Vom Groove und dem steifen Adorno

Zu den großen, aber ewig unerledigten Projekten der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre gehört der Groove, den Miles Davis auf seinen Schallplatten zwischen „Bitches Brew“ (1970) und „Decoy“ (1984) entwickelte: ein tiefer, aber leichter, pulsierender, aber strenger, lässiger, aber hochkonzentrierter Rhythmus, der unendlich viele musikalische Ereignisse an sich binden kann.

schrieb der Klugscheißer Thomas Steinfeld vor ein paar Jahren in der Jazzkolumne der Süddeutschen und sagte damit das Wesentliche. Gute Musik kümmert sich um den Groove. Wer das hinbekommt und wer nicht und ob diese Einteilung in ja und nein überhaupt angemessen ist, ist eine andere Frage wie auch jene, ob ausgerechnet der an Chris Rea erinnernde aktuelle John Scofield als Beleg für die Grooveerneuerung herhalten kann. Ich verneine, obwohl dem Chris Rea der Groove schon inhärent ist, aber doch eher ein kommerzieller, wenngleich ein respektabler, wenn ich an „On the road“ denke. Wie gesagt, Steinfeld ist Klugscheißer, und das von Beruf. Aber hat interessante Ansätze.

Ob und wann die Zeiten wieder besser werden, werden wir an der Rück- und Einkehr eines erneuerten Groove in der Musik erkennen, so meine Prognose. In dem Zusammenhang sollte man sich auch endgültig von der steifen und verkopften Annäherung an Musik in Form eines Adorno verabschieden. Adorno hatte einen zweckinstrumentellen Zugang zur Musik. Es ging ihm einzig um den Intellekt. Diese Haltung war ihm vermutlich selbst zuwider, deshalb auch seine aggressive Abwehr des Jazz, in dem, auch für ihn, eine Alternative, das Andere, aufschien. Er sah sich mit etwas konfrontiert, das er nicht intellektuell begreifen und in seiner Essenz ausschalten konnte. Etwas, bei dem er einen schönen Rest intellektuell unbewältigt hätte stehen lassen müssen, sich eingestehen, dass dieses Unbewältigte gerade einen Teil des Wesens der Kunst ausmacht. Damit kam er nicht klar, der große Körpervernichter. Das konnte er nur theoretisch fordern, aber in der Praxis nicht zulassen. Diese theoretische Forderung war ja eine komplett intellektuelle. Also wurde der Jazz vor dem Krieg vernichtet und nach dem Krieg ignoriert. Adornos Annäherung an die Nazi-Logik. Ein Verhalten, das zu seiner körperlichen Steifheit passte. Der war allen Ernstes glücklich, wenn er die Partitur in der Hand hatte. Später driftete er in Darmstadt ins Esoterische ab. Was Adorno in der Dialektik der Aufklärung als Katstrophe beschrieb, lebte er in seinem Verhältnis zur Musik selbst vor.

Man könnte nun noch fragen, ob diesen Zusammenhängen die Tatsache geschuldet ist, dass sich auch regressivste Kameraden auf ihn beziehen: Die vermeintliche Reinheit der Kunst, die nur noch aufscheint, aber von Adorno und Adepten in Wahrheit komplett intellektuell und körpervernichtend beherrscht werden muss. Kontrollzwang. Loslassenkönnen als größter Feind.

Alles flott dahingeschrieben.

Ich komme auf das Thema Groove, weil ich kürzlich Gangsta Rap hörte. Ein Ausbund an Lächerlichkeit.

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6 Antworten zu Vom Groove und dem steifen Adorno

  1. eb schreibt:

    Damit kam er nicht klar, der große Körpervernichter.
    Böse, aber hat was :-)

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  2. GrooveX schreibt:

    groove ist nicht alles. dire straits hatten auch groove. aber hören mochte ich sie nie. da war duane allman doch ein anderes kaliber. aber gut, die intellektuelle auseinandersetzung mit dem groove wird immer stückwerk bleiben, weil das wesen des groove sich dem intellekt widersetzt. hat vielleicht was mit instinkt und duft zu tun.

