womöglich daran, daß Sie mich nicht verstanden haben: wäre ich Buchhändler, würde ich bitte Einfluß darauf nehmen können, wer meinen Laden frequentiert. Der Sarrazin-, Pirincci-, Raspail- und sonstwas-Leser mag einkaufen, wo immer er will, das muß er nicht bei mir tun. Reklamationen an Bertelsmann richten Sie besser an Bertelsmann, nicht an mich. Als Leser meide ich den Internetbuchhandel komplett und kaufe Bücher lokal und da, wo mir die gezeigte Auswahl zusagt. Wenn ich Bücher nicht bekomme, weil sie aus welchen Gründen auch immer nicht lieferbar sind, gehe ich ins Antiquariat oder auf den Flohmarkt, wo es btw. Pirinccis Katzenkrimis für Centbeträge zu kaufen gibt. Von einem faktischen Verbot zu sprechen, halte ich für überzogen.

    Das ist alles nur Wasser auf die Mühlen der Rechten, die können sich bestätigt fühlen: Lügenpresse, siehe die absurde Berichterstattung über die KZ-Rede, und linke Dominanz, siehe das faktische Verbot der Katzenkrimis.

    Als würden verstrahlte Nazis auch nur das mindeste Interesse an Recherche, Fakten, sachlicher Berichterstattung und Argumenten haben! Keine Ahnung, ob Sie sich auch im Kommentarteil irgendeines Mediums herumtreiben, ich tue das seit Jahren bei Zeit Online, die Faktenresistenz bei latent faschistisch argumentierenden Kommentatoren (darunter auch Journalisten) liegt auf der Hand, womit ich beim letzten Absatz meines gestrigen Kommentars wäre.

    Und bei der Mutmaßung, daß es – vermehrt seit Sarrazin – eine Art rechtsradikale Hasbara gibt, die den Kommentarteil jedes größeren deutschsprachigen Mediums dominiert, sofern der nicht sowieso schon geschlossen wurde. Gegen Frauen, gar feministische Frauen geht es schon länger zur Sache, in meiner Wahrnehmung vermehrt seit 2004. Das nur mal zum Thema linke Dominanz.

    Die Linke in Deutschland ist vor allem eins: heillos zerstritten und zwar am allerliebsten über Äquivalente zur Anzahl der Engel auf der Nadelspitze. Was ich für eine Katastrophe halte, weil: we are having a situation. Die Faschisten waren seit 1945 nicht so gut aufgestellt wie heute (mich würde ja brennend interessieren, woher das viele Geld kommt, das für Bühne und Equipment der *gida, für die poshen Auftritte von Die Rechte, lll.Weg, Identitäre, für das querfrontlerische Engagement von Compact, KenFM usw.usf. ausgegeben werden muß, ich glaube nicht an die Erklärung ‚Crowdfunding‘). Und das hat wenig bis nichts mit journalistischer Schlamperei in Folge der Prekarisierung des Berufs durch Bündelung in gewinnorientierten Medienkonzernen zu tun und rein gar nichts mit der albernen, dummen und falschen Schaufensterpolitik der Medien und Verlage gegen Pirincci.

    P.S.: Das hier ist Rufmord
    Werfen Sie mal einen Blick auf den Blog, die Facebookpräsenz, zu achgut und wo der kleine Akif sonst noch so in den letzten knapp 3 Jahren öffentlich gehetzt hat und fragen Sie sich bitte, warum von Rufmord erst dann die Rede ist, wenn er den nicht mehr selbst besorgt, sondern ihm bei der Demontage von Medien und Verlag geholfen wird. Der eigentliche Skandal ist der fehlende Widerspruch gegen u.a. seine Hetze und jetzt auch noch der falsche mit den falschen Mitteln.

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  10. Sven-Oliver Ratzow schreibt:

    „Wenn der Verlag die Auslieferung der Bücher stoppt, ist das faktisch ein Verbot.“
    Und immer noch: Nein! Ein faktisches Verbot ist, wenn der Buchhändler mir das Buch nicht besorgen darf und ich es auch sonst auf legalem Wege nirgends erhalten kann. Hier lässt sich nicht einfach ein juristischer Begriff reinziehen.

