Wo Rechte recht haben, haben sie recht

[Update am Ende des Artikels]

Der Hassprediger Akif Pirincçi hat am Montag bei Pegida in Dresden eine Rede voll von Pöbeleien, Volksverhetzung, Menschenverachtung und Beleidigungen gehalten. Soweit, so bekannt. Zahlreiche Medien stürzen sich nun allerdings auf eine Passage der Rede, die sie aus dem Zusammenhang reißen. Auf Spiegel-online schreibt Benjamin Maack in einem Kommentar: Pirincçi

ließ sich gar dazu hinreißen, zu sagen: Es gäbe natürlich auch andere Alternativen, mit Politikern umzugehen, die bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen, deutete er an. „Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“

Der Spiegel unterstellt, Pirincçi wolle unliebsame Politiker in KZ´s stecken, die man zu diesem Zweck endlich wieder in Betrieb nehmen müsse.

Das hat Pirincçi mitnichten gesagt. Stattdessen sagte, bezugnehmend auf einen hessischen Politiker, der kürzlich bei einer Bürgerversammlung zum Thema Flüchtlinge zu Rechten sagte, es stehe ihnen frei, auszureisen, wenn ihnen die Demokratie und deren Werte nicht passe:

“Es ist ausgeschlossen, dass der Mann diesen Satz bei der Unmutsäußerung eines sogenannten Schutzbedürftigen über seine missliche Lage von sich gegeben hätte. Offenkundig scheint man bei der Macht die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn es gefälligst nicht pariert. [Gegröle der Anwesenden] Es gäbe natürlich andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.”

Pirincçi fordert also nicht, Politiker in KZ´s zu stecken, sondern er unterstellt Politikern, sie wollten unliebsame Bürger in KZ´s stecken, die endlich wieder geöffnet werden müssten. Er unterstellt dem Politiker, es schade zu finden, dass es keine KZ´s mehr gibt, der Spiegel unterstellt Pirincçi, es schade zu finden, dass es keine KZ´s mehr gibt.

Es ist eigentlich das Gegenteil.

Auch die reale Aussage Pirincçis ist vermutlich strafbar und natürlich übel und es ist gut, dass es Strafanzeigen hagelt. Diese und hundertfache weitere Aussagen zeigen einmal mehr, dass sich in Dresden und anderswo Nazi-Affine versammeln. Aber es ist eben eine andere Aussage als die vom Spiegel und anderen Medien kolportierte. Ganz interessant dabei ist, wie billig der Spiegel hier arbeitet: Er zitiert den Redner mit „Es gäbe natürlich (auch) andere Alternativen“, ohne das Zitat zu kennzeichnen, schiebt dann den Politiker als Opfer ein, und bringt schließlich den O-Ton Pirincçis, dessen Intention damit ins Gegenteil verkehrt wird. Mag sein, dass Pirincçi gerne wieder KZ´s hätte, um Politiker und Flüchtlinge reinzustecken, aber das müsste man dann interpretieren.

Der Rechtsaußenblog Achse der Guten (wo Pirincçi früher Autor war) erkennt in diesem einen, aber wichtigen Detail die Malaise richtig, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Schon blöd, wenn man solchen Kameraden zustimmen muss, aber es scheinen weit und breit die einzigen zu sein, denen das auffällt. Wenn man sich via google die Teaser vieler großer deutscher Zeitungen zum Thema anschaut, stellt man erschreckt fest, dass es den meisten reicht, einfach den Satz „Aber die KZ´s sind ja derzeit leider außer Betrieb“ zu zitieren, ohne Kontext. Richtiges Zitieren ist für den Journalisten ungefähr so wichtig wie der Aufschwung für den Turner. Man nimmt beiden nicht ab, dass sie es nicht können. Zumal die Recherche nur zehn Minuten dauert. Das Material ist frei auf youtube einsehbar.

Wenn er nicht einfach von den Kollegen bei der Welt oder anderswo abgeschrieben hat: Man kann Herrn Maack durchaus bösartige Absicht unterstellen, und das bei diesem heiklen Thema. Das sollte ebenfalls eine Strafanzeige wert sein.

Wer das Thema Judenvernichtung ernst nimmt, der schaut zweimal hin, bevor er jemandem unterstellt, neue KZ´s zu wollen. Manchen deutschen Journalisten ist die Sensationsmeldung lieber.

Update: Immerhin scheint der Spiegel gecheckt zu haben, dass diese Art von Desinformation im Zeitalter sozialer Medien nicht durchkommt. Die Redaktion schreibt nun:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es Pirinçci deute an, es gäbe auch andere Alternativen mit „Politikern umzugehen, die bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen“. Das stimmt so nicht. Gemeint waren die Deutschen, denen die derzeitige Integrationspolitik der Regierung nicht passt.

Peinlich allerdings, dass die Berichtigung im Text nur zu haben ist, indem sie einfach einen Satz halbieren und ihn somit entstellen. Die meisten Blogger arbeiten professioneller. Vielleicht ist der Zeit da so enorm.

Und weil wir gerade dabei sind: Für die Darstellung der indirekten Rede gibt es den Konjunktiv I, nicht den Konjunktiv II. Wenigstens Journalisten könnten das durchziehen. Stattdessen: „deute“, also I, dann „gäbe“, also II. Hoffentlich prüft niemals ein Schornsteinfeger mit solch zweifelhaften beruflichen Fähigkeiten meinen Kamin, sonst wird´s gefährlich.

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Eine Antwort zu Wo Rechte recht haben, haben sie recht

  1. besucher schreibt:

    Auch die Spiegelanten werden nach Wörterrausballern bezahlt, da bleibt die saubere Recherche gern mal auf der Strecke.

    Gefällt mir

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