„Niemand versteht, wie schrecklich Flucht ist“

Eigenlich läuft es ja ganz gut mit den Flüchtlingen. Die Medien reißen sich gehörig zusammen und berichten recht informativ, habe ich den Eindruck. Spiegel-Online bemüht sich um korrekte Zahlen, helfende Hiesige werden ausführlich dargestellt. Selbst die FAZ bringt eine eindrucksvolle Reportage über einen jungen Syrer, der monatelang bis nach Holland geflüchtet ist und detailliert erzählt, was er wo erlebt und wieviel er für die Reise zahlen musste, wie oft er auch physisch am Ende war. Sehr lesenswert, weil da mal jemand ein Gesicht bekommt, ein Mensch ist. „Niemand versteht, wie schrecklich Flucht ist“, sagt der Syrer. Die üblichen Scharfmacher in den Redaktionen halten sich zurück, naturgemäß bis auf Broder.

Die Bilder aus München sind angenehm, man müsste den Elan der Neuen fördern. Angenehme Bilder im Gegensatz zu den ungarischen Polizisten, die den Budapestern verboten, den Refugees Wasser zu  reichen. Eigentlich kaum vorstellbar.

Slowakei, Polen, Ungarn, Ostdeutschland: Spätfolgen der Diktaturen und der kapitalistischen Verformung nach ´89. Reale Bürger zweiter Klasse. Sachsen mit seiner mittlerweile komplett etablierten Nazikultur, wo die Militanten, die NPD und die AfD Hand in Hand ihr Geschäft betreiben. Die nette junge Frau, die am Gartenzaun steht wie ein normaler Mensch, entpuppt sich schon im zweiten Satz als Nazibraut und redet ungefragt von den Pollacken. Es herrscht eine massive emotionale Verrohung. Alles ganz normal.

Das aber nur nebenbei.

Aufpassen sollte man allerdings, wenn sich bei einer neoliberalen Politik der Alltag einstellt. Bei einer Million Neubürgern braucht man schätzungsweise eine halbe Million neue Wohnungen. Die zu bauen, hätte man schon längst verkünden müssen. Dazu hört man nichts. Die Leiter der Integrationskurse, die öffentlich hochgelobt werden, sind prekär beschäftigt und schlecht bezahlt. Die vielen Aufrufe derzeit, den Flüchtlingen ehrenamtlich zu helfen, sind in der aktuellen Unübersichtlichkeit sinnvoll, aber kein Ersatz für staatliches Handeln. Es hat etwas vom neoliberalen Care. Die Bürger helfen sich gegenseitig über den Gartenzaun. Wer keinen Gartenzaun hat, hat Pech gehabt.

Vertreter des Kapitals freuen sich so verdächtig über die Neuen, dass man schon ahnungslos sein muss, wenn es hier nicht auch um ein neues Arbeitsprekariat geht, das die Löhne untenhält.

Eine ernstzunehmende linke Forderung wäre nun, eine milliardenschwere Vermögens- bzw. Erbschaftssteuer einzuführen. Die Bonzen sollen zahlen. Beendigung der Bodenspekulation durch grundgesetzgedeckte massenhafte Enteignung sowieso. Und natürlich der dauernde Hinweis auf die kapitalistische Verwertungslogik, die nicht nur die Versklavung der Afrikaner ermöglichte, sondern auch heute noch für dauerhafte Daumenschrauben in den Ländern dort sorgt. Nebenbei wird hier übrigens TTIP durchgezogen.

Masseneinwanderung in ein neoliberales, kapitalistisches Land kann auch schiefgehen. Vielleicht schon bei der nächsten Rezession. Das sollte man im Auge behalten.

(Foto:  genova 2015)

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18 Antworten zu „Niemand versteht, wie schrecklich Flucht ist“

  1. altautonomer schreibt:

    Hallo genova68!
    Unter dem Label „Flüchtlingshilfe formiert sich eine klassenübergreifende Volksgemeinschaft der Anständigen. Die Industrie, die weitere Rüstungsgüter exportiert und die Fluchtursachen somit perpetuiert, Siegmar Gabriel, der im 1. Halbjahr 2015 mehr Waffenexporte bewilligt hat, als im gesamten Vorjahr, Merkel und Co., die für die rd. 3.000 Ertrunkenen im Mittelmeer, für Frontex, angeblich sicheren Drittstaaten und andere Gräueltaten politisch mitverantwortlich sind und die Prominenz aus Film, Funk und Fernsehen als Maden im Speck entdecken nun das „helle“ und „bunte“ Deutschland. Dabei ist mir nicht wohl. Mich macht das skeptisch..

    Unter den „gerichtsbekannten“ Figuren befinden sich sowohl Täter, als auch die üblichen Blödmannsgehilfen und Hackfressen mit Schildchen „refugees welcome“, eine Realsatire. .
    http://www.bild.de/news/inland/fluechtlingshilfe/so-funktioniert-die-grosse-hilfs-aktion-von-bild-42369204.bild.html

    Ich habe meinem Befremden darüber bei Klaus Baum bereits in einem Gastbeitrag Ausdruck verliehen.
    https://klausbaum.wordpress.com/2015/08/20/das-helfersyndrom-als-ersatz-fuer-lichterketten/

    Eine ähnliche Einschätzung wie Deine („neoliberales Care“) fand ich bei „analyse und kritik“ ( früher „Arbeiterkampf“).
    https://www.akweb.de/ak_s/ak607/08.htm

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  2. altautonomer schreibt:

    Meine These:
    Die guten Deutschen kennen in ihrer Hilfsbereitschaft gepaart mit der Ablehnung von „Gewalt“, Rassismus und „Fremdenfindlichkeit“ keine unterschiedlichen Interessen mehr, baden im Wir-Gefühl des selbstlosen Handels in Übereinstimmung mit dem Klassenfeind. Was alle Gedenktage, Jahrestage, Dokumentationen, Talkshows, Kranzabwürfe, Zeitzeugenberichte, Denkmaleröffnungen nicht geschafft haben, jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende hat das deutsche Volk eine günstige Gelegenheit, der restlichen Welt zu beweisen, dass eder Exportweltmeister und Weltmeister der Herzen den Nationasozialismus endgültig abgeworfen hat und ächtet.,

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  3. nirgendwo schreibt:

    @altautonomer,
    deine these passt ziemlich gut zu forderungen nach „mehr patriotismus“ angesicht der rassistischen gewalt in sachsen und anderswo. das hat kürzlich ein hamburger grüner gefordert:

    http://www.welt.de/regionales/hamburg/article145864288/Gruenen-Politiker-will-einen-entspannten-Patriotismus.html

    und für phillipp jessen, ein kopf der „du bis deutschland kampagne“ haben die nazis aus heidenau die früchte seiner arbeit kaputt gemacht. er wünscht sich eine kollektive verdammung dieser nazis, um wieder selbstbewusst die nationalhymne singen zu können:

    http://www.stern.de/politik/deutschland/heidenau—ein-kommentar-von-philipp-jessen—ich-will-nicht-mehr-mit-euch-nazis-reden–6416264.html

    ich glaube aber nicht, dass mit deiner these die motivation der deutschen erklärt ist, die sich ehrenamtlich für geflüchtete engagieren. eher ist sie das wunschdenken eines teils der bürgerlichen klasse, die sich jetzt vor ihrem eigenen, in der berliner republik zurechtgelegten nationalismus ekeln und/oder als kapital um die marke germany fürchten. siehe: grüne.

