Nachrichten aus dem Schlaraffenland

Sybille Berg glaubt in ihrer Spiegel-Kolummne, dass sich die Welt zu einer chaotischen One-world-Welt globalisiert:

Das wird nichts mehr mit dem guten Handwerk, den soliden Werten, den glücklichen Dörfern, in denen man sich kennt und Kühe melkt. Die Erde ist auf dem Weg, ein globalisiertes Silicon Valley zu werden. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Falsch! Es gibt ein gallisches Dorf: den All-Inclusive-Urlaub im Ressort.

Ein außergewöhnlich objektiver Reisebericht:

All-Inclusive-Urlaub ist ein Versprechen aufs Schlaraffenland. Für die Dauer des Aufenthalts fließen Milch, Honig und Caipirinha, so viel man will, das Büffet ist ständig prall gefüllt und nach ein paar Tagen wundert man sich, dass einem keine gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wenn man ihn öffnet.

Das Sorglose ist untrennbar damit verbunden, dass man für die Dauer des Aufenthaltes keinen Geldbeutel und keine Kreditkarte braucht. Man hat nichts in der Hand, man weist sich nicht aus, man ist nur sich selbst, sehr komisch, und wird dennoch von allen Seiten bedient. Man zahlt einmal, vor Antritt der Reise, und bleibt dann von allem verschont, was das zeitgenössische Leben sonst ausmacht: arbeiten, bezahlen, konkurrieren, sich demütigen lassen, Erfolge erzielen, leisten, Leistung erhalten nach dem, was man in der Tasche hat und persönlich bewertet werden nach dem, was man in der Tasche hat. Man hat nichts in der Tasche, nicht mal Muschelgeld. Aber alles flutscht.

Wir sind plötzlich alle gleich. So eine Art Fassadensozialismus.

Man ertappt sich dabei, dass man es komisch findet, für das vorher bezahlte viele Geld nichts zu tun zu haben. Deshalb sucht man sich Aufgaben. Umherradeln und Fotos knipsen, beispielsweise. Dabei kommt man immerhin mindestens zweimal in Kontakt mit den Einheimischen: einmal beim Fahrradausleih im nahen Shopping-Center (ohne Perso, ohne Kaution, mit Handschlag, kaum zu glauben) und einmal bei der Frage, wie man denn wieder zum Ressort zurückkommt. Gott sei Dank können die Einheimischen die vielen Ressorts nach ihren Namen lokalisieren.

Man lebt eine Woche lang in einer abgetrennten Welt, in einem künstlichen Dorf, auto- und abgasfrei. Das kann man verlassen, muss es aber nicht. Draußen lauern das Unbekannte und hohe Wellen, drinnen ist man gated, es gibt keine Kühe, aber Katzen und man ist voll versorgt. Das Dorf besteht aus mittelalterlichen, schmalen, gewundenen Wegen, die nie direkt zum Ziel führen. Man verläuft sich ständig, aber das macht nichts, man hat Zeit und es ist warm. Ein Rest von Abenteuer, das man gerne annimmt. Gerade Wege erinnerten zu sehr an heimatliche Strukturen. Aktuelle Neubaugebiete in Deutschland werden aber ähnlich angelegt. Ein wenig Ebenezer Howard reloaded. Industrialisierung existiert nicht. Handwerk aber auch nicht.

Es gibt Kieze, es gibt kleine Häuschen, es gibt Nachbarn, es gibt dezentrale Dorfplätze, in deren Mittelpunkt immer ein Swimmingpool dominiert, gerne mit Bar. Wenn man sich trifft, dann zum plantschen. Es gibt keine Umgehungswege, man muss immer durchs Zentrum, also an einem Pool vorbei. Es gibt einen Hauptplatz, da isst man sich viele Stunden am Tag durch die internationale und die Küche, die sich einheimisch nennt, und lässt sich abends animieren. Animation ist Zeitvertreib, wie man sagt. Man will offenbar, dass die Zeit schnell vergeht, obwohl es ja die kostbarste Zeit des Jahres ist. Vermutlich ist Zeit nur kostbar, wenn sie schnell vergeht.

Die Kellner und Kellnerinnen und Putzfrauen sind freundlich und Staffage. Sie putzen einem jeden Tag das Häusschen in einer Art, dass die Ariel-Clementine ein Dreckspatz ist. Sie füllen einem das Büffet in einer Geschwindigkeit nach, dass man gerne zusieht, wie bei einem Theaterstück, bei dem man direkt neben der Bühne steht. Sie braten einem den Fisch vor den Augen und werfen ihn gekonnt auf den hingehaltenen Teller, dass einem das Sorglose, das umfassend Behütete ganz nahe kommt. Das Meer, der Fischer, der Fisch, der Koch. Dass sie bei Vollzeit einen knappen Tausender im Monat verdienen, erfährt man nicht vor Ort, sondern via google. Sie beschweren sich nicht.

