Kleines Beispiel für Alltagsantisemitismus

Dass die Juden unser Unglück sind oder schlimmeres, sagt heute niemand mehr, zumindest nicht in Deutschland. Es läuft bekanntlich subtiler. So wie heute in der jungen welt, die in einem an sich sehr lesenswerten Beitrag über den Weg Ungarns in den Rechtsradikalismus berichtet. PR-technisch wird diese Politik von dem amerikanischen Politikberater Arthur Finkelstein begleitet , der weltweit seit vielen Jahren konservative Politiker berät, oder besser gesagt: für rechte Parteien rechte Propaganda erarbeitet und umsetzt. In Ungarn berät er Orban, setzte zuerst auf Schwulenbashing, jetzt naturgemäß auf Flüchtlingsbashing.

So weit, so schlecht, so berichtenswert. Wie aber lautet die Überschrift des Artikels? So:

Israel als Vorbild

Im Artikel selbst geht es nicht um Israel, man erfährt aber, dass Finkelstein auch Netanjahu und den Bürgermeister von Jerusalem beraten hat. Daneben viele US-Senatoren, früher Ronald Reagan und Richard Nixon, derzeit beispielsweise die Staatschefs von Kosovo, Bulgarien und Tschechien.

Vorbild Reagan. Vorbild Tschechien. Vorbild Kosovo. Vorbild Bulgarien. Vorbild undsoweiter. All das wäre als Titel möglich, wenn auch mäßig originell. Aber nein, es muss Israel als Hort des Bösen, einer übermächtigen, denunziatorischen, menschenverachtenden PR herhalten.

Zufall? Bei der jungen welt? Wohl kaum. Geschrieben wurde der Artikel von einem Ungarn, die Überschrift stammt wohl aus der Berliner Redaktion. Da konnte jemand nicht an sich halten.

Merke: Wer heute, zumal in Deutschland, Antisemitismus bedient, und auch noch so demagogisch wie im vorliegenden Fall, braucht sich um eine gerechtere Welt nicht zu kümmern. Er versagt im Ansatz. Es ist schade, weil die Lektüre der jungen welt oft lohnt. Vermutlich können sich die ernstzunehmenden Linken in der Redaktion – die es tatsächlich gibt – gegen die Judenhasser nicht durchsetzen.

Es geht ein Riss durch die Linke, im vorliegenden Fall so sichtbar wie in vielen anderen Zusammenhängen. Beispielsweise hat sich die Kieler Sektion der „Arbeiterfotografie“ klar von ihren mittlerweile antisemitischen Querfrontkollegen aus Köln distanziert. Die Frage bleibt trotzdem: Wie wird man aus einer humanistischen Haltung heraus zum Antisemit? Und das auch noch nach dem Holocaust? Es ist mir kaum begreiflich.

Deutsche, aber nicht nur deutsche Zustände.

P.S.: Aus der Reihe „Alte deutsche Männer werden von ihrer Sozialisation eingeholt und zu Antisemtiten“ zeigt die jüngste Folge Didi Hallervorden. Man kann da wohl nur psychologisch herangehen.

(Foto: genova 2013)

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8 Antworten zu Kleines Beispiel für Alltagsantisemitismus

  1. Chris(o) schreibt:

    „Die Frage bleibt trotzdem: Wie wird man aus einer humanistischen Haltung heraus zum Antisemit?Und das auch noch nach dem Holocaust?
    Es ist mir kaum begreiflich.“
    Mir ist nicht begreiflich, wie Du mal so ganz nebenbei irgendwem (wem genau eigentlich?) eine „humanistische Haltung“ verpassen kannst.
    Was ich aber begreife ist, dass eine humanistische Attitüde schnell angeeignet werden kann und schnell angeeignet wird, wenn es die Umstände erforderlich machen.Schließlich beherrscht jeder den Gebrauch der leeren Vokabeln aus dem FF.Humanistische Haltung als gelebtes Überzeugtsein verirrt sich nicht im Antisemitismus, nicht im Fundamentalismus, nicht im radikalen Atheismus, nicht im Nihilismus etc. etc.
    Kann es sein, dass Du die sog. Linke allzu „naiv“ mit „Humanismus“ assoziierst?Zu Israel: Sind Dir die „Freunde Palästinas“ kein Begriff, die sich eher mit den Idealen der Hamas solidarisieren, als Israel ein Existenzrecht zuzubilligen, die jedes Vergehen Israels an den Pranger stellen, über die Terrorstruktur innerhalb Palästinas jedoch großzügig hinwegsehen, bzw. diese als notwendige Verteidigung überhöhen?
    Zu Finkelstein: Der wird ja tatsächlich ein echter Stinkstiefel sein.Doch er wurde lediglich als günstige Gelegenheit benutzt zur „berechtigten Israelkritik“.
    Ach, eigentlich sollte ich mich ja auf´s Lesen beschränken.

