„… eine Sache des Minderwertigkeitskomplexes“

Laut bauwelt sehen Neubauten in Palästina zum Teil aus „wie Mini-Deutschland, von den Dachformen über die Materialien bis hin zu den Gartenzäunen.“ (bw 34/15, S. 71).

Die palästinensische Architektin Danna Massad (aktiv im ShamsArd Design Studio) meint dazu:

„Ich denke, das ist eine Sache des Minderwertigkeitskomplexes. Die Leute kaufen diese Häuser, weil sie nach Häusern ´entwickelter` Länder aussehen, und das wird auch erfolgreich vermarktet … Diese Häuser sind verkleidete Stahlbetonkonstruktionen mit viel PVC – überhaupt nicht geeignet für diese Region mit ihrem wüstenähnlichem Klima.“

Beziehungsweise umgekehrt. Der Bezug der Palästinenser zur traditionellen Bauweise beschreibt Frau Massad so:

„Traditionally, it’s the architecture of the poor, and [people] do not want that stigma. They want to move up, [to places] like Ramallah“

Das läuft wohl überall ähnlich. Modelle, die als erfolgreich interpretiert werden, eignet man sich formal an. Wenn die inhaltliche Füllung (also der weitergehende wirtschaftliche Erfolg, die soziale Anerkennung von außen, das Zugehörigsein) dauerhaft nicht klappt, wenn man also seinen Minderwertigkeitskomplex damit nicht überwindet, wendet man sich ab und wird zum Gegner. Als Muslim kann man dann in den Dschihad ziehen, als Ostdeutscher gehe ich zu PEGIDA.

Danna Massad baut mit recycleten Materialien, achtet auf lokale Bautraditionen, auch formal, was fast zwangsläufig ökologischer ist, weniger Klimaanlagen benötigt, mehr Gemeinschaftsraum schafft. Hochinteressant ist beispielsweise ihr Moonhouse, das wohl als Prototyp fungiert. Es nimmt formal Bezug zu einer Rundbogenarchitektur, die heute aufgrund von Stahlbeton nicht mehr nötig ist, aber ohne selbigen ein Haus optisch aufwertet – solange es nicht ins kleinbürgerlich-banale, also rein kopierende abdriftet. Die Form erinnert an einen Kokoon, die Baumaterialien bestehen aus Feldsteinen und Lehmziegeln, einer Bauweise mit einer 6.000-jährigen Tradition in der Jordangegend.

Diese Haltung, irgendetwas als fortschrittlich zu vermarkten, worauf plötzlich alle fortschrittlich sein wollen und in Zeilenbauten mit PVC ziehen oder ein i-phone kaufen: Kapitalismus kann heute wohl anders nicht mehr überleben.

Ähnlich läuft es in Kairo. Zeilenbauten in der platten Wüste, in der Vorstadt, sind für das heiße Klima dort nicht geeignet, Klimaanlagen fressen Strom bzw. man kann sie sich nicht leisten. Die islamischen Viertel in der Innenstadt haben eine über Jahrhunderte entwickelte angepasste Architektur, die einerseits klimatisch vernünftiger ist: schmale, schattige Gassen und Belüftungsschächte, durch die tagsüber die warme Luft abzieht und nachts die kühle herunterfällt. Und sozial schaffen diese Altstädte ein sehr bemerkenswertes System aus öffentlichen und halböffentlichen Straßen und Gassen: Fast jede Straße endet als Sackgasse, ähnlich einem Baum mit Ästen und Zweigen, dort verkehren, je weiter man sich ins Geäst hineinbegibt, nur noch Bewohner und Besucher. Es entsteht eine soziale Kontrolle, in der jeder jeden kennt und auch der Raum vor dem Haus halböffentlich ist. Man sitzt in einer Art Wohnzimmer des Kiezes.

Die aktuelle ägyptische Regierung würdigt all das nicht. Alt-Kairo wird aufgegeben, es soll in großer Entfernung mitten in der Wüste ein neues Kairo für fünf Millionen Menschen gebaut werden – nicht-westliche Gesellschaften sind genau dann rückständig, wenn dessen Fehler kopieren.

Dies nur als Anmerkung zur nötigen Auseinandersetzung mit dem Begriff der regionalen Architektur, bevor er wieder mal völkisch besetzt wird. Architektur als Vorbote von Veränderung: In der Geschichte gibt es haufenweise Beispiele dafür.

(Fotos: genova 2010)

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