    @genova,
    ich finde die vorstellung vom kapital, das sich die hände reibt, deshalb nicht abwegig. ich wüsste dennoch gern, worauf du dich beziehst. der bdi fordert ja schon lange eine willkommenskultur – für fachkräfte natürlich.
    was dem kapital an der migration nutzt zur bildung eines arbeitsprekariats, ist doch vor allem die verfügbarkeit von arbeitskräften, die sich schwerlich organisieren können, weil sie durch unterschiedliche stellungen im aufenthaltsrecht in konkurrenz stehen bzw. bereits durch dessen prekarität diszipliniert werden. für die aufrechterhaltung dieser prekarität ist ein untenhalten der teilhabemöglichkeiten für die massen der geflüchteten wichtig, aus sicht des kapitals. also: zentrale unterbringung in lagern, sachleistungen, beschleunigte abschiebung und der ganze mist.
    wird jetzt aus der bevölkerung heraus teilhabe der geflüchteten gefördert untergräbt dies doch diese bemühungen, vor allem wenn die solidarisierungen weitergehen als nur die spende von wasserflaschen am bahnhof.
    vermögenssteuer ist sinnvoll. eine ernstzunehmende linke muss, wenn sie die migrationspolitik mit den interessen des kapitals kontextualisieren, und schliesslich brücken schlagen zwischen den qua nationalität/aufenthaltsstatus gegeneinandergesetzten gruppen von prekarisierten. das wär was für den dgb! achnee lieber nicht, weil
    dann gehts dem kapital ans eingemachte.

    zur bauaufgabe – neu bauen? bei soviel leerstand?
    hier zu noch, mein heutiger zufallsfund beim stöbern im buchladen: http://www.jovis.de/index.php?idcatside=5127&lang=1

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  4. besucher schreibt:

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article145777823/Schroeder-will-Einwanderung-in-unser-Sozialsystem.html

    Der Agenda-Kanzler hat sich auch schon geäußert. Wir wissen in wessem Interesse.

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  5. altautonomer schreibt:

    Heute war ich -zurück im Real Life mal wieder auf einer Demo gegen Rechts, weil es vor 2 Tagen einen Brandanschlag auf eine noch nicht bewohntes Flüchtlingsunterkunft in meiner Heimatstadt gab. Auf der Demo sah ich Personen, die sich bisher ausschließlich auf der Seite der Täter befanden und jetzt die Heucheldeppen spielten. Um es mit einer Metapher zu sagen: Die geistigen Brandstifter mischten sich unverfroren unter die 700-köpfige Feuerwehr.

    Die Antifa-Darsteller:
    Der frühere SPD Bundestagsabgeordnete – Klarname „Das Urgestein“ , der 1993 der unter dem Label „Asykompromiss“ der faktischen Abschaffung des Asyrechts zugestimmt hat.
    Abstimmungsliste unter einem Google-Treffer Ihres Vertrauens.

    Die SPD-Bundestagsabgeordnete als seine Nachfolgerin, die den seither beschlossenen Verschärfungen des Asylrechts zugestimmt hat (Asylbewerbleistungsgesetz und anderes) und der die jetzigen Verhältnisse seit über 6 Jahren bekannt waren. Sie war seinerzeit andererseits abstimmungstechnisch dafür, das die Rettung der Hyper Real Estate innerhalb kurzer Zeit und ganz unbürokratisch mit einer Hilfe aus dem Bundeshauhalt in Höhe von 20 Mrd. Euro über die Bühne ging.

    Der aktuell mandatierte SPD-Bundestagsabgeordnete, der zum Abschluss seiner Reder rief „Flüchtlingen willkommen“ und damit den Befehl des deutschen Kapitals exekutierte, das daran interssiert ist, möglichst viel billige Arbeitskräfte als Konkurrenz des Prekariats hereinzulassen, weil ja auch durchsickert, dass manche Flüchtlinge der Langeweile in den Camps entfliehen möchten und über jede Art von Beschäftigung dankbar sind – auch ohne Bezahlung. Und niemandem fiel auf, dass der immer wieder skandierte populäre Ruf nach „refugies welcome“ etwas völlig anderes ist, als „Grenzen auf für alle!“

    Die Bürgermeisterin der SPD, Dienstherrin der Ausländerbehörde und des Jobcenters, die wiederholt um Hilfe vom Land und vom Bund bittet, anstatt sich an ihre Genossen dort zu wenden oder aus dem Laden auszutreten.

    Im Dunstkreis dieser Heuchler liefen etliche ehemalige und noch aktive Rathausschranzen mit, die der SPD ihre Karriere zu verdanken haben und sich dank ihres extrem konformen Verhaltens die heruntergefallenen Krümel vom Tisch der Herrschaften aufpicken durften. Das Ganze war durchmischt mit Mitgliedern des Ortsverein B90/Grüne, den Kriegsbefürwortern und Faschistenfreunden (Stichwort Ukraine).

    Es wurde immer wieder die Parole „refugees welcome!“ skandiert. Keiner merkte, dass der Ruf „Grenten auf für alle“ etwas völlig anderes ist (Siehe meine These oben.).

    Ich war richtig sauer, dass diese Figuren nicht aufgefordert wurde, die Demo zu verlassen und fühlte mich wie ein Mitläufer, der seine linksradikale AntifaIdentität verleugnete.

