Würth: Der Schraubensammler und die Devote

Beim Thema Kunstmäzene gerät das kritische Denken schnell ins Abseits. Jüngstes Beispiel: Die SammlungWürth, die derzeit in Berlin präsentiert wird. Der Sammler heißt Reinhold Würth, ein wegen Steuerhinterziehung vorbestrafter Schraubenhersteller aus Baden-Württemberg, Milliardär und natürlich: Kunstsammler. Die Sammlung ist offensichtlich banal. Sie hat keine persönliche Note, sondern es ist einfach alles dabei, was Rang und Namen hat. Man kann es sich halt leisten.

Die Kunstkritikerin Ingeborg Ruthe  macht in der Berliner Zeitung vom 11.9. daraus aber etwas Besonderes. Würth ist nun jemand, der „passioniert“ sammelt, der „nur noch für die Kunst lebt“ und nun mit der Ausstellung „genussvoll andere daran teilhaben lässt“. Würth bringt außerdem „einen Abglanz atemberaubenden Reichtums“ ins „knauserige“ Berlin. „Passioniert“ ist für den Schraubenmenschen vermutlich wichtig. Sich leidenschaftlich mit etwas zu beschäftigen, was  – vorgeblich – nicht mit Geldverdienen zu tun hat, sondern mit dem, Schönen, wow. Mit Ästhetik, mit interesselosem Wohlgefallen, endlich einmal nicht mit Schrauben. Raus aus der Mühle der ewigen Verwertung.

Liebe Tante Ingeborg, der Herr Würth ist ein Milliardär, der im Gegensatz zu dir kapiert hat, dass ihm all das Geld keinen Mehrwert mehr bringt, wenn er sich das fünfte Haus, eine weitere Motorjacht und den sechsten Ferrari kauft. Es macht ihn nicht glücklicher und auch sein Ansehen steigt nicht mehr. Der Mehrwert besteht für Würth in der Umwandlung des schnöden Kapitals in kulturelles Kapital. Er nimmt ein bisschen was von seinen Milliarden, lässt seine Kommerz-Bilder nach Berlin transportieren und schon kommt eine Tante Ingeborg und lobhudelt dem Mann ohne Sinn und Verstand. Würth wird hier nun gefeiert wie seinerzeit der korrupte Flick mit seinen Bildern.

Westerwelle ist ja auch so ein begnadeter Kunstsammler, ebenfalls Roland Berger. Überhaupt gibt es eine ganze Reihe ziemlich unangenehmer und durch und durch von der Renditelogik pervertierter Gestalten, die sich aufs passionierte Kunstsammeln verlegt haben. Vermutlich sind das Leute, die mit Kunst nichts am Hut haben, außer, dass sie auf den ersten Blick deren Marktwert taxieren. Genau die überlisten die Gesellschaft, indem sie ihr etwas jenseits des monetär Verwertbaren geben. Kluge Köpfe irgendwie. Leute, die in der Kunst ihren Erzfeind erblicken. Interesseloses Wohlgefallen ist für diese Leute eine Kampfansage. Es darf nicht sein, dass da etwas an der Wand hängt, was man nicht kapitalistisch instrumentalisieren kann. Man sollte sich auch einmal über das Sammeln Gedanken machen. Von Kunst affiziert zu sein hat erstmal nichts mit Besitzen zu tun. Für den Kapitalisten ist Besitzen alles. Habenwollen und Habenmüssen sind Ausflüsse männlicher Lächerlichkeit.

Kunst wird kapitalistisch derangiert, in den Markt eingefügt und gleichzeitig wird ihre Aura Pappenheimern wie Ingeborg Ruthe auf dem glänzenden Tablett serviert. Skurrilerweise steckt in der Überschrift des Ruthe-Artikels mehr Wahrheit, als sie ahnt:

„Der Berlin-Triumph des Schraubenkönigs“

Würth, der sein Leben lang in der Württembergischen Provinz mit Schrauben zu tun hatte, kommt jetzt aus dem Mief und ganz groß raus. Ein Milliardär hat die Milliarden naturgemäß geklaut, was im Kapitalimus „erfolgreich wirtschaften“ oder so ähnlich heißt. Und das journalistische Fußvolk steht bereit und huldigt dem Herrn.

Würth hat ein imposantes Kunstmuseum zusammengekauft. Aus jeder Epoche etwas. Ich schlage vor, wir werfen Würth raus und behalten die Bilder. Dann hat der Kamerad auch wieder Zeit, sich um seine Schrauben zu kümmern. Die Konkurrenz schläft nicht.

Disclaimer: Ich habe nichts gegen Schrauben.

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