    „Ein Boykott müsste eher von Leserseite ausgehen: Ich kaufe es nicht.“
    Müsste, sollte, könnte, hätte… Man kann da viel in Konjunktiven diskutieren, wie man es gerne hätte. Und ja, diese Reaktion des Buchhandels ist imho überzogen und dumm und sicherlich reines Marketing. Es als Verbot darzustellen, ist aber nicht minder überzogen.

    „Der Buchhändler soll mir in der Tat gefälligst besorgen, was ich lesen will. Anspruchsdenken? Ja, ok, so viel Anspruch sollte sein. […] Bestellen möchte ich bei dem alles, was möglich ist, ohne Gesinnungsprüfung. Das ist keine Bevormundung, das ist der Job des Buchhändlers. Wenn er Gesinnungsprüfer sein möchte, kann er von mir aus ruhig pleite gehen.“
    Natürlich soll er nicht Gesinnungsprüfer seiner Kunden sein. Aber wenn es seiner eigenen Gesinnung widerstrebt, bestimmte Bücher anzubieten, ist es sein gutes Recht, das zu lassen, auf eigenes Risiko. Sie gehen hier davon aus, dass die Buchhändler Pirincci boykottieren, weil sie ihre Leser bevormundend von seiner rechten Soße weghalten wollen, verschwenden aber keinen Gedanken daran, dass sie vielleicht einfach keine braune Soße servieren möchten, weil es sie selbst anwidert. Ob man das für übermoralisch hält, ist eine andere Frage, aber es muss nunmal nicht jeder jedem alles verkaufen müssen. Auch Buchhändler haben ein Gewissen, oder haben zumindest ein Interesse daran, eines vorzutäuschen, und darum geht es hier doch. Niemand will hier Leser schützen!

    „Es ist eine merkwürdige Form von populistischer Gesinnung, dem Buchhändler oder dem Verlag die Entscheidung zu überlassen, ob ich einen Katzenkrimi lesen darf.“
    Da haben Sie Recht. Es ist aber auch nicht seine Entscheidung. Hingegen ist es sehr wohl seine Entscheidung, ob er es ist, der Ihnen diesen Katzenkrimi besorgt. Noch einmal: Die Bücher sind nicht verboten, schon gar nicht faktisch. Das wird auch durch Wiederholung nicht wahrer.

    „So eine Art verballhorntes deutsches Obrigkeitsdenken.“
    Der Buchhändler ist frei zu entscheiden, welche Bücher er verkauft, während Sie dafür plädieren, er solle Ihnen verdammt noch Mal bestellen, was Sie wollen. Sorry, aber hier geht es offensichtlich darum, wer die Obrigkeit sein und bestimmen darf, und nicht darum, ob es überhaupt eine braucht.

    „Das ist alles nur Wasser auf die Mühlen der Rechten, die können sich bestätigt fühlen“
    Ich hoffe doch sehr, dass niemand jemals sein Handeln daran ausrichtet, was irgendwelche Nazi-Vollhonks möglicherweise vielleicht denken könnten. Sie mahnen doch nicht etwa tatsächlich vorauseilende Vorsicht an, weil sich verquer denkende Rechte ganz vielleicht in Ihrer Weltsicht bestätigt fühlen könnten? Wie dame.von.welt schon schrieb: „Als würden verstrahlte Nazis auch nur das mindeste Interesse an Recherche, Fakten, sachlicher Berichterstattung und Argumenten haben!“ Auf solche Leute nimmt man keine Rücksicht, schon gar nicht rein vorsorglich.

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  11. dame.von.welt schreibt:

    Für’s Amüsement: Alle hassen Akif Pirincci. Wir nicht, ganz im Gegenteil..! ♡ https://www.youtube.com/watch?v=vgcqvEmcc-w

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  12. genova68 schreibt:

    Ich schenke euch beiden jetzt mal ordentlich ein. Erkenntnis kann man auch durch Polarisierung gewinnen. Nehmt´s nicht persönlich.

    —————————————–
    dame,
    wäre ich Buchhändler, würde ich bitte Einfluß darauf nehmen können, wer meinen Laden frequentiert. Der Sarrazin-, Pirincci-, Raspail- und sonstwas-Leser mag einkaufen, wo immer er will, das muß er nicht bei mir tun.

