Verliererabfindung

Ein hervorstechendes Kennzeichen neoliberaler Gesellschaften ist, dass über Probleme geredet werden soll, darf, muss und wird. Scheinbares Problembewusstsein ist wichtig, wir sind uns der Miseren bewusst. Allerdings redet man entweder rein deskriptiv und meist abgestanden übers Problematische oder man bietet bei Lösungsansätzen lediglich Geschwurbel an. Brave new world ist angesagt, nicht 1984.

Ein schönes Beispiel zu Punkt eins ist der Kasseler Soziologe Heinz Bude, der kürzlich in den Frankfurter Heften (von der Süddeutschen Zeitung zitiert) meinte:

„Wenn die Schlauen, Schnellen, und Gerissenen das Spiel machen, schauen die Klugen, Bedächtigen und Ehrlichen in die Röhre. Verliererabfindung wird dann zu einem beherrschenden gesellschaftlichen Thema. In der langen Nachkriegszeit kamen alle irgendwie mit … Jetzt können wir nicht mehr davon ausgehen, dass für alle dieselbe Zukunftsperspektive existiert.“

Sag bloß. Der Befund ist schätzungsweise 20 oder auch 200 Jahre alt. Den Fachmann Budde hindert das nicht daran, es einfach zu wiederholen und als aktuelle soziologische Erkenntnis zu verkaufen. Schön, dass wir darüber geredet haben.

Die Süddeutsche schreibt über Bude in diesem Zusammenhang:

Bude ist einer der umtriebigsten und aufmerksamsten deutschen Zeitdiagnostiger.

Hervorragend. Mir ist Bude in Erinnerung, weil er zur Hochzeit der Finanzkrise um 2008 meinte, das Zeitalter des Neoliberalismus sei nun vorbei.

Total umtriebig und aufmerksam, der Mann.

Der Stuttgarter Architektursoziologe Gerd Kuhn steht stellvertretend für den zweiten Typus. In der archithese (4/2015, Thema: Luxus) referiert er unter der Überschrift „Für eine stadträumliche Durchmischung“ lang und breit über sozialräumliche Segregation und kommt am Ende zu der Erkenntnis:

„Damit eine soziale, funktionale und ethnische Ausgewogenheit in den Quartieren erhalten bleibt oder entstehen kann, müssen Sphären des Öffentlichen wie Durchquerungen, Erdgeschoß-Zonen, Plätze usw. erhalten und gestärkt werden. Hier darf die Entwicklung nicht allein den Kräften des Immobilienmarktes überlassen weden, sondern die Planungsbehörden sind gefordert, regulierend einzugreifen“.

Punkt, Ende. Auch hier: Sag bloß. Diese Erkenntnis hatte man bereits im Berlin der 1920er Jahre gewonnen. Die Frage ist doch schon lange, wie das im real existierenden Kapitalismus umgesetzt werden soll. Pikanterweise beschäftigt sich Kuhn in seinem Artikel auch mit Kreuzberg. Die vielen Initiativen hier, die sich seit Jahren mit der diesbezüglichen kapitalistischen Realität beschäftigen, wissen das schon lange. Die Frage lautet: Wie geht das? Dazu schweigt Kuhn sich aus. Eine ehrliche Antwort würde ihn vermutlich den Job kosten.

Es geht, um das klar zu sagen, um Besitzverhältnisse. Enteignung, Übernahme von Flächen und Gebäuden durch die öffentliche Hand oder Genossenschaften oder anderen Gruppen ist die vermutlich einzig sinnvolle Forderung, um Gentrifizierung zu vermeiden. Das Kapital will es nicht anders. Ein noch in den 1920er Jahren völlig selbstverständliche Forderung; eine Selbstverständlichkeit, die sich in die Nachkriegszeit hinein rettete und erst in den 1960ern an Bekanntheit verlor.

2015 über „Sphären des Öffentlichen“ zu reden, ohne die Eigentumsfrage und die Bodenverwertungsverhältnisse anzusprechen, und das noch unter dem Stichpunkt „Luxus“, ist lächerlich.

Es ist so ähnlich wie an amerikanischen Vorzeigeuniverstitäten. Dort leistet man sich gerne Marxisten, aber nur in den Literaturwissenschaften. Schön entschärft und ins Schöngeistige abgeschoben sind solche Leute erwünscht. Das System simuliert Kritikbewusstsein und Kritikfähigkeit, aber bitte nicht irgendwie anschlussfähig.

Letztlich sind all diese Leute Büttel des Kapitals. Ohne angedeuteten Pluralismus, ohne vermeintlich kritisches Denken wäre die Totalität des System zu deutlich, es sähe zu sehr nach Nordkorea aus. Jeder Kreuzberger Immobilienentwickler ruft bei Bedarf eine Anwohnerversammlung nach der nächsten ein: Lasst uns reden! Danach ist der Widerstand zerfasert, aber der Ruf gerettet und die Rendite stimmt.

