Was noch? XI

1. Interview mit dem Börsenhändler Volker Handon in der Berliner Zeitung:

„Ich halte die Behauptung, der Aktienmarkt sei eine zuverlässige Säule für die Altersvorsorge einer breiten Bevölkerungsschicht, für eine vorsätzliche Volksverdummung.“

Warum das?

„Weil das schon aus mathematischen Gründen nicht funktionieren kann. Wenn nur 40 Prozent der Deutschen einen nicht unerheblichen Teil ihres Geldes in den Aktienmarkt stecken wollten, würden sie die Kurse gewaltig nach oben treiben, weil es so viele Unternehmen und deren Aktien gar nicht gibt, um die Nachfrage zu befriedigen. Der Kuchen ist eben nicht unbegrenzt teilbar. Die Folge wäre eine Blase, die irgendwann platzen würde. Dieses riskante Spiel kann niemals eine Altersvorsorge für alle ersetzen. Das wird nur von der Branche nicht kommuniziert, weil sonst ganze Geschäftsmodelle wegfliegen würden.“

Und die Politik?

„Die ist viel zu stark mit der Finanzlobby vernetzt, um ernsthaft gegen deren Interessen zu agieren.“

Eigentlich alles bekannt, aber gut, dass darauf mal wieder jemand hinweist. Schröder und Maschmeier im Partykeller, so wird deutsche Politik gemacht.

Kapitalismus erzeugt systemische Dummheit und Bauernschläue. Die Dauerbehauptung, wonach die gesetzliche Rentenversicherung versage und man deshalb privat vorsorgen müsse, ist eine vom Prinzip her absurde.

2. Die Berliner Polizei hat kürzlich eine Woche lang kontrolliert, inwieweit Verkehrsteilnehmer bei roter Ampel die Straße überqueren. Ergebnis: Ein Drittel aller Radfahrer fuhr bei rot. Jetzt könnte man fragen: Was machen die übrigen zwei Drittel in der Zeit? Sind die mit Nasebohren beschäftigt? Stattdessen herrscht allgemeine Besorgnis: Die Verkehrsmoral, wie man sagt, liegt am Boden. Dabei ist doch eh klar: Ampeln sind für Autofahrer da, nicht für Radfahrer oder Fußgänger.

Shared space täte Not. Verkehrstechnisch wie gesellschaftlich. Ich empfehle bei beiden Aspekten Kairo.

3. Sehr angenehm: Die Antilopen-Gang spielt für die Unterstützung der Flüchtlinge im sächsischen Freital. Flüchtlingskinder auf der Bühne, aus dem Flüchtlingsheim im Hintergrund werden sie tatkräftig unterstützt.

4. Die Post beendet ihren Streik. Ergebnis: 2015 Einmalzahlung von 400 Euro, 2016 2,0 Prozent Lohnerhöhung, 2017 1,7 Prozent. Kaum mehr als Inflationsausgleich. Dafür streikt man Wochen, von angeblich 63 Prozent der Deutschen unterstützt. Der Post geht es gut:

2014 erfreute der Dax-Konzern, der noch immer zu einem Fünftel dem Staat gehört, seine Aktionäre mit einem Gewinn von fast drei Milliarden Euro.

Bei der GdL sieht es ähnlich aus. Statt die Züge wochen- oder monatelang im Bahnhof stehenzulassen und eine möglichst große Solidarität von außen einzufordern, geben die sich mit 3,5 Prozent in diesem Jahr und 1,6 Prozent im nächsten Jahr plus einer Einmalzahlung von 350 Euro zufrieden. Ihre Kollegen in Benelux, Frankreich, Spanien und anderswo verdienen rund 20 Prozent mehr, bei den Schweizer Schaffnern sind es 100 Prozent, kaufkraftbereinigt 50 Prozent. Die Deutsche Bahn will dieses Jahr einen Gewinn von 1,7 Milliarden Euro erzielen.

20 Prozent mehr wäre für die GdL eine maßvolle und bescheidene Forderung gewesen, man hätte sich bei 19 Prozent treffen können. Stattdessen: einknicken. Bei der Post begünstigt durch Leiharbeiter schon ausgegliederter Sparten.

Die Berliner S-Bahn, die der DB gehört, fährt übrigens den kompletten Sommer mal wieder unpünktlich. Es fallen wegen der Reparaturanfälligkeit älterer Wagen reihenweise Züge aus. Ganz ohne Streik.

5. Sascha Lobo über deutschen Neo-Nationalismus. In dieser Deutlichkeit lesenswert.

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