    Ja, genau so habe ich Sie verstanden. Sie können auf die Kundschaft Ihres Buchladens durch ihre Präsentation Einfluss nehmen. Die Kunden müssen natürlich überhaupt nichts (das ist eine Binse), aber Sie sagen klar, dass Sie Sarrazin-Leser etc. nicht bedienen. Ok, das ist ein Statement. Ich würde das nicht machen, denn ich möchte nicht als Richter gegenüber diesen Leuten auftreten. Sie sollen die Bücher lesen, die sie lesen wollen, ich besorge sie ihnen. Das unterscheidet uns.

    Als nächstes verkauft ein Buchhändler keine Fleischkochbücher und keine Reiseliteratur mit Überseereisen, weil man da das Flugzeug benutzen muss und CO2 produziert und dann kommt ein Buchhändler, der verkauft keine Bücher von SPD-Politikern, die für Hartz IV gestimmt haben. Wir kommen damit in Teufels Küche, das ist gerade in Deutschland gefährlich. Wir sollten das ausliefern, was juristisch noch ok ist, unabhängig von unserer Meinung.

    Ich stelle mir gerade vor, wie ich von Buchladen zu Buchladen renne, bis ich einen finde, dem ich genehm bin. Gesinnungsterror.

    Als würden verstrahlte Nazis auch nur das mindeste Interesse an Recherche, Fakten, sachlicher Berichterstattung und Argumenten haben!

    Stimmt, das haben sie vermutlich nicht. Aber sie haben einen Anspruch auf faire Berichterstattung, so wie jeder. Es scheint nicht zu stören, dass Pirincci etwas Extremes wahrheitswidrig unterstellt wurde. Wenn er klagen sollte, hoffe ich, dass er gewinnt.

    Der eigentliche Skandal ist der fehlende Widerspruch gegen u.a. seine Hetze und jetzt auch noch der falsche mit den falschen Mitteln.

    Ja, ok. Immerhin: Falsche Mittel, eine dringend notwendige Bemerkung Ihrerseits.

    Sven,

    Und immer noch: Nein! Ein faktisches Verbot ist, wenn der Buchhändler mir das Buch nicht besorgen darf und ich es auch sonst auf legalem Wege nirgends erhalten kann. Hier lässt sich nicht einfach ein juristischer Begriff reinziehen.

    Ob der Begriff des Verbotes juritisch ist oder nicht, ist mir egal. Ich bin kein Jurist. Man muss den Verbotsbegriff auch nichtjuristisch verwenden können. Von mir aus nennen wir es anders. Fakt ist: Der Verlag hat die alleinigen Rechte an den Katzenkrimis und er stoppt die Auslieferung. Das Buch ist nicht mehr erhältlich. Der Buchhändler KANN es Ihnen nicht besorgen. Jeder, der noch irgendwie einen Begriff von Grundsätzen einer pluralen Gesellschaft hat, sollte sich dagegen stellen.

    Es sollte überhaupt jedes Buch verlegt werden, das nicht Gesetzen widerspricht. Es findet Leser oder nicht. Oder seid Ihr der Meinung, dass Sarrazins Buch nicht hätte verlegt werden dürfen?

    Natürlich soll der Buchhändler nicht Gesinnungsprüfer seiner Kunden sein. Aber wenn es seiner eigenen Gesinnung widerstrebt, bestimmte Bücher anzubieten, ist es sein gutes Recht, das zu lassen, auf eigenes Risiko.

    Höhö. Lustig, oder? Der Buchhändler IST in Ihrem Beispiel Gesinnungsprüfer, weil er seine Gesinnung zum Maßstab macht. Sie als guter Linker können das nicht stehen lassen und verrenken sich. Sein gutes Recht ist es, sicher. Aber man muss nicht alles machen, was rechtens ist. Sonst kann ich auch den Nachbarn verklagen, dessen Apfelbaum in meinen Garten ragt. Und das mit dem eigenen Risiko ist auch lustig. Der freie Unternehmer mit dem eigenen Risiko, natürlich. Libertäre argumentieren genauso.

    Wenn ich dem Buchhändler überlassen muss, welches Buch er mir besorgt, dann kann er mich mal, dann kaufe ich bei Amazon, denen ist das Gott sei Dank egal. Mein Buchhändler um die Ecke besorgt mir alles. Wäre das nicht der Fall, wäre ich weg. Es wäre eine weitere Aufspaltung von Gesellschaft.

    Mir ist ein solches Denken völlig fremd. Wäre ich Buchhändler, würde ich selbstverständlich alles besorgen, was die Leute lesen wollen. Wer bin ich, mir da irgendwas anzumaßen? Und wenn ich Lebensmittelhändler bin, gebe ich dann AfD-Wählern nichts mehr zu essen?