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  6. Chinook schreibt:

    Die Flüchtlingsfrage hat wenig mit „dem Kapital“ oder Neoliberalismus zu tun, sondern mit kollektivem gesellschaftlichem Willen, letztendlich realen Fähigkeiten und Konsequenzen bei planlosem Scheitern. Allein die aktuelle Medienberichterstattung und öffentliche „Diskussionskutlur“, welche es auffällig vermeidet die eigentlich relevanten Aspekte zu diskutieren, Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und auf deren Grundlage zu diskutieren, wird zu massiven gesellschaftlichen und poltischen „Verwerfungen“ führen. Weil relevantes nicht diskutiert wird, anders als in Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Skandinavien etc. Man schaue sich Talks aus diesen Staaten an, hier wird über das Problem meinungsvielfältig diskutiert und nicht allein über die Möglichkeiten der Bewältigung von Problemen eines einzigen Monats. Aktuell geschieht vollkommenes Politikversagen, war bei Merkel auch nicht anders zu erwarten, da dieses Problem nicht ausgesessen werden kann. Die Flüchtlingsthematik war seit Jahren vorherzusehen und mehr Unterkünfte zu bauen ist weder die einzige Handlungsalternative diesem Problem entgegenzutreten, noch ist es die notwendige. Mal abgesehen davon, dass die benötigten Räumlichkeiten in der benötigten Zeit in der realen Welt nicht zur Verfügung gestellt werden können.
    Deutschlands Politiker drücken sich um das Thema herum, was dieses nur verschärft. „Deutschland“ labert von einer europäischen Quote, diese wird es nie geben. Im Falle Griechenlands bemängeln Linke die Rolle der BRD, welche ihren Willen in der EU aufoktroyiert, im Falle der Flüchtlinge versucht Deutschland nichts anderes. Die BRD und Schweden generieren einen massiven Migrations-Pull-Faktor. Übrigens „sehr interessant“, in Diskussionen haben die Grünen der AfD immer vorgeworfen mit 600000 Flüchtlingen den „Teufel an die Wand zu malen“ jetzt sind es 800000. Eine Nachricht die über alle Presseagenturen lief, am selben Tag wie diese Zahl von Maiziere verlautbart wurde, war, dass in Schweden die Rechten erstmals die meisten Wähler haben – und da reden wir nicht über Rechte des Kalibers eines Wilders und Co. sondern über Neonazis – das hätte nicht ins Bild vom Integrationsmusterland Schweden gepasst. Aber alles kein Problem, die 800000 Flüchtlinge bekommen wir irgendwie unter – und was mit den Millionen die folgen?
    Die Politiker drücken sich um zwei Themen herum und beide Themen münden in einer konkreten Zahl und Änderung der Anwendung des aktuellen Asylrechts. Erstens, wieviele der Flüchtlinge könnten wir integrieren und zweitens, wieviele kann man aufnehmen, ohne das die Gesellschaft massiven Veränderungen unterworfen wird, die diese nicht bereit ist hinzunehmen und Reaktionen nicht mehr kontrollierbar werden. Die Beantwortung dieser Fragen bedingte eine „Lösung“ der Flüchtlingsproblematik und damit eine temporär repressive Asylpolitik, in dieses Haifischbecken will niemand zuerst gehen, solange bis die Meinung in der Bevölkerung so umschlägt, dass man dies angeht und als innovativer Politiker gilt. Wenn die Meinung jedoch umschlägt, ist es schon zu spät.
    Die Realität ist, wir werden einen großen Teil der Flüchtlinge nicht integrieren können. Die Flüchtlinge werden massiv Geld kosten und wandern in das Sozialsystem ein. In Schweden sind nach 10 Jahren bspw. 80% der Ex-Flüchtlinge von staatlichen Hilfen abhängig. In Deutschland haben 20 % muslimischer Zuwanderer in der dritten Generation keinen Schulabschluss. In Frankreich, die bis Anfang der 90er ein sehr forderndes EInwanderungssystem hatten, nach dem Modell „Integration über die Nation“ (welches heute kaum noch funktioniert, bspw. weil Integration von Neuankömmlingen über Gewerkschaften nicht mehr gegeben ist), ist eine Polarisation der Bildungserfolge zu verzeichnen. Prekäre und auch stigmatisierte Gruppe stellen Maghebiner da, Frauen werden erfolgreicher und haben teilweise überdurchschnittliche Bildungsabschlüsse, Männer bleiben auf ihrem niedrigen Niveau mit geringen Steigerungsraten, insgesamt ist eine Polarisierung zu erwarten, d. h. einige werden sehr gut, mehr andere bleiben vollkommen zurück, die Mitte schwindet. Das Heiratsverhalten von Muslimen und solchen mit muslimischem Mihigru als Indikator für Integration, ist in allen europäischen Staaten desaströs. Es gibt unterschiedliche Statistiken, aber 80% Heiraten innerhalb der ethnischen Zuwanderergruppe (was bei „repressiver“ Familiennachzugspolitik beeinflußt werden kann) sind niedrig angesetzt, wobei 2 Drittel der „Fremdheiratenden“ Männer sind. Umfragen unter Eltern zur EInstellung gegenüber Heirat von Kindern mit angehörigen anderer Religionen ergeben ein ähnliches Bild. Ein Großteil von kopftuchtragenden muslimischen Studentinnen in Deutschland lehnen praktisch die FDGO ab, wenn diese gegen Religionsgebote verstößt.
    Die Liste ließe sich fast beliebig fortführen, dies ist jedoch nutzlos, denn es ändert nichts an der schlichten Tatsache, dass muslimische Einwanderer schwer zu integrieren sind, auch nicht nur schwerer als andere Einwanderergruppen, sondern schwer. Das muss nicht grundsätzlich ein Problem darstellen, wenn eine Gesellschaft kollektiv Regeln aufstellt, die Einhaltung derselbigen zwingend einfordert und eine Ahnung davon hat, wieviele Einwanderer mit minimalem Parallelgesellschaftsverlust integriert werden können. Aber genau um diese Thematik drückt sich die deutsche Politik herum und das machen die Leute nicht dauerhaft mit. Aktuell wird über 800000 Flüchtlinge geredet, es sind jedoch eher 2-3 Millionen, wenn man die letzten Jahre und die nächsten einbezieht. Bezogen auf die Altersstruktur und Geburtenrate, nicht geregelten Familiennachzug werden wir zukünftig über hohe relevante Zahlen sprechen. Das ist einfach die reale Situation, keine Panikmache. Zahlen die zu einer massiven Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse führen müssen.
    Zitiert nach Sozialwissenschaftler Miegel: „Sie [die Migration] bringt aber auf jeden Fall eine finanzielle Belastung und dann auch eine massiven Umbau der Gesellschaft mit sich.[…]Man muss Chancen und Risiken einer solchen Entwicklung realistisch analysieren. Wer an seiner gewohnten Welt festhalten will, wird an den Veränderungen zu tragen und wahrscheinlich auch zu leiden haben.“
    Hier der Link zum Interview: http://www.tagesschau.de/inland/fluechtlingspolitik-miegel-101.html
    Vielleicht jubeln eine Menge Menschen den Flüchtlingen zu, weil sie von individuellen Geschichten berührt werden – und vielleicht hat die Mehrheit dieser Jubelnden schon mittelfristig überhaupt keine Lust, die Gesellschaft die sie bilden in Richtung von Werten der Gesellschaften von Einwanderern zu verändern? Vielleicht verändert sich deren Haltung gegenüber Menschen dann, wenn man nicht mehr über Flüchtlinge redet „denen man helfen muss“, sondern über Menschen, die sich zu integrieren hätten?
    Und was dann, wenn Wertegemeinschaften aufeinandertreffen die nicht vereinbar sind? Daran denkt aktuell niemand, außer – das ist der Treppenwitz – viele Leute mit Mihigru. Denn sie wissen wer unter gesellschaftlicher Polarisierung in dem Kontext zu leiden hat. Es ist nicht die deutsche Mittelschicht. Nein, die aktuell in vielen europäischen Ländern stattfindende Polarisierung in der Frage, die quer durch alle Schichten geschieht, betrifft die „alten“ Einwanderer und deren Kinder in besonderem Maße. Vor allem in zwei Punkten. Erstens müssen sich zunehmend vor allem diejenigen Migranten die auf Bildung und Offenheit in ihrer Kindererziehung gesetzt haben von „Zugezogenen“ erklären lassen müssen, dass ihr Verhalten unehrenhaft und „unanständig“ ist. Kein Problem für die, die wegziehen können – aber nicht alle können das. Zweitens nimmt der Rassismus in Deutschland massiv zu. Klar, da kann man sagen die Rassisten sind Arschlöcher, ok – und es sich einfach machen. Aber bisher waren die recht still, was sich aktuell sehr schnell ändert. Es ist für Diskriminierte eigentlich ziemlich egal, warum sie diskriminiert werden oder ob die bürgerliche Mehrheit temporär denkt, diese Polarisierung sei es Wert in Kauf genommen zu werden, solange man „Menschen rettet“. Natürlich, der deutsche westl. citoyen bekommt Rassismus lediglich in der Tagesschau mit. Aber für dunkler pigmentierte Deutsche ist das ein Problem, welches einen großen Raum in der eigenen Wahrnehmungswelt einnimmt. Gerade integrierte aber klar als zugewandert erkennbare Menschen stehen zwischen allen Stühlen, weil sie oft kein kollektives Zuhause finden. Sie spielen die Brücke zwischen Neuem und Altem, aber eine Brücke ist eben ein Solitär. Viele von jenen verachten Unintergierte in viel höherem Maße als Deutsche dies tun. Trotzdem rechtfertigen sie sich oft als deutsche Werte vertretend und stellen sich selbst die Frage, was sie tun können, um von der deutschen Aufnahmegesellschaft akzeptiert zu werden. Das sie akzeptiert werden und keinen Deut auf wenige Stimmen von Underdogs geben sollten, hilft den Meisten auch nicht wirklich weiter. Die Aufnahme von hunderttausenden Flüchtlingen wird rechte Strömungen hoffähiger machen – und das erzeugt Probleme, aus denen wir als Wertekollektiv uns nicht mit utopischen Hoffnungen und Ansprüchen an eine bürgerliche Gesellschaft herauswinden sollten. realistisch können wir es sowieso nicht.
    Vor ein paar Tagen war ich mit einem Freund mit offensichtlichem Mihigru im Rheinland unterwegs. In einem eher wohlhabenden Viertel (mit noch ein paar Studentenbuden) und höherem Migrantenanteil (aber eben wohlhabende). Es kam mehrfach zu Situationen, in denen der Freund wegen seiner Hautfarbe „belästigt“ wurde. Und nicht von irgendwelchen Rechten, sondern von (angehenden) Akademikern auf intelligent „unterschwellige“ bis offensive Art und immer ohne Grund oder gar vorherigen Kontakt – grundlos. Klar, wenn man die darauf angesprochen hat, war alles ein Missverständnis und niemand will sich in den Weg gestellt oder was gesagt haben. Ich habe sowas in zehn Jahren erst zweimal erlebt und da ging es immer um Eintritt in Clubs – Jahre her. Nie auf offener Straße oder in ner Kneipe beim schlichten Vorbeigehen. Ich war recht erstaunt und fragte den Freund, ob er sowas öfter erlebt und er meinte, ja, seit dem Flüchtlingsthema spürbar. Natürlich können wir uns nicht von Rechten unsere Politik vorschreiben lassen, aber das entbindet uns als invulnerablere resilientere Mehrheitsgesellschaft nicht von der Verantwortung, solche Mechanismen und Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen und so zu reagieren, dass die eigenen schwachen Gesellschaftsmitglieder maximal möglich geschützt werden. Recht haben und recht durchsetzen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.
    Wenn der Zustrom an Flüchtlingen gesellschaftliche Verwerfungen generiert, dann muss man sich überlegen, ob man diesen Zustrom hinnehmen will – wenn notwendig aus einer egoistischen Perspektive, welche das Wohl von Mitgliedern der eigenen Wertegemeinschaft als höchste Priorität sieht.
    Wir können aber auch Millionen Flüchtlinge ohne Plan aufnehmen und zuschauen wie Rechte Parteien die nächsten Jahrzehnte massiv an Einfluß gewinnen, die EU den Bach runtergeht, und uns an unserem deutschen Helfersyndrom satt laben, bis wir explodieren.
    Wir brauchen eine an den Realitäten geführte öffentlich Diskussion in die auch ungenehme Meinungen Zugang finden können.