Es ist perfide und gleichzeitig bewundernswert: Wir verlegen gesellschaftliche Dynamiken in kapitalistische Interessensgruppen, die sich als gemeinwohlorientiert ausgeben, weiter unten existiert nur noch das Individuum. Dazwischen gibt es ein paar universitäre Hampelmänner und -frauen, die die reale Funktion haben, die Ohnmacht zu vergrößern.

Wir reden doch drüber.

166(Foto: genova 2015)

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8 Antworten zu Verliererabfindung

  1. hANNES wURST schreibt:

    Die allgemeine Frage ist, woher die Dynamik kommen soll, die mehr als das richtig beschriebene Gelaber hervorbringen könnte. Eine mögliche Revolution geht von der Jugend aus und Deutschland altert zusehends. Seit mindestens 1990 wird allen eingebläut, dass sie weniger zu erwarten haben als die Generation ihrer Eltern, und alle haben sich daran gewöhnt, retten sich in häusliche Freuden und Nettigkeiten – Dein höherer Anspruch an Architektur und Lebensraum interessiert nur Wenige. Insgesamt sind die Lebensverhältnisse außerdem erträglich – zumal uns die Krisen im Ausland täglich vor Augen geführt werden. In in einer solchen Zeit, die in den Geschichtsbüchern einmal knapp abgehandelt werden wird, reicht Laberei eben allemal.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, woher sollte die Dynamik kommen? Weiß ich nicht. Eine Voraussetzung in einer unübersichtlichen Gesellschaft wäre aber das richtige Wissen. In Sachen Mietsteigerungen ist das nicht schwierig zu erklären, man müsste es nur tun. Das findet in bürgerliche Medien nicht statt. Es wird über Gentrifzierung lamentiert, aber das wird mehr oder weniger als ein natürliches Phänomen dargesellt. Die Eigentums- und Bodenverhältnisse wären wesentliche Aufhänger für Aufklärung. Das gab es in der Weimarer Republik ganz selbstverständlich, auch nach dem Krieg noch, Hans Bernoulli beispielsweise. Alexander Mitscherlich thematisierte das auch noch als wesentlich für Veränderungen, um 1968 herum. Danach wurde es finster.

    Das Wissen ist bei den Gebildeten vorhanden, ihr Job wäre es, das weiterzutragen. Es ist eine bewusste Entpolitisierung.

    Ich empfehle im übrigen meinen Blog, dort wird man alle paar Tage fundiert über die Verhältnisse aufgeklärt. Es interessiert keinen, das stimmt, aber das interessiert mich nicht.

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  3. dame.von.welt schreibt:

    *Es interessiert keinen, das stimmt, aber das interessiert mich nicht.*
    Oh, mich interessiert, was Sie schreiben, lieber Genova.
    Danke für diesen und überhaupt für Ihren Blog…;-)…

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  4. genova68 schreibt:

    Sehr freundich, vielen Dank und dito!

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  5. Klaus Jarchow schreibt:

    Man kann sich – mangels Revolutionshoffnung – trotzdem in Schadenfreude flüchten: Wo immer die Breitlings, Pradas und Guccis ein quirliges Stadtviertel komplett übernommen haben, verschwindet allemal das, weshalb sie doch dorthin gezogen sind: das Leben, die Unruhe, die Kreativität usw. Sie sind wieder unter sich – und ersticken folglich in Langeweile.

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  6. genova68 schreibt:

    Naja, es wäre eine Schadenfreude auf Kosten aller, die aus dem Viertel vertrieben wurden.

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  7. dame.von.welt schreibt:

    Schadenfreude erscheint mir als verfrüht, weil sich die ‚Breitlings, Pradas und Guccis‘ dann ja zuverlässig das nächste interessante Viertel vornehmen und alles andere daraus verdrängen.

    Passiert das eigentlich in anderen Städten auch in dem Tempo und mit der Gnadenlosigkeit wie in Berlin (evtl. noch in Leipzig)? In Berlin ab der Wende wurden der Prenzlauer Berg (mit einem Bevölkerungsaustausch von 90%) und Mitte durchgentrifiziert, anschließend Friedrichshain, dann der SO36 und Neukölln-Nord, nun sind Weißensee und Lichtenberg dran und selbst dem Wedding droht Hipness.
    Ich bin unsicher, ob ich es in Berlin bloß mehr merke (und befangen bin) oder ob diese Prozesse in vor allem westdeutschen Städten tatsächlich langsamer ablaufen oder schon seit Ewigkeiten im Gang sind, Beispiel München.

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  8. genova68 schreibt:

    In Berlin geht es wohl besonders schnell, es gibt da Potenzial, wie man sagt. Wobei ich immer vorsichtig wäre mit dem Bashen von Hipstern oder Yoga für Kinder. Das eine ist die kapitalistische Verwertungslogik, das andere sind Moden, Vorlieben, was auch immer.

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