    Generell:

    Die Debatte, warum Marx zu Stalin führte, ist nach wie vor aktuell. Man sieht da an Euren Aussagen. Es sollte Standards geben, die man als Linker nicht unterschreitet. Dazu gehört, die Leute lesen zu lassen, was sie wollen und objektiv falsche Berichterstattung, gerade im Bereich Shoa, scheiße zu finden. Entscheidend dabei: Egal, wen sie betrifft, auch wenn es der politische Gegner ist.

    Der zweite Schritt ist der interessante: Über Inhaltliches zu reden.

    Ihr betreibt strukturell das Geschäft der Rechten.

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  13. GrooveXGrooveX schreibt:

    „Mir ist ein solches Denken völlig fremd. Wäre ich Buchhändler, würde ich selbstverständlich alles besorgen, was die Leute lesen wollen. Wer bin ich, mir da irgendwas anzumaßen? Und wenn ich Lebensmittelhändler bin, gebe ich dann AfD-Wählern nichts mehr zu essen?“

    die welt – auch hier in deutschland – besteht aus lauter läden, die nur ihre auswahl an artikeln verkaufen. keiner regt sich drüber auf, dass in eine-welt-läden, in fair-trade-läden bestimmte industrieprodukte nicht erhältlich sind. es gibt jede menge buchläden, die ihr sortiment nach ihren eigenen kriterien begrenzen, auch politischen, auch rechten oder linken. das war bislang alles in ordnung. verlage, die sich von einstmals produzierten autoren noch nie getrennt haben, sind mir nicht bekannt. und der letzte satz hat mit alledem schon mal gar nichts zu tun, weder von der logik noch vom inhalt her.

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  14. dame.von.welt schreibt:

    Lieber Genova,
    Sie glauben: „Ja, ok. Immerhin: Falsche Mittel, eine dringend notwendige Bemerkung Ihrerseits.
    Selbstverständlich nehme ich nicht persönlich, daß Sie (trotz Ihres bekundeten Wohlgefallens an einem Kommentar im Blog) nicht lesen, mich hier ziemlich bemüht mißverstehen, sich ein – mit Verlaub – anmaßendes „wir“ zur Verstärkung und Durchsetzung Ihrer Vorstellung linker Standards gönnen, mir Erkenntnis absprechen, um mir anschließend noch das strukturelle Betreiben rechter Geschäfte und eine Vorliebe für Stalin zu unterstellen. Es sind schließlich Ihre Irrtümer über mich, nicht meine…;-)…

    Sie glauben: Fakt ist: Der Verlag hat die alleinigen Rechte an den Katzenkrimis und er stoppt die Auslieferung.

    Das Urheberrecht liegt unveräußerlich beim Urheber, Pirincci hat lediglich – im Tausch gegen Geld – die Nutzungsrechte an seinem geistigen Eigentum zeitweilig an Random House übertragen. Random House nutzt diese Nutzungsrechte aus Gründen nicht mehr, insofern ist der Vertrag aller Wahrscheinlichkeit nach nichtig. Zudem äußerte laut FAZ ein Sprecher des Verlags: „Seit gestern hat Akif Pirinçci bei uns keine verlegerische Heimat mehr.“ Das kann man wahrscheinlich als Bekanntgabe der Aufhebung des Vertrags interpretieren, dem noch etwas Papierkram folgen wird.

    Es gibt also mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Grund, warum Pirincci die Nutzungsrechte nicht einem anderen Verlag antragen könnte, weswegen Ihre Annahme Verbot unzutreffend ist. Ihre Annahme, die Katzenkrimis seien nicht erhältlich, stimmt ebenfalls nicht, weil sie derzeit problemlos antiquarisch für Centbeträge sind und in Zukunft bei einem anderen Verlag erhältlich sein können. Sofern es noch nennenswertes Leserinteresse daran gibt, was ich sehr bezweifeln möchte. Ich glaube nämlich im Leben nicht, daß Random House die Auslieferung aus politischer Haltung eingestellt hat, sondern, weil 1. mit Felidae und Co kein Geld mehr zu verdienen ist, 2. Pirincci mit seinen letzten drei Kunstwerken einen anderen Verlag gewählt hat und er 3. für Random House kein positiver Werbeträger mehr ist.