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  7. Chinook schreibt:

    „Und natürlich der dauernde Hinweis auf die kapitalistische Verwertungslogik, die nicht nur die Versklavung der Afrikaner ermöglichte, sondern auch heute noch für dauerhafte Daumenschrauben in den Ländern dort sorgt.“

    Passiert so nicht. Das alte Terms of Trade Geblubber ist mittlerweile kalter Kaffee der von Soziologen/Ethnologen beständig in neuen Kannen geschüttet wird. Ohne das diese merkten, dass die Welt sich weiter gedreht hat. Es gibt weltweit zwei Regionen in denen die Leute nichts gebacken bekommen. Nahost und Afrika. Wer sich dafür interessiert sollte z. B. einen Blick in Werke von Kenyatta, Kabou und Shikwati wagen. Die Menschen in den Staaten haben Intellektuelle die ihre Meinung aussprechen können, es ist nicht notwendig, dass europäische „Intellektuelle“ sich diese zu deren Pudeln machen und in deren Namen sprechen, nur um ihre Ideologie zu propagieren. Auf Augenhöhe ernst nehmen heißt auch, dass man keinen „Schonraum“ einführt. Es bestehen unterschiedliche Interessen und ungleiche Kraftverhältnisse, so what? Wer glaubt das Entwicklungsländer sich gängeln lassen, hat die letzten 20 Jahre verpasst. Die treten sehr selbstbewußt auf, wir sind aber nicht dafür verantwortlich, wie mit Einnahmen in den Ländern umgegangen wird. Strukturelle Gewalt (nach Senghaas)? Klar gibt es. gab es auch im Fall Brasiliens, Südostasiens etc
    Im Falle Afrikas haben Entwicklungsexperten seit Jahren darauf hingewiesen, dass der „youth bulge“, die Geburtenrate praktisch die Millenium Development Goals verunmöglichen. In Nahost gibt es seit schlicht keine nennenswerte Entwicklung, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse schlicht kaum Innovation zulassen. Anders als in Afrika, wo in vielen Regionen große Potenziale schlummern, die jedoch – nicht nur aber vor allem auch – wegen der Geburtsrate negiert werden.
    Ist dafür der Kapitalismus verantwortlich. Denn die wirtschaftlichen Zuwachsraten in vielen Regionen Afrikas sehen eigentlich positiv aus – aber halt nicht pro Kopf. trotzdem entwickelt gerade das subsaharische Afrika trotz aller Probleme ein neues Selbstbewußtsein. Ob wirtschafltich oder auch gesellschaftlich, wie z. B. in verschiedenen Slum TV Initiativen sichtbar wird, in denen oft Problematiken angesprochen werden, für die niemand externes verantwortlich zeichnet. Allerdings sind diese Ansätze genauso vulnerabel wie die sie generierenden Gesellschaften und wenig resilient. Aktuell sieht es nicht gut aus, das hat jedoch wenig mit dem Westen oder irgendeinem Kapital zu tun.

