Nachschlag Würth: Über das Künstlerische im Unternehmer

Noch ein paar Zeilen zu dem lustigen Schraubensammler Würth aus dem Württembergischen. Im Tagesspiegel-Interview plaudert er munter drauflos. Ein weiterer vorläufiger Höhepunkt der Würth-Devotion.

Zuerst ein Beispiel für investigativ-kritischen Journalismus:

Tagesspiegel: Sie waren gerade sieben Wochen lang mit ihrer 85-Meter-Jacht in Norwegen. Lassen Sie die Seele baumeln?

Würth: Sicher nicht. Auch dort bin ich aktiv. Wir haben jeden Tag Landausflüge gemacht, Museen besucht, Kirchen. Wir haben auch einen Helikopter an Bord.

Interessanterweise sagt Würth in Bezug auf seine Sammlertätigkeit folgendes:

Würth: Ich könnte meine Kunst ja auch im Tresor lassen. Es ist aber Philosophie unseres Unternehmens, dass wir mit diesem Pfund auch wuchern wollen. Das Engagement ist nicht nur selbstlos.

Tagesspiegel: Welcher Gedanke steckt dahinter?

Würth: Die Sammlung macht uns bekannt, sie treibt das Unternehmen voran. Würde ich nicht meinen Holbein im Martin-Gropius-Bau zeigen, würden Sie und Ihr Blättle auch kein Interview mit mir führen wollen.

Lustig dann das hier:

Tagesspiegel: Und was ist das Künstlerische im Unternehmer?

Würth: Ein Unternehmen eloquent und filigran zu führen, ist eine Kunst.

Mit der Doppelbödigkeit des Kunstbegriffs hat sich der passionierte Sammler (mir fallen gerade Tomaten ein) offenbar tiefgründig auseinandergesetzt. Eine echter Experte, der Herr Würth.

Geradezu skurril wird es beim Thema BBI:

Tagesspiegel: Stichwort Flughafen?

Würth: So dackelhaft, wie man sich hier benimmt, das finden Sie auf der ganzen Welt nicht mehr. Wo gibt es auf dem Globus die Hauptstadt eines Landes mit solcher wirtschaftlichen Bedeutung, die keinen Großflughafen hat. Paris und Moskau haben vier Flugplätze, London hat sechs. Und die Berliner Politik? Sie ist völlig verbohrt und denkt an die Wahl im kommenden Jahr.

Tagesspiegel: Sie wollen hier nicht investieren?

Würth: Ich würde einen Teufel tun, solange es keinen großen Flughafen gibt. Wir haben in der Schweiz, in Rorschach, für 100 Millionen Franken nur ein neues Verwaltungsgebäude gebaut, weil der Flughafen St. Gallen in der Nähe ist.

Der Flughafen St. Gallen ist ein Regionalflughafen mit jährlich 120.000 Passagieren. Alleine Berlin-Tegel hat mehr als 20 Millionen Passagiere. Wikipedia schreibt über St. Gallen:

Der Flugplatz ist auch für den geschäftlichen und privaten Flugverkehr von Bedeutung. Insbesondere während des Weltwirtschaftsforums in Davos wird er von Privatjets angeflogen.

Würth ist auch passionierter Pilot. Er macht seine unternehmerische Strategie offenbar davon abhängig, ob er mit seinem Helikopter auf einem gemütlichen, putzigen Flughafen in der Nähe landen kann.

Wenn man es mit diesen Strategien zum Milliardär bringt, wird mir klar, warum ich im Millionenbereich hängengeblieben bin.

Richtig gute Kunst könnte entstehen, würde man alle derzeitigen Würth-Artikel aus der Hauptstadtpresse, wie man sagt, dokumentieren und vielleicht ein wenig zuspitzen. Beckett, Camus oder Sartre wären neidisch.

(Fotos: genova 2015)

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9 Antworten zu Nachschlag Würth: Über das Künstlerische im Unternehmer

  1. hANNES wURST schreibt:

    Da redet mal einer Klartext und versteckt – für Deutschland untypisch – auch seinen Reichtum nicht und dann ist es Dir auch wieder nicht recht. In Deutschland macht ein Milliardär sich doch nur beliebt, wenn er mit dem Golf zur Arbeit kommt und die Kunstwerke bunkert wo keiner sie sehen kann. Zum Thema Flughafen Berlin scheint er ja einfach nicht zu wissen, dass ein Flughafen geplant ist. Oder er weiß, dass dieser nie fertiggestellt werden wird.

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  2. genova68 schreibt:

    In Deutschland macht ein Milliardär sich doch nur beliebt, wenn er mit dem Golf zur Arbeit kommt

    Nein. Er muss schon mit dem Polo zur Arbeit kommen. Besser noch mit dem Fox.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Das ist nicht richtig. Der Golf ist ein deutsches Mittelklassefahrzeug. Weniger wäre zu deutliches Understatement und würde den Milliardär in die Nähe der Philanthropienazis rücken (aus dem gleichen Grund darf der deutsche Milliardär auch nicht zu viel – und nicht zu plakativ – Gutes tun). Ein Polo weckt außerdem unangenehme Assoziationen zum elitären Pferdehockey und Fox klingt versaut. Für einen Auftrag als Billionaire-Consultant (ein aufstrebender Berufszweig) fehlt Dir noch einiges an Wissen.

