Ideenreduzierte Hochwertigkeit

„Schematisch und monoton, bei insgesamt guter Gliederung und schönem Stein. Ideenreduzierte Hochwertigkeit.“

So beschreibt Wolfram Ritsch, der Chef des Berliner Restaurants „Paris Moskau“, in der bauwelt die Architektur des neuen Bundesinnenministeriums von Müller-Reimann-Architekten, direkt in seiner Nachbarschaft.

Gut beobachtet, dazu knapp und präzise. Das neue BMI (Bilder gibt es hier) mit seiner hellen und dominanten Jurakalkfassade ist schon eine Machtdemonstration, aber immerhin eine, die im Detail gut, mit Sorgfalt ausgeführt ist. Die Fassade hat Tiefe, rechte Winkel sind vermieden, auch wenn das erst nicht den Anschein hat. Mir scheint, als hängt die Wirkung wesentlich damit zusammen, dass die leicht abgerundeten Ecken und Profile der Fenster, ihre präzise Wiederholung und die optisch weiche Beschaffenheit des Steins an die seriellen Plastikfensterfertigteile der 1970er Jahre erinnert. Diese Erinnerung überdeckt die Alternative: Die Erinnerung an die protfaschistische Berliner Steinarchitektur.

Bei dem Gebäude wird deutlich, dass der Stil erstens zur Bauaufgabe passen und zweitens die Ausführung den Spezifigkeiten entsprechen muss. Das heißt, dass eine Fassade wie die des BMI eine saubere Ausführung benötigt, die die suggerierte Solidität zur realen werden lässt. Eine Architektur der offenen Leitungen, der bewussten Materialbrüche, der preiswerten Lösungen erfordert vermutlich mehr Stilsicherheit, aber weniger Detailpräzision.

Insofern ist das BMI schon in Ordnung – im Gegensatz zur Schießschartenarchitektur des neuen Europaviertels direkt neben. Es ist ein großes Grauen, was da entsteht, im konkret-architektonischen wie im systemisch-kapitalistischen Sinn. Davon demnächst mehr.

Wenn Ritsch so gut koch, wie er Architektur beschreibt, sollte man dort essen gehen.

 

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2 Antworten zu Ideenreduzierte Hochwertigkeit

  1. dame.von.welt schreibt:

    Der Küchenchef im Paris-Moskau heißt Martin Konrad und kocht schon sehr fein, der Inhaber heißt Wolfram Ritschl mit l am Ende. Der ist ein Held, indem er die erste nicht überkandidelte Adresse für feine Küche in Berlin schon vor der Wende bot und indem er die Härten der Bauerei des BMI überstanden hat, ihm wurde z.B. die Terasse weggebaggert.
    Man sollte dort allein schon deswegen essen gehen.

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  2. genova68 schreibt:

    Oh, danke für die Hinweise.

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