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  8. genova68 schreibt:

    Hallo, altautonomer!
    interessante, aber auch recht harte Sachen, die du da schreibst. Es ist doch erstmal positiv, wenn Leute helfen, zum Bahnhof kommen etc. Sie könnten ja auch mit Baseballschlägern dastehen, was teilweise ja fast passiert. Gastfreundschaft im Sinne von „wir helfen jetzt einfach“ statt zu problematisieren, finde ich schon ok. Ich weiß auch nicht, ob die Leute vorm Helfen darüber nachdenken, wie sie damit Deutschland repräsentieren.

    nirgendwo,
    @genova,
    ich finde die vorstellung vom kapital, das sich die hände reibt, deshalb nicht abwegig. ich wüsste dennoch gern, worauf du dich beziehst. der bdi fordert ja schon lange eine willkommenskultur – für fachkräfte natürlich.

    Ich finde die Vorstellung auch nicht abwegig, schreibe ich ja. Mir sind nur ein paar Vertreter aufgefallen (an Grillo erinnere ich mich gerade), der sich sehr aktiv für Flüchtlinge ausgesprochen hat. Interessant auch die Bemerkung, dass in Deutschland in den nächsten 20 Jahren eine ungeheuer große Zahl an neuen Arbeitskräften gebraucht werde. Das ist offensichtlicher Blödsinn. Es geht dem Kapital wohl schon darum, ein Arbeitslosenheer zu schaffen. Das ist die zuverlässigste Art der Lohndrückerei.

    wird jetzt aus der bevölkerung heraus teilhabe der geflüchteten gefördert untergräbt dies doch diese bemühungen, vor allem wenn die solidarisierungen weitergehen als nur die spende von wasserflaschen am bahnhof.

    Ja, aber wenn man nicht von Verschwörungen ausgeht, sondern von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, ist das nichts, worüber man sich wundern muss. Das Kapital hat Interesse an der Verfügbarkeit, mit Lagern kommt man da auch nicht weiter, es braucht eine angenehme weil produktive Atmosphäre. Wichtig ist ja nur, dass der Staat die Kosten übernimmt und bei Bedarf den Sozialstaat insgesamt runterfährt.

    Die Demoerfahrung des altaunonomen: eine schwierige Sache. Wie gesagt, Menschlichkeit ist im Moment das wesentliche, angesichts der Masse von Menschen. Das sollte man nicht unterschätzen.
    ——–
    Interessant scheint mir auch, dass die Millionen Neue in Deutschland erst einmal einen großen Wachstumsimpuls darstellen: Nachfrage wird erzeugt, die vom Staat durch höhere Ausgaben befriedigt wird. Es ist ein wenig Keynes, der jetzt zur Anwendung kommt. Es ist ein Konjunkturprogramm, für Zelthersteller, Caterer, Deutschlehrer etc. Das ist schon mal nicht das schlechteste.

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  9. genova68 schreibt:

    chinook,
    Flüchtlinge und fremde Kultur: Ja, das sollte man thematisieren, Heiratsverhalten, Parallelgesellschaften etc. Aber das wird indirekt thematisiert, indem man eine Willkommenskultur entwickelt. Das ist das Fundament gegen Parallelgesellschaften. Wobei die ja auch nicht grundsätzlich schlecht sind. Die gibt es immer.

    Wenn du die realen ökonomischen neoliberalen Abhängigkeiten ignorierst, kannst du das Problem nicht beschreiben. Insofern hast du auch keine Ahnung von Augenhöhe, aber deine ökonomischen Scheuklappen sind ja bekannt. Du übersiehst schon mal, dass es Protektionismus war und ist, der Gesellschaften aus einer Nachholsituation auf Augenhöhe bringt. Deutschland im 19., Sükorea im 21. Jahrhundert. Den kann sich kein afrikanischer Staaat mehr erlauben. Ausbeutung durch den kapitalistischen Westen ist die Voraussetzung für die Möglichkeit von Prosperität, für wen auch immer.

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  10. besucher schreibt:

    Ja ja, wenn in da immer wieder Leute auftauchen die die „Reine Lehre“ in den Schmutz ziehen. Viele Radikale hassen meistens gerade die Leute die ihnen politisch nahe stehen die ihnen aber in ihrer Radikalität nicht weit genug gehen. (siehe -> Volksfront von Judäa: „Spalter!“)

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  11. Chinook schreibt:

    „Du übersiehst schon mal, dass es Protektionismus war und ist, der Gesellschaften aus einer Nachholsituation auf Augenhöhe bringt.“

