UB Basel: Von Haptik, Holz und Sorgfalt

Die folgenden Fotos bilden Details aus der Eingangsfront der Universitätsbibliothek Basel ab. Errichtet um 1965 vom Basler Architekten Otto Senn zeigt sie, wie filigran und individuell mit Sichtbeton, Glas und Stahl gebaut werden kann. Ohne Sorgfalt beim Detail, das zeigt sich hier deutlich, ensteht keine gute Architektur.

Senn hat den rechten Winkel, wie er großflächig noch vorhanden ist, im Detail weitgehend aufgelöst und hier derart modelliert, dass es freut. Man erkennt einerseits kein Modulationssystem, spürt aber andererseits genau, dass mit Ernsthaftigkeit gearbeitet wurde. Die Materialien bleiben in ihrem Element, in ihrem Recht, die Form entspricht ihnen, dennoch wurde die bei diesen Materilalien mögliche Monotonie vermieden.Die Entwürfe stammen aus den Jahren vor 1962, Senn hatte sich für die 1953 entstandene Corbusier-Kirche in Ronchamp begeistert. Man könnte das eine eigenständige und sehr verantwortliche persönliche Weiterentwicklung nennen.

Die Eingangssituation ist auch deshalb sehenswert, weil die direkte Konfrontation von Glas mit Glas und Glas mit Sichtbeton auf Stoß und ohne Profil aus nachvollziehbaren energetischen Gründen nicht mehr verbaut wird. In Basel tut es noch ein wenig Silikon.

Im Detail jedenfalls schön gefertigt, sorgfältige Maßerungen, es ist halt Schweiz, bin ich geneigt zu denken, auch nach 50 Jahren und einer behutsamen Sanierung 2004 noch gut in Schuss. Die Haptik eines in Würde gealterten und polierten Holzlaufs über einem soliden Betonsockel ist jedenfalls unerreicht.

Die Eingangssituation öffentlicher Gebäude ist ja immer so eine Sache. Es gibt haufenweise Vertreter dieser Gattung, bei denen man den Eingang erst suchen muss. Hier kommt schon die Topographie zu Hilfe: Die Eingangsseite ist die annähernd spitze und erhöhte auf dem fast dreieckigen Gelände.

Die Bibliothek ist eigentlich für ihr dünne, geschwungene Sichtbetondecke bekannt:

Kaum zu glauben, was die Basler Zeitung vor ein paar Jahren darüber unter der Überschrift „Betonklötze des Grauens“ berichtete:

„Zehntausende Studenten haben hier in den letzten vierzig Jahren für ihre Prüfungen gelernt. Die riesige Betondecke aus der Feder von Architekt Otto Senn hat den einen oder anderen noch in seinen Träumen verfolgt.“

Das Gebäude sehe aus „wie ein umgebauter Geschützturm aus dem zweiten Weltkrieg.“

Es ist immer wieder erstaunlich, dass sich in Zeitungen zum Thema Architektur Leute äußern dürfen, die keine diesbezügliche Bildung haben und – viel schlimmer – nicht sehen können.

Bei den Details fällt auch die ungemeine ästhetische Aktualität auf – genauer: eine Art Avantgarde. Neben  dem allermeisten, was derzeit in Berlin gebaut wird, wirkt das hier wie die verheißungsvolle Zukunft neben einer regressiven, im Ästhetischen ans Präfaschistische heranreichenden, neoliberalen Gegenwart. Es ist so ähnlich wie mit Bauhaus-Sachen aus den 20ern und später: Ob Weißenhof, ob Mies, ob Corbusier: Ästhetisch ist keine Alterung festzustellen. (Alle anderen Implikationen lasse ich hier beseite.) Man betrachte die Fotos der Weißenhofsiedlung aus den 20ern mit einem parkenden Auto davor: Beides war damals ultramodern; das Auto ist heute Oldtimer, die Häuser nach wie vor Avantgarde.

Die Mixtur aus rechtem Winkel und fast schon skulpturaler Linienführung, wie auch hier bei der Treppe, ist nicht nur reizvoll. Sie scheint mir inhaltlich begründet. Im gesamten ist, soweit ich das nach einem kurzen Besuch sagen kann, der rechte Winkel genau dort vorhanden, wo er Sinn macht.

Im Lesesaal wie im Eingangsbereich gibt das einen schönen Kontrast, der zum Lesen einlädt. Man könnte diesbezüglich die neuen Bibliotheken und Unigebäude von Leuten wie Sanaa diskutieren, die, beispielsweise in Lausanne, das Gebäude, die Form, fast vollständig auflösen. Diese Blubb-Architektur ist äußerst reiz- und sinnvoll, gerade was die flexible Gestaltung von Wohnraum angeht. Ob sie in einem Gebäude, das einerseits Menschenmassen aufnehmen und andererseits Konzentration ermöglichen soll, der Weisheit letzter Schluss ist, wird hier nicht geklärt werden.

(Fotos: genova 2015)

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