Trinkgeld bekommen sie im Schlaraffenland naturgemäß nicht, es gibt dort ja kein Geld.

Die böse Welt sickert dennoch hie und da ein, beispielsweise in Form von Abschottung der einzelnen Reisesippen untereinander. Keine Kommunikation. Die anderen sind eher Feind als Freund. Vermutlich, weil sie die reale Welt kennen, sich an sie erinnern. Und die will man auf alle Fälle vermeiden. Insofern trifft man sich auch beim planschen rein räumlich. Es fällt in der Tat das totale Ignorieren des Nachbarn auf, ob auf der Liege oder am Büffet, wenn der Koch den Fisch jongliert. Nicht einmal die Kinder kommen sich näher, und wenn, dann nur in der allfrühabendlichen Animation. Aber auch da nur via Animateur, der einen Delfin darstellt. Er muss wahnsinnig schwitzen in dem dicken Kostüm.

Die böse Welt sickert auch in Form dieses grandiosen Liegenreservierungsstems durch: Man besetzt morgens um sieben via Handtuch möglichst viele Liegen an möglichst vielen Pools, um dann im Tagesverlauf vielleicht mal vorbeizuschauen. Ein echtes Erlebnis für den, der es noch nicht erlebt hat. Man schaue sich die rege Reservierungstätigkeit mit den uniformen Ressorthandtüchern im Morgengrauen an. Ganze Urlauberarmaden sind da unterwegs. Mir ist bis zuletzt schleierhaft geblieben, wie die ihre Handtücher wiedererkennen. Lustigerweise steht an jedem Pool der Hinweis, dass Liegenreservieren verboten ist, auch auf deutsch. Doch da kennt der Ressorturlauber, egal welcher Nationalität, keinen Spaß und übertritt mutig das Gesetz. Es gibt Grundrechte.

Es sind keine Kieze, es gibt keine Nachbarn, es gibt keine Geschichte. Es sind Nicht-Orte im Sinne Marc Augés, obwohl weder Shopping-Center noch Flughafen, aber strukturell ähnlich. Die Bewohner halten sich dort nur sehr vorübergehend auf. Die Kommunikation beschränkt sich auf „Noch ein Bier, bitte“, „Die Espressomaschine müsste nachgefüllt werden“ und „Die 20 Handtücher müssen Sie heute nicht wechseln, wir verwenden sie nochmal“. Die Identität des Ortes schafft man sich für eine Woche schnell selbst, sie besteht vor allem darin, spätestens am dritten Tag auf Anhieb den kürzesten Weg zum nächsten Pool zu finden. Man fühlt sich dann wie zuhause.

Etwas Identitäres scheint es auch zu haben, permanent von dieser feuchtwarmen Luft eingehüllt zu sein. Man kommt sich dadurch selbst näher. Das Draußen ist dein Freund.

Das All-Inclusive-Dorf ist ein Nicht-Dorf, ein Dorf ohne Handwerk, ohne Kühe, man kennt niemanden. Aber für eine Woche ist die Fassade, die reine Tapete offenbar akzeptabel. Man sehnt sich nach Sorglosigkeit, nach Fürsorge, nach dem totalen Sozialstaat. Das, was man zuhause aus ökonomischer Rationalität ablehnt, wird einem hier geboten, allumfassend. Man errackert sich das dafür nötige Geld in einer kalten, unsicheren, tödlichen, i.e. neoliberalen Gesellschaft, um sich die eine Woche Walt Disney gönnen zu können.

All-incluse verschont.  Es verschont davor, sich etwas angucken zu müssen. Scheiß auf die Insel, wozu habe ich mein Ressort? Es ist ein wenig wie im Mutterleib. Leider werden keine Joints gereicht. Das gibt ein Minus bei der Bewertung.

All-inclusive verschont einen einen Woche lang vor allen Zumutungen des Kapitalismus. Wir sind alle gleich und Geld existiert nicht und das Leben ist ein Zuckerschlecken. Keiner kann hier mit seinem Auto protzen und Badehosen und Sonnenbrillen sehen vielleicht teuer aus, sind aber trotzdem billig. Auch ein gutes Buch auf der Poolliege verschafft einem keinen erkennbaren Vorteil. Abends offenes Hemd oder Poloshirt. Flip-Flops sind dann verboten. Bis auf die Engländer halten sich alle daran. Es gibt keine Verlierer, nur Gewinner. Keiner häuft Geld an und muss sich überlegen, wie er damit noch mehr Geld anhäuft. Kein Neid, kein Hass. Nur Gier am Büffet und bei den Liegen. Beim Bier gibt´s keine Gier, das fließt einfach in Strömen. Aber komischerweise ist niemals jemand betrunken. Scheinbarer Urlaub vom System, auch diesbezüglich.