    Diese pauschale Aussage ist nicht tragfähig. Ich bin beispielsweise ein Vertereter der Ansicht, dass in vielen Fällen autozentrierte Entwicklung bessere Ergebnisse erzielte als einfach Märkte zu öffnen. Aber Protektionismus ist ein sehr zweischneidiges Schwert, um einen solchen sinnvoll zu „instrumentalisieren“ braucht es vielfältige Bedingungen, um die Nachteile aufzuwiegen und den Zeitpunkt im globalen Wettbewerb zu treffen, auf ein „anderes (unprotegierteres) Pferd umzusatteln“. Z. B. einen starken Exportsektor und einen sich entwickelnden Bildungssektor, letztendlich eine staatl. Verwaltung, die Einnahmen in die richtige Bahnen lenkt. In Gesellschaften die durch Klientelismus geprägt sind – naja…
    Wenn Entwicklungs- und Konfliktforschung (nicht Friedensforschung) die letzten 20 Jahre eine Erkenntnis hervorgebracht haben, dann dass es DEN pauschal richtigen Weg, der alle zeitlichen Wirkungs-Dimensionen abdeckt nicht gibt. Marxisten, Neoliberale und alle anderen, die eine ideologische Brille tragen, wollen das aber nicht verstehen und machen ergebnisorientiertes Arbeiten in dem Feld nicht unbedingt einfacher. Der Drang die eigene Ideologie als die „alleinig seeligmachende“ zu präsentieren speist sich aus einer Überzeugung, die nur in eigenen Mustern denkt und im Grunde egoistisch ist. Denn Sinn der Beschäftigung mit Themen ist nicht ergebnisorientiert offen, sondern ein Ergebnis soll durch bestimmte Wege erzielt werden und wird aus ideologischer Perspektive als positiv/negativ bewertet. Du hast jetzt zwei Beispiele gebracht, Deutschland hat im Grunde nicht den Aufstieg geschafft wegen Protektionismus, sondern weil UK eben diesen nicht hat walten lassen. Für Deutschland war eigentlich „egal“ was importiert wird, solange ein Know-How Transfer stattfand und die externen Märkte offen standen. Aus diesem Grund gibt es auch immer mehr stimmen sich gegen Südostasien zu „protektionieren“ und in der Hinsicht keinen Freihandel zuzulassen. Europa protegiert aktuell seinen Agrarmarkt, aber über diesen Sektor könnte Afrika aus mehreren Gründen kaum langfristig konkurrieren, mal abgesehen davon, dass sie die Erzeugnisse in andere Regionen exportieren können. Aber eigentlich ist das auch vollkommen egal, große Teile Lateinamerikas, China, Südostasien, auf höherem (wenn man so will) Niveau selbst die Schweiz. Beispiele dafür, dass Protektionismus allein es eben nicht regelt. Protektionismus in einem Entwicklungskontext macht dann Sinn, wenn man über umfassende externe Mittel verfügt, die man für die Entwicklung der eigenen Wirtschaft in ausgesuchten Branchen investiert – und diese dann vor davor protegiert, dass andere produktiver/billiger sind und den noch reifenden Sektor durch unverträgliche „Wettbewerbsintensität“ stören. Wenn du die Wahrheit hast (egal ob marxistisch oder anders hergeleitet), wann ein solcher Sektor durch globalen Wettberwerb gestört wird und ab wann er sich so „teuer“ entwickelt, dass man nach Marktöffnung nicht wettberwerbsfähig ist, dann hast du nen Nobelpreis sicher. Manchmal ist Protektionismus der fruchtbare Weg, manchmal Öffnung, manchmal eine Mischform.
    Im Falle Nahost brauchen wir über solcherlei Themen aber gar nicht reden. Das wäre wie sich mit nem Sprinter zu unterhalten mit welchen Schuhen er schneller ist, während er barfuss dasteht. In großen Teilen Afrikas sieht es nicht anders aus. Da funktioniert westliche Theorie halt nicht so einfach, auch weil sie sich aus einem spezifischen Zusammenhang entwickelte und nicht einfach übertragbar ist. Das Konzept nachholender Entwicklung ist ohnehin seit mindestens einem Jahrzehnt obsolet. Gilt unabhängig von der Theorie – gerade in Afrika sieht man ja, wie unterschiedliche Theorien sich auswirkten, große, langfristig messbare Unterschiede haben sich daraus nicht zwangsweise ergeben.
    Wenn du also eine pauschale Strategie des Protektionismus propagierst, machst du es nicht anders als HW Sinn, weil du deine Ideologie als Grundlage deiner Bewertung nimmst. Allerdings ist der Vergleich zugegeben unfair, weil du wohl tatsächlich dran glaubst, was ich Sinn nicht unterstellen würde. Macht dich sympathisch, jedoch nicht deine Erklärungen.
    Um das mal zu exemplifizieren – Genova will Freihandel als „böse“ darstellen, Sinn als „gut“. Beide greifen auf a priori erarbeitete Konstrukte zurück, die praktisch induktiv gewonnen wurden, bewerten aufgrund dieser Basis und übersehen alle anderen Faktoren. Genova nennt eben ein paar Beispiele, wo Freihandel „schief gelaufen“ ist, aber übersieht bspw. die Menschenmenge, die in Entwicklungsländern davon profitiert hat und verliert keinen Gedanken daran, dass was als aus der individuellen Perspektive in Relation zu anderen Beipielen als schlecht bewertet wird evtl. unter Anwendung anderer Strategien noch schlechter verlaufen wäre. Ungefähr so wie zu sagen, Kontrollen am Flughafen bringen nichts, weil nichts passiert – ohne den Gedanken zuzulassen, dass ohne Kontrollen etwas passiert wäre. Im Grunde genommen kann man nur schwierig bewerten weshalb etwas wie passierte, aber ideologische Brillen helfen, Ergebnisse von Prozessen zu bewerten – ohne die Erkenntnis zuzulassen, das einfache Erklärungen vielleicht keine adäquate Abbildung der realen Prozesse gewährleisten, sondern nur eine „passende“ Erklärung. Der Satz „ich weiß, das ich nichts weiß“ ist solange wirkmächtig, wie Individuen durch ihn dazu angehalten werden, nicht davon auszugehen die Wahrheit zu besitzen und deshalb nach Erkenntnissen suchen, ohne immer dieselben Pfade wieder einzulaufen, bis man nicht mehr aus der Kuhle rauskommt, die man selbst getreten hat.
    Sinn macht das unter umgekehrten Vorzeichen ähnlich. Er nennt ein paar Beispiele die in seine Theorie passen, schließt von jenen induktiv auf allgemeine Hanldungsschemata – der Unterschied ist, er glaubt wahrscheinlich selbst nicht an das, was er vertritt. Wenn er bspw. das Argument bzgl. Griechenland vertritt, dass es unlogisch wäre wenn Olivenöl importiert wird obwohl soviel produziert wird, dann passt er einige reale Daten, die einen Ausschnitt der realen Kausalzusammenhänge darstellen, in seine präferierten Muster ein. In dem Fall ist es besonders „amüsant“, weil er eigentlich wissen müsste, dass es seinen ureigensten Forderungen entspricht wenn teures Olivenöl exportiert und billiges zur Bedürfnisdeckung importiert wird, weil dadurch die negative Handelsbilanz gesenkt wird. Den Gedanken kann er allerdings nicht zulassen, da dies bedeutete, dass die exportfähigen Branchen schon exportieren und wenn dem so ist, hat seine ganze Herangehensweise ein Problem.
    Die Argumentation ist ähnlich. Am Anfang steht die Theorie – der eigene Wille. Am Ende eine verengte Interpretation die sich um kausalmechanismen und Richungen von Kausalprozessen nicht kümmert.
    Srry, off topic – aber wollte ich so nicht stehen lassen.

