Endlich: ein ernstzunehmender Konservativer

Hin und wieder habe ich Aha-Effekte. Einen hatte ich kürzlich, als ich mir den Film „Die gemordete Stadt“ anschaute. Bekannt ist eigentlich das Buch gleichen Namens von Wolf Jobst Siedler. Es trauert der vormodernen Architektur hinterher und da Siedler als konservativ galt und zudem Berliner war, kommen schnell die Assoziationen an Preußen und an die tausend negativen Assoziationen, die man mit diesem Begriff notgedrungen verbindet, und dann ist mein Interesse naturgemäß erlahmt.

In diesem Fall zu unrecht. Der Film aus dem Jahr 1965 ist eine kleine Sensation, wie man sagt. Nicht so sehr, weil moderne Architektur und vor allem moderne Stadtplanung kritisiert wird. Das weiß man. Es ist vielmehr der Ton, der Sound, der sich anhört, als würde linke Pädagogik propagiert, als würde eine Betrachtung von Stadt auf den Weg gebracht, die seit dem CIAM nicht mehr thematisiert wurde. Oder als würde die heutige Besorgnis besorgter Eltern auf die Schippe genommen. Siedler kritisiert beispielsweise Spielplätze als künstliche Arenen. Die Kinder sollten raus auf die Straße, rein in die Stadt, in die Trümmer, ins Leben, um zu lernen. Er kritisiert die Besorgnis um Hygiene, das Verteufeln jeder schmutzigen Ecke, jeder Pfütze. Er spricht einer Stadtplanung oder auch Architektur das Wort, die Möglichkeiten offenlässt, nicht komplett durchgeplant ist, nutzerische Lücken, die mit den Jahren entstanden sind, nicht korrigiert.

Siedler ist da schwach, wo er mit seinem Puttengehampel kommt. Wenn er den Verlust jeder Putte, jedes Gesimses und jeder Karyatidenandeutung an einer Mietskaserne wortreich als Untergang des Abendlandes beklagt. In dem Film spielt das aber nur am Rande eine Rolle. Siedler propagiert vielmehr die Stadt als etwas, das ruhig unübersichtlich sein kann und sein soll und er kritisiert moderne Stadtplanung, weil sie genau diese Unübersichtlichkeit eliminieren will. Siedler sieht Stadt als work in progress, als eine Einrichtung, die nicht wesentlich von Hygiene und Ordnung und Sauberkeit gesehen werden sollte, sondern als Ort der Spontanität, der Vielstimmigkeit, auch des Sich Aufregens, der Affekte, des Nichtplanbaren. Stadt nicht als etwas, das der permanenten Kontrolle von wie auch immer definierten Kontrolleuren unterliegt. Stadt als etwas, das dunkle Ecken hat, die als dunkle Ecken weiterexistieren und zu denen kommende Generationen vielleicht etwas einfällt. Siedler rechnet weniger mit dem modernen Machbarkeitswahn ab als mit dem deutschen Ordnungswahn, so scheint mir. Die Menschen, die in Siedlers Film zwischen den Zeilenbauten flanieren, haben etwas künstliches, etwas drapiertes.

Mir fällt gerade die Porta Maggiore in Rom ein (s. Bild). Im ersten Jahrhundert nach Christus, wie man sagt, erbaut, später in eine Stadtmauer integriert, seit Jahrhunderten funktionslos. Hierzulande hätte man das Ding schon längst abgerissen, eben weil es funktionslos ist. Hier muss man aufräumen. Dort bleibt es stehen, es wächst Unkraut, es wird das Auto erfunden, man fährt mit ihm durch das Tor durch oder außen herum. Die Porta steht im Weg, aber das ist offenbar kein Grund, sie zu demolieren. In Berlin nähert man sich dem Brandenburger Tor mit Zwanghaftigkeit. Es wird nur akzeptiert, wenn es perfekt herausgeputzt wird und man dazu irgendwas mit guter Stube herbeifantasieren kann. Es gibt in Deutschland keine Selbstverständlichkeit.

roma_portamaggiore

Läge Rom in Deutschland, es wäre schon unzählige Male zerstört worden. Von den Bewohnern.

Gegen diese Haltung geht Siedlers Film an, so meine Interpretation. Siedler spricht sich für eine lebendige Stadt aus, die das ungeplante enthalten muss.

Er scheint ziemlich aktuell. Zum einen ist das Baurecht heute ähnlich reaktionär wie in den modernen Hochzeiten. Moderne Architektur ist zwar out, aber die Funktionstrennung nach wie vor in, die Stadtplanung nur oberflächlich eine andere. Man errichtet Neubaugebiete nicht mehr mit 90-Grad-Winkel-Straßen, sondern lustig mäandrierend, aber ohne jede Sinnhaftigkeit. Es ist Walt Disney, denn die zweckrationale Durchplanung ist die gleiche wie unterm CIAM. Man zieht vermeintlich kleinteilige Blockrandbebauung hoch, um dann hinter fünf oder zehn Fassaden eine einzige Shopping Mall zu platzieren (wie gerade in Berlin mit der Mall of Berlin geschehen). Das Sicherheitsbestreben ist eher größer geworden, der Hygienewahn nimmt zu. Das Leitbild ist die nette, harmlose Akademikerfamilie, die mit dem Rad umherfährt, alle mit Helm, umgeben von lauter netten, harmlosen Leuten. Zuerst geht man in eine nette, harmlose Ausstellung für die Familie, damit man sich weiterbildet. Dann isst man ein Eis – mit möglichst wenig Zucker und spannenden Geschmackssorten – und sitzt dabei auf einer DIN-Mauer. Man schaue sich Illustrationen aktueller Stadtplanung an. Dieses schale Gefühl, das einen befällt, wenn man Bilder von der Hafencity in Hamburg sieht oder vom neuen Euroviertel in Berlin. Das extrem Durchgeplante, das einem die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens offenbart und man sehr sicher spürt, dass sich daran nichts mehr ändern wird.

Diese Akademikerfamilie auf Walt-Disney-Trip ist die zeitgemäße Fortsetzung der künstlichen Flaneure zwischen den Zeilenbauten aus Siedlers Film.

Siedler ist gewissermaßen ein früher Kritiker der neoliberal durchgestylten Stadt, ein konservativer Kapitalismuskritiker. Endlich mal einer, den man ernst nehmen kann.  Gut möglich, dass ich diesen Aspekt überinterpretiere. Ich wollte nur anmerken, dass mir beim Schauen der Mund offenstehen blieb.

Zu sehen ist er noch in der Ausstellung Radikal modern in der Berlinischen Galerie bis 16. Oktober.

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