    Mich ärgert Medienkolportage mehr als Sie glauben, denn sie kostet mich irre viel Zeit und ich halte die Abschaffung der Pressefreiheit von innen durch Kapitalismus galore á la Murdoch für systemgefährdend. Mir ist Medienkolportage aber weder strukturell neu noch ist sie mir unerklärlich. Sie ärgert mich in diesem Fall nicht nur wegen der unfaßlich instinktlosen KZ-Ente, sondern auch, weil Pirincci so schon die nächsten Schlagzeilen im Sack hat, wenn nämlich Presserat und Gerichte zu seinen Gunsten entscheiden, was sie mit großer Wahrscheinlichkeit tun werden. Dessen Anwalt wird eine feine Flasche geöffnet haben, denn der bekommt eine Menge zu tun. Falls Sie über Volksverhetzung lesen möchten (auch dazu sind Pirincci noch viele Schlagzeilen sicher), hat der Bundesrichter Fischer sein 3-teiliges Seminar darüber soeben beendet, den ersten Teil hatte ich weiter oben schon verlinkt, die Kolportage kommt auch darin vor und es ist so gut zu lesen wie es lehrreich ist.

    Um aber noch auf Ihre Polarisierungsbemühung zu wechseln: wie stalinistisch/faschistisch finde ich das eigentlich, daß Sie mir (als fiktivem kleinen Buchhändler) vorzuschreiben versuchen, welche Kunden ich in meinem Laden zu haben habe? Sowas geht vielleicht in Staatsbetrieben und sicher in Diktaturen, nicht aber in der Privatwirtschaft demokratischer Rechtsstaaten.

    Pirincci ist in Ihrem Wir-müssen-über-Inhaltliches-reden-Kosmos überhaupt erst 2014 aufgetaucht. Seine davorliegende Hetze/Widerspruch dagegen war für Sie offenbar doch nicht ganz so interessant. Womöglich, weil Sie davon unbetroffen sind, Sie sind m.W. weder Muslim noch Frau, womöglich auch kein Homosexueller, Inter- oder Transidenter.

    Menschenrechte sind immer und zuerst die Menschenrechte der anderen, das beinhaltet Widerspruch gegen Hetze zur Inschutznahme anderer Menschen, es ist nämlich immer elend, sich in eigener Sache wehren zu müssen. Es gibt einen unter Linken sehr aus der Mode gekommenen Begriff (Vorsicht, altmodisches Wort): Solidarität. Damit käme man m.M.n. auch ein bißchen weiter als mit Marx, Stalin und den Kriegen um die Deutungshoheit, was das einzig wahre und wirklich linke Links ist. Es gehört btw. nicht zu den Menschenrechten, in jedem Buchladen einen Katzenkrimi aus den 80ern oder eine den öffentlichen Frieden störende Hetzschrift kaufen zu können und es gibt kein Menschenrecht auf Bequemlichkeit, nicht mal beim Buchkauf.

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  15. genova68 schreibt:

    Mannmann, dame von welt,

    das „wir“ bedeutet, wir alle bekommen Probleme. Ich kann das „wir“ da nicht vermeiden, sonst bekäme ja nur ich Probleme. Aber um mich persönlich geht es nicht.

    In Ihrem geschätzten Blog lese ich in der Tat nicht jeden Kommentar, falls das der Vorwurf sein sollte.

    Die Katzenkrimis sind noch antiquarisch erhältlich. Ja, und nach der Bücherverbrennung waren die Bücher auch noch per privatem Dachboden erhältlich. Sie geben sich schnell zufrieden. Ich fordere den ungehinderten Zugang zu allen Katzenkrimis dieser Welt in neuem Zustand ohne weitere Diskussion und ohne jeden Rechtfertigungsdruck.

    (Jetzt bitte nicht aufregen ich hätte die BRD mit dem NS-Staat gleichgesetzt.)

    Wir haben wohl unterschiedliche Auffassungen über die Rolle von Buchhändlern. Die haben in Deutschland eine besondere Rolle wegen der Buchpreisbindung und die sollen mir alles besorgen, was ich will, ohne Diskussion. Ich unterhalte mich mit meinem Buchhändler über fast jedes Buch, das ich bestelle, gut oder schlecht etc., aber natürlich bestellt er. Die andere Seite ist die Präsentation, da hat der Buchhändler Ausdrucksmöglichkeiten, das habe ich ja alles schon geschrieben.

