Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

So lange die Maschinen eigentlich ihr Wesen treiben, wird das Land von Fabriken übersäht, unter denen mehrere Gebäudeanlagen von der Größe des Königlichen Schlosses zu Berlin stehen und ringsum ragen tausende von rauchenden Oblisken der Dampfmaschinen empor, deren Höhe von achtzig bis hundertachtzig Fuß allen Eindruck der Kirchthürme zerstört…

Man ist sehr im Zweifel, was aus diesem furchtbaren Zustande der Dinge werden soll.

(Friedrich Schinkel über seine Englandreise, 1826)

Es war immer ein Wunsch der Bevölkerung, Teile der früheren Kabelfabrik zu erhalten. Der Schornstein als weiterhin sichtbares Symbol schien für viele Bürger ein logisches Element der Erinnerung zu sein

(Aus der Beschreibung eines neuen, sozialen Wohnprojekts auf dem Gelände eines früheren Kabelwerks in Wien.)

Schinkel sorgte sich um den Eindruck der Kirchtürme wegen Schornsteinen, Menschen heute sorgen sich, dass ein Schornstein abgerissen werden könnte. In 100 Jahren sorgen sich vermutlich Landbewohner wegen des Rückbaus von Windkrafträdern.

In Köln sorgte man sich vor einigen Jahren, dass ein paar Hochhäuser den Blick auf das Allerheiligste, den Dom, versperren könnten. Es geht offenbar um optische Umweltverschmutzung. Aber die ist schon beklagbar, wenn ein Wanderer im Alpinen auf einen zweiten trifft. Der beeinträchtigt den Blick aufs Ursprüngliche.

In der Lausitz sorgt man sich aus optischer Perspektive über den Braunkohletagebau . Aber dort entsteht jetzt ein riesiges Seengebiet, die vormals typisch norddeutsch-fade Landschaft wird bereichert.

Die Autobahn längs der ligurischen Küste ist ästhetisch ein wahres Prachtstück, man müsste einmal mit dem Fotoapparat konzentriert dort unterwegs sein.

autobahn

Sich wegen der Optik über hohe oder breite Gebäude zu beschweren, ist doch eher lächerlich. Wenn es wenigstens inhaltliche Gründe gäbe: die Fassade zu reaktionär, die Materialien nicht ökologisch, die Nutzung verwerflich. Aber sich beschweren, nur weil man etwas Neues sieht?

In Deutschland sehnt man sich via regressiver Biedermeierromantik gerne nach irgendeinem natürlichen Zustand. Der Wald, der Sonnenuntergang etc. Der Mensch aber verändert die Welt, seit er da ist. Mir erschließt sich genausowenig das Lamentieren über Orte wie Benidorm in Südspanien, die eine dominante Hochhausfront ans Meer setzen:

benidorm

Je höher die Häuser, desto mehr Menschen haben Meeresblick. Unberührte Natur gibt es sowieso nicht mehr, nur solche, die so aussehen soll. Die Masse wird in Benidorm nicht ignoriert, ihre Infrastruktur wird ganz offen präsentiert. Dorthin kommen Urlauber, die ehrlich genug sind zuzugeben, dass sie sich einen Kehricht für alte Kirchen interessieren. Und die Urlauber dort verhalten sich ökologisch tausendmal korrekter als die vielen Öko-Bürger, die auf dem eigenen Ferienhaus bestehen, natürlich mit ökogeprüfter Bettwäsche. Die dann in die uralten Kirchen rennen, obwohl sie ihnen genauso egal sind wie den Benidormern. Aber man hat ja in der Zeit gelesen, dass die Kirche interessant ist. Und ohne diesen ganzen geheuchelten neoliberalen Wissensscheiß landet auch der Öko-Bürger, das ahnt er, schnell auf dem Abstellgleis. Oder in Benidorm.

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3 Antworten zu Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

  1. Peleo schreibt:

    Manches richtig, trotzdem Einspruch. Die Autobahn in Ligurien stört gewaltig, weil sie kilometerweit zu hören ist.
    Und wenn ZEIT-Leser alte Kirchen besichtigen, hat das vielleicht mit Bildungsdünkel zu tun, mit Neoliberalismus nun aber wirklich nicht.

    Gefällt 2 Personen

  2. genova68 schreibt:

    Mein Eindruck von der Autobahn war über mehrere Besuche hinweg, dass sie kaum zu hören ist. Aber das hängt wohl vom konkreten Standpunkt ab. Immerhin hört man die Autos in den zahlreichen Tunnels nicht. Davon abgesehen: Um diese Autobahn zu vermeiden, musst du entweder den Autoverkehr gegen null runterfahren oder alle Autos fahren auf der mindestens doppelt so langen Küstenstraße mit viel mehr Lärm und Belästigung. Ich meinte die Bemerkungen zur Autobahn aber mehr optisch. Ich halte diese Bergautobahnen in Italien optisch für eine Bereicherung. Ingenieurskunst.

    Neoliberalismus: Dazu gehört, dass man sich permanent fortbilden muss, nicht zur Ruhe kommt, sich mit allem Möglichen an angeblich Wissenswertem abfüllt, Zeit WISSEN liest, damit man nur ja nicht abgehängt wird. Abgehängt ist man, wenn man den Bildungskanon nicht draufhat, und sei es auch nur für den Smalltalk bei der Abendesseneinladung, und vor allem muss man alles spannend finden. Man muss interessiert sein, ob es einen interessiert oder nicht.

    Wenn ich mir in der Toskana die vielen Touristen in den Kirchen anschaue, glaube ich nicht so recht daran, dass eine relevante Zahl sich wirklich für diese viele Kirchen interessiert, gar für die Details, die in den mitgeschleppten Reiseführern steht.

    Ich finde, es fällt auf, wie sehr man bei solchen Besichtigungen auf das schaut, was einem der Reiseführer vorgibt. Ich war vor ein paar Wochen nebenbei einen Tag in Brüssel und habe dort einmal versucht, mich der Stadt halbwegs so zu nähern, wie das Boris Sieverts anregt:

    – kein Reiseführer, keine Zeitung aus der Stadt lesen, sich nichts vornehmen, keine Route planen

    – Vorbereitung nur eine topographische Karte kaufen und anschauen und sich überlegen, wo es interessant sein könnte: Straßenführung, Leerstellen, Rasterbildung.

    – dort hingehen, an jeder Ecke neu entscheiden, wo man weitergeht, immer halten, wenn man Lust hat, keine Scheu vor wiederholten Wegen haben.

    Sieverts empfielt, das mehrmals zu machen, wochenlang, sich in die immergleichen Cafés zu setzen, da braucht man halt die Zeit und die Möglichkeiten.

    Die kompletten Sievertschen Empfehlungen gibt es hier:

    http://www.archplus.net/home/archiv/artikel/46,2701,1,0.html

    Jedensfalls war das in Brüssel sehr angenehm. Ich habe nichts touristisch relevantes gesehen und blieb fast den ganzen Tag in einem abgerockten Ex-Industrieviertel. Wollte eigentlich mal was dazu schreiben, aber so geht das.

    Gefällt 1 Person

  3. Beat Company schreibt:

    Obwohl ich das jahrzehntelang praktizierte (und mit one-way-tickets immer noch einen draufsetzte) ist mir das so systhematisch noch nie untergekommen. Danke für Sieverts, Boris.

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