Was macht mich glücklich?

Betreff: Du fehlst uns! Was macht dich glücklich?

Lieber genova,
wir würden uns freuen, dich mal wiederzusehen! Seit deinem letzten Einkauf ist einige Zeit vergangen. Deine Meinung ist uns wichtig! Sag uns, wie wir dich glücklich machen können. Hilf uns dabei, dein Shopping-Erlebnis zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Diese Mail habe ich kürzlich von dem Berliner Internetversand Zalando erhalten. Ich habe dort vor Jahren einmal etwas bestellt. Es ist die nächste Stufe kapitalistischer Gehirnwäsche, die da gezündet wird. Es geht ganz offensiv um nichtkapitalistische, nichtökonomische Werte: Ich fehle jemandem, jemand freut sich, mich wiederzusehen, meine Meinung zählt, man will mich glücklich und ein Erlebnis zu etwas Besonderem machen. Es geht ganz bewusst nicht mehr ums Produkt.

Die realen Gründe der Versendung dieser Mail werden ins exakte Gegenteil verkehrt. Privates, nicht Käufliches, nicht Bestellbares, nicht Lieferbares wird öffentlich, käuflich, bestell- und lieferbar. Ich muss nur ein paar Euro zahlen. Geilomat. Und die wollen mich wiedersehen, obwohl sie mich noch nie gesehen haben.

Jüngst beschwerte sich die Wettbewerbszentrale, eine Selbstkontrollinstutition der deutschen Industrie, über Irreführung bei Zalando. Im Online-Shop werden die Warenbestände künstlich verknappt. Bei Leuten, die Mails wie die oben verschicken, würde es wundern, täten sie das nicht. Studiert haben die Gründer übrigens in der privaten Wirtschaftshochschule Otto Beisheim School of Management.

Solche Details zeigen, wie massiv der Kapitalismus den Menschen und die Welt zugrunde richtet. Man könnte in diesem Zusammenhang über den Begriff Faschismus 2.0 reden. Ein neuartiger Faschismus, der die Masse bedient und sie aussaugt, aber nicht so plump, wie es der Faschismus 1.0 gemacht hat. Das Individuum ist in beiden Fällen nichts wert, nur sagt man das nicht mehr so direkt, sondern behauptet einfach das Gegenteil. Statt offener Entindivi-dualisierung kommt es nun zu einer scheinbaren Extremindividualisierung. Es gibt nur noch das Subjekt und seine Wünsche, dem sich alles andere unterordnet. Da es sich nur um Schein handelt, könnte dieses neue Vorgehen effektiver sein als der alte Faschismus. Mir wird heute nicht mehr gesagt, dass ich nichts bin und mein Volk alles, sondern ich bin alles, aber das Alles wird inhaltlich vom entsubjektivierten Führer bestimmt, der Kapital heißt. Und der macht mich glücklich.

Es ist raffiniert, das muss man zugeben.

Das Subjekt wird komplett marktfügig gemacht oder es ist nicht. Es findet nicht statt.

Zalando behandelt seine Mitarbeiter mies, zahlt 7,01 Euro die Stunde, beschäftigt haufenweise unbezahlte Praktikanten, umgeht das Arbeitsrecht, sorgt für sterbende Innenstädte und frustrierte Paketausträger.

Eine echte Scheißfirma, wie es scheint.

So sehen solche Leute aus. Nett, freundlich, smart, wie man sagt, und harmlos. Leute, die tendenziell über Leichen gehen, nur ist das heute in der zivilisierten Welt nicht mehr so angesagt. Es bringt negative PR. Solche Unternehmen beschäftigen haufenweise Marketingfachleute, die sich die Menschenverachtung ausdenken und Programmierer, die die Menschenverachtung im Netz zum Funktionieren bringen.

Sowas nennt man im digitalen Kapitalismus, wie man sagt, ein erfolgreiches Unternehmen. Die Zalando-Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 70 Prozent zugelegt. Typisch für solche Schmarotzer-Unternehmen ist, dass sie massiv öffentliche Subventionen abgreifen.