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  2. genova68 schreibt:

    Ich würde jedem, der sich irgendwie als politisch links betrachtet, den Humanismus vorschießen. Es ist nun mal genuin links, zwischen Menschen Solidarität statt Konkurrenz zu organisieren.

    Du meinst mich mit dem radikalen Atheismus, nicht wahr? Und das soll nicht humanistisch sein? Religion als Privatsache ist antihumanistisch? Erzähl das den saudischen Religionskritikern oder den missbrauchten deutschen Christenjungs.

    Ich behindere dich ja nicht in deinem Glauben. Allerdings: Wer an so etwas objektiv Absurdes wie einen christlichen Gott glaubt, der muss mit Kritik rechnen, gerade WEIL wir Religionsfreiheit haben. Das ist immer auch Freiheit von Religion. Aber wenn du an den Christengott glaubst, wirst du dich nicht ernsthaft von mir ins Nachdenken bringen lassen. Also ist alles in Ordnung.

    Wobei ich es schon einmal gesagt habe: Wenn du dich von mir in deinen religiösen Gefühlen verletzt fühlst, dann kannst du mir das sagen. Ich habe da dir gegenüber einen natürlichen Vorteil, den ich nicht auskoste möchte: Ich habe keine religiösen Gefühle. Mohammedkarrikaturen sind genauso dämlich wie die bewusste Verletzung religiöser Gefühle. Den Gottglauben als absurd zu bezeichnen, ist allerdings ein Gebot der Vernunft.

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  3. Chris(o) schreibt:

    Himmel nein! Niemals käme ich auf den Gedanken, Dich als „radikalen Atheisten“ zu bezeichnen, nur weil Du Religion als absurd betrachtest.
    Und die Vorschusslorbeeren für die „Linken“ nehmen diese gerne dankbar entgegen – gewissermaßen als Brillenputztuch oder so….
    Alles gut hier! Und immer schön locker bleiben!

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  4. genova68 schreibt:

    Ich bin kein radikaler Atheist? Finde ich zwar merkwürdig, aber ok :-)

    Der Gottesglaube ist mir genauso unverständlich wie das Verlangen, Marathonläufern beim Marathonlaufen zuzugucken. Vermutlich geht es bei beiden Tätigkeiten um Sinngebung bzw. Langweilevermeidung, was ein Pleonasmus sein dürfte.

    Aber jeder, der sich in seiner Religiosität durch mich verletzt fühlt, kann das sagen. Ich brauche da Hinweise.

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  5. Chris(o) schreibt:

    Hinweise auf „Verletzungen“ kann ich Dir sicher nicht geben.Deine Polemiken sind nicht treffend, falls Du damit etwas anfangen kannst.
    Im Hinterkopf hatte ich übrigens gar nicht Dich oder andere Individuen, als ich von „radikalen Atheisten“ sprach, sondern eher die Gruppierungen, die sich des Labels „Humanismus“ bedienen, obschon ihre einzige Agenda im Verriss und in der Verachtung jener Gruppierungen oder Individuen besteht, denen Religion etwas bedeutet.Humanismus als Attitüde anstelle der Haltung.

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  6. genova68 schreibt:

    Schreib doch mal einen Gastbeitrag hier über dein Verhältnis zu Gott! Dann verstehe ich das vielleicht besser.

    Verachtung von Gruppierungen: Man sollte meines Erachtens weder Mohammedkarrikaturen zeigen noch Jesus am Kreuz als Klorolle. Von mir aus kann man das auch strafrechtlich verfolgen. Inhaltliche Kritik sollte aber bis zum Anschlag möglich sein.

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  7. Chris(o) schreibt:

    Genau darum geht es:den Unterschied zwischen radikaler Kritik und persönlichem Angriff.Ein System von Ideen oder Vorstellungen in Frage zu stellen oder eine Person oder Personengruppe macht einen Unterschied.
    Ich kenne Dich nicht, mache mir also über Deine Vorstellungen nur ein ungefähres Bild.Eine Zuschreibung „radikaler was weiß ich“ käme mir also zunächst einmal gar nicht in den Sinn.
    Mein Verhältnis zu Gott in einem Gastbeitrag?
    Persönliche Verhältnisse sind halt persönlich, und für mich bleiben sie das auch.

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  8. genova68 schreibt:

    Ok, persönliche Verhältnisse bleiben persönlich, das ist sehr akzeptabel. Geht mir ja ähnlich, wenn ich hier im offenen Internet nicht meine persönlichen Verhältnisse ausbreite. Ich freue mich jedenfalls immer über deine Beiträge.

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