    „Aber das wird indirekt thematisiert, indem man eine Willkommenskultur entwickelt.“

    Willkommenskultur ist ganz nett für die Ankommenden, im ersten Moment und solange sie anhält. Die genannten Themen müssen Teil ehrlicher gesellschaftlicher Diskussion sein, ansonsten werden sie nicht thematisiert. Wie soll eine indirekte gesellschaftliche Thematisierung aussehen? Willkommenskultur beinhaltet ein Paradox. Sie generiert einen Migrations-Pull-Faktor obwohl es auf der Ebene gesellschaflticher Tragfähigkeit notwendig wäre, die Zahl an Migranten zu begrenzen. Wieviele Zuwanderer aus welchen Regionen können integriert werden? Das ist im Grunde die alles eintscheidende Frage. Denn „Willkommenskultur“ muss nicht nur denen gerecht werden, die kommen, sondern mittel-/langfristig all jenen, die dann hier leben. Was ich aktuell sehe ist extrem bedenklich, nämlich das eine offene Diskussion überhaupt nicht mehr stattfindet, mehr noch, was das Thema Integration angeht – und da geht es vor allem um muslimische EInwanderer – haben wir eine Rolle rückwärts gemacht und dann seitwärts, aus dem ganzen Themenkomplex raus. Das sehe ich als einen Fehler der sich rächen wird und ziemlich sicher nicht am deutschen Reihenhausbesitzer. Auch nicht am PrenzlauerBerg-Bewohner, der dann in einigen Jahren eventuell halt eine neue Suburbanisierungswelle einleitet.
    Eine Einwanderungsdiskussion wird nicht geführt, anders als bspw. in der Schweiz. Die wir dort sehr hart, teilweise rassistisch, geführt, aber genau das ist der Indikator für deren Relevanz. Anders als in Deutschland besteht allerdings in der Schweiz zwischen allen Parteien ein gewisser „Kompromisszwang“, weil ansonsten eine Volksabstimmung droht. Bisher war ich immer ein Gegner von zu vielen Elementen direkter Demokratie, aber wenn ich mir die Diskussionskultur und die politische Kultur in der BRD mittlerweile anschaue, dann erscheinen mir direktere Demokratieelemente als nicht mehr so fern. Wenn die Politik Angst davor hat, das eine dumme Bevölkerung „falsche“ Entscheidungen treffen könnte, hätte sie vielleicht einen Anreiz diese „klüger“ zu machen – oder eine Abstimmung durch Kompromisse mit anderen Parteien eben zu umgehen. Aktuell gibt die deutsche Bevölkerung/Demokratie eher ein Bild nach Tocqueville ab, träge/Tyrannei der noch zur Wahl gehenden Mehrheit. Am Beispiel der Flüchtlinge wird das für mich sehr deutlich.
    Es herrscht komplette Führungsverweigerung der politischen Entscheidungsträger. Es brennen Flüchtlingsunterkünfte, es finden „Proteste“ vor Flüchtlingsunterkünften statt, und was macht Merkel – ewig nichts. Weil sie nicht sicher ist, ob die Bevölkerung für oder gegen Flüchtlinge ist. Dabei ist das vollkommen irrelevant, jeder der hier ankommt ist kein Gast, sondern ein Schutzbefohlener – und so hat man ihn oder sie zu behandeln. Das Merkel sich dann versteckt und auf die Stimmung der Bevölkerung wartet ist bezeichnend – was hätte sie den gemacht, wenn diese gegen Flüchtlinge umgeschlagen wäre?
    Die Frage wieviele Flüchtlinge aufgenommen werden können und sollen, stellt ein politisches und teilgesellschaftliches verbales No-GO-Area dar.
    Ich sag mal meine Meinung dazu. Wir könnten vielleicht 80% der Einwanderer dieses Jahres (und deren Kinder in zweiter Generation), die Zahl wird sich eher im Bereich 1 Millionen und mehr bewegen, integrieren, wenn der Familiennachzug praktisch behindert wird und wenn man Wege findet eine Assimilation an gesellschaftliche humanistische Werte zu „erzwingen“, also Werte wie sexuelle Selbstbestimmung der Frau, Austausch von Clanstrukturen durch gesellschafltiches Engagement und Einbindung in westl. „Öffentlichkeit“ im Gegensatz zu „orientalischer Clan-/Familienbezogenheit“, Akzeptanz anderer Lebensentwürfe und generell Vorrang von humanistischen Werten vor religiös traditionalen. Die „humanistischen EIntrittskosten“ in die Gesellschaft wären also höher, als sie von schon hier lebenden Menschen teilweise erbracht werden. Zudem müssten Sanktionierungsmaßnahmen etabliert werden, beispielsweise sofortige Abschiebung bei kriminellen Delikten und eine absolut restriktive Erteilung deutscher Staatsbürgerschaft auf Jahre hinaus. Ebenso wie eine Leitkultur, in der Traditionale von einer Mehrzahl an citoyens (ob deutsch oder mit Mihigru) diskriminiert (in Form von Ignoranz) werden, wenn sie sich nicht an die gesellschaftlichen humanistischen Spielregeln halten. Und nicht wie bisher – lass die mal machen, die haben noch 600 Jahre aufzuholen. Außerdem kann man die geschätzten 10 Milliarden pro Jahr (die nicht alle Kosten enthalten) ansetzen und mehr als verdoppeln, auf Jahre hinaus.
    Unter den Bedingungen sähe ich eine Chance Integration ohne einen „zu gravierenden“ Umbau der deutschen Wertegesellschaft zu erzielen, der in Widerständen mündete.
    Aber das wird nicht passieren, auch weil diese Maßnahmen im Endeffekt nur möglich wären, wenn man die europäischen Werte selektiv in unterschiedlicher Ausprägung anwendete. Man müsste Zuwanderer an einem Maßstab messen, den man bei dem Neonazi z. B. nicht anwenden kann, weil er schon Deutscher ist – und dann kommt gleich wieder jemand der herleitet warum dies unfair ist – was es ist. Bei 100000 kann man unvereinbare Werte ignorieren, bei 800000plus X.XXX.XXX auf das bisherige Integrationsproblem obendrauf wird das meiner Ansicht nach böse enden. Wenn wir ehrlich sind reden wir nicht über 800000 Flüchtlinge. Das ignoriert die 130000plus allein an Syrern der letzte 4 Jahre und die der nächsten, bis das Asylrecht letztendlich wieder seinem eigentlichen Sinn nach angewandt wird und man an den Grenzen auf Abschreckung setzt – was mit Sicherheit früher oder später passiert. Und Deutschland eigentlich auch heute schon unter der Hand befördert, schaut man sich mal z. B. bulgarische Unterkünfte an.
    Insgesamt bin ich nicht sehr optimistisch. Die gesellschaftlichen Verwerfungen welche die Migration in Europa verursachen wird wären einzudämmen, wenn der Flüchtlingsstrom „sofort“ massiv reduziert würde. Das wäre möglich, siehe Boat people aus Vietnam oder Australiens Ansatz (den man so progressiv nicht verfolgen müsste um Abschreckung zu erzielen).
    Früher oder später wird man die Außengrenzen schützen müssen. Politiker müssten die Verantwortung übernehmen dies heute zu tun, bevor das Kind in den Brunnen fällt. Die Menge an Leuten die unterwegs ist fällt da eh rein, so hart wie sich das auch anhören mag – man kann nur entscheiden ob heute oder übermorgen. Übermorgen kostet mehr Menschenleben. Die politische Sphäre ist keine, in der emotionale Entscheidungen die richtigen sind. Die moralisch richtige Entscheidung ist nicht immer moralisch, wenn man am Ende die Gesamtrechnung präsentiert bekommt.