Alles Kapitalistische ist ausgeschaltet. Genau deshalb ist das Schlaraffenland so beliebt.

Spätestens in der Check-In-Schlange des Rückflugs hat einen die reale Welt wieder. Rassismus gegen die dummen eingeborenen Airline-Angestellten, die den Check-In nicht effektiv checken – sie brauchen ewig und bleiben freundlich und entspannt, was meine unbedingte Sympathie weckt -und offene Verärgerung einer Gruppe mittelalter Mittelklassebayern darüber, dass eine spanische Airline in der Check-In-Schlange eines Inlandsfluges keine Hinweise in deutscher Sprache gibt. Der Deutsche, das Opfer. Dazu viel Gedränge, obwohl das Flugzeug erst losfliegt, wenn alle drin sind.

Man kann halt doch nicht aus seiner Haut. Zuhause dann: Weder Kühe noch Tauben.

(Fotos: genova 2015)

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10 Antworten zu Nachrichten aus dem Schlaraffenland

  1. altautonomer schreibt:

    Urlaubsorte, in denen der weiße Mann im Trinkwasserpool seine Bahnen zieht, während im 1 km entfernten Dorf sich das 9-jährige afrikanische Mädchen auf den 10-km langen Weg macht, um 10 l Wasser für das Vieh zu besorgen.

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  2. dame.von.welt schreibt:

    Das sind Varianten der Gourmetica Insularis-> http://de.zamonien.wikia.com/wiki/Gourmetica_Insularis Der Rettungssaurier heißt Air Berlin, Condor o.ä.
    In armen und noch irgendwie zusätzlich belasteten Ländern wäre ich allerdings für verpflichtenden Aufenthalt zu haben. Clubtouristen sind immerhin übersichtlich untergebracht und schaden Einwohnern und Land weniger als Backpacker und Ficktouristen. Es können ja landestypische Themenparks eingerichtet werden, z.B. für Kambodscha ein Miniatur-Tuol Sleng und ein klimatisiertes Angkor Wat, jeweils bequem an einem Vormittag abzuhaken^^

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  3. genova68 schreibt:

    Clubtouristen sind immerhin übersichtlich untergebracht und schaden Einwohnern und Land weniger als Backpacker und Ficktouristen.

    Ja, danke für den Hinweis. Wollte man das Thema rein seriös angehen, müsste man das anmerken. Die Leute bleiben im Ressort, statt hunderttausendfach mit dem Mietwagen die Insel zu „erkunden“ und leere Strände zu suchen. Der Benidorm-Urlauber verhält sich ökologisch und in weiten Teilen auch sozial viel vorbildlicher als die vermeintlich aufgeklärten Indivdualtouristen, die unbedingt ein freistehendes Ferienhäusschen brauchen, aber bitte im regionalen Stil.

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  4. genova68 schreibt:

    Altautonomer,

    es war Gran Canaria, nicht Afrika. Die Insel lebt vom Tourismus und da läuft auch kein Mädchen zehn Kilometer nach Wasser.

    Außerdem wäre es vom Textflow besser gewesen, wenn das neunjährige Mädchen nach dem 10-Kilometer-Weg elf Liter Wasser besorgt hätte. Oder das neunjährige Mädchen läuft 18 Kilometer und besorgt 27 Liter.

    Am besten: Das Dorf ist fünf Kilometer entfernt, das Mädchen zehn Jahre alt, der Weg 15 Kilometer lang und es besorgt 20 Liter Wasser.

    Immer an die Leser denken.

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  5. kiezneurotiker schreibt:

    :D

    (starker Text, starker Kommentar)

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  6. besucher schreibt:

    Gibts im Ressort keine Ficktouristen?

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  7. genova68 schreibt:

    In meinem gab es die nicht, eher familienorientiert.

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  8. dame.von.welt schreibt:

    Fast wie bestellt (allerdings unter Aussparung der Sextouristen, die sich in Kambodscha noch übler verhalten als in Thailand)-> http://www.zeit.de/entdecken/reisen/2015-11/kambodscha-backpacker-party-tourismus-siem-reap/komplettansicht

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  9. altautonomer schreibt:

    Im Übergang vom Abenteuer-Individualtourismus zum Massentourismus wurden von Mount-Everest, der höchsten Müllkippe der Welt bis 2013 bereits 13 Tonnen Müll entsorgt, darunter 400 kg Exkremente, Leichen und leere Sauerstoffflaschen. 2012 gab es einen Stau, als an einem Tag mehr als 200 Menschen den Berg hinaufkletterten.

    genova: Oben das war nur ein allgemeiner, eergänzender Kommentar von mir. Von Gran Canaria hab ich im Text nichts gelesen.

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  10. genova68 schreibt:

    genova: Oben das war nur ein allgemeiner, eergänzender Kommentar von mir. Von Gran Canaria hab ich im Text nichts gelesen.

    Kein Problem.

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