Erfinder von facebook, google, Zalando etc. sind natürlich in gewissem Sinn in der Tat erfolgreich, kluge Köpfe, wichtig, eine jede Gesellschaft sollte solche Talente fördern. Leider nutzen sie die kapitalistische Logik langfristig immer zur Zerstörung. Es sind vermutlich Menschen, die man mit pathologischen Kategorien beschreiben kann. Sie huldigen einem Fetisch, sie bräuchten wohl ärztlichen Beistand. So, wie im Tierreich der Löwe bemerkenswerte Leistungen bringt, so tun das die genannten Leute. Effektiv, ohne Rücksicht auf Verluste, die totale Zerstörung in Kauf nehmend. Solche Leute könnten vielleicht etwas Sinnvolles tun, ihre Energie einbringen, nur nicht in einem kapitalistischen System. Da werden sie zu Bestien. Oder besser: Der Zwang zur Verwertung fördert solche Leute. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen.

Google wird microsoftmäßig immer mehr Macht anhäufen, Facebook ebenso, irgendwann wird man sie zerschlagen oder sie übernehmen uns. Man könnte auch vorher eingreifen.

Lars Hinrichs gründete im Alter von 27 Jahren Xing und verkaufte es mit 33 für 48 Millionen Euro an Burda. So weit, so gut. Nun setzt Hinrichs das Geld für Start-Ups ein. Warum? „Weil ich Geld verdienen will“, sagte er vor drei Jahren dem focus. Es ist jemand, der in der Pubertät steckengeblieben ist. Ein unreifer Mensch, der in einem perversen System gerade deswegen erfolgreich ist.

Ein 33jähriger hat 48 Millionen und will weiter Geld verdienen. Geld als Fetisch, ein kranker Mensch, der eine Beschäftigungstherapie bräuchte. Sorry, ein erfolgreicher Mensch. Die Kranken sind die, die mit diesem Wahnsinn nicht klarkommen.

Und schließlich: Eine Gesellschaft, die zulässt, dass eine einzige Familie, nämlich die Quandts, über ein Vermögen von 26,5 Milliarden Euro verfügt, das ohne jede reale Arbeit sich angeeignet wurde, nötigt ja geradezu, sich neue Vewertungsmöglichkeiten auszudenken. Irgendwo müssen die Armen mit ihrer Knete ja hin.

Es ist alles in Ordnung.

ZDF-Doku über die Gebrüder Samwer und deren Unternehmen Rocket Internet, den Geldgebern von Zalando.

Der Hitler-Vergleich dort kommt nicht von mir. Sehr sehenswert.

Update: Ironie der Geschichte: Rocket Internet, das Unternehmen mit dem Hitler-Vergleich, zieht demnächst ins Berliner GSW-Haus. Das architektonisch gelungene GSW-Haus (Architekten: Sauerbruch Hutton) aus den 1990er Jahren war einst die Zentrale der Gemeinnnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin, gegründet 1924. Die wurde vom glorreichen rot-roten Berliner Senat 2004 privatisiert, ist mittlerweile börsennotiert, erhöht teilweise extrem die Mieten usw. Man kennt das ja.

Das GSW-Gebäude beherbergte also erst etwas gemeinnütziges und demnächst eine Firma, dessen Chef, laut ZDF-Doku, von seinen Mitarbeitern verlangt, „blitzkriegmäßig“ die Konkurrenz zu überrollen und so aggressiv zu sein wie niemand sonst – natürlich auf der Welt.

Solche Geschichten sind eigentlich Vorlagen für gute Romane. Wäre ich Belletrist, würde ich anbeißen.

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2 Antworten zu Was macht mich glücklich?

  1. arprin schreibt:

    Man könnte in diesem Zusammenhang über den Begriff Faschismus 2.0 reden.

    Es gibt nur noch das Subjekt und seine Wünsche, dem sich alles andere unterordnet. Da es sich nur um Schein handelt, könnte dieses neue Vorgehen effektiver sein als der alte Faschismus. Mir wird heute nicht mehr gesagt, dass ich nichts bin und mein Volk alles, sondern ich bin alles, aber das Alles wird inhaltlich vom entsubjektivierten Führer bestimmt, der Kapital heißt.

    Wird Zalando dich ins Lager stecken, weil du jetzt Kritik an sie geübt hast oder wenn du bei anderen Konkurrenzunternehmen einkaufst?

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, ins Packlager.

    Gefällt 1 Person

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