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  4. genova68 schreibt:

    Jeder Milliardär zeigt, dass in einer Gesellschaft etwas falsch läuft. Die hätten dem schon längst wegbesteuert werden müssen. Es wäre vermutlich auch zu seinem Vorteil. Es gab einmal Modelle, die sagten, dass die Vermögensunterschiede eine Grenze brauchen, eins zu zehn oder was auch immer. Eine solche schon recht liberale Betrachtung zieht heute den Vorwurf des Gleichmachers nach sich. Man sieht daran, wie krank hier alles ist.

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  5. hANNES wURST schreibt:

    Wie soll das denn gehen? Wenn ein Bettelmönch nur 10 Cent besitzt, dann darf der Milliardär nur einen Euro besitzen. Der Bettelmönch kann dann noch betteln und beten, aber was macht der Milliardär?

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  6. genova68 schreibt:

    Der gibt dem Mönch neunzig Cent ab und darf dann zehn Euro besitzen. Oder der Mönch bettelt sich selbst hoch, möglich ist bis auf zehn Euro, dann kann der Milliardär 100 Euro besitzen.

    Du siehst, ich verspreche nichts weniger als das Paradies. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ich würde sogar soweit gehen, jedem, der das Verlangen fühlt, mehr als das Zehnfache seines Nachbarn besitzen zu müsssen, einen guten Therapeuten zu empfehlen.

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  7. hANNES wURST schreibt:

    Du scheinst Rawls Theorie der Gerechtigkeit anheim gefallen zu sein. Ich favorisiere eher Sens Capabilities-Ansatz, finde den aber zu kompliziert. Jedenfalls betrifft Verteilungsgerechtigkeit in der Praxis nur verteilbare Güter. Ungerechterweise wird es immer kranke und gesunde, dumme und schlaue, schöne und hässliche Menschen geben. Das gebe ich bei diesem Thema grundsätzlich zu bedenken. Konkrete Forderung zum Beispiel nach einem höheren ALG II Satz oder nach einem Engagement für einen weltweiten Lebensmindeststandard halte ich für allemal sinnvoller, als die Diskussion darüber, ob jemand maximal das zehn- oder tausendfache als ein Geringverdiener verdienen darf. Ich votiere mittlerweile nicht einmal mehr für eine „Millionärssteuer“ oder Ähnliches, ich will nur, dass eine Regierung diejenigen, die es nötig haben, angemessen unterstützt. Was angemessen ist, muss ermittelt werden, da hilft nur eine geeignete Konsenstheorie.

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  8. genova68 schreibt:

    Es bei zu großer Spreizung keine angemessene Unterstützung möglich. Der Milliardär Würth ist nicht deshalb reich, weil er Milliardär ist. Er ist reich, weil seine Putzfrau zehn Euro die Stunde verdient und das notwendigerweise in Relation zu Würths Milliarden steht. Würde die Putzfrau auch Milliardärin sein wollen und Würths Bäcker und Friseur usw. ebenfalls, dann wären die Milliarden relativiert, weil Würth viel höhere Ausgaben hätte. Nur durch die extreme Spreizung ist jemand superreich. Anders gesagt: Es geht um die Kaufkraft. Wenn du dem Würth die Milliarden lässt, musst du der Putzfrau sagen, dass sie nie auf einen grünen Zweig kommen wird.

    Wenn du meinst, dass die Menschen dumm bzw. schlau auf die Welt kommen und Würth so extrem schlau geboren wurde, dass er als Selfmademilliardär vorbestimmt war, dann wird es biologistisch.

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  9. hANNES wURST schreibt:

    Ich meine natürlich nichts biologistisch, jede Relativierung von Ungerechtigkeit aus Gründen die auf einer wie auch immer gearteten Natürlichkeit fußen liegt mir völlig fern. Was ich meinte ist, dass in einer Debatte über Verteilungsgerechtigkeit eben immer nur über Dinge debattiert wird, die auch verteilt werden können. Das, was sich dem Handel ganz oder teilweise entzieht, wie eben Gesundheit, Intelligenz und Attraktivität, sind aber doch Aspekte der Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit, denn natürlich gibt es Menschen, die aufgrund von Anlagen und Erziehung eine viel höhere Lebensqualität haben als andere, und das ist eben oft unabhängig von materiellen Mitteln.

    Du sagst, dass Reichtum nur eine Frage der Relation ist. Deswegen sieht ein Mensch in prekärer finanzieller Situation im Vergleich zum Milliardär besonders arm aus bzw. wenn es keine Reichen gäbe, dann wäre der arme Mensch nicht arm oder würde es nicht merken. Das ist nicht von der Hand zu weisen, es gibt ja auch Studien, die Grund zu der Annahme geben, dass Menschen in Gesellschaften mit einer ausgeglichenen materiellen Situation im Schnitt zufriedener sind als Menschen in Gesellschaften mit großen Unterschieden (einem hohen Gini-Koeffizienten). Sie wären allerdings auch zufriedener, wenn sie alle die gleichen Chancen beim anderen Geschlecht hätten usw. Das ist aber kein Argument dagegen, eine gerechtere Verteilung zumindest anzustreben. Ich gebe Dir deswegen Recht darin, dass eine gerechtere Verteilung immer zu bevorzugen ist. Ich sehe nur keine praktikablen oder moralisch absoluten Grenzen der materiellen Unterschiede. Ein philanthroper Milliardär ist gesellschaftlich wertvoller als ein spießiger Kleinbürger und wird meiner Meinung nach das Glück anderer Menschen auch weniger belasten.

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