    Welche Kunden Sie in Ihrem Laden haben: Ja, das halte ich in der Tat für einen problematischen Ansatz. Sie haben die Kunden in dem Laden, die ihn betreten. Und das haben Sie hinzunehmen. Alles andere ist Gesinnungsschnüffelei, Blogwartdenken, diktatorisches Gehabe Ihrerseits. Der Buchladen ist nicht Ihr Wohnzimmer. Sie legen Demokratie und Privatrecht so aus, dass man Leute so ausgrenzen derart könnte, dass sie nicht mal etwas zu essen kaufen können. Es gibt ja keine staatlichen Supermärkte.

    Ja, WIR als Gesellschaft kommen da in Teufels Küche. Es erinnert mich in der Tat an stalinsches Denken. Wie gesagt, Sie wollen sicher keinen Stalin, aber die Denkstruktur ist ähnlich: Man gesteht politischen Gegnern nicht einmal das Notwendigste zu, konstruiert sogar mithilfe der „Privatwirtschaft“ (wow!) die Möglichkeit, bestimmte Leute von allem abzuschneiden, sie im Ernstfall verhungern zu lassen. Das ist dann das gute recht des moralisch höherstehenden Lebensmittelhändlers. Da muss dann wohl der Staat mit Essenlieferungen einspringen.

    Und das in Zeiten, wo sich Leute auch herausnehmen würden, alle nicht zu bedienen, die nicht Veganer sind, die Lederschuhe anhaben. die nicht mit dem großen I schreiben etc. Das ist, glauben Sie mir, eine große deutsche Scheiße.

    Allerdings könnte man einwenden: Was ist mit Rechtsrock, der nicht indiziert ist? Mit Nazibands, die noch nicht auf dem Index stehen? Hm, das wäre zumindest ein Grenzbereich.

    Ich kenne Pirincci erst seit April 2014, die Katzenkrimis kannte ich nicht. Ich lese gerade bei wikipedia, er ist politisch seit 2012 aktiv. Das Schlachten hat begonnen. Ja, stimmt, davon habe ich gehört, ich nahm es nebenbei zur Kenntnis. Es war ein Internetartikel, man kann sich nicht über jeden Internetartikel aufregen. Interessant wurde es, als der Trottel bei amazon ganz oben stand. Dass die Masse sowas liest und dafür bezahlt.

    Solidarität: Ja, schönes Wort, aber bitte erstmal zwischen allen Menschen, was die Grundbedürfnisse angeht. Stalin war sicher auch mit irgendwem solidarisch und Hitler mit seinem Hund.

    Ich bin nicht mit denen solidarisch, die einen Buchhändler zum Gewissensprüfer umbasteln wollen. Aber Sie sind auch nicht meine Gegnerin. Ich hoffe nur, Sie eröffnen keinen Buchladen.

    Es gehört btw. nicht zu den Menschenrechten, in jedem Buchladen einen Katzenkrimi aus den 80ern oder eine den öffentlichen Frieden störende Hetzschrift kaufen zu können

    Nein, aber es erleichtert das Zusammenleben ungemein, wenn man es sich nicht schwerer macht, als es sein muss. Und: Inhaltlich ist damit nichts gewonnen. Hintergrund ist die besondere Rolle des deutschen Buchhandels wegen Buchpreisbindung.

    Aber, wie gesagt, nehmen wir es nicht tragisch, es ist nur eine schriftliche Diskussion im Internet.

    groovex (bist du der groovex?),

    Buchläden haben eine besondere Stellung, wegen der Buchpreisbindung, das hilft kleinen Läden ja gerade, weil sie jedes Buch genauso schnell bestellen wie die großen. Und es geht hier in der Diskussion nur um Bestellung auf individuellen Wunsch, niemand muss den Sarrazin in die Auslage legen.

    Bei der Trennung von Pirincci von seinem Verlag geht es natürlich um die politischen Gründe, nicht um irgendeine Trennung.

    Das Problem, darin sind wir uns sicher einig, besteht darin, dass so viele Leute einen solche Asi wie Pirincci lesen, dass es nicht nur das PI-Umfeld ist, sondern auch beispielsweise eigentümlich frei, wo er Autor wurde, WEIL er asi und rechtsradikal ist. Die schmücken sich sonst gerne mit Professoren, mit Intellektuellen, und die sind scharf auf die Verbrüderung mit der Gosse.