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  3. genova68 schreibt:

    Diesen Duane Allman kannte ich bislang nicht, danke für den Hinweis. Bei den dire straits würde ich unterscheiden: Die erste Platte halte ich für eine der besten überhaupt, kein Vergleich zu dem späteren Kommerzgedudel. Die erste Platte

    https://de.wikipedia.org/wiki/Dire_Straits_%28Album%29

    hat noch etwas, was es später nicht mehr gab: eine klare, konsequente Linie ohne das Verlangen, daraus mehr zu machen. Wobei ich zugebe, dass ich mit ihrer Liveplatte sozialisiert wurde und man aus heutiger Sicht eine Menge Kritik daran üben kann, gerad weil sie sich damit massiv von ihrer ersten Studioplatte entfernt hatten. Ich höre sie dennoch nach wie vor gerne. Ist halt Sozialisation.

    also: die erste von dire straits hatte groove und man kann sie hören, würde ich sagen. groove ohne kitsch ist möglich.

    eb,
    ja, der Körpervernichter. Deshalb ist er auch am ersten schwülen Tag des Jahres tot umgefallen. Körpervernichtung rächt sich immer.

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  4. einer von jenen schreibt:

    Zu Adornos Jazz-Auffassung hat Heinz Steinert in seinem wunderbaren Buch „Die Entdeckung der Kulturindustrie“ wohl alles Wesentliche gesagt: Adorno ging von Kunst als Werk aus, dachte also in der Musik alle Probleme streng vom Notenblatt her, auf dem der Komponist alle klanglichen Ereignisse vorab festgelegt und ausgeklügelt hat (Stichwort „Materialbeherrschung“). Steinert argumentiert, dass demgegenüber Jazz nicht auf ein fixiertes Werk abzielt, sondern vielmehr Kunst als Ereignis auffasst. Der Jazz folgt also einer eigenständigen Logik und anderen Maßstäben als die komponierte Musik.

    Das Scofield-Stück ist mir ein wenig zu gefällig, da höre ich zu viele standardisierte Blues-Licks heraus. Aber prinzipiell ist Groove natürlich auch ohne Kitsch möglich. Sogar unlächerlicher Gangsta Rap ist möglich: https://www.youtube.com/watch?v=yk-8NVNeSmM

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  5. genova68 schreibt:

    Danke für den Beitrag, einer von jenen, er bringt auf den Punkt, was ich meine. (Ich habe beim Schreiben noch überlebt, ob ich die Musik auf deinem Blog als positives Beispiel nennen soll, dieses Noise-Zeugs, das ich fast nie höre, aber wenn bei dir, ich immer wieder beeindruckt bin.)

    Wenn Adorno Musik streng vom Notenblatt her denkt, nur denkt, dann fehlt ihm halt ein Teil von Kunst. Wer versucht, das Material nur und ausschließlich zu beherrschen, beherrscht auch die Natur. Die Kulturindustrie versucht diese Beherrschung ebenso, halt kommerziell ausgerichtet, insofern ist das eine zweckinstrumentelle Herangehensweise, zu der diese Leute vermutlich stehen.

    Es ist wohl ein reizvoller Gedanke, sich einem Gegenstand rein intellektuell zu nähern, aber das ist bei einer Doktorarbeit angebracht, nicht bei Kunst. Wie auch immer man den anderen Part bezeichnet, ob als Groove oder sonstwie, und mit ihm umgeht, man kann ihn nicht ignorieren. Man muss sich damit befassen, auch wenn es für einen Kopfmensch wie Adorno dann unbequem wird. Es bräuchte eine Ergänzung, eine Verschiebung dieser Herangehensweise.

    Wie soll denn Mimesis gelingen, wenn ich so kopflastig beherrschend dieses Projekt umsetzen will? Mache ich mich damit nicht zum Sklaven dessen, was ich kritisiere? So wird das nichts. Ich finde es nach wie vor unglaublich, wie konsequent Adorno die Entwicklungen im Jazz der 60er ignoriert hat, nicht mal Free Jazz war ihm eine Zeile wert. Ich schätze, der war damit so überfordert, weil er sich frühzeitig auf eine radikal andere Herangehensweise festgelegt hatte. Es wurden ihm damit eine Menge Erfahrungen verstellt.

    Gangsta Rap habe ich kürzlich zum ersten Mal gehört, irgendwas kindisches Deutsches. Ich bin teilweise sehr ignorant.

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  6. einer von jenen schreibt:

    Deutscher Gangsta Rap ist natürlich wirklich lächerlich. Bei zeitgenössischem Big-Band-Jazz, der auch ein ganz klein wenig an Miles Davis erinnert (auch wenn er deutlich aufgeräumter klingt als „Bitches Brew“), finde ich das hier ziemlich gut: https://www.youtube.com/watch?v=sKF5qjLBnCE

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