Rem Koolhaas und die Tropen

Der Architekt Rem Koolhaas beschrieb in den 1990ern in S, M, L, XL die Stadt, wie sie künftig sein sollte. Er nennt sie generic city. Die ist zum einen spontan, weniger geplant, verwzeigter, multihierarchisch, strukturelle vielleicht ein wenig wie die islamischen Altstädte. Zum anderen geht er auf geographische und klimatische Begebenheiten ein:

The Generic City is in a warmer than usual climate; it is on its way to the south – toward the equator – away from the mess that the north made of the second millenium. It is a concept in a state of migration. Its ultimate destiny is to be tropical – better climate, more beautiful people. It is inhabitated by those who do not like it elsewhere.

In the Generic City, people are not only more beautiful than their peers, they are also repute to be more even-tempered, less anxious about work, less hostile, more pleasant – proof, in other words, that there is a connection between architecture and behaviour, that the city can make better people though as yet unidentified methods.

One of the most potent characteristics of the Generic City is the stability of its weather – no seasons, outlook sunny – yet all forecasts are presented in terms of imminent chance and future deterioration … Bad weather is about the only anxiety that hovers over the Generic City. (S. 1262)

Sicher kann man sowas wie den letzten Satz leicht angreifen: Koolhaas ignoriert den Schlamassel der Dritten Welt und blickt aus der Perspektive des reichen und sonnnenhungrigen Nordländers auf die Instrumentalisierten da unten. Man kann den Satz aber auch als bewusst naiv betrachten: eine schöne Vision. Überhaupt lässt man bei Koolhaas am besten das Problematische oder auch schlicht Banale weg und zieht das Originelle raus.

30 oder 35 Grad das ganze Jahr hindurch macht Menschen jedenfalls friedvoller, gelassener, vermutlich in der Tat auch schöner. Es entwickelt sich eine humanere Alltagskultur als in diesen Breiten hier, die eigentlich nicht ernsthaft besiedelt werden sollten. Wie bekloppt waren unsere Vorfahren, sich an Rhein und  sogar an Elbe und Spree niederzulassen? In Gegenden, in denen die Jahresdurchschnittstemperatur bei rund zehn Grad liegt? Wo man also bis auf wenige Tage im Jahr mit einer durch und durch lebensfeindlichen Umgebung konfrontiert ist? Wo man ohne das permanente Erwehren – Heizung, Daunenjacke, Citalopram – gegen diese Feindlichkeit noch vor Sonnenuntergang tot wäre?

Je weiter man nach Norden kommt, desto schlimmer wird es. Das lässt sich schon an den extremen Sonnenaufgangs- und -untergangszeiten ablesen. Nachts nur noch drei Stunden Dunkelheit zu haben, ist genauso menschenfeindlich wie tags nur noch drei Stunden Licht. Hätte Gott seinerzeit vernünftig eingegriffen, hätte sich der Mensch nie über den nördlichen bzw. südlichen Wendekreis hinausbewegt. Hin und wieder eine Expedition oder vollautomatische Gewächshäuser – mehr hätte nicht drin sein sollen.

No seasons – stimmt, und seien wir ehrlich: Das Geplapper vom schönen Herbst und Winter mit Kaminfeuer heißt, sich die Menschenfeindlichkeit schönzureden. Passend dazu, dass die Protestanten sich im Norden ausbreiten konnten. Wer sich in der klimatischen Katastrophe behaupten muss, braucht dazu eine große Erzählung. Entsagung, Bestrafung, der strenge Gott, Kohl in allen Variationen – all das fällt einem nur im Norden ein, als kindliches Weiterspinnen der realen Erfahrung.

Leider reüssieren die Menschen in diesen menschenfeindlichen Gegenden seit Jahrhunderten. Sie müssen via Imperialismus raus aus ihrer Katastrophengegend und bestimmen den Gang der Welt. Aktuell ist es der deutsche Zuchtmeister, der seinen Hass auf die Möglichkeit erfüllten Lebens abreagieren darf. Ich habe das vor einiger Zeit in Bezug auf Norddeutschland, der insgesamt unangenehmsten und dumpfesten Region, die mir je zu Gesicht gekommen ist, auf immer noch sehr lesenswerte Weise und überhaupt ganz authentisch beschrieben.

Die generic city als Lebensentwurf: spontaner, direkter, chaotischer, auf der Grundlage hoher Temperaturen und warmem Wasser. Ein wenig davon kann man derzeit auch in Mitteleuropa mitbekommen. Morgens um acht bei 28 Grad eine Wiener Melange trinken. Zwar mit dem Wissen, dass das morgen schon vorbei sein kann (und auch daher kommt die Dauernervosität in den gemäßigten Breiten). Aber in kurzen, gelungenen Momenten: die unbeschwerte Leichtigkeit des Seins.

(Foto: genova 2015)

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2 Antworten zu Rem Koolhaas und die Tropen

  1. Chris(o) schreibt:

    Wie schön, dass sich hier nur subjektive Erfahrungen niederschlagen können, ganz und gar befreit von irgendwelchen „objektiven“ Zustandsbeschreibungen.
    Dagegen werden die ersten Klimaflüchtlinge sicherlich bald nach Norden aufbrechen, denn auch die wohltemperierte Stadt braucht ab und zu einen kräftigen Regenguss, damit die guten Momente nicht ausgehen.Das ist dann ein wirklich objektiv beschreibbarer Zustand.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, es ist ein objektiv in der Tat angreifbarer Artikel.

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