    Das ist in der Tat ein Problem und zeigt das sozialdarwinistische Ausfransen der Gesellschaft bis in die Mitte, genauso wie die Querfront, die Popularität von Elsässer und Jebsen und anderen. Aber die Lösung besteht meiner Meinung nicht im banalen Ausgrenzen, wo das sowieso nicht mehr möglich ist. Schon gar nicht in der Gewissensprüfung vor der Buchladentheke.

    Seid etwas liberaler, es kann in Deutschland nicht schaden.

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  16. GrooveX schreibt:

    ja, der bin ich.
    keine sorge, ich bin liberal (im nicht wirtschaftlichen sinne) bis zum abwinken. der inkriminierte autor ist mir komplett egal. ich habe ihn nie gelesen und hatte das auch nie vor. das allerdings nicht aus gründen politischer korrektheit. ich kann doch nicht alles lesen, was mich nicht interessiert! genauso geht es mir mit jebsen. den kenne ich nur aus der empörungsdiskussion. einmal hab ich ein video von ihm angeklickt, um wenigstens zu wissen, worum es eigentlich geht, war aber nach sehr kurzer zeit so abgetörnt von seinem überbordenden selbstbewusstsein, dass ich mir den mist nicht weiter angetan habe. also, inhaltlich habe ich zu den leuten wenig bis nichts zu sagen.

    wir müssen allerdings aufpassen, dass wir nicht das geschäft der flaschen leute betreiben, indem wir voltaire immer bis zum exzess bemühen, wenn es uns zum schaden gereicht. und wir müssen aufpassen, dass wir die extrem verdichteten berliner verhältnisse nicht mit denen in der etappe gleichsetzen. nicht überall wird das recht auf unerträglichkeit gleich weit ausgedehnt.

    liberal ja, aber nicht jeden in meine basisdemokratische vorstellung einbeziehend. bücherboykott gehört zum buchhandel wie das faule äpfel aussortieren zum türkischen gemüsehändler. wenn aldi oder netto das anders sehen, hat es wenig mit liberalität gegenüber faulen äpfeln zu tun aber viel mit ökonomischem liberalismus. gekauft wird, was in der folie steckt!

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  17. genova68 schreibt:

    wir müssen allerdings aufpassen, dass wir nicht das geschäft der flaschen leute betreiben, indem wir voltaire immer bis zum exzess bemühen, wenn es uns zum schaden gereicht.

    Ja, das ist der Kerngedanke. Ich würde da halt Gesetze bemühen, solange wir in einem annehmbaren Rechtstaat leben. Solange das Buch nicht wegen Volksverhetzung oder ähnlichem belangt wird, sollte man es, auch als Buchhändler, zum Lesen freigeben. Aus den genannten Gründen und einer grundsätzlichen Befürchtung, nämlich, dass diese Haltung, der individuelle Ausschluss, in vielen Situationen anwendbar ist.

    Aber in anderen Situationen bin ich unentschieden. Soll man eine AfD-Demo auf den Linden in Berlin blockieren? Ich würde jedenfalls nicht mitmachen. Wir haben sonst tendenziell wieder Verhältnisse wie in Weimar, wenn die Gegenseite stärker wird. Mich interessieren mehr die Gründe, weshalb Leute so irrational werden wie die Pegidas und viele andere. Da kann man dann auch besser bei Gegenreaktionen ansetzen. Aber vielleicht ist das eine naive Haltung.

    Was meinst du denn diesbezüglich mit „extrem verdichteten Berliner Verhältnissen“?

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  18. GrooveX schreibt:

    verschiedenste lebensverhältnisse und -entwürfe auf engstem raum.

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  19. dame.von.welt schreibt:

    Und Akif Pirinçci? Für ihn besteht Hoffnung. Kopp sagt: „Ich gestehe, dass ich schon darüber nachgedacht habe, den Katzenkrimis verlegerisches Asyl zu gewähren.“ Sie sind Longseller, eine verlässliche Einnahmequelle. Christian Schröder im Tagesspiegel: Rechts draußen

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  20. genova68 schreibt:

    Aha. ja, das ist das interessante an kreuzberg. hier gibt es alles und es funktioniert. die punkerin läuft neben der verschleierten frau. beide wissen sich zu benehmen.

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