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  12. altautonomer schreibt:

    besucher: Es geht überhaupt nicht um die „Reine Lehre“, sondern darum,dass die Verantwortlichen für die Fluchtursachen gegen sich selbst demonstrieren (Täterkollektiv). Sie sind es, die die linken Ränder durch ihre Gegenwart auf derartigen Demos ausfransen. Sozen stehen mir keinesfalls nahe. Die CDU-Typen waren so ehrlich, sich da nicht blicken zu lassen.

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  13. André schreibt:

    Rein vom Hass gegen die USA und die „US-Marionette“ Merkel getrieben, versuchen Albrecht Müller und Jens Berger in den NachDenkSeiten und im Spiegelfechter immer mehr Verständnis für besorgte „Asylkritiker“ aufzubauen, ganz nach der Doktrin des Compact- und Kopp-Verlag-Autors Willy Wimmer.
    Zuerst spurte Jens Berger mit seinem Artikel „Böse Ungarn, gute Deutsche?“ vor, indem er Viktor Orbans Vorgehen als alternativlos hinstellte und gestern zog Albrecht Müller mit seinem hinterlistigen Artikel über die drohende Spaltung in der Flüchtlingsfrage nach.
    Jens Berger und Albrecht Müller geht es nur darum, die Politik der USA und der EU zu diskreditieren um für die Rücknahme der Sanktionen gegen Assad zu werben. Jens Berger und Albrecht Müller sind damit ganz auf Linie mit Putin.
    Jens Berger und Albrecht Müller tun also (wieder einmal) genau das, was sie anderen vorwerfen: Sie instrumentalisieren Flüchtlinge für ihre eigene, querfröntlerische Agenda.

    Der dehmliche Ken Jebsen darf dies dann in seinen Youtube-Videos – alles zu einer stinkenden, braunen Brühe verrührt – brav nachplappern…

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  14. André schreibt:

    Soeben wird vom Spiegelfechter auf folgende Aussage verlinkt:
    „Was kotzt mich mittlerweile dieser Common Sense von Willkommenskultur an. […]
    Das Wort Flüchtling ist inzwischen nur eine vage Umschreibung für geheuchelte Anteilnahme. Es müsste eigentlich positiver Rassismus heißen. Der Neger ist gut, noch besser, wenn er über das Mittelmeer kommt; Syrer sind gute Ausländer, weil gegen Assad.

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/132223/serdar-somuncu-refugees-welcome-wer-jetzt

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  15. genova68 schreibt:

    Peinlich isses schon, wenn dieser kritische Mailbeitrag auf den nds mit der Frage, ob das Boot voll sei, beginnt. Eine Frage, die man natürlich stellen müsse. Das volle Boot ist eine rechtsradikale Floskel aus den Neunzigern, NPD- und Republikanererfindungen, die beinhaltet, dass bei mehr Zuwanderung das Boot kentert und alle ertrinken. Widerstand dagegen wäre nötig. Warum man ausgerechnet diese Frage stellen soll, erschließt sich nur in dem Kontext, dass die Querfront weiter bedient werden soll. Müller hat ein Händchen dafür. Der ist nicht so blöd, dass dem das zufällig passiert.

    Auf Sermuncu zu verlinken, finde ich ok. Es sei denn, man stört sich am N-Wort, wie man sagt.

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  16. altautonomer schreibt:

    Schade, dass diese Diskussion bereits durch neue Threads überlagert wird.

    Ich möchte aber noch einmal auf den Vorwurf des Spalters zurückkommen, der ja einerseits einer gewissen Diffamierung nicht entbehrt, andererseits das Gegenüber unter Rechtfertigungsdruck setzt.
    Den will ich hier mal loswerden.

    Ich kenne eine Menge radikaler Linker, die aus der Tatsache, dass Reformismus immer in eine Sackgasse führt und an den Unterdrückungsverhältnisssen grundsätzlich nichts ändert, ihre Einstellung zum System nicht verändert haben. Linksliberale und Reformisten dagegen leben gemütlich in Einklang mit ihrem Traum von der Verschlimmbesserung der sozialen Verhältnisse durch den Gesetzgeber und brechen über eine Erhöhung um 5 Euro (Stichwort Warenkorb) -besser noch, Abschaffung der Sanktionen- bei Hartz 4 schon in Begeisterung aus.

    Aus ihrem Hamsterrad konfrontieren sie immer wieder im Chor mit ihren Schulterklopfern die „Kapitalismusabschaffer“ mit dem Vorwurf der Spaltung, um so deren politische Identität anzugreifen, anstatt sie zumindest zu tolerieren und sich argumentativ ..damit auseinander zu setzen. Dabei geht es ihnen um Ausgrenzung und Isolation derjenigen, die in der Theorie und in praktischen Erfahrungen bereits ein Stück weiter fortgeschritten sind. Und es ist nun mal so, dass man hinter eine einmal gewonnene, gesicherte Erkenntnis nicht mehr zurückgehen kann.. Damit hat sich die Beantwortung der Frage, wer denn hier die Spalter sind, für mich erledigt.

    Leider ist es so, dass auch autonome Aktionen in der Theorie stets radikal, in der Praxis eher reformistisch waren. Aber „Spalter“ haben noch den Mut, eine gesellschaftliche Utopie zu formulieren.

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  17. besucher schreibt:

    Serdar Somuncu hat Recht. Letztes Jahr war es die Icebucket-Challenge, jetzt sind es die Flüchtlinge. Aber nach jeder wilden Party kommt der Kater.

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  18. Klaus Jarchow schreibt:

    Die Nazi-Metapher vom ‚vollen Boot‘ setzt viel grundlegender an: Sie suggeriert, dass wir alle in einem kleinen ‚Boot‘ auf hoher See leben, das ständig Leck zu schlagen droht, weil’s eben kein Tanker oder kein Dampfer ist. Dieses Sprachbild täuscht vor, dass schon ein Flüchtling mehr den ganzen Staat kentern lassen könnte.

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