VW und die Weiße Folter

Interessant an der VW-Geschichte finde ich die Tatsache, dass wir uns in der digitalisierten Welt, wie man sagt, nicht mehr auf unsere Sinne verlassen können. Früher musste man den Auspuf aufbohren, um aus dem Mofa ein paar PS mehr zu bekommen, Versiertere machten Ähnliches mit dem Motor, vielleicht gar eine andere Nockenwelle. Das erkannte bei einer Kontrolle jeder Dorfpolizist. Später hat man den Katalysator aus dem Auspuff rausgenommen oder gleich verbleites Benzin getankt und dadurch fünf PS mehr. Solange der TÜV nicht genau hinguckte, fiel es nicht auf. Dann aber schon.

Heute kann ein Konzern in elf Millionen Autos eine Software einbauen, die höchste Stellen dauerhaft über´s Ohr haut.

Ähnlich läuft es mit der Spionage-Software der NSA und der Zustimmung zu Google-Cookies, zu der man als Internetbenutzer genötigt wird. Man stimmt zu, wissend, dass diese Zustimmung egal ist. Die können eh machen, was sie wollen. Man spürt es nicht. Man spürt aber, dass diese Leute sich einen Dreck um Gesetze oder Vereinbarungen oder gar Anstand kümmern und man ihnen also ausgeliefert ist.

Wir können uns nicht mehr auf unsere Sinne verlassen. Vielleicht ist das eine langfristige Tendenz in der Geschichte der Menschheit. Früher nahm man beispielsweise Fortbewegung sehr real wahr, 30 km/h mit der Kutsche waren spürbar, auf dem Pferd wegen des Fahrt- (oder Reit-)windes sowieso. Im Auto relativiert sich das, ob Tempo 100 oder 200 ist eigentlich egal, es ist sowieso über jedem menschlichen Maß.

Beim Flüstern kann ich einigermaßen abschätzen, ob Leute in der Nähe etwas verstehen oder ahnen. Wanzen unter Tischkanten kann ich finden. Digital geht das alles nicht mehr. Der Mench erfindet Sachen, die er selbst nicht mehr erkennt.

Unsere Sinne sind vermutlich mit die wichtigsten Instanzen, die darüber entscheiden, ob wir zurechnungsfähig sind und bleiben oder nicht. Sich darauf nicht mehr verlassen zu können, ist bei dem Schadstoffausstoß eines Autos noch relativ wurst, zumindest was die eigene Zurechnungsfähigkeit angeht. Es könnte aber auch ans Eingemachte gehen.

Weiße Folter 2.o. Wir werden noch viel davon hören, vermute ich.

(Foto: genova 2015)

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4 Antworten zu VW und die Weiße Folter

  1. hANNES wURST schreibt:

    Es könnte auch daran liegen, dass wir alt werden und nichts mehr raffen.

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  2. altautonomer schreibt:

    Unsere Sinne (sehen, hören, riechen) sollten uns aber auch vor Gefahren warnen. Dies ist bei vielen Alltagsphänomenen (Viren, Wanzen, Strahlung) wie oben beschrieben nicht mehr möglich.

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  3. Lemmy Caution schreibt:

    Find ich irgendwie software dämonisierend.
    Der Code ist ja alles andere als brilliant. Aus den Daten des Motor-Verhaltens kann der Anwendungsfall: „Auto wird untersucht“ vermutlich so einfach ermittelt werden, dass es ein Laie vermutlich in 5Minuten nachvollziehen kann, wie das in groben Zügen funktioniert.
    Niedrige Einzeller haben sicher mehr Intelligenz eingebaut als dieser code.

    Ich halte das einfach für ein weiteres Beispiel für den sorglosen Umgang mit Software. Hätten die eine physikalisch sicht- und tastbare Box einbauen müssen, um den Betrug einzubauen, hätten die es vermutlich nicht getan. Aber Source Code in eh schon vorhandene Steuerteile einzuspielen, erscheint als etwas flüchtiges. Die Software ändert aber das Verhalten der Maschine massiv.

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  4. genova68 schreibt:

    Eigentlich, lemmy, stimmst du mir doch zu, oder?

    Hätten die eine physikalisch sicht- und tastbare Box einbauen müssen, um den Betrug einzubauen, hätten die es vermutlich nicht getan.

    Genau das meine ich.

    Dämonisierend: Wenn du damit übernatürliche Kräfte meinst, so steckt das da drin. Alles, was der Mensch sinnlich nicht mehr erfahren kann, aber indirekt dessen Auswirkungen merkt, das auch intellektuell nachvollziehen kann, ist in gewisser Weise übernatürlich.

    Die Software ist der aktuelle Gott, die macht, was sie will. Das ist weder gut noch schlecht. Aber generell haben wir ja das Problem, dass Entwicklungen zu schnell verlaufen und wir uns von Software bzw. vom Kapitalismus beherrschen lassen. Maschinenstürmen gab es schon vor hundert Jahren, mit guten Gründen.

    Wenn ich mir in Berlin ein BVG-Ticket kaufen will und das nur noch an Maschinen geht, die mir erzählen, dass mein Zehn-Euro-Schein nicht gültig ist, dann halte ich Maschinenstürmen bzw. Scratchen oder Klebstoff in die Münzritze für eine sinnvolle Reaktion. Je höher die Kosten für diese Maschine, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass da wieder Menschen eingesetzt werden. Oder die Maschinen zum Funktionieren gebracht werden. Eine andere Sprache spricht das Kapital nicht.

    Software und neoliberales Sprechen: Wir umgeben uns mehr und mehr mit künstlichen Welten, die nicht unsere Interessen vertreten. Du schaffst es nicht, dem Computer zu erzählen, dass der Zehn-Euro-Schein echt ist und geichzeitig erzählt die eine Softwarestimme dröhnend laut, dass ein Zug ausfällt, man um Entschuldigung bittet und der Grund darin zu suchen sei, dass es „Störungen im Betriebsablauf“ gebe.

    Orwell würde es nicht besser hinkriegen.

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