Portugal: Aus der Depression befreit und neu erfunden

Wie funktioniert zeitgemäße bürgerliche Märchenschreibung? Zum Beispiel so:

Der Spiegel behauptet in Ausgabe 41/2015), Portugal habe „sich aus der Depression befreit und neu erfunden“. Das macht neugierig. Die Lektüre ernüchtert. Die Journalistin Helene Zuber berichtet auf zwei Seiten über ein paar nette, aber ökonomisch völlig unbedeutende Start-ups. Über einen Mathematiker und eine studierte Marketingexpertin, beide zuvor arbeitslos, die sich nun mit einer Dreirad-Vespa selbstständig gemacht haben. Sie verkaufen damit am Straßenrand selbsthergestellte Limonade. Oder über eine arbeitslose Kindergärtnerin, die nun Kindermode entwirft. Oder über einen jungen Ökonomen, der ein kleines Hotel eröffnete.

Die Zahlen, die Zuber nennt, zeigen den Hokuspokus. Die vielen Arbeitslosen haben seit 2013 in Lissabon (wo ein Drittel der Portugiesen wohnt) 250 „Start ups“ mit insgesamt 800 Arbeitsplätzen gegründet. Nun ja. Das sind vermutlich zum größten Teil Ein-Mann-Unternehmen, die die EU-Förderhilfen verbraten. Hat etwas von den deutschen Ich-Ag´s. Über ihre Entwicklung, wie viele es davon überhaupt noch gibt – verrät Frau Zuber nichts.

Interessanter noch sind die neuen ökonomischen Strukturen. Die Kindermodefrau hat jetzt einen kleinen Laden in der Embaixada, dem laut Spiegel „nobelsten Einkaufszentrum in der Lissaboner Altstadt“.  Der selbsthergestellte Saft ist höchstwahrscheinlich teurer als Massenproduziertes. Und das „Luxushotel“ ist „mit alten Möbeln und feinen Stoffen aus heimischen Webereien “ ausgestattet.

Es geht darum, mehr Touristen nach Lissabon zu locken, und da auch nur um die Vermögenden, und um die dünne Schicht reicher Portugiesen, die ihren Kindern teure Designerklamotten kaufen und danach im Luxushotel übernachten. Sicher ein abschöpfbarer kleiner Markt, aber es zeigt keine aufstrebende Wirtschaft, sondern nur die Besetzung von Nischen. In einem Land, in dem die Kaufkraft in den vergangenen acht Jahren deutlich gesunken ist, lässt sich mit der Neueröffnung von Restaurants, Hotels und Läden mit teurem Sortiment nichts reißen. Der Artikel zeigt zwischen den Zeilen vielmehr die Zementierung der Verhätltnisse, die man mit der Peripherie kapitalistischer Zentren verbindet. Eine dünne vermögende Oberschicht, deren Vermögen in den vergangenen acht Jahren wohl eher zugenommen hat.

Es ist im Grunde genommen ein Notausgang, der nicht aus der Not führt. Innersystemisch gedacht müssten die südlichen Volkswirtschaften durch Produktion konkurrenzfähiger werden, nicht durch Dienstleistungen. Diese setzen Produktionsgewinne voraus, sonst können keine Dienstleistungen beansprucht werden. Touristische Dienstleistungsangebote, die auf eine kleine Schicht Vermögender abzielen, erzielen nur minimale Effekte. Touristische Dienstleistungsangebote, die mehr bewegen, müssen sich an der Masse orientieren, und dann sahnen vor allem die tuis dieser Welt ab. Man schaue sich die Löhne in der Gastronomie in der Türkei, oder an der Algarve an. Es ist ein schwacher Versuch, den Export anzukurbeln, wie man sagt.

Der Spiegel merkt all das nicht, sondern freut sich über die abgeschüttelte Depression – ein ökonomisch ziemlich sinnloser Begriff – und neugierige, junge Akademiker, die auf Selbstausbeutungslevel mit einer Piaggio durch Lissabon rattern und Limonade verkaufen.

„Die Krise war in Wahrheit eine Chance“, sagt der Luxushotelbetreiber. Höhö. Eine Chance dafür, dass ein paar weltweit agierende Kapitalverwerter nun auch ein schickes Luxushotel im abgelegenen Lissabon auf dem Reisezettel haben.

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